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Der erste türkische Panzer

Türkei will führender Rüstungsexporteur werden

Von Susanne Güsten

Vor 15 Jahren verweigerte Deutschland der Türkei im Streit um die Kurdenpolitik den Verkauf von Leopard-Panzern.
Vor 15 Jahren verweigerte Deutschland der Türkei im Streit um die Kurdenpolitik den Verkauf von Leopard-Panzern. (AP)

Auf Rüstungsgüter aus dem Ausland will Ankara sich nicht mehr verlassen. Das ging schon mit den Leopard-Panzern aus Deutschland schief. Heute baut die Türkei ihre Panzer selbst, und nicht nur das: Der Export von türkischen Rüstungsgütern zeigt steile Wachstumsraten.

Eins, zwei, drei - Feuer! Stolz demonstriert die türkische Armee ihre Toros-Rakete, die erste Boden-Boden-Rakete aus einer türkischen Fabrik. Jahrzehntelang hat die zweitgrößte Streitmacht der NATO ihre Rüstungsgüter aus dem Ausland importiert, doch das ändert sich.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan will eine heimische Rüstungsindustrie aufbauen. Auf der Jahrestagung des türkischen Wissenschaftsrates machte er noch einmal deutlich warum:

"Ein Land, das keine hochtechnologische Rüstungsindustrie hat, das keine eigenen Aufklärungssatelliten und Abschussrampen, keine eigenen Panzer, Kampfflugzeuge und Hubschrauber, keine eigenen Raketen und Radarsysteme herstellen kann, das kann weder in der Region noch in der Welt mitreden."

Und mitreden will die Türkei heutzutage. Schon 2004, vor knapp zehn Jahren, fasste die Regierung deshalb den Grundsatzbeschluss, die Türkei vom Waffenimporteur zunächst eigenständig und dann zum Rüstungsexporteur zu machen. Inzwischen produziert der türkische Rüstungssektor eigene Kriegsschiffe, Kampfhubschrauber und unbemannte Aufklärungsflugzeuge, sogenannte Drohnen.

Mit einer Ehrengarde wurde Erdogan vor ein paar Wochen im westtürkischen Sakarya empfangen, wo ihm ein weiterer Fortschritt präsentiert wurde: der erste türkische Panzer.

Über Schanzen und Pisten brauste der Prototyp des "Altay", der auf einer südkoreanischen Vorlage beruht und mit türkischer Kanone und Feuerleitsystem ausgestattet ist. Noch steckt der Panzer in der Testphase, diese soll aber bereits in diesem Jahr abgeschlossen werden. Im kommenden Jahr geht der "Altay" dann in Serie - genau 15 Jahre, nachdem Deutschland der Türkei im Streit um ihre Kurdenpolitik den Verkauf von Leopard-Panzern verweigerte.

Mit dem gemeinsamen Singen der türkischen Nationalhymne zelebrierten die Spitzen von Staat und Militär im vergangenen Monat einen weiteren Meilenstein, als der türkische Aufklärungssatellit Göktürk-2 an Bord einer chinesischen Trägerrakete ins Weltall geschossen wurde. In seiner Ansprache vor dem Countdown zeigte sich der Präsident des türkischen Wissenschaftsrates, Yücel Altunbasak, euphorisch:

"Es gibt auf der Welt etwa 200 Länder, davon haben nur 56 Satelliten im All, und davon wiederum können weniger als die Hälfte, nämlich 25 Staaten, ihre Satelliten selbst herstellen. Die Türkei gehört nun zu diesen Staaten, das haben wir geschafft. Jetzt sollten wir einen Gang hochschalten, uns höhere Ziele setzen, denn wir wissen nun, dass wir es können. Der nächste Schritt muss sein, dass wir unsere Satelliten mit eigener Rakete hochschießen. Es gibt auf der Welt elf Länder, die ihre Satelliten selbst ins All schießen können. Mit Gottes Hilfe werden wir das zwölfte Land. "

Schon im nächsten Jahr soll der Satellit Göktürk-1 starten, nach dem teils militärisch und teils zivil genutzten Göktürk-2 wird es der erste rein militärische Satellit der Türkei sein. Den Haushalt für Forschung und Entwicklung im Rüstungssektor hat die Regierung für 2013 gegenüber dem letzten Jahr sage und schreibe verdreizehnfacht. Das müsse es dem Land wert sein, sagte Erdogan auf der Wissenschaftstagung:

"Wir messen der Rüstungsindustrie große Bedeutung zu. Natürlich können wir die Versäumnisse von Jahrzehnten nicht über Nacht wettmachen, aber wir haben in den letzten zehn Jahren schon riesige Fortschritte gemacht. Unser Ziel ist es, die Türkei bis zum Jahr 2023 ganz nach vorne zu bringen und bis dahin zu den zehn fortschrittlichsten Ländern der Welt zu gehören. Wir sind entschlossen, bis dahin in der Rüstung nicht nur eigenständig zu sein, sondern eine weltweit führende Exportnation für Technologie und Rüstungsgüter."

Davon ist die Türkei freilich noch weit entfernt. Sie schafft es derzeit noch nicht einmal in die Liga der hundert größten Waffenexporteure. Aber die Rüstungsexporte haben die höchsten Zuwachsraten der gesamten türkischen Wirtschaft zu verzeichnen; im vergangenen Jahr stiegen sie um fast die Hälfte gegenüber dem Vorjahr.

Zwar warnen Kritiker wie die Rüstungsexpertin Lale Kemal vor Selbstbetrug: In den viel gepriesenen türkischen Produkten stecke noch immer jede Menge importierte Technologie, sagt Kemal. Die Expertin sieht in dem Streben nach einer hundertprozentig nationalen Rüstungsindustrie zudem die Gefahr, dass die Schlagkraft der türkischen Streitkräfte beeinträchtigt werden könnte, wenn diese keine Waffensysteme aus dem Ausland mehr kaufen dürften und auf eventuell minderwertige Kopien aus heimischer Produktion zurückgreifen müssten.

In der Öffentlichkeit steht Kemal mit ihrer Skepsis allerdings ziemlich alleine da. Und das Ziel der Branche zum 100. Geburtstag der türkischen Republik in zehn Jahren steht schon fest: 25 Milliarden Dollar, knapp 20 Milliarden Euro also, will die Türkei im Jahr 2023 an Rüstungsexporten verdienen.



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