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StartseiteBüchermarktChronik des Provinz20.02.2004

Chronik des Provinz

Die Stadtteilanthologien des "Verbrecher"-Verlags

Handelte der <em>Verbrecher</em>-Verlag aus Berlin mit Musik anstatt mit Büchern, wäre er ein typisches <em>Indie</em>-Label. <em>Indie</em> steht für independent und behauptet radikale verlegerische Autonomie und ökonomische Unabhängigkeit in Zeiten, wo Großverlage und Unterhaltungs-Konzerne immer stärker den Buchmarkt dominieren. Belletristik, Sachbuch sowie Kunst und Comic gehören zum Programm des <em>Verbrecher</em> Verlags; zu seinen Autoren zählen Musiker und Künstler wie Wolfgang Müller von Die Tödliche Doris, Max Müller, Sänger der Rockband Mutter, oder der Maler und Grafiker Jim Avignon. Auch die Redaktion der linken Wochenzeitung <em>Jungle World</em> hat hier einen Kongress-Reader zum 11.September 2001 veröffentlicht. Zu den bekanntesten <em>Verbrecher</em>-Autoren gehört Darius James, der mit seinem Story- und Essay-Band <em>Voodoo Stew</em> im letzten Jahr Aufsehen erregte. An Popularität gewonnen hat der <em>Verbrecher</em> Verlag in der letzten Zeit auch mit einer Reihe von Städte- und Stadtteil-Anthologien – dem <em>Kreuzbergbuch</em>, <em>Mittebuch</em>, <em>Neuköllnbuch</em>, <em>Bielefeldbuch</em> und <em>Marburganderlahnbuch</em>. Das erinnert an die bekannte Anthologie-Reihe <em>Öde Orte</em> mit ihren satirischen bis bissigen Stadtkritiken von Aachen bis Zwickau. Die Schreibhaltung in den Bänden des Verbrecher Verlags ist jedoch eine ganz andere. Dazu der Mit-Herausgeber Jörg Sundermeier:

von Olaf Karnick

Fernsehturm am Alexanderplatz in Berlin (dradio.de - Andreas Lemke)
Fernsehturm am Alexanderplatz in Berlin (dradio.de - Andreas Lemke)

So interessant ich es auch finde, eine Stadt zu beschimpfen, so sehr, glaube ich, wird man damit einer Stadt nicht gerecht. Weil jede Stadt hat ja irgendwas Besonderes und jede Stadt hat einen gewissen Lokalpatriotismus, der auch durchaus bedeutet, dass man die Stadt vielleicht gar nicht mag, dass man sie verachtet bis zum es-geht-nicht-mehr, und das ist da durchaus zum Teil nicht besonders lobend und zum Teil ja auch sehr. Es gibt ja auch dann jeweils in jedem Buch Texte, die unglaublich verliebt in, ob’s nun Bielefeld, Marburg, Kreuzberg oder was auch immer ist, sind. Die Idee bei unseren Büchern war, eine gewisse Form, ne gewisse Zeit einfach einzufangen, also in Kreuzberg dann natürlich sehr viel 80er Jahre Autonomengeschichte, in Neukölln durchaus die Geschichte von einem, sagen wir mal, bürgerlicheren, aber Arbeiterbezirk hinunter zu einem Elendsbezirk, in Marburg das ewige Studentenleben, das inzwischen ja nur noch ne Parodie von sich selbst ist und so weiter und so fort. So ist eigentlich die Idee entstanden, Bücher zu machen, wie es die mal in den 20er Jahren gab, und das sind dann auch eher so die Vorbilder... ich glaube, es gab, von Hermann Kästen herausgegeben, mal ein Buch, das hieß "Hier spricht Berlin". Und es geht um diese Bücher, um diese Form von Sammlung. Man ist noch nah genug dran, um zu beschreiben, wie es war.

In Anlehnung an Raymond Chandlers "A Couple of Writers" beschreibt Ambros Waibel im rundum gelungen Mittebuch "ein Paar Schriftsteller", das sich zur goldenen Zeit von Berlin-Mitte im Zentrum kreativer Selbstermächtigung wähnt, immer wieder aber von den Härten der Realität eingeholt wird:

Sie wusste, dass er in seiner Zeit manchmal nur einen einzigen Absatz zustande brachte und seinen Arbeitstag oft damit beschloss, diesen Absatz wieder durchzustreichen. Sie dagegen tippte und zeichnete und collagierte, hatte immer Material und Ideen, aber ihr war manchmal nicht klar, worauf das Ganze eigentlich hinauslaufen sollte, während sie in der Zeitung, die er mittags mitbrachte, jeden Tag vom Debüt einer jungen Schriftstellerin las, die Wochenendbeilage der Berliner Zeitung war gefüllt mit Interviews von gutaussehenden Nachwuchsautorinnen, die alle gleich um die Ecke wohnten, Leute, die alle wie sie hierher gekommen waren, um sich zu etablieren, Leute, die mit etwas fertig wurden, und um sich nicht davon lähmen zu lassen, sagte sie sich immer wieder, dass sie noch lernen müsste, dass es gut möglich wäre, dass es sich bei ihrem Projekt nur um eine Übung handelte, die erst nach ihrem Tod als Frühwerk Anerkennung finden würde. Im Zentrum der jungen neuen deutschen Literatur zu sitzen, wo es in jedem Kiosk neben Miet- auch standardisierte Autorenverträge zu kaufen gab, war eben eine Herausforderung, der sie sich – der sie beide sich – ganz bewusst gestellt hatten, die eine Grundlage ihrer Partnerschaft bildete, neben ihrer Liebe natürlich, und natürlich dem Kind, das da irgendwie dazwischen, dazwischen reingekommen, das da jetzt da war.

Waibels Blick ins Innenleben seiner Figuren verleiht der ohnmächtigen Mitte-Euphorie eine Wahrheit, die damals mit aller Macht verdrängt wurde. Ähnlich ambitioniert hinsichtlich einer komplexen Realitätserfassung sind viele Beiträge in den Bänden des Verbrecher Verlags. Die Texte bekannter Autoren wie Wiglaf Droste, Tanja Dückers oder Harry Rowohlt zählen dabei zu den eher schwächeren, Namen wie Ulf Schleth, Deniz Yücel, Axel John Wieder oder Peter O. Chotjewitz sollte man hingegen in Erinnerung behalten.

Wer Marburg, Bielefeld oder die Berliner Bezirke kennt, wird feststellen, dass die meisten Erzählungen, Essais, Gedichte und Zeichnungen nah dran sind an einer Chronik der laufenden Ereignisse. Die Zeichnung spezifischer Milieus und Beschreibung ganz bestimmter Atmosphären gelingt – sei dies ein türkischer Videoverleih und Krämerladen in Neukölln, besinnungsloser Suff in Marburg oder die subkulturelle Oase einer Bielefelder Kneipe namens Sounds. Der Traum von der Großstadt bildet den Fluchtpunkt aller Szenarien, die insgesamt eine deutsche Provinzchronik ergeben. Auch Berlin ist nicht London oder Paris, und wer die Provinz in sich trägt, kann sie nicht einfach ablegen wie ein Hemd. Das beschreibt Ulf Schleth eindringlich im Marburganderlahnbuch:

18. April 1999, irgendwo in Brandenburg. Mein Ohr liegt auf dem kalten Stahl und ich höre das Zirpen der Ewigkeit. Er wird lauter, je näher er kommt, der Intercity von Berlin nach Konstanz, mit Halt in Mehrburg. Es ist kalt, aber nicht so kalt, dass ich Angst haben müsste, mein Ohr würde am Gleis festfrieren. Mehrburg ist aus meinem Leben verschwunden. Meine Freunde von damals haben sich über alle deutschen Bundesländer verteilt. Ein paar sind geblieben. Von diesen paar sind nur wenige nicht irre oder drogenabhängig geworden. Ich stelle mir vor, wie sie dort sitzen und ihr Leben leben. Wie sie alle Blutkörperchen sind in Mehrburgs gesellschaftlichem Kreislauf. Wie sie jedes Jahr dreißigtausend neue Studenten in Empfang nehmen und dreißigtausend alte wieder verabschieden. Niemand wird sich mehr die Mühe machen machen, enge Freundschaften zu diesen Durchreisenden aufzubauen, die sie dann nur einige Semester später wieder verlieren werden. Ich denke an Rebeccah. Ich habe nie wieder von ihr gehört. Mein Königreich liegt nur an einem Ort in meinem Herzen, an den ich nie wieder werde zurückkehren können. Zuhause wartet meine Familie darauf, dass ich heimkomme und ihnen das Abendessen zubereite. Sie werden sich fragen, wo ich bleibe. Jeden Sonntag fahre ich hierher und lege mein Ohr auf eine Schiene. Erst wenn ich den Triebwagen spüre, wenn das Gleisbett donnert, der Lokführer mich sieht und das Signalhorn ertönt, springe ich zur Seite, setze mich ins Auto und fahre zurück. Es wird immer schwieriger, einen Gleisabschnitt zu finden, an dem nicht schon die Häscher des Bundesgrenzschutzes warten. Sie werden mich nicht erwischen, nie mehr werde ich Sonntags zuhause bleiben. Ich würde das Leben nicht länger spüren und jeder Tag wäre mein alltäglicher Tod.

Im Vorwort des Marburgbuchs heißt es: "kein Heimatbuch – Popliteratur halt". Dies trifft sicherlich auch auf die gesamte Reihe zu – insofern, als dass Unterhaltungsaspekte, ironische Distanz und ein abgeklärter Blick auf die Phänomene vorherrschen. Auffällig ist auch eine relativ ähnliche Haltung der Autorinnen und Autoren gegenüber ihrem Thema – sie verrät eine subkulturelle Verortung. Man ist immer auch Teil der beschriebenen Milieus, und so heißt es im Mittebuch: "die hier versammelten Texte und Bilder spiegeln oft die eigene Verwicklung wieder". So entsteht der Eindruck relativ homogener Erzählwerke, trotz der hohen Anzahl an Einzelbeiträgen in jedem Band.

Würde ich unterschreiben, wobei dann Pop schon eher in den Begrifflichkeiten der 60er Jahre als in dem, was heute so unter Popliteratur gilt. Aber das sind natürlich... die Texte sind zum Teil auch mit heißer Nadel gestrickt, das macht ihre Attraktivität jetzt gerade aus und wird mal irgendwann sie vielleicht auch ganz schön finden lassen, zwischendurch, aber das heißt eben auch, dass die sich in fünf oder sechs oder zehn Jahren erledigt haben erstmal. Da braucht es wieder Abstand zu dieser Form des Textes. Was das Gros der Autorinnen und Autoren im jeweiligen Buch angeht, ist einfach festzustellen: die kennen sich untereinander, wenn auch nicht gut, kennt man sich vom Sehen oder sonst wie. Und jedes Mal, wenn wir so eine Buchpräsentation machen, dann fallen sich da Leute um den Hals, die sich zum Teil seit Ewigkeit nicht mehr gesehen haben. Dadurch kommt, glaube ich, auch eine gewisse Homogenität in der Sprache oder sonst was. Es geht aber nicht darum, irgendwelche Texte, irgendwelche Textformen auszugrenzen, ich glaube, das ... ist dann tatsächlich der Jargon dieser Leute, die sich untereinander in einer gewissen Situation kennen gelernt haben. So ziehen sich auch durch die Bücher, finde ich sehr auffällig, verschiedene Wörter, die sich dann einfach durchziehen, durch ein Stadtteilbuch oder durch ein Stadtbuch, ohne dass das abgesprochen ist oder ohne dass wir das hinein redigiert haben oder die Leute das untereinander jetzt noch Mal abgesprochen haben, sondern das war dann damals, oder ist jetzt noch innerhalb dieser Kreise so ein Wort, das immer wieder fällt.

Man fragt sich, wieweit die Reihe fortsetzbar ist. Wird Jörg Sundermeier vom Verbrecher-Verlag auch ein Prenzlauer Berg- oder Friedrichshainbuch, ein Köln-, Hamburg- oder Münchenbuch veröffentlichen? Welche Städte kommen überhaupt in Frage, und was sind die Auswahlkriterien?

Also, sowas wie ein Kölnbuch ist konkret in Planung. Ein Münchenbuch wird in diesem Jahr erscheinen. 37 Es wird kein Berlinerbezirkebuch mehr geben, weil wir glauben, dass mit den drei Bezirken ist Berlin hinreichend beschrieben. 39 Bei Berlin war es halt diese Gesplittetheit, auf der einen Seite soziales Elend, auf der anderen Seite dieser Autonomen-, besseres Leben-, linkes Leben-Hype, und dann eben in Mitte dieses "wir machen den schönsten Kapitalismus", dieser Mythos vom schönsten Kapitalismus. Das waren drei verschiedene Sachen, die es zu beschreiben galt, wo ich auch glaube, damit hat man natürlich für auch andere Stadtteile in anderen Städten sehr viel gesagt. Das ist dann durchaus problematisch, wir müssen auch gucken, wir achten auch sehr drauf, wann doppelt es sich? Wann macht man ein Buch über eine Studentenstadt, in dem in anderen Worten das Gleiche steht wie im Marburganderlahnbuch. Dann muss man’s auch nicht mehr machen.


Kreuzbergbuch, hrsg. von Jörg Sundermeier, Verena Sarah Diehl und Werner Labisch. Verbrecher Verlag, Berlin 2002. 154 S., EUR 12,30.
Mittebuch, hrsg. von Jörg Sundermeier, Verena Sarah Diehl und Werner Labisch.
Verbrecher Verlag, Berlin 2003. 200 S., EUR 12,30.
Neuköllnbuch, hrsg. von Verena Sarah Diehl, Jörg Sundermeier und Werner Labisch. Verbrecher Verlag, Berlin 2003. 186 S., EUR 12,30.
Bielefeldbuch, hrsg. von Jörg Sundermeier und Werner Labisch. Verbrecher Verlag, Berlin 2003. 202 S., EUR 13,00.
Marburganderlahnbuch, hrsg. von Nils Folckers und Ambros Waibel. Verbrecher Verlag, Berlin 2003. 170 S., EUR 13,00.

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