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StartseiteKalenderblattChronist der Befreiung08.05.2006

Chronist der Befreiung

Vor 100 Jahren wurde der Filmregisseur Roberto Rossellini geboren

Roberto Rossellini stand für den Aufbruch nach dem Faschismus, weil er sich weigerte, ihn zu verdrängen. Der Italiener war ein Moralist, der sich immer wieder Situationen ausdachte, in denen die Moral außer Kraft gesetzt wird. In seinen Filmen gibt es keine schlechten Menschen, sondern nur Menschen, die schlecht geworden sind. Vor 100 Jahren wurde der 1977 gestorbene Rossellini geboren.

Von Katja Nicodemus

Roberto Rossellini bei Dreharbeiten im Jahr 1960. (AP Archiv)
Roberto Rossellini bei Dreharbeiten im Jahr 1960. (AP Archiv)

"Du willst immer, dass ich gehe, aber ich will spielen", soll Ingrid Bergman einmal zu ihrem Ehemann und Regisseur Roberto Rossellini gesagt haben. Und tatsächlich: Ob nun die Bergman in "Stromboli", Anna Magnani in "Rom, offene Stadt" oder der kleine Junge in "Deutschland im Jahre Null" - stets werden die Figuren des italienischen Neorealisten von einer rastlosen Kamera verfolgt. Sie folgt ihnen durch ein vom Faschismus verwüstetes Italien und durch die Berliner Trümmerlandschaften nach dem Zweiten Weltkrieg. Es ist diese bewegliche Kamera, die Gänge, Blicke und Gesten verbindet, die ein Netz von Beziehungen entwirft, einen Mikrokosmos, in dem der unheilvolle Zustand der Welt zu Tage tritt. Bei Rossellini ist der Mensch auf sich gestellt und zugleich infiziert vom Leid, das überall angerichtet wird. Wenn es ein durchgehendes Motiv gibt in seinen Filmen, dann ist es der umherirrende, alleingelassene Mensch, für Rossellini immer auch ein gottverlassenes Wesen:

"Meine Filme sind sehr katholisch, aber auch italienisch, was ihren Umgang mit der Einsamkeit betrifft. Diese Einsamkeit ist eine christliche, ja biblische. Es geht um Menschen, die verloren sind, weil sie im Krieg ihren Glauben verloren haben und die sich ohne diesen Glauben nicht mehr im Alltag einrichten können."

Es ist seine Schuld, die den Menschen vereinzeln lässt. Eine Schuld, die bei Rossellini, dem Sohn einer einflussreichen italienischen Mittelstandfamilie, untrennbar mit der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs verbunden ist. Mit seiner Kriegstrilogie "Rom, offene Stadt", "Paisà" und "Deutschland im Jahre Null" wurde der am 8. Mai 1906 in Rom geborene Regisseur zum Chronisten der Befreiung. Er stand für den Aufbruch nach dem Faschismus, weil er sich weigerte, ihn zu verdrängen. Er war es, der die in dieser Hinsicht schnell vergessenden Italiener an Mussolini, die Kollaboration und das Spitzelwesen erinnerte. Vielleicht, weil er selbst etwas gut zu machen hatte: Rossellini hatte zumindest mit dem Regime geflirtet, er war ein Freund des Mussollini-Sohnes Vittorio. 1942 entstand sein Film über den heldenhaften Einsatz eines italienischen Militärgeistlichen. Das Drehbuch stammte vom Chefideologen der faschistischen Propagandamaschine.

Vielleicht war es dieses Wissen um die eigene Fehlbarkeit, die Rossellini zum nachsichtigen Moralisten unter den Nachkriegsregisseuren werden ließ. Er war ein Moralist, der sich immer wieder Situationen ausdachte, in denen die Moral außer Kraft gesetzt wird. So wie im 1947 entstandenen Film "Deutschland im Jahre Null", wo ein amerikanischer Soldat einen kleinen Dieb zu seinen Eltern schleppen will, aber beschämt feststellen muss, dass der Junge keine Eltern hat und in einem Elendsviertel lebt.

In seinen Filmen gibt es keine schlechten Menschen, sondern Menschen, die schlecht geworden sind. In "Rom, offene Stadt" zum Beispiel ist es ausgerechnet ein SS-Mann, der seinen Kollegen an einem alkoholseligen Abend die Wahrheit ins Gesicht schreit.

So moralisch und auch didaktisch Rossellinis Filme auch sein mögen, sie kapitulieren doch stets vor der unsentimentalen Kraft des Lebens. Und sie sind immer auch Alltagsstudien, Beschreibungen von Lebensweisen. In "Rom, offene Stadt" taucht man ein in die Welt der römischen Mietskasernen während des Zweiten Weltkrieges, in "Reise in Italien" sitzt man mit Ingrid Bergman und George Sanders am Restauranttisch und in "Stromboli" beobachtet man das Leben der Fischer auf der kargen Mittelmeerinsel. Das Neue an Rossellinis Realismus und damit am Neorealismus war, dass er sich in aller Freiheit auf die Dinge und Kleinigkeiten einließ und sie auf der Leinwand fast unmerklich zu einer Idee, einer gedanklichen Gesamtheit werden ließ.

Neorealismus, das hieß für Rossellini, dass sich die Kamera mit der vorgefundenen Wirklichkeit zu befassen hat. Dass hieß für ihn vor allem, immer wieder mit Laiendarstellern zu arbeiten. Wichtiger als das Drehbuch wurde daher die Arbeit am Drehort, wo das Wesen der Darsteller mit der Leinwandfigur verschmilzt und beide zusammen lebendig werden. Man müsse etwas vom Leben verstehen, wenn man das Kino liebe, hat Rossellini einmal gesagt.

Es ist die 'Trilogie der Einsamkeit', die er mit seiner Geliebten und späteren Ehefrau Ingrid Bergman drehte, in der Rossellinis Empfinden für die Dinge, die Natur, die Menschen, kurz: für das Leben, am stärksten auf die Leinwand kam. 'Stromboli' sollte als Liebeserklärung an Ingrid Bergman in die Filmgeschichte eingehen. 'Reise in Italien', der letzte, 1953 entstandene Film der Trilogie, handelt von der Entfremdung eines reisenden Ehepaares. Dass dieser Film auch die Krise der Ehe Bergman/Rossellini spiegelte, zeigt nur, dass sich Rossellini nicht scheute, auch seinem Privatleben mit neorealistischer Wahrhaftigkeit zu begegnen.

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