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StartseiteBüchermarktDas Sterben der Mystiker27.01.2004

Das Sterben der Mystiker

James Welsh über den Untergang indianischer Kulturen

Ein Junge kommt im Laufe seines Leselebens nicht daran vorbei, fünf Dutzend Indianerbücher zu verschlingen. Naturgemäß fängt er bei Karl May an, steigert sich dann über Anna Jürgens "Blauvogel" zu Liselotte Welskopf-Henrichs "Söhne der großen Bärin". Damit ist er dann für Karl May verloren, denn was die beiden Schriftstellerinnen Mitte des 20. Jahrhunderts über die Indianer wussten, übertrifft Mays Phantasien aus dem späten 19. um ein Vielfaches. Dann ruht diese Art der Lektüre, bis sie vielleicht im Erwachsenenalter mit Peter Farbs leider vergriffenem ethnologischen Standardwerk "Die Indianer" zum wohlverdienten Abschluss findet. An die Stelle der Romantik treten betrübliche historische Erkenntnisse, vor deren Hintergrund jeder noch so gut geschriebene Indianerroman zur traurigen Lektüre wird: Happyend prinzipiell ausgeschlossen.

Florian Felix Weyh

James Welch, "Fools Crow", Coverausschnitt (Piper Verlag)
James Welch, "Fools Crow", Coverausschnitt (Piper Verlag)

Das ist auch bei James Welch so, der sein opulentes Stammespanorama Fools Crow über das Leben und Sterben der Blackfeed nahe der kanadischen Grenze nicht durch einen optimistischen Schluss verfälscht. Einst ein stolzes Volk von Büffeljägern, sind die Blackfeet in Welchs Roman schon allenthalben von der weißen Zivilisation bedroht. Weniger durch die zahlenmäßige Übermacht der Siedler, die 1870 im entlegenen Montana noch nicht abzusehen ist, als durch den schleichenden Kulturbruch. Einiges dürfen die Indianer schon nicht mehr tun, zum Beispiel mit anderen Stämmen Krieg führen; anderes ergibt sich aus der räumlichen Nähe zu den Handelsposten. Die aufziehende Geld- und Konsumwirtschaft unterminiert die Autorität der Stammesältesten und lässt traditionelle Regeln sinnlos erscheinen. Welch beschreibt den Zerfall einer Zivilisation, plastisch nachvollziehbar in einer Doppelbiographie zweier Freunde. White Man’s Dog und Fast Horse sind junge, ehrgeizige Krieger an der Schwelle zum Erwachsensein. So ehrgeizig, dass sie sich einem Pferderaubzug anschließen, in dessen Verlauf ihr Anführer in Gefangenschaft gerät und grässlich verstümmelt wird. Nicht durch eine Laune des Schicksals, sondern durch eine unnötige Provokation von Fast Horse, der daraufhin den Stamm verlassen muss.

Der angepasste White Man’s Dog steigt in der Stammeshierarchie auf und bewegt sich in vorgezeichneten Bahnen, während sich Fast Horse einer vagabundierenden Räuberbande anschließt. Er wird zu dem, was wir einen Nihilisten nennen, für indianische Verhältnisse eigentlich undenkbar, denn die Natur ist überall göttlich beseelt. Man kann nicht einfach so dahinleben, ohne die vielfältigen Signale aus Träumen und Orakeln wahrzunehmen, auszudeuten und schließlich zu befolgen. Ein solch naturmystisches Leben, das keine Kausalität kennt, muss bei der Kollision mit den Weißen zerbrechen. Die begehrten automatischen Gewehre verkörpern Verlockung und Bedrohung zugleich. Das im Vergleich zu Pfeil und Bogen unbegreiflich effiziente Vernichtungswerkzeug verschafft zwar kurzfristig einen Jagdvorteil, führt aber langfristig zerstörerische Prinzipen ein. Ursache und Wirkung lösen sich aus dem diffusen Gesamtzusammenhang von Beschwörung und Jagdglück. Wer "Stöcke-die-aus-der-Ferne-Sprechen" benutzt, kann auf Dauer kein Indianer bleiben, selbst wenn ihn kein äußerer Feind bedroht. Eine Minderheit der Blackfeet nimmt diese konservative Position ein, will lieber kämpfend untergehen, als immer mehr entmündigt und schließlich gänzlich von der weißen Kultur aufgesogen zu werden. Das blutige Ende dieser Haltung ist freilich vorhersehbar.

Man kann den Roman tiefgründig kulturanthropologisch lesen, man muss es nicht. Spannend bis zur letzten Zeile, enthält er alle Ingredienzien guter Unterhaltung, von der Liebe bis hin zum Verrat, unterscheidet sich aber in zwei Punkten von oberflächlicher Massenware: Seine poetische Sprache – oft ein Klischee, hier das Prinzip lebendiger Naturbeschreibung – nähert sich behutsam dem unabstrakten Denken der Indianer; Christoph Renfer als deutscher Übersetzer leistet kongeniale Arbeit. Und wenn ein Buch mehr sein soll als die Widerspiegelung beschränkter eigener Lebenswelten, dann stellt Fools Crow eine echte Bereicherung dar. Das Sozial- und Gefühlsleben anderer Kulturen kann vollkommen fremd und doch gänzlich nachvollziehbar sein. Auch für Erwachsene lohnt es sich, hin und wieder ein Indianerbuch zu lesen.

James Welch
Fools Crow
Aus dem Englischen von Christoph Renfer
Piper, 502 S., EUR 11,90

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