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StartseiteBüchermarktDie DDR im Jahr 201101.02.2012

Die DDR im Jahr 2011

Simon Urban: "Plan D", Schöffling & Co. Verlag

Mit seinem Debütroman "Plan D" lässt Simon Urban die DDR als Staat wiederauferstehen und bis ins Jahr 2011 weiterexistieren. Dabei bietet er ein komplettes Modell - bis ins kleinste Detail.

Von Ursula März

Eine fiktive Geschichte im Jahr 2011 mit zwei deutschen Staatensystemen (Kai Frobel)
Eine fiktive Geschichte im Jahr 2011 mit zwei deutschen Staatensystemen (Kai Frobel)

Natürlich hat das was Genialisches - ein Roman, der die DDR wieder aufleben und weiter existieren lässt, als hätte es die Wende so wenig gegeben wie die Wiedervereinigung. Als gäbe es bis heute, bis zum Frühherbst 2011, der Erzählzeit dieser so reizvollen und wie unverschämten literarischen Fiktion, zwei deutsche Staaten, zwei Wirtschaftssysteme, zwei Regierungschefs, zwei Geheimdienste, zwei Alltagskulturen. Genau so aber ist es in Simon Urbans Romandebüt "Plan D". Dabei liegt das Genialische weniger in der Grundidee an sich, von der schon mancher Altsozialist nach drei Gläsern Rotwein schwadroniert haben mag, als in der Genauigkeit und in der Plausibilität, mit der Simon Urban sie ausformt. Sein Roman liefert nicht nur einen aparten Einfall, sondern ein komplettes Modell, in dem noch das kleinste Detail berücksichtigt wird. Urban hat wahrhaft an alles gedacht. Daran, dass in der heutigen DDR natürlich mit Handys telefoniert und gesimst wird, es gibt die Handy-Marke "Minsk", die SMS nennt sich in Halle, Rostock und Ostberlin "tnt", daran, dass die Tage des guten, alten, ökologisch grauenvollen Trabant schon in den 80er-Jahren gezählt waren und es Zeit wurde für eine neue Autoikone made in DDR. So kam, zumindest in der Romanfiktion, im Jahr 1993 "Phobos I" auf den Markt, es folgten die Luxuslimousine "Phobos Prius" und der Geländewagen "Phobos Datscha" für den betuchteren DDR-Bürger. Allein diese Beispiele, die sich hier in langer Reihe aufzählen ließen, zeigen den Esprit, der dem Roman scheinbar unerschöpflich zur Verfügung steht.

Nur ist er vom Wesen seines Genres her kein kulturgeschichtliches Tableau, sondern ein handfester Polit- und Agententhriller mit allem, was dazugehört: Einem Mord, einem Kommissar als Hauptprotagonist, Intrigen und klassischer who-dunnit-Spannung. Und da der Krimi bis in die obersten Etagen deutsch-deutscher Politik und deutsch-deutscher Wirtschaftsbeziehungen hineinreicht, muss der Roman auch die höchsten Ämter im sozialistischen Staat besetzen und natürlich historisch begründen, warum es diesen überhaupt noch gibt. Kein Problem für einen Mann wie Simon Urban.

Originalitätsmangel kennt dieser 36-jährige Autor, der am Literaturinstitut in Leipzig studiert, zudem eine Ausbildung zum Werbetexter absolviert hat und heute bei der Agentur Jung von Matt tätig ist, wahrhaft nicht. Seine fiktive DDR ist eine gelungene Mischung aus parodistischem gut überlegter Geschichtsalternative. Nach "Plan D" verliefen die vergangenen zwei Jahrzehnte so:

Im April 1989 tritt der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker aus gesundheitlichen Gründen zurück. Egon Krenz wird sein Nachfolger. Im Dezember 1989 lässt Krenz im Rahmen einer "Wiederbelebung" der DDR die Grenze zum Westen öffnen, 1990 aber wieder schließen, um die Massenflucht zu stoppen. Im August 1992 emigriert der Westpolitiker Otto Schily in die DDR. Er wird Minister für Staatssicherheit. Gregor Gysi sitzt dem Ministerrat vor. Sarah Wagenknecht ist Filmstar. Margot Honecker lebt nach dem Tod ihres Mannes im Feierabendheim Alpha. Michael Ballack leitet ein Fußballtrainingslager auf Hiddensee. Der Kulturminister der DDR, der sich während der Romanhandlung allerdings auf Literaturrundreise in Bulgarien befindet, heißt mit Nachnamen Dath. Man darf durchaus an den Schriftsteller Dietmar Dath denken, der als Kommunist gilt und den Roman als Form des Spekulativen und Phantastischen behandelt. Das kommt der Poetik von "Plan D" ja ausgesprochen nah. Aber nicht nur der deutsche Osten sieht im Roman anders aus als in der Realität, sondern auch der Westen. Die Bundesrepublik ist leicht nach links gerutscht. Am 1. April 2011 wird kein anderer als Oskar Lafontaine Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Dies alles aber ist nur der Rahmen, der die eigentliche Kriminal- und Ermittlungsgeschichte einfasst. Sie beginnt mit einer Leiche; womit sonst. Im Oktober 2011 wird im Berliner Bezirk Köpenick ein Toter gefunden, ein alter, 80-jähriger Mann. Er hängt an einem Strick an einer Gaspipeline. Seine Schnürsenkel sind mit acht Knoten zusammengebunden. Beides starke Indizien, dass es sich nicht um eine Privatsache handelt, sondern um eine politisch hochbrisante Angelegenheit. Die Schnürsenkel erinnern an Ritualmorde, wie die Stasi sie einst verübte. Die Gaspipeline wiederum erinnert an die bevorstehenden Konsultationen der westlichen bei der östlichen Regierung. Es geht um den Import von sowjetischem Gas, das die Bundesrepublik so nötig braucht wie die DDR die Devisen, welche sie als Transportland dabei verdient. Wer ist der Tote? Was hat der Mord zu bedeuten? Steht ein Putsch bevor? Plant Claus Kleber, Chefredakteur des Hamburger "Spiegel", tatsächlich eine Titelstory "Die Stasi mordet wieder"?

Aus diesen Fragen entspinnt sich nun das große Netz der Ermittlung. Es umfasst ein breites Ensemble an Figuren, eine wahre Fülle an Schauplätzen, Episoden, Situationen, mal mit heißem Sex aufgeladen, mal von latenter Gewalt bedroht. Das ganze, hier unmöglich zitierbare Setting eben, das einen guten Thriller zum literarischen Zwilling des zeitgeschichtlichen Gesellschaftsromans macht. Urbans Roman ist ein echter Brocken, aber er hat, was das Narrative betrifft, kein Gramm zuviel. Dennoch leidet er an einem gewissen Übergewicht. Zum einen polstert er seine Sprache mit metaphorischen Vergleichen, expressionistischen Bildern und stilistisch grellen Formulierungen so stark aus, dass sie mitunter der Erzählung im Weg steht. Und er mutet andererseits seiner Hauptfigur, dem Hauptkommissar Martin Wegener von der Volkspolizei Köpenick, einiges zu. Er ist ein melancholischer Fatalist, ein Typus, der an der amerikanische Agentenliteratur, entfernt an von Graham Green erinnert - eine anspruchsvolle Vorlage für einen heutigen DDR-Polizisten. Was diesem Martin Wegener aber noch mehr zu schaffen macht, ist die Menge an Dialogen, inneren Monologen, an stummem und gesprochenem Text, die er abliefert. In seinem Kopf flüstert unablässig die Geisterstimme seines ehemaligen Vorgesetzten mit. An seiner Seite befindet sich der Westkollege Richard Brendel, der mit ihm den Mordfall aufklären soll. Dass das Polizistenteam als klassisches Gegensatzpaar aneinander gerät, gehört zum Genre. Dass jeder Satz, den die beiden Männer wechseln, vor Bedeutung bebt, wirkt ein bisschen übertrieben. Aber so ist es nun mal mit dem Genialischen - es schießt, zumal bei einem Debütroman, gern übers Ziel hinaus.

Simon Urban: "Plan D", Roman, Verlag Schöffling & Co, Frankfurt am Main, 2011, 552 Seiten, 24,95 Euro

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