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StartseiteBüchermarktDer Vorleser13.02.2008

Der Vorleser

Franz Kafka und das Zusammenspiel von Wort und Stimme

Kafka und kein Ende: Noch die abgelegenste Tagebuchnotiz Kafkas kann zum Fundament einer Doktorarbeit werden. Unzählbar sind auch die Studien, die den Autor an der Schwelle eines neuen Medienzeitalters stehen sehen. Lothar Müller lässt seinen Kafka in die Vergangenheit blicken und findet dafür in den Tagebüchern eine Vielzahl von Beispielen.

Von Ulrich Rüdenauer

Franz Kafka. (AP)
Franz Kafka. (AP)

1912 trat Alexander Moissi im Rudolfinum in Prag auf, ein berühmter Schauspieler, Schüler und Konkurrent des damals noch berühmteren Josef Kainz, der kurz zuvor gestorben war und um dessen Erbe nun eine ganze Schar jüngerer Schauspieler stritt. Moissi war ein Außenseiter unter ihnen, und es ist wohl allein Max Reinhardt zu verdanken gewesen, dass aus ihm gegen alle Kritik ein Star werden konnte - er repräsentierte eine neue Generation. Der Austro-Italiener war seiner angeblich "nicht-deutschen Stimme" wegen des öfteren angegriffen worden.

Seine "akustische Maske" war, wie Lothar Müller schreibt, der "italienische, gesangsnahe Ton". Einer der aufmerksamen und kritischen Zuhörer im konzertsaalgroßen Rudolfinum war an diesem 28. Februar 1912 der Schriftsteller und Versicherungsangestellte Franz Kafka. Im Tagebuch macht er sich Notizen: "Rasches Ausstoßen des Mailiedes, scheinbar wird nur die Zungenspitze zwischen die Worte gesteckt; Teilung des Wortes November-Wind, um den ‚Wind’ hinunterstoßen und aufwärts pfeifen lassen zu können. - Schaut man zur Saaldecke, wird man von Versen hochgezogen." Kafka kritisiert an dem auf der Bühne sitzenden Moissi, dass durch die Überakzentuierung der Melodie die Melodie der Verse nicht mehr zu hören sei.

Franz Kafka kommt in seiner Tagebuchaufzeichnung über den Vortragsabend von Alexander Moissi zu folgendem Schluss: "Unverschämte Kunstgriffe und Überraschungen, bei denen man auf den Boden schauen muß und die man selbst niemals machen würde." Kurz zuvor war Kafka tatsächlich selbst als Redner aufgetreten - und war sich der Wirkung seines und des öffentlichen Sprechens im Allgemeinen sehr bewusst. In einem Brief an Felice Bauer bekundet er einmal, er lese "höllisch gern" vor.

Der Literaturwissenschaftler und Literaturredakteur der "Süddeutschen Zeitung", Lothar Müller, unternimmt in seiner kleinen, fein geschriebenen und äußerst lesenswerten Studie "Die zweite Stimme" den Versuch, Kafka als "Kronzeugen" einer medialen Übergangszeit heranzuziehen, der aber seinen Blick weniger nach vorn als vielmehr zurück richtet auf das "Erbe des 19. Jahrhunderts, auf die Koppelung von Stimme und Buch". Hier liegt der Ursprung von Kafkas Faszination fürs Vorlesen und das Vorgelesen bekommen. Das Rezitieren eigener und fremder Texte hat für Kafka etwas Magisches, es ist der Lackmustest für die Güte einer eigenen literarischen Arbeit und zugleich der beseelte Wunsch, den Sätzen ein innerstes Geheimnis zu entlocken. Oft sind es seine Schwestern, die von ihm zum Publikum gemacht werden - aber Kafka liest auch im Salon der Berta Fanta oder bei öffentlichen Veranstaltungen.

Er beschreibt seine eigenen und die Lesungen anderer mit präzisem Gespür für Zwischentöne und die Unzulänglichkeiten der Vortragenden. Kafka hörte Rudolf Steiner und Hugo von Hofmannsthal, Alexander Moissi und Albert Bassermann, Gertrud Eysoldt oder den jüdischen Schauspieler Jizchak Löwy, den er selbst bei einer Rezitations-Veranstaltung einführte - Kafka sprach mit Sympathie über das Jiddische, das für westjüdische Ohren ein Unbehagen auslösender Jargon war. Lothar Müller umkreist diese Vorlesungen, indem er auch die soziale Situation, den Ort und die Anlässe mit in seine Betrachtungen aufnimmt und vor allem den Tagebuchschreiber ausführlich zu Wort kommen lässt. Es entsteht so ein Bild des Vortrags- und Lesezirkels, dem Kafka entgegen der althergebrachten Auffassung vom zurückgezogenen Dichterdasein durchaus angehörte.

Die Phonographie und der Rundfunk sind Medien, deren erste Schallwellen noch nicht an Kafkas Ohr gelangen. Kafka ist, schreibt Müller, "Phonograph im alten Medium, der Schrift" - "zu einem Zeitpunkt, an dem die Koppelung von Stimme und Buch eine Blütezeit erlebt und zugleich die Ära der akustischen Überlieferung beginnt". Die Koppelung von Stimme und Buch erfährt ihre ersten Höhepunkte in der Goethezeit - hier sind es bereits die Stimmen, die in Bann schlagen und im Aufschreibesystem Schrift überliefert werden. Kafka kannte diese Überlieferung. Und er ließ sich davon anregen und begeistern.

Der medienhistorische Diskurs lebt nicht zuletzt von Vereinfachungen, um Strukturen und Übersichtlichkeit herzustellen. Eine solche Vereinfachung benennt Müller in der lange Zeit gängigen Gegenüberstellung von "oralen und literalen Kulturen". Dass die Gutenberg-Galaxis aber auch im 19. Jahrhundert schon überlagert war von einer "sekundären Oralität", den Begriff borgt sich Müller von Walter J. Ong, wird am Beispiel Kafkas frappierend deutlich: Es gibt keine strenge Trennung, die "zweite Stimme" wirkte bereits lange bevor Marshall McLuhan das Ende des Buches und im Zuge des Siegeszuges von Radio, Plattenspieler und anderen medialen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts, eine neue Oralität ausrief. Nein, die Stimme begleitete die Literatur auch in einer Zeit, als die orale Tradition vermeintlich zu verschwinden drohte.

Ganz nebenbei deutet sich in Müllers Essay eine kleine Geschichte der Vortragskunst von der Goethezeit bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts an: Waren zunächst noch die Salons der Aufführungsort intimer Dichterlesungen, so verlagerte sich das Geschehen immer mehr auf richtige Bühnen und in Konzertsäle Auch die Form des Vortrags zwischen Rezitation und Deklamation war einem Wandel des Geschmacks unterworfen. Es entsteht schon im 19. Jahrhundert eine Vorlesekultur: "Die Lesereise verschränkt die Zirkulation der Bücher mit der Zirkulation ihrer Autoren", schreibt Müller. Anfang des 20. Jahrhunderts schickte der Berliner Konzertdirektor Emil Gutmann Schauspieler und Autoren wie Gerhart Hauptmann oder Frank Wedekind auf Tournee. Aktuelle Texte kamen so in Umlauf. Ludwig Hardt hatte mehrere kürzere Prosastücke Kafkas in sein Programm aufgenommen, die seinerzeit auf diesem Weg weit stärker verbreitet wurden als über das Medium Buch.

Müller gelangt zu einer These, die allerdings nur kurz angerissen wird: "In der Geschichte der Bühnensprache wie des Rezitationswesens ist die diachrone wie die synchrone Zirkulation akustischer Masken eine Vorläuferin der technischen Apparaturen der Stimmenkonservierung. Sie ist eines der Medien, in denen sich die Prozesse stilistischer Normierung, aber auch die Konventionsbrüche vollziehen."

In der "zweiten Stimme" offenbarten sich Zeitstil und Individualstil des Vorlesens - und es klangen tatsächlich schon die Formen zukünftiger Stimmenvervielfältigung an. Kafka war, wie Müller, Elias Canetti zitierend, schreibt, ein "Ohrenzeuge" dieser Überlagerungsprozesse. Und Müller selbst ist ebenfalls ein "Ohrenzeuge" - er bringt die in der Schrift aufgehobenen Stimmen wieder zu Gehör und fügt der jüngeren Mediengeschichte einen kleinen, aber durchaus wertvollen Mosaikstein hinzu.

Dass Kafka tatsächlich an einer medienhistorischen Schwelle steht, zeigt die dem Buch beigelegte CD, welche Aufnahmen aus den Jahren zwischen 1902 und 1947 enthält - Originaltöne von Schauspielern und Dichtern, die Kafka noch auf der Bühne erlebt hat. Wie beispielsweise Hugo von Hofmannsthal, der 1912 in Prag las und über den Kafka knapp und vernichtend notiert, er lese mit "falscher Stimme".


Lothar Müller: Die zweite Stimme. Vortragskunst von Goethe bis Kafka
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2007
Mit beigelegter CD
158 Seiten, 24,95 Euro

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