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StartseiteCorso"Ich versuche, Extreme auszubalancieren"27.05.2017

Die israelische Elektro-Musikerin Noga Erez"Ich versuche, Extreme auszubalancieren"

Bisher völlig unbekannt, machte die in Tel Aviv lebende Künstlerin Noga Erez Ende 2016 zum ersten Mal mit ihrem ersten Video zu "Dance While You Shoot" auf sich aufmerksam. Nun legt sie mit ihrem ersten Longplayer nach: Produziert mit ihrem Kollegen Ouri Rousso bietet "Off the radar" bassbetonten, tanzbaren Elektropop mit politischer Haltung.

Noga Erez im Corsogespräch mit Anja Buchmann

Die israelische Sängerin und Produzentin Noga Erez. (Deutschlandradio / Anja Buchmann)
Die israelische Sängerin und Produzentin Noga Erez. (Deutschlandradio / Anja Buchmann)
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Noga Erez: Hier wurde einiges umgebaut, um Raum für Künstler zu schaffen. Es ist ein Ort, wo Menschen verschiedener Metiers ihrer Kunst nachgehen: Maler, Musiker, Bildhauer, Fotografen. Es heißt "Suzies Art Bay", ist sehr gemeinschaftlich angelegt und ich habe hier eben auch ein Studio, in dem ich ein paar Tage die Woche arbeite.

Anja Buchmann: Aber wir sind nun nicht in Ihrem Studio.

Erez: Nein, das Studio, in dem ich meine Musik entwickle, ist auch nicht hier, das ist in einem anderen Teil von Tel Aviv, wo mein Partner eines gemietet hat, ein voll ausgestattetes Studio. Und wir sitzen jetzt hier sozusagen im Wohnzimmer dieses Kunst-Areals. Ich bin hier zwei Mal die Woche, um zu arbeiten. Ich unterrichte hier auch. Und die restliche Zeit bin ich in dem anderen Studio mit meinem Partner Ouri Rousso, dort haben wir auch das Album aufgenommen.

Buchmann: Über das Album reden wir gleich, zunächst noch: Was unterrichten Sie hier?

Erez: In erster Linie gebe ich Gesangsunterricht. Aber es gibt auch ein paar Schülerinnen und Schüler, mit denen ich an ihren Songs arbeite: Ich helfe ihnen zu strukturieren und zu produzieren.

"Meine Arbeit reflektiert, wie ich zu leben gelernt habe"

Buchmann: In Ihrer Biografie bzw dem Pressetext vom Label City Slang steht: "Ihre Arbeit reflektiert ihre Art und Weise, wie sie zu leben gelernt hat". Was bedeutet das, inwiefern hat die Tatsache, dass Sie in Israel aufgewachsen sind, Sie geprägt?

Erez: Offenbar ist meine Musik sehr dadurch beeinflusst, was in Israel passiert. Ich habe mich nie als politische Künstlerin betrachtet, als eine die über konkrete politische Themen spricht und sie in ihrer Musik behandelt. Aber irgendwann merkte ich: Ich habe keine Wahl. Es ist sehr ungewöhnlich, sich nicht mit diesen Dingen zu beschäftigen, wenn man hier lebt und weiß, was um einen herum passiert. Ich bin mir nicht sicher, ob das so spezifisch für das Leben in Israel ist. Natürlich – ich bin hier geboren und aufgewachsen. Aber es passieren überall in der Welt verrückte Dinge. Und Musik war für mich immer ein Bereich, in dem ich mich mit für mich wichtigen Themen beschäftigt habe, sie verarbeitet habe. Früher ging es dabei in erster Linie um persönliche Dinge. Aber je erwachsener ich wurde, desto bewusster wurde mir, was in der Welt geschieht und was auch im Besonderen in Israel passiert. Und das tauchte dann auch immer mehr in meinen Texten auf.

Insofern, um auf den Pressetext zurückzukommen: Ja, meine Arbeit reflektiert, wie ich zu leben gelernt habe. Ich lebe immer in dieser Balance zwischen zwei extremen Polen: Wenn ich dafür interessiere, was um mich herum und in der Welt geschieht, dann höre ich Nachrichten, lese ganz viele Zeitungen, vergleiche und begebe mich total in ein Thema hinein. Das frisst unheimlich viel Zeit und Energie. Auf der anderen Seite gibt es Perioden, wo ich mich total abschotte von allen Nachrichten, um einigermaßen geistig gesund zu bleiben und ein normales Leben zu führen. Also so versuche ich die beiden Extreme auszubalancieren.

"Die Themen sind sehr politisch und hart"

Buchmann: Ist das, was Sie gerade beschrieben haben, diese Balance zwischen dem "politisch sein" und gut informiert sein und auf der anderen Seite, das normale Leben zu behalten, ein bisschen eskapistisch zu sein – ist es das, was Sie auch in ihrem Song "Dance while you shoot" ausdrücken wollen?

Erez: Absolut. Und nicht nur "Dance while you shoot". Das ganze Album ist so: Auf der einen Seite tanzbar und spaßig – gut, es gibt auch die etwas stillere und dunklere und auch mal süße Seite. Aber es ist vom Klang her eher verspielt und positiv. Aber die Themen, die ich behandle, sind sehr politisch und hart. Ich möchte diese Kombination aus Eskapismus und Bewusstsein. Und ich denke, Musik ist ein hervorragendes Vehikel, diesen Widerspruch zu vereinen.

Buchmann: Oh, wer war das, der da gerade reingekommen ist?

Erez: Das war der Pilates-Lehrer. Der hat auch einen Raum hier und unterrichtet. Das ist auch eine Kunstform. Pilates.

"Unsere Songtexte entstehen häufig nach Diskussionen"

Buchmann: Wo Sie gerade noch von "harten Themen" gesprochen haben – der Song "Pitty" passt da gut rein. Es wurde zumindest ursprünglich angetriggert durch eine Gruppenvergewaltigung – auch wenn es in dem Song nicht direkt darum geht. Erzählen Sie mehr dazu.

Erez: Die erste Inspiration kam durch einen Vorfall hier in Tel Aviv. Um es wirklich politisch korrekt zu beschreiben: Sie sagten nicht, dass es sich um eine Gruppenvergewaltigung gehandelt haben soll, es sei in gegenseitigem Einvernehmen passiert. Das war das Problem: Ich nenne es Gruppenvergewaltigung. Was passierte? Eine Frau war in einer Bar. Sehr betrunken, fast ohne Bewusstsein. Und ein Mann nach dem anderen ging zu ihr und taten, was sie mit ihr taten. Aber der interessante Teil daran ist auch, dass ich dachte: Was sind das bitte für Videos, auf denen genau dieses Ereignis gezeigt wurde? Und das, bevor überhaupt etwas darüber in den offiziellen Medien stand. Denn es waren Menschen in der Bar, die das Ganze gefilmt haben, die die Männer angefeuert haben, gerufen haben "Yeahh, yeahh". Man konnte das aus verschiedenen Perspektiven sehen. Und da wir schon über Obsessionen gesprochen haben – dieses Thema hat mich total eingefangen. Ich war für bestimmt einen Monat sehr schockiert, habe mich nur damit beschäftigt und konnte nicht aufhören.

Nun – unsere Songtexte entstehen häufig nach Diskussionen, die Ouri und ich geführt haben. Und ich habe ihm natürlich auch von dem Thema der Gruppenvergewaltigung und dem Filmen erzählt, immer und immer wieder. Bis er sagte: Das scheint dich sehr zu beschäftigen, das sollten wir für einen Song nutzen. Als ich den Text geschrieben habe, wurde es dann immer persönlicher, führte weg von dem konkreten Vorfall. Ich wollte auch wissen, warum mich gerade dieser Fall so sehr interessiert hat. Denn sowas passiert ja häufig, auf der ganzen Welt und in Israel. Aber es wird eben auch immer offensichtlicher, immer mehr zur Schau gestellt durch das Internet. Und dann wurde es schließlich mehr zu einem Song darüber, eine Frau zu sein. In einer Welt, die großenteils von Männern gemacht und geleitet wird.

Buchmann: So wie der Textauszug "eine dünne Katze in einem Hunde-Land"?

Erez: Richtig. Und es ist eine dünne Katze, weil die schwach ist – aber sie ist eine Katze. Und eine Katze steht auch für Sexualität. Es ist ein Song über Sexualität und über die weibliche Kraft, die du nutzt, um in dieser Männer dominierten Welt klar zu kommen. Und es versucht die Grenzen auszuloten, zwischen dem Benutzen des Frauseins und der Frage: Wann wirst du als Frau ausgenutzt oder benutzt. Also darum geht es mehr.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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