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StartseiteBüchermarktDer Begründer der lateinamerikanischen Moderne27.02.2005

Der Begründer der lateinamerikanischen Moderne

Juan Carlos Onetti: "Gesammelte Werke"

Nein, es geht nicht um Macondo. Die Stadt, die Gabriel Garcia Márquez erfunden hat und in "Hundert Jahre Einsamkeit" bis zum Nobelpreis hin ausschmückte, ist keineswegs die Hauptstadt der lateinamerikanischen Literatur. Es ist weder die größte noch die erste. Der eigentliche Akt geschah fast zwei Jahrzehnte vor Garcia Márquez: da erschuf ein weithin unbekannter, verschwiegener und zurückgezogener Autor aus Montevideo die moderne Literatur dieses Subkontinents. Die Stadt, die er in seinen Romanen am Ufer eines riesigen Stroms gründete und ausbaute, ist das Urbild für fast alles, was in dieser Sprache danach geschrieben wurde. Sie heißt Santa Maria und liegt irgendwo am Parana oder am Rio de la Plata, an einem ungewissen, schwebenden Ort, der seine Ausrichtung ständig verändern kann.

Von Helmut Böttiger

Buenos Aires: Sicher eines der Vorbilder für Onettis Santa Maria (AP Archiv)
Buenos Aires: Sicher eines der Vorbilder für Onettis Santa Maria (AP Archiv)

Die Stadt schillert zwischen Buenos Aires und Montevideo, den beiden Metropolen, in denen ihr Autor die meiste Zeit lebte, sie hat manchmal die Dimensionen einer Großstadt, durch die nachts die Straßenbahnen fahren, und manchmal schnurrt sie zusammen zu einer kleinen, engen Welt, die nur von wenigen Figuren bevölkert wird, und jede lebt in ihrem eigenen Kosmos. Ihr Schöpfer ist erst spät als das erkannt worden, was er ist, einer der wenigen mythenbildenden und originären Dichter der Weltliteratur - der 1909
als Sohn eines Zollbeamten geborene Juan Carlos Onetti.

Es ist leicht, über die Namengebung hinaus eine Gebietskarte und einen Stadtplan von Santa Maria zu zeichnen, aber dazu muss man auch über jedes Geschäftshaus, über jeden Hausflur, jede Straßenecke ein besonderes Licht legen. Man muss den niedrigen Wolken, die über dem Kirchturm und den Terrassen mit den cremefarbenen und rosa Geländern treiben, eine Form geben; man muss geschmackloses Mobiliar verteilen, muss akzeptieren, was man hasst, muss von irgendwoher Leute heranschaffen, damit sie wohnen, beschmutzen, rühren, glücklich sind und verschwenden. Und ich muss ihnen in diesem Spiel Körper geben, das Bedürfnis nach Liebe und nach Geld, ungleichartige und sich deckende Ambitionen, einen nie überprüften Glauben an die Unsterblichkeit und den Glauben daran, dass sie die Unsterblichkeit verdienen; ich muss ihnen die Fähigkeit des Vergessens, Eingeweide und unverwechselbare Gesichter geben.

Der dies sagt, ist eine merkwürdig anonym bleibende Figur in Onettis Roman "Leichensammler", und in dieser Passage drückt sich sehr deutlich aus, was im gesamten Literaturkosmos dieses Autors geschieht: er reflektiert das Wesen der Literatur immer gleich mit. Er weist seine Figuren manchmal fast unmerklich, manchmal aber auch in großen Visionen als literarische Entwürfe aus, die zum Teil selbst als Autor des Romans fungieren können. Aber das ist beileibe nicht akademisch oder trocken, nein, gerade dadurch stellt sich ein spezifischer Spannungszustand her, etwas nie richtig Greifbares zwischen Traum und Wirklichkeit, das den Sog von Onettis Prosa ausmacht.
Natürlich kann man Santa Maria beschreiben: es gibt ein Zentrum mit dem großen Hauptplatz, den man von den Korbstühlen der Hotelbar aus gut übersehen kann, es gibt eine Konservenfabrik und eine Werft, es gibt Arbeitervorstädte und eine Kolonie europäischer Einwanderer, bei denen Schweizer und Deutsche in der Mehrzahl zu sein scheinen. Aber immer wieder machen sich kleine Akzentverschiebungen bemerkbar, kleine Wechsel in der Perspektive, durch die die Stadt ständig in ein neues Licht getaucht wird, etwas Flirrendes und voller Luftspiegelungen. Der größte Unterschied etwa zu Gabriel Garcia Marquez ist, dass in Onettis Welt nichts vordergründig "phantastisch" wird, da erhebt sich niemand in die Lüfte und es tauchen nirgends Fabel- oder Märchenwesen auf. Onettis Welt ist auf den ersten Blick ganz real und konkret, und die Menschen werden hautnah beschrieben, auch wenn das Kameraauge manchmal so nah und ausschnitthaft an sie heranfährt, dass sie plötzlich wieder unscharf werden und ganz andere Umrisse annehmen können. Onettis magischer Realismus ist deshalb so magisch, weil er die menschliche Wahrnehmung in allen, ungewohnten Einzelheiten auslotet und dadurch eine Welt umreißt, die zunächst vertraut erscheint, aber allmählich immer diffuser und rätselhafter wird.

Er musste leben, und deshalb erfand er das Patronat über die armen, alten, verbrauchten und verschmähten Huren.

Ungerührt, Zielscheibe ironischer Blicke in Restaurants, in denen am frühen Morgen Eintopf serviert wurde, dicken Fünfzigerinnen und klapprigen Alten im Ballkleid mit väterlichem und duldsamen Lächeln zuhörend und Ratschläge erteilend zum Beweis, dass jede für ihn eine Frau war, die noch Geldscheine verdienen konnte und das nötige hofnungslose Vertrauen besaß, sie ihm zu schenken, eroberte er sich den Spitznamen Leichensammler, eroberte er sich die innere Ruhe, um ohne anderen Protest als ein kleines, schlaues und herablassendes Lächeln auf den Spitznamen zu antworten.

Hätte er auch nur einen kleinen selbstmörderischen Impuls gehabt, den nötigen Mut, sich vor einen Spiegel zu stellen, einen Nachmittagsschlaf zu unterbrechen und sich prüfend zu betrachten, dann hätte er sich identisch gefunden mit dem Bild eines langmähnigen, zerlumpten Geigers, der sozusagen ohne Erlaubnis des Wirts für die Kunden eines zweitklassigen Cafés in drittklassigen Städten Walzer und Operettenpotpourris spielt, den Kopf mehr oder weniger verächtlich erhoben, den großen Mund erstarrt in einem beliebig deutbaren Lächeln, überzeugt, dass etwas Wesentliches unverletzt bleibe, solange er die schmierige und gedunkelte Geige nicht zur Hand nimmt, solange er keine Tangos spielt, solange er seine Musik davor bewahrt, Betrunkenen und dicken Frauen Gesellschaft zu leisten; der nach jeweils drei Stücken an die Tische tritt und einen Metallteller hinhält, in den Münzen fallen, die er in die Taschen seines schwarzen Jacketts leeren kann, ohne dass die Haut seiner Hand teilhat an der Freude und der Demütigung. Der manchmal ein gelbes, an den Falzstellen brüchiges, schwer zu entfaltendes Konzertprogramm zeigt, auf dem eine noch erkennbare Fotografie von ihm zu sehen ist sowie das Wort Wien, das er selbst rot unterstrichen hat, damit es unter den anderen, unverständlichen, von Umlautpünktchen und eckigen Schleifen gehetzten Worten rascher erkannt werden kann.


Der Leichensammler, um den es hier geht, heißt eigentlich Larsen und ist die Hauptfigur der beiden Romane, mit denen der Suhrkamp-Verlag seine große Werkausgabe von Juan Carlos Onetti beginnt: sie heißen "Leichensammler" und "Die Werft". Doch das Porträt als zerlumpter Geiger ist keineswegs ein abschließendes Porträt, mit jedem neuen Blick erscheint die Figur ein bisschen anders. "Leichensammler" ist der bleibende Spitzname für Larsen, weil er in Buenos Aires und Rosario seine Karriere als Zuhälter mit abgehalfterten Huren angefangen hat und danach auch kaum darüber hinausgekommen ist. Er träumt die ganze Zeit davon, ein "perfektes Bordell" zu erschaffen, doch er lungert nur in nachgeordneten Positionen herum, bis ihn der Apotheker Barthé nach Santa Maria lockt, um dort das erste Etablissement dieser Art überhaupt in der Stadt zu eröffnen. Der Apotheker muss für sein Vorhaben aber im Stadtrat erst eine Mehrheit finden, und über Jahre hinweg wird es von der konservativen Mehrheit immer wieder abgelehnt.

Larsen, der Leichensammler, harrt die ganze Zeit in einer Pension über der Kneipe Berna aus und hält sich in untergeordneter Stellung bei der Zeitung "El Liberal" über Wasser, bis es dem Apotheker durch einen politischen Kuhhandel tatsächlich gelingt, die Konservativen zu einer Zustimmung für das Bordell-Projekt zu bewegen. Der Roman mit dem Titel "Leichensammler" beginnt mit dem Eintreffen der drei alten Huren, die Larsen in der Hauptstadt dazu überreden hat können, mit nach Santa Maria zu kommen, und erzählt im wesentlichen die Geschichte des Bordells, von den triumphalen ersten Wochen bis zur Schließung, die das Bezirksgouvernement veranlasst.

Doch dazwischen geschehen noch ganz andere Dinge, und es wird schnell klar, dass hier der übliche Ablauf der Zeit von vornherein außer Kraft gesetzt ist, dass das Bordell nur eines der Sinnbilder für Santa Maria sein kann, das ständig von vielen anderen überlagert wird, dass wir in einen Kosmos hineingeraten, in dem es nur scheinbar um eine oder mehrere Handlungen geht und in dem alle Gewissheiten durch das Erzählen verschwinden. Zwischen der Bordellgeschichte taucht immer wieder die Gestalt des einsamen Arztes Diaz Grey auf, der in sämtlichen Texten Onettis über Santa Maria eine tragende Rolle spielt und wie der Geist des Erzählers agiert, eine undurchschaubare Identifikationsfigur, die die Künstlichkeit alles Wirklichen bloßstellt und die tiefe Wahrheit der literarischen Imagination:

Frierend, hüpfend auf dem Rücksitz des Autos, vergaß Diaz Grey den Tag, dachte zurück an seine Empfindungen bei anderen unsichtbaren Landschaften, anderen nächtlichen Fahrten in regnerischen Wintern, anderen Gesichtern und Gebärden, Einsamkeiten, plötzlichen kurzen Überzeugungen. Seit vielen Jahren war sein Gedächtnis unpersönlich; er beschwor Menschen und Umstände, intuitiv erfasste Bedeutungen, alte Irrtümer und Vorahnungen herauf, aus reiner Lust, sich Träumen zu überlassen, die er wählte, weil sie absurd waren.

Und in einzelnen Schüben des Erzählens, zwischen dem Kampf um das Bordell und den zeitüberschreitenden, bewusstseinsklaren Trancezuständen des Arztes Diaz Grey kommt eine weitere Person zu Wort, die aus der Ich-Perspektive heraus spricht: der sechzehnjährige Jorge Malabia, der Gedichte schreibt und eine verwirrende Beziehung zu der etwa dreißigjährigen Julita unterhält. Sie ist die Witwe seines Bruders und durch dessen Tod an den Rande des Wahnsinns gebracht. Sie empfängt Jorge jede Nacht um 23 Uhr, wo er ihr wie die Inkarnation des verstorbenen Federico erscheint; sie zieht ihn in immer erotischer werdende nekrophile Rituale hinein:

Wenn sich mein Bruder erinnern kann, wird er oft an dieses waagrechte, am Kinn, unterhalb der Ohren und in den Wangen dicker gewordene Gesicht denken; wird sich mit einer anderen - tieferen, weniger hoffnungsvollen - Neugier über den Glanz der Zähne und der Augen beugen, über das Lauernde der Lippen und der halb geschlossenen Lider.

Sie stellt das leere Glas auf den Tisch zurück und hustet; nun legt sie sich hin mit längs dem Körper ausgestreckten Armen, mit dem gleichen, willentlich friedfertigen Lächeln. Ob sie schwanger ist oder nicht - jeder der beiden Lügen kann in dieser Nacht einen Schritt weitergehen, einen Platz in der Welt einnehmen; das himmelblaue Kleid wölbt sich über dem Bauch, hängt durch zwischen den Schenkeln. Gerührt erkenne ich ihren Wahnsinn an den hochhackigen, kaum benützten Atlasschuhen, die im Gelenk glänzen.


Onetti ist ein Meister in der Inszenierung solcher Zwischenwelten, solcher verborgener Andeutungen. Der Roman folgt der Logik des Traums, und als solcher ist er glasklar, mit scharf umrissenen Konturen, in überdeutlicher Genauigkeit. Dass in der Bordellgeschichte Liberale und Konservative gegenüberstehen und der "Leichensammler" Larsen am Ende aufgeben muss, ist nur eine ironische Referenz an die Konventionen des bürgerlichen Romans:

Larsen hat in dem Pfarrer Bergner, der nach einer Weile glühende Predigten gegen das Bordell hält, und in dem zwielichtigen reichen Bohemien Marcos starke Gegner. Sie zwingen durch ihren moralischen Druck die Bevölkerung dazu, das Bordell nicht mehr aufzusuchen. Doch der Roman stellt weit mehr dar als den Kampf zwischen Obskurantismus und Aufklärung, wie es eine der Figuren am Schluss behauptet - die Aufklärung erscheint schon durch die Belegung des Bordells mit drei abgewrackten Huren in einem schrägen Licht, durch die ewig scheiternde Figur Larsen; und die faszinierenden, unwägbaren Kamerafahrten der Erzählung bringen alle scheinbar sicheren Zuordnungen von vornherein durcheinander. Die Figuren sind getrieben von unbestimmbaren Sehnsüchten, von einem nicht zu kontrollierenden Geschick. Santa Maria ist durchdrungen von Schwüle, von einem morbiden, lastenden Klima und einer trägen Sinnlichkeit, der die einzelnen Figuren hilflos ausgesetzt zu sein scheinen. Der Leichensammler aber erhält durch die Besessenheit und Vergeblichkeit seines Tuns wie von selbst eine künstlerische Dimension, und das verbindet ihn mit dem Arzt Diaz Grey, der von einem Punkt aus agiert, der die üblichen Sinngebungen längst hinter sich gelassen hat.

Der zweite Roman mit dem Titel "Die Werft", der im ersten Band der Werkausgabe enthalten ist, wirkt wie ein Satyrspiel zu der vorangegangenen Bordellgeschichte. Larsen kommt fünf Jahre, nachdem er Santa Maria als Gescheiterter verlassen hat, aus unerfindlichen Gründen wieder in die Stadt und gerät auf dunklen, kafkaesk anmutenden Wegen in den Bannkreis des abgetakelten Werftbesitzers Petrus. Obwohl das Unternehmen eindeutig bankrott ist und keine Arbeiter mehr beschäftigt, heuert Larsen dort als fiktiver "Hauptgeschäftsführer" an, zwischen löchrigen Blechdächern, verrosteten Maschinen und lauter Schuppen mit kaputten Geräten und Ersatzteilen, durch die hohe Brennesselstauden wuchern. Anlass für den Eintritt in die Firma von Petrus ist offenkundig die Szene zu Beginn, als Larsen sich an der Peripherie von Santa Maria verliert und in einem Lokal landet, das kurz danach von zwei Frauen betreten wird. Die eine ist eine Bedienstete. Die zweite aber zieht ihn in ein Geschehen, das er nicht
durchschaut:

Er musterte die andere, die immer noch lachte und mit der Reitgerte auf den Blechrand der Theke schlug: sie war groß und blond, war mal dreißig, mal vierzig Jahre alt.

Kindheitsreste standen noch in ihren hellen Augen, die sie zusammenkniff, um zu schauen - ein wütendes, herausforderndes Licht, das rasch bereute -, es gab sie andeutungsweise in der flachen Brust, dem Männerhemd und dem kleinen Samtband um den Hals; sie waren überzeugend nachgeahmt in den langen Beinen, im schmalen Knabengesäß in der locker sitzenden Reithose.

Ihre oberen Zähne waren groß und vorstehend, und sie lachte abgehackt mit erstauntem, aufmerksamem Gesicht, als stieße sie das Lachen aus sich heraus, als sähe sie zu, wie es sich von ihr löste, schimmernd und weiß, maßlos; wie es sich entfernte und in Sekundenschnelle starb, zerfloss, ohne Flecken oder Echo zu hinterlassen, auf der Theke, auf den Schultern des Wirts, zwischen den Spinnweben, welche die Flaschen auf dem Bord verbanden.

Sie hatte goldenes, langes, nach hinten gekämmtes, im Nacken mit einem zweiten schwarzen Samtband zusammengehaltenes Haar.


Sie war mal dreißig, mal vierzig Jahre alt - das zeigt schon die Dimension, in der sich die Wahrnehmung Larsens bewegt. Sie ist Objekt einer Begierde, die weitaus mehr umfasst als sexuelles Verlangen. Die "Kindheitsreste", die er an ihr sieht, sind Auslöser einer tiefgreifenden Sehnsucht. Es geht dabei um etwas Absolutes. Angelica Ines, so stellt sich heraus, ist die Tochter des Werftbesitzers Petrus. Larsen sieht das mittlerweile verkommene, aber immer noch von seiner großen Zeit kündende Herrenhaus als "erstrebten, verheißenen Himmel" an, und die Verbindung mit der Tochter wäre das Einswerden mit einem unmöglichen Traum. Hier waltet eine existenzielle, finstere Ironie - denn so wie die Glanzzeiten der Werft weit zurückliegen, so ist auch Angelica Ines geistig zurückgeblieben, Gespräche mit ihr sind schlechthin nicht möglich. Doch genau darin verkörpert sie eine Reinheit, eine fiktive Ganzheit. Dass Larsen hier untergehen muss, steht von Anfang an fest, sein Tod am Schluss ist die unerbittliche Konsequenz. "Die Werft" ist eine gewaltige, schwarze Vision, die den Leser trotz und wegen der grotesken, ungeheuren und verzerrten Momente der Handlung unwillkürlich in ihren Bann zieht.

Dass der Suhrkamp Verlag die Werkausgabe Onettis mit diesen beiden Romanen eröffnet, als Band 3 von fünf geplanten Bänden, wirkt womöglich irritierend. Sie stehen chronologisch nicht am Anfang des Santa Maria-Zyklus. Zum ersten Mal sind sie Anfang der sechziger Jahre erschienen. Der grundlegende Roman aber, in dem Onetti seine Ästhetik entwickelte und Santa Maria erschuf, ist bereits 1950 veröffentlicht worden und trägt den Titel "Das kurze Leben". Hier gibt es eine Hauptfigur namens Brausen, die aus ihrer Alltagswelt in einer Werbeagentur in Buenos Aires plötzlich ausbricht und sich in mehrere Phantasien aufsplittert. In einem Filmdrehbuch entwickelt er das Bild der Stadt Santa Maria und die Gestalt des Arztes Diaz Grey, und gegen Ende des Romans verschwindet Brausen unter einem anderen Namen in dieser erdachten Stadt. In allen folgenden Büchern Onettis sind Anspielungen auf Brausen als Gründerfigur Santa Marias enthalten, und sein Denkmal, ein Reiterstandbild in der Art aller Gründer- und Befreierdenkmäler Südamerikas, steht auf dem Hauptplatz der Stadt.

"Leichensammler" und "Die Werft", die beiden Romane um den groß scheiternden Larsen, sind natürlich durchaus eigenständig zu lesen, sie sind in sich abgeschlossen und haben ihr eigenes Kraftfeld. Aber die wahre Dimension, die eine Figur wie der Arzt Diaz Grey hat, wird erst deutlich, wenn man seine Genese in "Das kurze Leben" kennen gelernt hat und das charakteristische Changieren im Erzählen Onettis an dem Punkt wahrnahm, den man den Urknall nennen könnte. Immerhin gibt es in dem Band einige Anmerkungen, eine Zeittafel, ein Personenverzeichnis und ein Nachwort, das ein bisschen trocken und akademisch, aber recht umfassend über Onettis Welt und diese beiden ersten Romane der Werkausgabe informiert. Im zwanzigsten Jahrhundert gab es Faulkner und Kafka, Proust und Joyce. Lateinamerika aber wurde von Juan Carlos Onetti erfunden.

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