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StartseiteSport am WochenendeDer Krieger18.12.2011

Der Krieger

Acuil Malith brach seine Sportler-Karriere ab, um für die Unabhängigkeit eines Landes zu kämpfen

Im Juli wurde der Südsudan unabhängig, als jüngstes Land der Welt. Der Sportbetrieb lag in 21 Jahren Bürgerkrieg weitgehend brach. Einer, der für diese Freiheit gekämpft hat ist Acuil Malith - er gab eine internationale Basketballkarriere auf, um in den Krieg zu ziehen.

Von Niklas Schenk

Unabhängigkeitsaktivisten demonstrieren vor dem Flughafen von Juba im Südsudan (AP)
Unabhängigkeitsaktivisten demonstrieren vor dem Flughafen von Juba im Südsudan (AP)

Es war das Jahr 1988, und Acuil Maliths letztes Baskteballspiel lag bereits elf Jahre zurück. Unter seinem Kommando belagerten südsudanesische Rebellentruppen die Stadt Juba im Süden des Sudans. Während der Gefechte mit den arabischen Regierungstruppen konnte Malith nur an eines denken:

"Ich träumte davon, Juba zu befreien, denn ich wollte unbedingt noch einmal auf dem Basketballplatz von Nimira Talata spielen."

Ende November 2011 schlurft Malith die Stufen zur Betontribüne von Nimira Talate hinauf. Auf dem Platz, den er und andere pünktlich zur Unabhängigkeit renoviert haben, werden Jugendliche von einem strengen Trainer gedrillt. Malith trägt riesige Basketballtreter. Zwei Meter sechs und kräftig gebaut -seinen wachsenden Bauch versteckt der Mittfünfziger unter einem grellweißen T-Shirt mit dem Logo der nordamerikanischen Profiliga NBA. Malith wuchs in Malakal auf, im heutigen Grenzgebiet zum Norden:

"Ich war schon politisch seit der Grundschule. Mit elf Jahren wurde ich verhaftet, weil ich eine Demonstration gegen den Jonglei-Kanal angeführt habe."

Mit dem Jonglei-Kanal wollte die Regierung das Wasser aus einem Sumpfgebiet im Süden des Sudan nach Norden leiten, um es an Ägypten zu verkaufen - einer der Gründe für den zweiten Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südsudan, der 1983 ausbrach. Die verschiedenen Stämme im Südsudan wurden nur durch ihre Hoffnung auf Freiheit zusammengehalten. Nur durch seinen Sport kam Malith, der zum Stamm der Dinka gehört, mit anderen Ethnien zusammen.

"Basketball weckte mein Bewusstsein, weil ich Leuten aus dem ganzen Süden zusammenkam, aus allen Stämmen. Ich spielte jedes Jahr in Juba, in Malakal, in Wau, das zementierte unsere Bindungen."

Mit 17 Jahren wurde Acuil Malith in die sudanesische Nationalmannschaft berufen. Doch je öfter er die arabische Nationalhymne hörte, desto weniger bedeutete ihm die Nominierung. 1978 ging er nach Ägypten und spielte für den Erstligaklub El Itihad in Alexandria. Zugleich studierte er an der Universität Viehzucht - schon in der festen Absicht, seinem Land damit helfen zu wollen. Einem Land, dass es noch gar nicht gab.

"Während des Studiums bekam ich Angebote von Klubs aus Paris und aus den Golfstaaten. Ich lehnte ab. Als ich meinen Abschluss hatte, hörte ich mit Basketball auf und ging in den Busch, kämpfen."

Ganz so einfach wie er es hier erzählt, war es nicht - zunächst musste sich Malith nach Äthiopien durchschlagen. Im Flüchtlingslager Itang traf er auf den Rebellenführer John Garang und auf Salva Kiir, den heutigen Präsidenten des Südsudan. Sie brauchten dringend gebildete Rekruten. Malith nutzte sein Wissen von der Universität und organisierte die Agrarproduktion, um die Soldaten mit Nahrung zu versorgen. Außerdem baute er Schulen für Kinder, die noch nicht kämpfen sollten. Und er flog besondere Einsätze, Waffen schmuggeln. Nur für zwei Jahre - für die Belagerung der Hauptstadt, kämpfte er an der Front. Irgendwann aber kam ihm das alles sinnlos vor - besonders wenn er aus der Luft auf Sportplätze blickte.

"Während des Kriegs gab es kaum Basketball. Die Regierung ließ das nicht zu, weil sie wusste, dass der Sport die verschiedenen Stämme im Süden zusammenbringen könnte. Sportler werden selbstbewusst und stolz, so was versuchen Feinde im Krieg zu zerstören."

Mitte der 90er-Jahre löste sich Acuil Malith von den SPLA-Rebellen und gründete seine eigene NGO - sein Kommandeur wollte ihn wegen Verrats erschießen lassen, doch Salva Kiir verbot die Vollstreckung. Zum ersten Mal im Jahr 2000 trommelte er in seiner Heimatregion Twic im umkämpften Grenzgebiet die Bewohner Dutzender Dörfer zusammen. Internationale Journalisten kamen zu Besuch für die "Twic-Olympics", weshalb der Norden sich hütete, das "Stadion" zu bombardieren - auf einem zugewachsenen Flugfeld ermittelten die Dörfer ihre Meister im Speerwurf und im Tauziehen, im Fußball und Volleyball, und in der Leichtathletik:

"Endlich konnten die Leute laufen, ohne vor einem Krieg davonzurennen. Die Spiele brachten Freude und Glück."

Eine Atempause auf dem Weg zur Unabhängigkeit, mehr nicht. Erst 2005 unterzeichneten Nord- und Südsudan ein Friedensabkommen. Acuil Malith kehrt zurück nach Juba. Als erstes suchte er den Basketballplatz von Nimira Talata auf und warf einsam ein paar Körbe. Auch wenn ihm das Töten häufig Alpträume bereitet: Malith hat nie bereut, dass er in den Krieg zog.
"Ich bin sehr glücklich. Vielleicht hätte ich noch ein paar Jahre Basketball spielen können. Aber meine Freiheit habe ich ab jetzt für immer."

Heute kämpft Acuil Malith für Sportunterricht in Schulen. Er findet Sponsoren für Sportplätze - lokale Geschäftsleute und internationale Organisationen gleichermaßen. Er will sich nicht abhängig machen vom Geld der Regierung - und er will nicht warten. Denn während er den Sportbetrieb aufnimmt, spricht die Regierung von den olympsichen Spielen in London 2012. Der Sportminister hält die Anerkennung durch das IOC nur noch für eine Formalität

"Wir haben weniger als ein Jahr aber wir werden das IOC überzeugen. Südsudan wird unter seiner eigenen Flagge bei den olympischen Spielen in London antreten. In den Sportspielen ist es zu spät, aber wir haben noch Möglichkeiten in der Leichtathletik, zwei Athleten in der Diaspora Australien könnten für uns starten. Und die behinderten Sportler sind hier sehr stark."

Diese Zuversicht teilt Acuil Malith nicht. Wenn es nach ihm ginge, sollte die Regierung sich darauf konzentrieren, neue Sportplätze zu bauen, Trainer auszubilden. Olympia 2012, glaube Malith, kommt für den Südsudan zu früh. Bisher gibt es nur nationale Dachverbände. Bevor ein nationales olympisches Komitee gewählt werden kann, müssen in allen Einzelstaaten des Südsudan Sportstrukturen entstehen und Wettbewerbe ausgetragen werden. Die Regierung hat selbst ein NOK benannt, mit dem früheren sudanesischen Diplomaten Charles Manyang an der Spitze. Dass der zugleich Staatssekretär im Außenministerium ist, stört sie nicht, obwohl das Internationale Olympische Komittee strikte Trennung von Sport und Politik vorschreibt.

" Es gibt ein von oben ernanntes NOK, aber das reicht nicht. Das IOC würde Charles Manyang nie anerkennen. Mir ist London egal, mir geht es jetzt vor allem darum, dass Kinder jeden Abend Sport machen können."

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