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StartseiteBüchermarktDas Haus am Bahndamm22.05.2002

Das Haus am Bahndamm

Rotbuch, 116 Seiten, EUR 16,-

<em>1990 rief mich ein Freund an, Bernd Witte, der ist hier in der Aachener Gegend ein sehr bekannter Maler. Der hatte in einer Kneipe jemanden aus dem Milieu kennengelernt, und beide hatten die Idee entwickelt, eine Kunstausstellung im Puff zu machen, als exotischer Ort, und es ging Ja auch ums Verkaufen. Und dann rief mich dieser Freund an, ob ich ihm helfen könnte, die Bilder aufzuhängen. Ich fand das von Anfang an sehr aufregend, weil der Geschäftsbetrieb lief ja weiter. Es gibt da keine direkten Erlebnisse, die verarbeitet wurden, sondern, Sie wissen ja, dieses Voyeuristische, dieses Klacken der Absätze auf der Treppe, oder Männer zu beobachten, wie sie da reinhuschen und vor allem wieder raus.</em>

Agnes Hüfer

Das Aachener Bordell, den Stofflieferanten für sein Buch, verlegte Dietmar Sous in die rheinische Provinz, in "Das Haus am Bahndamm". Um diesen Handlungsort gruppiert er in fünfzehn Kapiteln eine lose Folge von Porträts - Bordellbesitzer, Huren, Kunden und ein paar Kleinstädter, die es auf andere erotische Wege verschlägt -, eine bunte Ansammlung von Liebes- und Glückssuchern, allesamt mit geringen Chancen, wobei es den Figuren, wie fast immer bei diesem Autor, zwischen echten und vermeintlich echten Chancen zu unterscheiden, schwer fällt. Da Sous sich den in der Literatur wie in jedem Western bewährten romantischen Blick auf das Thema käufliche Liebe versagt, bleiben Grotesken nicht aus. So wird der Oberschüler Manfred dank einer Prostituierten um einen Traum und sein Gepäck ärmer, zugleich aber um die Erfahrung reicher, dass Idole gestürzt werden können. Manfred, vom Liebhaber der Mutter mit Geld und Eintrittskarten für die olympischen Spiele in München ausgestattet, verlässt schon kurz nach Antritt der Reise den Zug, um einer Frau nachzulaufen, in der er eine vom ihm angebetete Filmschauspielerin zu erkennen glaubt. Nachdem er seinen Irrtum bemerkt hat, flüchtet er in die Bahnhofkneipe. Dort sitzt incognito, verkleidet, Peter Alexander, der Schwärm von Manfreds Mutter. Manfred bettelt um ein Autogramm: "Bitte, Herr Alexander".

Herr Alexander? Rief der Wirt. Peter Alexander? Hier bei mir? Dat jibbet doch nit! Seit wann haben Se denn en Brill un eine Schnauz - Wie von einem Geistesblitz getroffen, fasste er sich mit der linken Hand an die Stirn und flüsterte dann vertraulich: - Verstehe. Se wollten sich unter et einfache Volk mischen. Incognito, quasi. Alles klar. Er nickte verständnisvoll, dann rief er Marie, komm ens jaul D'r Peter Alexander es doa! - Die Frau des Wirts, die mühelos eine sowjetische Kugelstoßerin hätte doubeln können, kam aus der Küche gelaulen. Auch die anderen Gäste waren aufgesprungen und nicht zu halten. Jemand hantierte rücksichtslos mit seiner Sofortbildkamera. Peter Alexander blickte mich hasserfüllt an. Der Wirt führte kurze Telefonate mit vielen Ausrufezeichen. - Minuten später war auch dieser Auftritt ausverkauft. Überwältigt von Umarmungen, Küssen und anderen Berührungen ging der Österreicher zu Boden. Während seine Anhänger ihn ausplünderten, sich dabei sogar um die altmodische Brille und den falschen Bart prügelten, kämpfte ich mich nach draußen, ohne meine Cola bezahlt zu haben und mit fünf gestohlenen Frikadellen in der Tasche. Ich hatte ein Leben auf der Straße und unter Brücken vor mir. Ein Leben, härter als ein olympischer Marathonlauf mit anschließendem Zehnkampf.

Bei dieser Geschichte ging es mir darum, auf der einen Seite dieses unerreichbare Idol, diese französische Filmschauspielerin, in die sich der Junge verliebt und hofft, in jedem Film, dass sie darin auftaucht, und dann dieser ziemlich brutale Absturz, als er eine Frau sieht, die dieser Schauspielerin ähnlich sieht und die sich dann als Prostituierte herausstellt und sehr kalt zu ihm ist. Und auf der anderen Seite dieser Peter Alexander, der der Gott dieser Mutter ist, und den ich dann ganz real abstürzen lasse. Also, diesem Peter Alexander, der mir meine Jugend zum Teil versaut hat, weil der immer wieder ins Radio kam zwischen irgendwelchen schönen Beatles- und Stonessachen, dem wollte ich eins auswischen. Das ist es eigentlich. Ich meine, das ist eine alte Geschichte, Idol und Wirklichkeit, aber trotzdem kann ich für mich noch Dinge entwickeln, die witzig sind und irgendwie, hoffentlich, auch ein bißchen anrührend.

Viele Geschichten der Leute aus dem Haus am Bahndamm und dessen Umgebung enden in schrillen, absurden Pointen. Die Hure Barbara jagt einem treuen Kunden beim Paarspiel in der Badewanne ein Brotmesser zwischen die Rippen; die vom örtlichen Malerfürsten und den Kunstverwaltern kujonierte Museumsleiterin steigt mit Apiomp aus und ins Sexgeschäft ein. Der Bordellbesitzer Serge, besucht seinen an Kehllkopfkrebs siechen Vater Friedrich fast täglich im Krankenhaus- Eines Tages ist das Bett leer.

Umringt von hundert Studenten, saß Friedrich mit weit aufgerissenen Augen im RollstunI, schnaufend wie ein Langstreckenläufer kurz hinter der Ziellinie. Einer mußte den Alten festhalten, stützen, damit er nicht total zusammensackte. Ein besonders schönes Exemplar, sagte der Professor, bitte, überzeugen Sie sich selbst. Die Studenten zogen im langsamen Gänsemarsch an dem völlig erledigten Friedrich vorbei, gafften, glotzten das blutig rohe Stück Fleisch an, einer stocherte sogar mit einem Holzstäbchen in dem Halsloch herum.

Sous: Das ist eine Sache, die fast durchgehend in meinen Büchern so ist, dass ich nicht versuche, zu psychotogisieren, dass die Leute sich darstellen durch Gespräche, sondern in Szenen. Also eher eine Art Kamerablick.

Die kurzen Porträts - short cuts wie im Film von Robert Altman - umfassen eine Zeitspanne von beinahe einhundert Jahren. Die Anfangsgeschichte spielt während des Ersten Weltkriegs, die letzte in der Gegenwart. Auf diese Weise faßt der Autor die Einzelteile in einen Rahmen, der wenn auch keinen Roman - auf den Untertitel Roman, sagt Sous, hätte er gut verzichten können -, so doch einen in etwa zusammenhängenden Handlungsablauf ergibt und der den exotischen Ort Bordell mit zeitgeschichtlichem Kolorit versieht. Sous stellt zum Beispiel eine Ziegetsteinmauer an den Bahndamm, auf der den Umständen entsprechend Parolen oder Graffiti erscheinen, von "Alle Macht den Räten" bis zu Hakenkreuzen undsoweiter. Die Konzentration auf das Rheinland tut ein Übriges, um die Atmosphäre, auf die er Wert legt, zu verdichten. Acht Bücher, Romane und Erzählungrn hat Dietmar Sous - er ist Jahrgang 1954 - bisher veröffentlicht: ein einziger rheinischer Reigen.

Sous:
Es ist ganz wichtig, einen festen Ort zu haben, ein Milieu, eine Sprache, und da die Geschichten laufen zu lassen. Je älter ich werde, umso mehr glaube ich wirklich an so was wie Mentalität. Ich habe mich immer dagegen gewehrt. Ich habe gesagt, das gibt's nicht; also alle Leute in einer bestimmten Klasse haben das und das im Kopf. Aber ich glaube, da habe ich ziemlich falsch mit gelegen. Ich benutze jetzt dieses rheinische Milieu auch so ein bißchen, um die Geschichten wärmer zu machen.

Dietmar Sous debütierte 1981, als Pop und Protest noch zusammengehörten, mit einem Roman, der ein Kultbuch wurde: "Glasdreck", die Geschichte des Hilfsarbeiter Brunno Mölldärs, eines vom Schicksal gebeutelten Jungen, der - anders als die Figur des Manfred im "Haus am Bahndamm" - dank eines Medienstars aus der Misere heraus zu Selbstbewußtsein kommt:

Einmal so diesen Glasdrecktraum, dieses Idol zu seinem Bruder zu machen, sich darüber weiter entwickeln, das reicht, das darf man nicht melken.

Die Kunstausstellung im Aachener Bordell 1990 war übrigens ein Erfolg. Die halbe Stadt kam zu Besuch. Alle Bilder wurden verkauft.

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