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StartseiteKultur heute"Der Dritte Weltkrieg hat begonnen"25.07.2005

"Der Dritte Weltkrieg hat begonnen"

Henryk M. Broder über den Terrorismus und die Reaktionen der westlichen Gesellschaften

"Wir dürfen uns vom Terror nicht einschüchtern lassen", wird nach jedem neuen Anschlag gefordert." Denn dann hätten die Terroristen ihr Ziel erreicht. Angst sei in dieser Situation nur vernünftig, meint dagegen der Spiegel-Redakteur und Buchautor Henryk M. Broder. Schließlich, sei der Dritte Weltkrieg ausgebrochen.

Moderation: Stefan Koldehoff

Zerstörter Wagen einer U-Bahn nach dem Anschlag in London.  (AP)
Zerstörter Wagen einer U-Bahn nach dem Anschlag in London. (AP)

Koldehoff: Sieht es denn nicht ganz so aus, als werde die Angst in den kommenden Jahren und vielleicht sogar Jahrzehnten unser Leben beherrschen?

Broder: Das glaube ich auch, vor allem deswegen, weil wir alle keine Antworten auf diese Fragen wissen. Angst ist sozusagen die gemeinsame Klammer, der gemeinsame Untergrund, auf dem das alles stattfindet. Man kann nur sagen, dass man mit der Angst einige Reaktionen erklären kann, die wir nach den Anschlägen in London bilderbuchhaft erlebt haben. Zuerst gab es das Entsetzen, dann kam das Bedauern, dann gab es ein paar rhetorische Fragen und dann setzte der übliche Zirkus von Selbstbeschuldigung ein. Alle bis hin zum Londoner Bürgermeister Ken Livingstone fragten sich, was machen wir falsch, dass die so handeln müssen, wie sie handeln? Das ist, glaube ich, die absolute Katastrophe. Das ist die Kapitulationserklärung. Das ist wirklich die einzige Möglichkeit, die Täter weiter zum Handeln einzuladen und sich selber völlig ohnmächtig zu stellen.

Koldehoff: Kapitulation dadurch, dass aus Tätern Opfer, aus Opfern Täter gemacht werden?

Broder: Genau das. Dass wir uns dafür verantwortlich erklären, was die machen müssen, weil wir Imperialisten sind, weil wir denen unseren Lebensweg aufdrängen, obwohl in London zwei Millionen Muslime leben. Es leben nicht etwa zwei Millionen Christen in Riad oder in Islamabad. Aber wir zwingen denen unseren Lebenswillen auf, und weil wir sonst nichts anderes zu bieten haben außer Selbstbeschuldigung, Selbstschwäche, Selbstzweifel, bieten wir ihnen den Frieden durch Unterwerfung an. Aber das wird nicht funktionieren. Nichts finden Fundamentalisten und Terroristen verächtlicher und attraktiver als die Schwäche des Gegners.

Koldehoff: Das ist eigentlich auch der Satz, der nach Anschlägen immer sofort kommt, die wollen unsere Normalität zerstören, die wollen, dass wir Angst haben, also dürfen wir sie nicht haben. Aber wir haben sie doch alle.

Broder: Natürlich haben wir sie alle. Nur Idioten und Wahnsinnige hätten in dieser Situation keine Angst. Die Frage ist nur, welche Schlüsse man daraus zieht. Man kann auf keinen Fall den Schluss daraus ziehen, dass wir uns unterwerfen müssen, und zwar vorzeitig, präventiv, damit die aufhören, uns zu bomben. Das beste Beispiel dafür war die Forderung von Günter Grass, man sollte irgendwo in Flensburg oder in Kiel eine Kirche in eine Moschee umwandeln als Zeichen des guten Willens. Ich weiß nicht, fällt Ihnen eine einzige Moschee ein, die in Islamabad in eine Kirche umgewandelt wurde als Zeichen des guten Willens? Das sind Absurditäten von solchen Leuten, die sich keine Vorstellung von Terror machen können und ständig nach rationalen Ursachen des Irrationalen suchen. Die sind so, weil sie arm sind, weil sie unterdrückt werden. Alles stimmt nicht. Wir wissen, dass es alles nur Ausreden sind. Trotzdem pflegen wir diese Erklärungsmodelle weiter, weil wir uns nichts anderes aus unserer Sicht heraus vorstellen können. Was jetzt stattfindet, ist leider der Dritte Weltkrieg - mit diesem Gedanken muss man sich abfinden -, und was damit verbunden ist, ist in der Tat das Ende der bürgerlichen Freiheiten. Irgendwann wird sich die Alternative stellen, Freiheit oder Sicherheit, und in der Tat muss man zugeben, ohne Sicherheit gibt es keine Freiheit. Wenn ich nicht die Sicherheit habe, um zehn Uhr abends ohne Angst zu haben, überfallen zu werden, auf die Straße gehen zu können, habe ich keine Freiheit. Aber je mehr Sicherheit hergestellt wird, umso mehr Freiheiten werden abgeschafft. Schauen Sie, es hat neulich im Europaparlament eine absurde Debatte gegeben. Es ging darum, ob es richtig ist, den Amerikanern die Passagierlisten von Flugzeugen zu schicken, die von Europa nach Amerika abheben. Das Europaparlament, viele deutsche und europäische Politiker fanden, das ist eine ungeheure Einschränkung unserer bürgerlichen Freiheiten. Ich fand das vollkommen absurd. Wenn es zu meiner Sicherheit beträgt, dass neben mir kein Bomber sitzt und keine Bombe im Kofferraum tickt, dann können die Amis gerne meinen Namen und auch meine Essgewohnheiten haben. Also zu solchen Exzessen neigen wir heute im Vertrauen auf unsere Sicherheit, und ich bin absolut sicher, dass es bald ticken wird, dass man bald eine Meldepflicht wahrscheinlich für alles einführen wird, zumal Sie jetzt schon den gläsernen Bürger haben.

Koldehoff: Das klingt alles sehr fatalistisch. Das heißt, es gibt aus Ihrer Sicht keine Möglichkeit, diesen Weg wieder zu verlassen, in eine andere Richtung zu wenden?

Broder: Es gibt sicher einen Weg, nur weiß ich keinen, und ich fürchte, die anderen wissen auch keinen. Man kann natürlich die wehrhafte Gesellschaft spielen. Man kann immer mehr Gesetze einführen. Man kann sich auf die Brust schlagen, und die Friedrich-Ebert-Stiftung der SPD kann immer mehr gemeinsame Seminare mit der Hisbollah organisieren, was sie sehr gerne macht. Man kann vieles machen, es wird nur nichts helfen, solange die Grundeinsicht nicht da ist, dass der Dritte Weltkrieg in dieser Form bereits begonnen hat. Wir werden nicht dafür belohnt werden, dass wir eine Appeacement-Politik betreiben, ganz im Gegenteil: Das zeigt nur, wie schwach wir sind, wie kompromissbereit wir sind, wie wenig wir auf uns selbst vertrauen.

Koldehoff: Vielen Dank für das Gespräch.

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