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StartseiteBüchermarktDas neue Leben11.03.1999

Das neue Leben

Aus dem Türkischen von Ingrid Iren

"Das neue Leben" - bei einem so gewitzten Geschichtenerzähler wie Orhan Pamuk liegt es auf der Hand, daß der einfache Titel seines jüngsten Romans nicht einfach ist. "Das neue Leben", heißt, wie wir im Lauf des Romans erfahren, eine türkische Karamelbonbonmarke. "Das neue Leben" ist auch der Titel von Dantes lyrischer Schilderung seiner Begegnung mit Beatrice: eine von den vielen und generös zitierten Quellen, aus denen sich Pamuks Roman speist. "Das neue Leben" meint aber zunächst und buchstäblich: die Verheißung einer radikalen Veränderung. Ausgelöst wird sie von einem Buch, von dem Buch. Es spielt in Pamuks Roman eine zentrale Rolle, ohne daß wir mehr als ahnen könnten, was in ihm geschrieben steht.

Christoph Bartmann

"Eines Tages", so beginnt der Roman, "las ich ein Buch, und mein ganzes Leben veränderte sich. Auf den ersten Seiten schon bekam ich die Kraft dieses Buches zu spüren, daß ich glaubte, mein Körper habe sich von Tisch und Stuhl, wo ich saß, gelöst und abgehoben." Der da von seiner Lese-Offenbarung so flammend erzählt, heißt Osman, ist zweiundzwanzig Jahre alt und Ingenieur-Student in Istanbul. Fortan wird er sein Leben der Suche nach dem Weg widmen, den das Buch ihm weist. Osman verläßt seine Stadt, gibt Studium und familiäre Bindung auf, um in albtraumhaften Busreisen durch Anatolien Schritt für Schritt und Stadt für Stadt eine tödliche Evidenz zu enthüllen. Und wie es bei einem an Borges und Calvino geschulten Erzähler nicht anders sein kann, existieren zwischen dem Buch, das Osman gelesen hat und jenem, dessen Held er ist, die innigsten Wechselbeziehungen.

Orhan Pamuks Roman, der in der Türkei ein beispielloser Publikumserfolg war, erhebt Anspruch, eine komplexe Parabel der heutigen Türkei zu liefern, ihrer kulturellen Traditionen und Konstruktionen, ihrer politischen Spannungen und Gegensätze und vor allem einer spezifisch türkischen Spielart des Verfolgungswahns: "Die türkische Paranoia ist ein allgemein akzeptierter kultureller Reflex", so Orhan Pamuk. "Es ist die politische Sprache, die Regierung und Schule verwenden. Sie malt ein krudes positivistisches Bild der Welt; sie ist eine politische Märchen-Variante des französischen Positivismus, der die ganze Bevölkerung anhängt und die vom Staat und vom Fernsehen propagiert wird. Die Botschaft lautet: jeder ist unser Feind, alle haben sich gegen unser Vaterland verschworen. Es gibt Institutionen, Personen, Gruppen, die gegen uns, die heilige türkische Nation konspirieren. Man findet diese Sichtweise überall im Alltag. Türkische Paranoia meint also eine Kette von Verschwörungen, in die wir glauben, verstrickt zu sein."

Osman, der Held des Romans, gerät mittenhinein in ein solches Verschwörungs-Szenario. Mit der Entdeckung des Buches und der erwachten Aussicht auf ein "neues Leben" gehen seltsame Begebenheiten einher. Nicht nur, daß Osman sich tags darauf in jene Studentin verliebt, in deren Hand er das Buch zuerst sah. Nicht nur, daß bald darauf der Freund des Mädchens, auch er einer aus dem Kreis der Leser, von einem Unbekannten angeschossen wird. Bald stellt sich überdies heraus, daß alle Leser des Buches in Lebensgefahr schweben. Dr. Narin heißt der Mann, der mit seinen Agenten den Gegenangriff gegen die "Große Verschwörung", wozu das Buch sowie überhaupt der Westen mit seinen Gütern und Ideen zählen, lenkt. Bei Pamuk hat der Fundamentalismus freilich auch poetisch-komische Züge. Dr. Narin ist ein Verehrer der einfachen Dinge. Er glaubt an das "Gedächtnis der Gegenstände", an die "Existenz einer geheimnisvollen, notwendigen und poetischen Zeit, die von einem einfachen Löffel, einer Schere, von den Dingen, die wie hielten, streichelten oder benutzten, auf uns übergehe." Die Seele der Dinge will Dr. Narin vor dem Verschwinden bewahren. Ein ehrenwertes Unterfangen, das freilich nur zu realisieren ist, wenn Cola-Trinker und andere Extremisten ausgemerzt werden. So stehen einander in Dr. Narin und Osman im Grunde zwei Fundamentalisten gegenüber: der eine glaubt an die Botschaft der Dinge, der andere an die Offenbarung seines Buches. Beide verkörpern für Pamuk eine spezifisch türkische Weise, sich mit Texten und Zeichen auseinanderzusetzen: "Ich komme aus einer Kultur, in der das Lesen von Büchern nicht sehr weit verbreitet ist", erzählt Pamuk. "Wenn die Leute Bücher lesen, dann auf eine merkwürdige Weise, die ich manchmal als den "Dritte-Welt-Weg des Lesens" bezeichne. Sie tauchen in ein Buch mit der Erwartung ein, die ganze Welt müßte sich ändern. Man liest also nicht, um sich zu entspannen, so wie man vielleicht ins Kino geht. Lesen ist eine radikale Sache, die mit einer anonymen, messianischen Vision verbunden ist. Auf diese Weise lasen in meiner Jugend die Studenten marxistische Bücher; und so lesen manche Fundamentalisten religiöse Pamphlete. Sie setzen sich der Welt eines Buches aus und damit muß sich alles ändern. Worauf es also ankommt, ist nicht das Buch selbst, sondern eine Tendenz, in jedem Text etwas zu entdecken, das unsere Sicht auf das Leben vollständig transzendieren wird."

Pamuks Figuren zahlen, weil sie als Vertreter ihrer Kultur angelegt sind, mit einer gewissen Leblosigkeit. Ob der Student Osman oder seine Kommilitonin und Reisebegleiterin Canan, die er vergeblich begehrt oder der mysteriöse Dr. Narin - Pamuks Figuren sind eher allegorische Bildträger als Individuen. Seine Romane seien "Kosmologien", sagt Pamuk selbst. "Das neue Leben" handelt vom Kampf der Mächte des Lichtes und der Dunkelheit, von Verschwörungen und Gegenverschwörungen, von den guten Dingen und der Furie des Verschwindens, kurz: er handelt weniger von Figuren als von Positionen. Und zwar von Positionen, zwischen denen eine Vermittlung nicht stattfindet. Deshalb läuft bei ihm jede Begegnung auf einen Frontalzusammenstoß hinaus. Der Zusammenstoß, der "Clash" oder "Crash" nicht nur von Kulturen, sondern auch von Reise-Omnibussen bildet ein beherrschendes Motiv des Romans. Pamuk freilich ist zu ironisch, zu spielerisch veranlagt, um im Krieg der Positionen literarisch Stellung zu beziehen: "Meine Einstellung zur Literatur ist nicht die, das ich ‘auf einer Seite’ stehe. Das wäre für mich nicht essentiell. Einerseits bin ich Zyniker. Auf der anderen Seite nimmt aber auch mein Herz Partei, etwa für den Wert der traditionellen einfachen Dinge. Aber ich kenne auch die Konsequenzen einer solchen Einstellung; also betrachte ich die Dinge mit einem grausamen Zynismus. Deshalb mache ich den alten Herrn, der die kleinen Dinge verehrt, zynischerweise ein wenig zum Faschisten. Das Vergnügen beim Schreiben besteht für mich darin, grausam und zynisch zu sein. Aber ich gleiche das aus mit einer Poesie, die von Herzen kommt. So habe ich beides im selben Moment: die Schönheit und die Grausamkeit des Lebens."

Schönheit und Grausamkeit werden bei Pamuk im Geist romantischer Ironie versöhnt. Romantisch ist die Ironie, mit der sein Roman, wie manche Märchen von Hauff, Tieck oder E.T.A. Hoffmann, den Leser "an nichts und an alles erinnert." Romantisch und ironisch mutet ebenso die Vielstimmigkeit der Genres an, die Pamuk in seinem Roman verarbeitet. Wie schon im "Schwarzen Buch", seinem vorletzten Roman, mischt der Autor Motive der islamischen Mystik mit postmodernen Erzählstrategien und webt ins Muster eines gesellschaftskritischen Zeitromans lyrisch-ornamentale Ausdrucksformen ein. Nicht zuletzt zeigt sich Pamuk inspiriert vom deutschen Genre des Bildungsromans. Ein Novalis-Wort als Motto seines Romans belegt Pamuks sehr bewußten Umgang mit Einflüssen der deutschen Romantik: "Ich kam von Poe über Coleridge zu deutschen Romantik. Es geht mir darum, daß an irgendeinem Ort ein wirkliches Leben existiert, daß also unser Leben vielleicht nur ein Schatten jenes Lebens ist, daß wir exiliert sind, weit entfernt von dem, was wesentlich und wirklich ist. Das ist es, was ich den Romantikern verdanke. Daß Träume, Opium und Dichtung Versuche sind, sich dem Wesentlichen zu nähern. Und daß wir trotzdem wissen, daß wir nicht am wirklichen Ort sind."

Es widerspricht Pamuks romantischem Impuls keineswegs, daß er - als Autor und Aktivist - die politische Konfrontation sucht. Ironie ist das Stilmittel, mit dem er sich die Parteien des türkischen Konflikts vom Leibe hält, Ironie ist zugleich das Mittel, mit dem er diese Parteien attackiert. Pamuks surreale Aufnahmen von "schäbigen Räumen, rasenden Autobussen, müden Menschen, verblaßten Lettern, vergessenen Ortschaften, gescheiterten Existenzen und Gespenstern" sind poetische Befunde einer krisenhaften kulturellen und gesellschaftlichen Situation, und darin mit den ähnlich provokanten und schillernden Traumbildern eines Luis Bunuel verwandt. "Meine Scherze gehen allen Parteien in der Türkei auf die Nerven", so Pamuk. "Ich mache Scherze über die Fundamentalisten, ihren Traditionalismus und ihre obsessive Religiosität, und dann mache ich Scherze über die sogenannten Kemalisten und ihre humorlose Engstirnigkeit. Natürlich fühlen sie sich provoziert und ärgern sich. Beide Parteien greifen mich an und wollen mich zugleich für sich vereinnahmen. Das Schreiben interessiert mich auch, weil ich provozieren will. Das Land ist geteilt zwischen den Säkularisten und den Fundamentalisten und ich möchte meinen Lesern zeigen, daß sie gemeinsam das Establishment in diesem Land bilden."

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