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StartseiteDLF-MagazinDer erfolglose Gorleben-Dialog13.10.2011

Der erfolglose Gorleben-Dialog

Norbert Röttgens Einsatz für ein Endlager in Gorleben kommt in der Region nicht gut an

Anti-Atom-Bürgerinitiativen in Gorleben halten das Dialogangebot des Bundesumweltministers für eine Alibiveranstaltung. Er sei 34 Jahre zu spät gekommen, meinen die Aktivisten.

Von Susanne Schrammar

Das Zeichen für Radioaktivität auf einer gelben Tonne, aufgenommen bei einer Greenpeace-Aktion in Berlin im März 2011. (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)
Das Zeichen für Radioaktivität auf einer gelben Tonne, aufgenommen bei einer Greenpeace-Aktion in Berlin im März 2011. (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)

Zwei Transporter – bunt beklebt mit Anti-Atom-Aufklebern und Plakaten – und eine Bierzeltgarnitur verstellen die Zufahrt zum Erkundungsbergwerk in Gorleben. Es ist fünf nach Zwölf gestern Mittag, als Kerstin Rudek, Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, mit einem halben Dutzend Unterstützern eine symbolische Blockade ausruft.

"Wir konjugieren hier im Wendland immer. Wir sagen: "er log, sie log, es log – Dialog!"

...empört sich die Gorleben-Gegnerin und meint damit den Bürgerdialog, zu dem das Bundesumweltministerium im Rahmen der Erkundung des Salzstocks als atomares Endlager eingeladen hat. An diesem Nachmittag soll der Dialog gestartet werden, mit einer Veranstaltung im nahe gelegenen Hitzacker. Doch nicht nur die Mitglieder der Bürgerinitiative, auch Umweltverbände, die Kirchen, die meisten Parteien im Landkreis und viele Interessenverbände nennen Norbert Röttgens Dialogangebot eine Alibiveranstaltung. Sie halten Gorleben als Endlager für nicht geeignet, fordern einen Stopp der Erkundung und erteilten dem Bundesumweltminister eine Abfuhr.

"Erstens kommt er 34 Jahre zu spät, zweitens Gorleben wird als Endlager fertig gebaut, also von Ergebnisoffenheit ist keine Spur. Es geht wirklich nicht um eine Beteiligung der Bevölkerung. Sondern es geht um das formale Abarbeiten einer juristisch geforderten Beteiligung. Und wir haben uns immer beteiligen wollen, auf uns ist nie gehört worden und an diesem Punkt sagen wir einfach nur noch "Nein!"

Vier Stunden später im Kulturzentrum in Hitzacker. In den gekachelten Räumen ist es gespenstisch leer, nach und nach trudeln ein paar Anzugträger ein. Im kleinsten Veranstaltungssaal werden Stühle, ein Beamer und eine Internetkamera aufgestellt. Für 92.000 Euro hat das Bundesumweltministerium Zeitungsanzeigen geschaltet, um für den Auftakt des Gorlebendialogs zu werben. Wer teilnehmen wollte, musste sich im Internet mit einem aufwendigen Formular anmelden. Unter den jetzt 30 Anwesenden befinden sich gerade einmal zehn Bürger, der Rest sind Behördenmitarbeiter, Vertreter der Atomwirtschaft und Journalisten und Kamerateams. Kein Problem, findet Ursula Heinen-Esser, Staatssekretärin im Bundesumweltministerium.

"Wir sind eigentlich ganz zufrieden damit. Wir machen heute keinen großen politischen Dialog, wir machen einen Fachdialog und da ist die Resonanz für uns völlig in Ordnung. Auch vor allen Dingen das, was wir an Fragestellungen dazu im Internet hatten."

Der Titel der Dialog-Veranstaltung "Gas- und Kohlenwasserstoffvorkommen in Gorleben" – ein sehr spezielles Thema. Weil in dem Salzstock Erdgas, Methan und Kohlenwasserstoffe vorkommen, fürchten Gorleben-Gegner Explosionen unter Tage, sollte der hochradioaktive Atommüll dort eingelagert werden. Unter www.gorlebendialog.de konnten vorab Fragen gestellt werden: 31 Fragen von 24 Usern sind eingegangen. Unter den zehn Bürgern, die nach Hitzacker gekommen sind, sind zwei Geologen und ein Physiker von außerhalb. Sie sitzen auf dem Podium. Die anderen im Publikum sind fast ausschließlich CDU-Mitglieder aus der Region. Die Christdemokraten sind die einzigen im Wendland, die sich stets für eine Weitererkundung Gorlebens eingesetzt haben. Auch Ulrich Flöter, 71 Jahre alt und CDU-Kreistagsabgeordneter.

"Ich finde das also besser, man spricht miteinander, vor allen Dingen man holt sich Experten anstatt dass man eine Ideologie oder irgendwas vertritt, was man nicht wissenschaftlich beweisen kann und deshalb bin ich neugierig auf das, was hier heute besprochen werden wird."

Neben den ausgewählten Bürgern und der Staatssekretärin haben drei Experten auf dem Podium Platz genommen: Ein Lagerstättentechniker der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, ein Endlagerforscher der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit und ein unabhängiger Geologe aus der Schweiz. Zweieinhalb Stunden lang wird auf hohem wissenschaftlichem Niveau über Gasvorkommen, Sicherheitsanalysen, thermische Entwicklungen und Gesteinsveränderungen diskutiert. Im Internet, wo die Veranstaltung live weltweit übertragen wird, schalten sich nur zwei Nutzer in die Diskussion ein. Kein Wunder, sagt Michael Mehnert, der als einer der drei Bürgervertreter auf dem Podium sitzt. Der Berliner hat bis zu seiner fristlosen Kündigung zehn Jahre für das Bundesamt für Strahlenschutz gearbeitet, die Behörde, die die Erkundung Gorlebens durchführt. Dieser Fachdialog erreicht die Bevölkerung gar nicht, schüttelt Mehnert den Kopf.

"Die Frage ist, wer ist eigentlich angesprochen? Der Bürger? Dann würde ich sagen, dann muss man nicht nur PDFs ins Netz stellen, die einen wissenschaftlichen Anspruch haben und auch gewisses Vorverständnis haben muss, um da überhaupt durchzublicken. Insofern stimmt es, dass dieser Dialog ein Scheindialog ist, wie er zur Zeit hier geführt wird."

Nach zweieinhalb Stunden bleiben mehr Fragen als Antworten. "Gas- und Kohlenwasserstoffe können Einfluss auf die Sicherheit eines Endlagers für Wärme entwickelnden Atommüll haben", könnte als mageres Ergebnis stehen. Doch wie viel davon im Gorlebener Salzstock steckt und welche Gefahr davon ausgeht, wissen die Experten der Bundesregierung noch nicht. Auch Ulrich Flöter, dem CDU-Abgeordneten aus dem Landkreis, steht noch immer ein Fragezeichen auf der Stirn:

"Für mich ist klar geworden, dass der wissenschaftliche Prozess also noch lange dauern wird, um zum Schluss sagen zu können: Ja oder Nein. Ist das machbar oder ist das nicht machbar?"

Diesem Gorleben-Fachdialog, hat das Bundesministerium für Umwelt angekündigt, sollen weitere folgen. Allein die Übertragung der Veranstaltungen ins Internet – diesmal haben in Spitzenzeiten etwa 90 Personen zugesehen – lässt sich die Bundesregierung rund 150.000 Euro kosten.

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