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StartseiteForschung aktuellComputer mit eigener Stimme19.12.2007

Computer mit eigener Stimme

Sprechprogramm als Alltagshilfe für Patienten mit Stimmproblemen

Technik. - Rund 5000 Menschen in Deutschland laufen jedes Jahr Gefahr ihre Stimme zu verlieren. An der Universität Oldenburg hat ein Physiker jetzt ein Verfahren entwickelt, mit dem die eigene Stimme und ihre individuellen Merkmale jedenfalls zum Teil konserviert werden können. Wenn schon nicht im Körper, dann wenigstens im Computer. Mittels einer Sprechsoftware und Laptop kann der Betroffene später mit seiner Umwelt reden. Und statt einer Roboterstimme ist dann die eigene Stimme zu hören.

Von Folkert Lenz

Wem die Stimme wegbleibt, der kann jetzt seinen Computer sprechen lassen. (AP)
Wem die Stimme wegbleibt, der kann jetzt seinen Computer sprechen lassen. (AP)

"Bitte haben Sie Geduld. Ich benutze ein Sprechgerät."

Die Computerstimme: Sie klingt noch ein bisschen abgehackt. Immerhin: Es sind keine Robotertöne, mit denen sich diese Frau nach einer Kehlkopfoperation verständigen muss. Der Sound aus den Lautsprechern ähnelt ihrer Originalstimme. Doch der Weg dahin war lang.

"Heimat … Wirkung … Sitzung … Schweizer … automatisch … Papier …"

Um mittels Computer später mit der Umwelt kommunizieren zu können, muss dieser zuvor mit individuellem Sprachmaterial gefüttert werden - per Vorlesen. Das dauert zwei bis drei Stunden.

"Wir haben eine Wortliste, die die wichtigsten Silben der deutschen Sprache erfasst. Das sind einzelne Wörter, die der Patient vorliest. Insgesamt sind das sieben Seiten. Also durchaus ein überschaubarer Rahmen, den auch die Patienten gut schaffen können. Am Ende werden noch ein paar Sätze aufgenommen, um eben auch Wörter im Satzfluss noch mal zu haben."

Lilo Niebecker hat das Sprechprogramm Meine eigene Stimme seit seiner Entstehung begleitet und Dutzende von Aufnahmen mit Patienten gemacht. Ihr Job ist es auch, die vorgelesenen Wörter säuberlich am Computer in seine Einzelteile zu zerlegen. Sie zerschneidet die Worte zu Silben. Der Physiker Eduardo Mendel von der Universität Oldenburg hat im Laufe von fünf Jahren das Programm ertüftelt, das mithilfe der Sprachschnipsel geschriebene Texte wieder in gesprochenes Wort verwandelt. Mendel:

"Jede Silbe ist eine musikalische Einheit. Das heißt, Sie können Wörter zusammenkleben mit Silben, sodass sie sich ziemlich anhören, als ob sie das ganze Wort einfach genommen hätten. Und das ist der Trick: dass man ungefähr 3.000 Silben aufnimmt…"

... und aus diesen Silben könne man 94 Prozent der deutschen Sprache rekonstruieren, sagt Eduardo Mendel. So bekommt die Maschinenstimme eine ganz persönliche Anmutung: Mundartliche Färbung und individuelle Sprachmelodie inklusive. Das Problem: Die gleiche Buchstabenkombination kann ganz verschiedene Aussprachen verlangen. Mendel:

"Man muss unterscheiden zwischen Silben, die betont sind und unbetont, lang, kurz, am Anfang, Mitte, Ende des Wortes. Das hat alles verschiedene Klänge. Und bei den verschiedenen Patienten hört sich dass auch sehr verschieden an."

Doch das Programm erkennt in den meisten Fällen korrekt, ob jemand etwas sucht oder er über Sucht reden möchte. Ob es sich um den Besten handelt oder der Betroffene eine Bestellung aufgeben möchte. Zur Bedienung ist nur ein handelsübliches Laptop oder ein mobiler Mini-Computer mit Lautsprechern nötig. Schnell einen Text eintippen und schon spuckt die Maschine aus, was zu sagen ist.

"Ich möchte baden … Mir schmeckt das nicht … Ich fühle mich krank … "

Solche Standardsätze können mit einem Tastenklick abgerufen werden - "Meine eigene Stimme" ist ein Programm für Alltagssituationen. Die Software ist aber nicht dafür gedacht, große Reden zu schwingen. Mit längeren Ausführungen ist sie überfordert. Trotzdem kann man mit ihr zum Beispiel auch ein kompliziertes Telefonat mit einer Behörde abwickeln, sagt Eduardo Mendel.

"Man muss nicht alles in dem Moment schreiben. Man kann das aber vorbereiten. Sie können mehrere Sätze schon präparieren und diese Sätze werden dann so ausgegeben, wie sie sie geschrieben haben."

"Ich möchte bitte mit Herrn Neumann sprechen … Können Sie mir den Vordruck zuschicken?"

Eine wichtige Voraussetzung: Die Stimme, die per Computer konserviert werden soll, muss noch funktionsfähig sein, sagt Lilo Niebecker:

"Je schöner die Stimme noch ist - also je weniger sie von der Krankheit betroffen ist -, desto klarer entspricht sie überhaupt erstmal der Stimme, wie sie war. Und desto besser wird die Aufnahme und im Endeffekt auch das Programm."

In problematischen Fällen sind aber auch schon Familienangehörige eingesprungen, um ihre Stimme quasi zu "spenden". Lieber eine individuelle - wenn auch fremde – Stimme nutzen, als die gängigen Sprechroboter, sagen sich viele Betroffene.

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