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StartseiteHintergrund Wirtschaft (Archiv)Das "Denglisch"-Problem29.07.2007

Das "Denglisch"-Problem

Wie deutsche Unternehmer ihre Muttersprache vernachlässigen

In der Wirtschaft ist "Denglisch" Alltag. Doch der ständige Sprachmix aus Deutsch und Englisch trifft nicht immer die Erwartung der Kundschaft. Die Abnehmer können mit englischen Begriffen zumeist nichts anfangen.

Von Heinz-Jörg Graf

Bei international operierenden deutschen Firmen ist Denglisch alltäglich. (Stock.XCHNG / Daniel V.)
Bei international operierenden deutschen Firmen ist Denglisch alltäglich. (Stock.XCHNG / Daniel V.)

"Wir haben Leute, über ein Scoring zu einem Rank kommen, so dass man sich aus diesem Research-Universum ein Portfolio zusammenstellen kann."

Im Firmenalltag gehört BSE-Englisch längst zum guten Ton. Gemeint ist nicht die Rinderkrankheit, sondern das "Bad simple English", ein Sprachcode, den viele deutsche Manager inzwischen locker beherrschen. So wie BSE-infizierte Rinder wahnsinnig über die Weide torkeln, so schäumt und labert sich heutzutage oft die Managersprache – angesteckt vom "Bad simple Englisch-Virus" - durch den Firmenalltag.

"Downsizen" wollte einst Siemens-Chef Klaus Kleinfeld Teile des Konzerns und nicht Personal abbauen. Die Metro denkt an weitere "Rollout-Phasen", sprich: Sie will wachsen. Auf Englisch geht das vermutlich besser. Mit der Media-Saturn-Gruppe hat Hewlett-Packard einen "Outtasking-Vertrag" geschlossen. Hört sich irgendwie nach "Outsourcing" an - und nach künftigen Hartz IV-Empfängern.

Auf BSE scheinen Manager heute kaum noch verzichten zu können. Da gibt ein Geschäftsführer bekannt, er wolle die "Entraprenuership" in der Firma vorantreiben. Dass er unternehmerisches Handeln bei seinen Mitarbeitern fördern möchte, sagt er nicht. Ein anderer Unternehmenschef spricht davon, dass die Mitarbeiter wichtige "assets" seien. Ein bedeutender Vermögenswert also. Wie aufmunternd! Bei den Mitarbeitern soll Stolz und Freude aufgekommen sein.

Es wallt und quallt in den deutschen Unternehmen. Kunden haben heute einen "Mindset", Führungskräfte natürlich einen "Global-Mindset". Das Wort Bewusstsein ist veraltet und wird kaum noch benutzt. Von Mitarbeitern im Unternehmen fordern Manager immer wieder einen "Change of Mindset". Die verstehen natürlich Bahnhof, schalten auf Durchzug und lassen den change change sein. Voraussagen heißen schon seit langem "Forecasts". Damit lässt sich die Zukunft besser vorhersehen. Weil das den Managern in den letzten Jahren so hervorragend gelungen ist, sind natürlich auch ihre Gehälter gestiegen. Übrigens, wenn der Chef Sie demnächst zu einem "Summer-Outing" bittet, seien Sie unbesorgt: Sie müssen ihm draußen im Grünen nicht ihre sexuellen Präferenzen offenbaren, er hat Sie lediglich zu einem Betriebsausflug eingeladen.

Denglisch, die für Außenstehende manchmal so irritierende Mischung aus Deutsch und Englisch, ist für viele Manager, besonders für die jüngeren, inzwischen zu einer natürlichen Ausdrucksform geworden. Mit Denglisch lässt sich gut reden: verschleiern, kaschieren, vor allem: imponieren. Denglisch ist cool und sexy. Denglisch ist der "Slip" auf der Haut, der ein angenehmeres Empfinden hervorruft als die Unterhose. Warum? Weil der "appeal" größer ist.

"Wir haben Leute, über ein Scoring zu einem Rank kommen, so dass man sich aus diesem Research-Universum ein Portfolio zusammenstellen kann."

In Hochblüte stand Denglisch zur Zeit der sogenannten New Economy. Denglisch galt als ultrachic. Es war die Sprache des Neuen Marktes. Die Firmen, die sich dort tummelten, trugen fast alle englische Namen: Blue C Consulting etwa, Lobster network storage oder United Visions Entertainment. Auch alte, eingesessene Firmen wurden von der Denglisch-Begeisterung erfaßt. Bei RWE gab es plötzlich ein RWE Net und ein RWE plus. Das Kundenmagazin nannte sich "Easy Living". Die Telekom bot "city und german calls" an. Die Neuerung wurde später wieder rückgängig gemacht. Kunden hatten sich beschwert, dass sie mit einem Herrn German Call nicht telefoniert hätten. Reiner Pogarell, Leiter des IFB, des "Instituts für Betriebslinguistik" in Paderborn.:

"Es gab eine deutsche Firma, die stellte Unterwäsche her, die nannte sich: Erst ein Name und dann kam 'Feine Wäsche’. Jetzt nannten sie sich um, Name plus 'Fine body wear’. Ja, Frage, warum macht Ihr das? Warum tauft Ihr Euch in Englisch um? Ja, wir wollen jetzt auch auf den französischen Markt tätig werden. Ich meine, da ist doch was fundamental schief gelaufen. Offentsichtlich war da noch keiner von denen jemals in Frankreich und hat mal geguckt, wie man da was verkaufen kann, auf jeden Fall nicht in Englisch."

Auch mit Blick auf den deutschen Markt wollten viele Firmen angestachelt von den Kreativen in den Werbeagenturen Marktanteile auf Englisch gewinnen. Mit dem Spruch "Come in and find out" etwa versuchte der Parfümeriekonzern Douglas, Kunden in seine Läden zu locken. Um die Zuschauerzahl zu erhöhen, probierte es Sat.1 mit dem Slogan "Powered by emotions". Und Mitsubishi gefiel sich darin, Autofahrer zu fragen: "drive alive?"

Die werblichen Aussagen erwiesen sich als Rohrkrepierer. In einer repräsentativen Umfrage fand die Kölner Beratungsfirma Endmark 2003 heraus, dass viele Bundesbürger englischsprachige Werbesprüche nur unzureichend verstehen.

"Come in and find out": Manche Kunden übersetzten wörtlich: "Komm rein und finde wieder raus". "Douglas macht das Leben schöner", textete der Konzern neu.

"Powered by emotions": "Kraft durch Freude" verdeutschten manche. Mit dem nationalsozialistischen Ertüchtigungsprogramm wollte Sat.1 natürlich nicht identifiziert werden. Der Fernsehsender schrieb um: "Sat.1 zeigt´s allen" hieß es nun.

"Drive alive?": Den Managern von Mitsubishi muss der Griffel aus der Hand gefallen sein, als sie hörten, was sich mancher Autofahrer dabei dachte: "Fahre lebend?". Auch dieser Slogan wurde verdeutscht: "Heute. Morgen. Übermorgen." sollte das Fahren mit einem Mitsubishi-Auto wieder zu einer sicheren Angelegenheit machen.

Aufmerksamkeit in der Werbewirtschaft erregte vor einigen Jahren auch eine Diplomarbeit an der Universität Dortmund. Eigentlich förderte sie Selbstverständliches zutage. Englische Werbesprüche; so das Fazit;- erreichen den deutschen Kunden emotional bei weitem nicht so stark wie deutsche. Die Diplomandin hatte Werbesprüche getestet, indem sie den Hautwiderstand von Probanden maß. Englische Werbetexte, zum Beispiel "Fly high, pay low" oder "Designed to make a difference"; ließen die Probanden kalt. Gefühlsreaktionen zeigten sie dagegen bei deutschen Texten, besonders bei den Sprüchen "Geiz ist geil" und "Wohnst du noch oder lebst du schon?"

"Wir haben Leute, die den Markt betrachten, über ein Scoring zu einem Rank kommen, so dass man sich aus diesem Research-Universum ein Portfolio zusammenstellen kann."

Reiner Pogarell, der Leiter vom IFB, dem Institut für Betriebslinguistik in Paderborn, ist ein Marktführer in Deutschland. Das Institut entwickelt oder überarbeitet interne Firmenkorrespondenz: Mahnbriefe, Rechnungsformulare oder Kundenschreiben, arbeitet vor allem für große Firmen. Der Linguist hat beobachtet, dass das Aufbegehren gegen Denglisch-Kauderwelsch in Firmen stärker wird:

"Ich bin zu einer Frankfurter Firma gefahren, habe mich untenim Eingangsbereich umgeschaut und habe zu meiner Kollegin gesagt: Hier können wir gleich wieder wegfahren, hier haben wir keine Chance, weil in diesem Unternehmen war aber auch alles, was man auf Englisch sagen konnte, auf Englisch beschildert: Man hatte keine Etagen, sondern ‚floors’. Keine Sachbearbeiter, man hatte alle möglichen ‚agents’, das war durchgehend. Das war eins unserer größten Unternehmen in Deutschland. Was ist passiert? Wir haben einen sehr großen Auftrag von diesem Unternehmen bekommen, wir sind heute noch in sehr guten Geschäftsbeziehungen. Ich habe nachgefragt, warum habe ich diesen Auftrag bekommen, die Aussage war, ja, bei uns ist alles so schrecklich Englisch, das geht uns fürchterlich auf den Nerv, wir können das alles nicht leiden, wir haben Ihr Angebot gesehen, wir haben Ihren Auftritt gesehen, wir haben uns sehr gefreut, dass sie das Wort E-Post statt E-Mail vewenden und deshalb haben sie den Auftrag bekommen."

Ein Denglisch-Fan ist Reiner Pogarell nie gewesen, doch es gab Zeiten, da hießen auch in seiner Firma Besprechungen Meetings:

"Wir wussten gar nicht, dass es eine Alternative gibt. Bei uns gab es selbstverständlich Workshops und E-Mails und Meetings. Ich habe das immer mit einem bisschen schlechten Gefühl gemacht, wusste aber nicht, dass man sich davon erlösen kann und mit Entstehung des Verein Deutsche Sprache habe ich es einfach mal versucht, habe gesagt, so, jetzt gibt es keine Workshops meh, bei uns gibt es nur noch Werkstätten, wir machen keine Meetings mehr, sondern Besprechungen, bis zu diesem Punkt, dass wir sogar das E-Mail abgeschafft haben und von E-Post sprechen. Das ist sehr gut angekommen bei unseren Kunden bis auf ganz wenige Gegenbeispiele. Seit dieser Umstellung haben wir uns umsatzmäßig und mitarbeitermäßig mehr als verdoppelt."

Der VDS, der Verein deutsche Sprache, dessen Mitglied Reiner Pogarell seit vielen Jahren ist, wurde 1997 gegründet und zählt inzwischen 30.000 Mitglieder. Im VDS zusammengeführt hat sie vor allem ihre Abneigung gegen Denglisch. Nicht zuletzt öffentlichkeitswirksamen Aktionen des Sprachvereins ist es zu verdanken, dass in den letzten Jahren hierzulande ein Denglisch-Problembewußtsein gewachsen ist. Einmal im Jahr vergibt der VDS seinen Sprachpanscher-Preis. In diesem Jahr hat Jürgen Dembek, ein Oberkirchenrat, gute Chancen, die Trophäe zu gewinnen. Das Motto des diesjährigen Kirchentages in Köln "lebendig, kräftig und schärfer" übersetzte er in verständlicheres Englisch: "Caution - Sharper Christians May Be Presen"t.
Oh, Gott!

"Wir haben Leute über ein Scoring zu einem Rank kommen, so dass man sich aus diesem Research-Universum ein Portfolio zusammenstellen kann."

Trotz aufgespießter Beispiele: Denglisch, zumindest, in der Außenwirkung großer Firmen, ist in Deutschland eher auf dem Rückzug. "Easy Living", so der frühere Titel der RWE-Zeitschrift, heißt wieder Kundenmagazin. Reiner Pogarell ist heute kein Firmenmagazin mehr bekannt, das seine Leser mit Denglisch-Sprachblüten beglückt. Vor zwei Jahren noch, sagt er, habe er ein Negativ-Beispiel nach dem anderen auflisten können. Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel.

"Im Computerbereich, da scheint das überhaupt noch nicht so richtig angekommen zu sein, wenn ich bestimmte Prospekte da lese, denke ich, um Gottes willen, schafft Ihr es auch mal ein deutsches Wort, einen deutschen Satz hintereinander zu kriegen oder nach wie vor das größte Negativbeispiel ist immer noch, aber da hat man es aufgegeben sich aufzuregen, das ist die Telekom, die konsequent sich weigert, die Sprache ihrer Kunden zu benutzen."

Denglisch hat heute die Sprachschicht gewechelt, macht sich vor allem im Prekariat breit.

"Denglisch ist eindeutig zur Sprache der Billigprodukte, der Billigunternehmen, der niedrigen Qualität geworden. Das heißt, wenn Sie heute in eine Stadt kommen, dann sehen Sie deutschsprachig ein Volkswagenzentrum, das ist fast in jeder Stadt so und wenn Sie dann auf´s Dorf fahren, dann sehen Sie einen kleinen Gebrauchtwarenhändler, der heißt ‚ city cars’. Wenn Sie einen seriösen Fernsehsender sich betrachten, Arte oder einen seriösen Radiosender, dann finden Sie kaum Englisch oder Denglisch, aber gucken Sie sich dann RTL2, SuperRTL an: wird gedenglischt auf Deufel komm raus . Eine windige Werbeagentur benutzt eindeutig lieber Denglisch als eine seriöse."

Das wachsende Denglisch-Problembewußtsein im öffentlichen Sprachraum hat die Denglisch-Sprachkultur in Firmen unbeeindruckt gelassen. Das deutsch-englische Kauderwelsch nimmt dort eher zu. Georg Kraus ist Unternehmensberater aus Freiburg im Breisgau. Die Sprachfrage, so weiß er, das Nachdenken darüber, welche Sprache im Unternehmen gesprochen werden soll, wird immer häufiger gestellt. Der Unternehmensberater:

"Was ich so in den letzten drei, vier Jahren verstärkt festgestellt habe, Sie haben immer mehr Unternehmen, die komplett vernetzt sind. Ich habe jetzt gerade wieder einen Fall eines Unternehmens, wo die halbe Entwicklung in Indien arbeitet. Die müssen eine einheitliche Sprache finden."

Denglisch, so der Unternehmensberater, spreche man da fast zwangsläufig, weil viele englische Begriffe, wenn man sich häufig auf Englisch unterhalte, unbemerkt im Deutschen übernommen würden. Diese schnellen Wechsel von einer Sprache in die andere entbehren nicht einer gewissen Komik:

"Im Englischen ist halt typisch, dass man sich mit dem Vornamen anredet., wenn wir jetzt mit einem Lieferanten, der aus England käme, ein Gespräch zu dritt hätten, dann würde ich Sie mit dem Vornamen ansprechen, würde also in dem Gespräch sagen: Jörg, what do you think about that? Ist das Gespräch zu Ende, wir sind ja nicht per Du, müßte ich wieder umschwenken und Herr Graf, was meinen Sie denn dazu. Das zieht sich dann durch, solange man nicht mit demjenigen auf das Du im Deutschen umgestiegen ist, hat man diesen komischen Sachverhalt, dass man mal mit dem Vornamen, mal mit dem Nachnamen die gleiche Person anspricht. Es führt oft zu ungeklärten Situationen auf der Beziehungsebene. Im Englischen gibt es halt nicht ‚You can say you to me’, da gibt es nicht das Du und Sie."

Dass Englisch als verbindliche Geschäftssprache auch beim deutschen Mittelstand im Kommen ist, davon ist Georg Kraus überzeugt. In zehn Jahren, meint er, werde man dort entweder eine Mischung aus Deutsch und Englisch sprechen oder ganz auf´s Englische umgeschwenkt sein. Der sprachliche Umstellungsprozeß erzeugt natürlich Reibungsverluste:

"Die erste Frage, die man stellen muß: Wieviel von Euren Leuten können überhaupt Englisch und seid vorsichtig, wenn Ihr etwas festlegt und die Menschen in der Firma noch gar nicht so weit sind, dass sie in der Lage sind, auch miteinander zu reden. Es geht ja hier nicht nur drum, ein Bier in einem Restaurant zu bestellen, sondern da müssen Techniker technische Sachverhalte austauschen, die Dokumentationen müssen in der Sprache sein, die E-Mail-Korrespondenz muss auf Englisch sein. So eine Umstellung erfordert mehr als ein basic English, also so ein Grundwissen über die Sprache. Das ist ein Prozess, der über einige Jahre sich hinzieht mit vielen Informations- und Reibungsverlusten. Auf dem Weg dorthin, weil logischerweise, wenn man Angst hat, sich in einer fremden Sprache auszudrücken, fängt man an, eher sich zurückzuhalten und nicht mehr die kritischen Fragen zu stellen, die man vielleicht in der Muttersprache gestellt hätte."

Bei den Mitarbeitern kommen bei einer solchen Umstellung schnell Überforderungsängste auf. Sind sie ihren Aufgaben noch gewachsen? Werden sie mit der neuen Sprache zurechtkommen? Mancher hat schon peinliche Überraschungen erlebt:

"Wir hatten in einem neuen Projekt eine Kick-off-Sitzung anberaumr. Kick-off heißt Start eines Projekts, also kick-off von loskicken. Eine Führungskraft hat dann gleich zu Beginn, bevor ich loslegen konnte, hat das Wort ergriffen und gemeint, dass es doch wirklich schlechter Stil wäre, dass Kündigungen einfach so ohne Vorwarnungen ausgesprochen werden würden. Er hätte sich schwer überlegt, ob er überhaupt kommen soll. Ich war erst einmal verwirrt, wieso Kündigungen, wir sind doch hier in einem Projekt und es hat sich dann herausgestellt, dass er unter kick-off also das Rauskicken verstanden hat, also das Rausschmeißen und er jetzt davon ausgegangen ist, dass er in dieser Sitzung förmlich erklärt bekommt, wieso er das Unternehmen verlassen muss. Und es hat dann gute zehn Minuten gebraucht, bis wir ihn beruhigen konnten und ihm erklären konnten, dass unter kick-off Start eines Projekts und nicht Rausschmiss gemeint ist."

"Wir haben Leute, über ein Scoring zu einem Rank kommen, sod ass man sich aus diesem Research-Universum ein Portfolio zusammenstellen kann."

Dass die deutsche Sprache in Firmen zugunsten des Englischen fast umstandslos aufgegeben wird, hängt wohl nicht nur mit dem wachsenden Internationalisierungsdruck zusammen, sondern auch mit der mangelnden Wertschätzung der Deutschen für ihre Sprache. "Sprachliche Unterwürfigkeit" hat der Economist den Deutschen schon vor vielen Jahren vorgeworfen. In unserem Nachbarland ist das anders. Auch die Franzosen internationalisieren sich, doch eilfertige Übernahmen des Englischen sind aus dem Nachbarland kaum bekannt. Im Gegenteil. Ein Gesetz schreibt sogar vor, dass für bestimmte englische Fachbegriffe französische Wörter benutzt werden müssen.

Als Ende der 90er Jahre das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim eine Umfrage durchführte und wissen wollte, was den Deutschen ihre Sprache bedeute, stellte sich heraus, dass sich 56 Prozent aller erwachsenen Deutschen, immerhin über 30 Millionen, für ihre Sprache nur wenig oder gar nicht interessieren.

Auch Dieter E. Zimmer, Sprachkritiker und ehemaliger "Zeit"-Redakteur, ist zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. Vor einigen Jahren untersuchte er, wie verschiedene europäische Sprachen auf hundert der gebräuchlichsten Computerbegriffe reagiert haben, Wörter wie software, downloaden und cursor etwa. Er wollte wissen, ob das englische Wort originalgetreu übernommen oder in der heimischen Sprache angepasst wurde. Das Resultat:

"Die Finnen legen den größten Wert darauf, eine Entsprechung in ihrer Sprache zu finden; 93 der hundert Wörter klingen nicht Englisch, sondern finnisch. Die Franzosen folgten mit 86 Wörtern, die Polen mit 82, die Spanier mit 80, und die Deutschen landeten mit 57 Wörtern weit abgeschlagen auf dem vorletzten Platz, unterboten nur von den Dänen mit 52 Wörtern. Wer will, mag daraus ableiten, dass Finnisch, Französisch, Polnisch und Spanisch die intaktesten europäischen Sprachen sind und Dänisch und Deutsch die kaputtesten."

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