• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteSport am Wochenende"Dann wandern Sie doch aus!"19.08.2012

"Dann wandern Sie doch aus!"

Der Deutsche Rugby-Verband ist lediglich geduldet

Die deutsche Sportförderung ist wenig transparent. Das haben zuletzt die Berichte über die Medaillenvorgaben für die Olympischen Spielen in London gezeigt. Verbände beklagen, dass Willkür herrscht. Ein konkreter Fall: Der Deutsche Rugby-Verband DRV. Dokumente legen den Verdacht Nahe, dass das Innenministerium den Verband fast in die Insolvenz getrieben hätte.

Von Daniel Drepper und Niklas Schenck

Rugby (AP)
Rugby (AP)

Claus-Peter Bach war Präsident des Deutschen Rugby-Verbandes. Sein Kampf um mehr Fördermittel beginnt 2009, als das Internationale Olympische Komitee (IOC) Rugby olympisch macht und Bach zu einem glücklichen Mann. Bis Mitte 2011 bleibt Bach Präsident. Heute bezeichnet er diese Zeit als die größte Enttäuschung seines Lebens. So wie er die Geschichte sieht, hätte das Innenministerium den Rugby-Verband beinahe in die Insolvenz getrieben. Bachs Gegner im Verband finden, ER sei schuld an der Misere.

Es ist Anfang 2010. Weil 7er-Rugby schon 2016 bei Olympia dabei ist, hofft der Verband ab sofort auf mehr Fördergeld. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) stärkt diese Hoffnung. Ende Januar trifft sich Präsident Bach mit seinem Sportdirektor und drei Mitarbeitern des DOSB in Frankfurt. Der DOSB geht davon aus, das Innenministerium werde einen zusätzlichen Bundestrainer für 7er-Rugby bezahlen. Bis 2012 würden die Fördermittel von 126.000 auf rund 300.000 Euro steigen.

Das notieren Bach und sein Sportdirektor unabhängig voneinander. Ein Sprecher des DOSB stellt die Notizen in Frage. Er sagt, der DOSB hätte damals gar keine Finanzierung versprechen können, ohne einen Vertreter des Innenministeriums. Claus-Peter Bachs Fehler: Er hatte den zuversichtlichen Ankündigungen des DOSB vertraut, dessen Einfluss überschätzt. Kritiker bemängeln seit Jahren, dass der Deutsche Olympische Sportbund gegenüber Fachverbänden Macht simuliert, die eigentlich beim Ministerium liegt. Für unerfahrene Verbandspräsidenten eine schwierige Situation.

Der Rugby-Verband glaubt den Versprechen des DOSB und engagiert einen neuen Trainer. Doch vom Ministerium kommt kein Geld.

""Wir haben uns gewundert, dass bis Mitte Mai 2010 weder der jährliche Bewilligungsbescheid noch ein Bescheid über erhöhte Fördermittel bei uns eingetroffen sind. Und da wir schon Mitte Mai waren und die Gehälter unseres Leistungssportpersonals schon fünf Monate vorfinanziert hatten, haben wir uns dann an das Bundesinnenministerium gewandt, um nachzufragen, wann mit den Mitteln zu rechnen sei, da bei uns in der Kasse natürlich dann das Geld knapp geworden ist.”"

Die Antwort des BMI schockiert den Verband: Das Ministerium verweigert die Förderung. Der DRV hatte im Jahr 2008 knapp 50.000 Euro Verlust gemacht - das Ministerium spricht von einer "prekären Vermögenslage” und behauptet, ein Gegensteuern sei nicht erkennbar. Für Claus-Peter Bachs Rugby-Verband eine Katastrophe.

""Ja man hat uns Dinge zur Last gelegt, die wir nicht getan haben. Man hat uns zwei, zweieinhalb Jahre nachdem ein Kassenminus entstanden ist dieses zur Last gelegt. Und alle Argumente, die wir im Folgenden vorgetragen haben und alle Auflagen, die man uns im Folgenden gemacht hat die wir erfüllt haben letztendlich außer Acht gelassen und an der Entscheidung nichts geändert.”"

Im Juni 2010 setzt sich der DOSB noch für den Rugby-Verband ein - erst später geht er auf Distanz. Der zuständige DOSB-Ressortleiter schreibt dem Ministerium, sämtliche Vorbehalte des Ministeriums seien ausgeräumt. Erst die intensive, langwierige Prüfung durch das BMI führe die prekäre Situation des Verbandes herbei, so der DOSB. Trägt also das Ministerium Schuld an den Finanzproblemen, weil es die Fördermittel nicht überweist, auf die sich der Rugbyverband seit Jahren verlässt und die er entsprechend einplant?

Warum sollte das Ministerium so handeln? Vielleicht, weil im Oktober 2009 nicht nur Rugby olympisch geworden, sondern gleichzeitig Softball aus dem olympischen Programm geflogen ist. Der Base- und Softballverband hätte damit ab 2010 weniger Fördermittel bekommen müssen. Der DOSB beklagt in dem genannten Schreiben, das Ministerium habe den Baseballern früh zugesichert, sie weiter zu fördern. Für Rugby - ohnehin kein Kandidat für eine deutsche Olympiamedaille - wäre dann kein Geld übrig gewesen.

Sowohl der DOSB als auch das BMI bestritten diese Woche auf Anfrage, dass der Rugby-Verband auf Geld warten musste, weil die Baseballer weiter gefördert wurden.

Der Rugby-Verband versucht damals weiter, die Auflagen des Ministeriums zu erfüllen. Er verdoppelt die Mitgliedsbeiträge seiner Landesverbände, löst Nationalmannschaften auf, Verbandsmitglieder geben private Darlehen. Trotzdem schlingert der DRV auf eine Insolvenz zu.

Anfang 2011 - der Verband hat jetzt 250.000 Euro Schulden - die endgültige Absage des Ministeriums: Für 2010 wird es kein Geld geben. Mit einem Anwalt legt der Rugby-Präsident Widerspruch ein.

Bis Juli 2011 zappelt der Verband. Am Telefon lassen Mitarbeiter des DOSB durchblicken: Eine staatliche Förderung für 2011 könne schneller genehmigt werden, wenn der Verband seinen Widerspruch gegen die verweigerte Förderung aus 2010 fallen lasse. Er soll auf 126.000 Euro verzichten, um überhaupt wieder Geld vom Ministerium zu bekommen.

Mitte 2011 wählt der deutsche Rugby-Tag einen neuen Präsidenten, Claus-Peter Bach kandidiert nicht. Wenige Tage später zieht der Verband den Widerspruch zurück, und kurz darauf bewilligt das Innenministerium für das laufende Jahr 220.000 Euro. Der neue Präsident bezeichnet sein Verhältnis zum DOSB und dem Ministerium als gut, als "entscheidend dafür, dass da etwas vorangegangen ist”. Claus-Peter Bach aber verweigert der deutsche Rugby-Tag drei Mal in Folge die Entlastung. "Irgendjemand muss doch Verantwortung tragen für 200.000 Schulden”, sagen die Wortführer auf Nachfrage - rechtliche Schritte planen sie nicht.

Was wäre passiert, wenn der Rugbyverband seinen Widerspruch gegen das Ministerium nicht zurückgezogen hätte? Claus-Peter Bach hat eine klare Meinung:

""Ich glaube, dass wir das Geld bis heute nicht hätten. Ich glaube, dass wir uns dann in einem Rechtsstreit mit dem BMI befänden, der vielleicht mal in drei-vier Jahren entschieden würde.” - Zwischenfrage: Gäb’s dann Rugby noch in Deutschland? - "Rugby in Deutschland gibt es immer. Ob es noch Nationalmannschaften, ob es noch eine Organisation Deutschen Rugby Verband gäbe, das wage ich zu bezweifeln.”"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk