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StartseiteBüchermarktDie Kraft einer bedingungslosen Liebe31.10.2010

Die Kraft einer bedingungslosen Liebe

Buch der Woche: Rafael Yglesias: "Glückliche Ehe". Klett-Cotta Verlag

Die Geschichte einer fast dreißigjährigen Ehe wird in Yglesias Roman erzählt. Von beschwingten Anfängen in den 70er-Jahren Manhattans bis hin zu ihrem durch Krebs erzwungenen Ende.

Von Martin Ebel

Rafael Yglesias: Glückliche Ehe, Klett-Cotta Verlag (Klett-Cotta Verlag)
Rafael Yglesias: Glückliche Ehe, Klett-Cotta Verlag (Klett-Cotta Verlag)

Bei der Literatur der USA, denken wir, kennen wir uns gut aus. Tatsächlich gibt es kein Land, das Scouts und Agenten aufmerksamer beobachten, kein Land, in dem engmaschiger nach vielversprechenden Autoren gefischt und in hoher Qualität übersetzt wird; kein Land allerdings auch, das über so viele hervorragende Schriftsteller verfügt. Das wird einem spätestens klar, wenn einmal wieder der Literaturnobelpreis ansteht und die Fachwelt vor ihrem geistigen Auge die denkbaren Preisträger vorüberziehen lässt. Gut, John Updike ist tot, aber es bleiben, unsystematisch herausgegriffen, Philip Roth, Thomas Pynchon, E. Annie Proulx, Cormac Mc Carthy, Don De Lillo, Joyce Carol Oates, Richard Ford, Richard Powers, Denis Johnson, Paul Auster, Jonathan Franzen. 1993 erhielt mit Toni Morrison zum letzten Mal ein US-Amerikaner die höchste literarische Auszeichnung - und seither schon drei deutschsprachige Autoren.

Aber nicht von den seltsamen Vorlieben und Abneigungen der Schwedischen Akademie soll hier die Rede sein, sondern von dem offenbar unerschöpflichen Reservoir an vorzeigbaren oder sogar vorzüglichen Schriftstellern der USA. Jetzt taucht mit Rafael Yglesias wieder ein Name auf, den man auch als Intensiv-Leser noch nie gehört hat - und den man auch kaum nach Nordamerika versetzen würde. Yglesias ist Jahrgang 1954 und ein typisches Produkt des sprichwörtlichen amerikanischen "Melting Pot": kubanischstämmig vom Vater her (was seinen Namen erklärt), jüdisch-russischer Herkunft von der Mutter her. Er selbst ist in Manhattan aufgewachsen und die literarische Entsprechung des Model amerikanischen Selfmademan: Mit 16 verließ er die Highschool ohne Abschluss, um seinen ersten Roman zu schreiben, und baute sich dann eine gewisse Reputation als Romanautor auf. Allerdings keine unablässig sprudelnde Einnahmequelle für sich und seine vierköpfige Familie. Mit anderen Worten: Seine Bücher verkauften sich nicht sonderlich gut. Geld verdiente und verdient Yglesias mit Filmdrehbüchern, unter anderem für große Regisseure wie Peter Weir oder Roman Polanski. Das Skript für dessen Film "Der Tod und das Mädchen" stammt aus seiner Feder.

Yglesias' jüngster Roman, sein neunter, entstanden nach einer Pause von 13 Jahren, ist etwas Besonderes und verdient - nein, nicht den Nobelpreis, aber unsere Beachtung. Zuallererst fällt an ihm ein Widerspruch auf: der Widerspruch zwischen Titel und Geschichte. "Glückliche Ehe" heißt er, auch im Original "A Happy Marriage", der etwas schnulzig klingende Titel ist also keine Erfindung des deutschen Verlages. Der Roman erzählt von einem Mann, dem Schriftsteller Enrique Salas, dessen Frau Margaret mit 53 Jahren an Krebs stirbt. Erzählt von den Wochen, die dem Ende vorausgehen, von der medizinischen Apparatur, mit der man dieses Ende hinauszögert, und dem Entschluss, mit dem Herauszögern aufzuhören.

"Seit Januar behielt sie keine feste Nahrung mehr bei sich und konnte keine Flüssigkeit mehr trinken, weil ihr Magen seinen Inhalt nicht mehr in den Darm entleerte. Dieses medizinisch so wohlklingend Gastroparese genannte Problem war zunächst optimistisch als Nebenwirkung der durch die Chemotherapie akkumulierten Toxine diagnostiziert worden - womit es theoretisch reversibel gewesen wäre. Aber dann hatten mit der Zeit mehrere Spezialisten erklärt, die wahrscheinlichere Ursache seien Blasenkrebsmetastasen, die auf der Außenwand ihres Darms wucherten. Auch kanzeröse Läsionen, zu klein, um im CT sichtbar zu sein, hatten die Darmperistaltik behindert und schließlich ganz zum Erliegen gebracht, sodass nichts, was Margaret schluckte, verdaut werden konnte. Feststoffe und Flüssigkeiten blieben in ihrem Magen, bis sie sich erbrach, weil sie buchstäblich überlief.

Im Februar dann hatte einer von Margarets vielen Ärzten, ein kleiner, despotischer jüdischer Exiliraker, einen Plastikschlauch, genannt PEG (die Abkürzung für "perkutane endoskopische Gastrostomie"), durch die Bauchwand in ihren Magen eingeführt, um alles, was sie schluckte, in einen Beutel außerhalb des Körpers abzuleiten. Das war auch dann nötig, wenn Margaret gar nichts zu sich nahm. Enrique hatte anschaulich gelernt, dass sich, wenn der Darm nicht mehr arbeitete und der Magen nicht mehr entleert wurde, grünschwarze Galle - von der Leber produzierte und in die Gallenblase abgegebene Verdauungsflüssigkeit - im Magen staute und ihn binnen vier Stunden füllte.

Die letzten drei Nächte hatten Margarets Ärzte- und Schwesternteam versucht, sie künstlich zu ernähren, wobei sie um Mitternacht damit begonnen hatten, um dem Plan nach die Prozedur bis sechs Uhr fortzusetzen. Doch in allen drei Nächten hatte es nicht geklappt. Beim ersten Versuch gaben sie um fünf Uhr morgens auf, beim zweiten um 3 Uhr 30, und letzte Nacht hatte es so gut wie überhaupt nicht funktioniert. Kurz nach ein Uhr war Enrique davon aufgewacht, dass Margaret kraftlos und panisch seinen Namen gerufen hatte. Er hatte die Schwester rufen müssen, um die Pumpe abzustellen, da der feine Brei Margaret bis in den Rachen emporgestiegen war und sie das schreckliche Gefühl hatte, an einer Mahlzeit zu ersticken, die sie nie geschluckt hatte."

Verständlich, dass Margaret entscheidet, dieses Leben, das keins mehr ist, zu beenden. Sie lässt sich für die Dauer einer Woche mit Steroiden vollpumpen, um Kraft zu haben, um von allen Freunden und Verwandten Abschied zu nehmen, und setzt dann alle lebensverlängernden Maßnahmen ab. Sie beendet die Herrschaft der Ärzte und nimmt wenigstens die letzten Tage ihres Daseins wieder in die eigenen Hände.

Verständlich wäre es, wenn ein Hörer an diesem Punkt seinerseits entschiede, ein Buch mit dieser Thematik gar nicht erst in die Hand zu nehmen. Verständlich, aber ein Fehler. Denn das dramatische, das schreckliche Ende eines Lebens und einer Ehe ist nur die Folie, vor der der Held der Geschichte, der baldige Witwer Enrique, diese Ehe selbst in Augenschein nimmt. Im Angesichts des Todes erinnert er sich daran, wie er Margaret drei Jahrzehnte zuvor kennenlernte und eroberte, erinnert sich an die Höhenflüge und Abgründe, an Gelungenes und Misslungenes und versucht, die Frage zu beantworten: Was für eine Ehe haben sie geführt, was war ihre Essenz, warum war sie, alles in allem, so glücklich?

Das ist nun eine Frage, die nicht nur Enrique interessiert. Die gute Ehe ist, je weniger es sie gibt, desto mehr ein Thema für Gesellschaftsseiten und Beratungsliteratur. In einer Zeit, die alles an der Rentabilität misst, in der die Menschen flexibel sein sollen, in der sie Arbeitsplätze und Lebensabschnittspartner wechseln wie das Hobby oder die Lieblings-TV-Serie: In so einer Zeit fasziniert das Phänomen, dass ein Mann und eine Frau es jahrzehntelang miteinander aushalten, gut und gerne aushalten. Was ist das Geheimnis? Wie kann man das schaffen? Denn das zu schaffen, davon träumen mehr, als sie es zugeben.

Enriques und Margarets Verbindung dauert 29 Jahre. Beendet wird sie eben nicht durch neue, attraktivere Partner, auch nicht durch Abnutzung und Langeweile, sondern durch den Krebs. Rafael Yglesias hat mit dem Roman "Glückliche Ehe" auch sein eigenes Schicksal beschrieben. Er hat seine wirkliche Frau, ebenfalls eine Margaret, im Jahr 2004 durch Krebs verloren. Lebensdaten, Orte, Ereignisse und viele Details stimmen in Roman und Wirklichkeit überein. Auch die beiden Söhne, der Familienhintergrund, die Berufe, anzunehmen auch: die Charaktere.

Beide Margarets stammen aus dem jüdischen Grossbürgertum von Long Island, der «abenteuerfeindlichsten und zynischsten aller bourgeoisen Kulturen», wie Yglesias boshaft schreibt; Milieu und Zeitkolorit sind ihm so wichtig und so plastisch herausgearbeitet wie einst bei Updike.

Die Charaktere der beiden Ehepartner - und das ist sicher ein Teil des Geheimnisses, Grund für die wechselseitige Anziehung wie Auslöser mannigfaltiger Turbulenzen - diese Charaktere sind recht verschieden. Enrique hat von seinen Eltern, beides Schriftsteller, die Überzeugung eingeimpft bekommen, dass das Leben einem hohen Ziel gewidmet sein muss und dass das einzig nennenswerte Ziel auf dem Feld der Kunst liegt. Er gleicht den jungen hungrigen Männern aus Balzacs Romanen, von deren Lektüre er sich genährt hat, und natürlich will er selbst ein Balzac werden.

"Wie jemand nicht genau wissen konnte, was er im Leben wollte, war Enrique ein Rätsel, obwohl es unter seinen Altergenossen eher den Normalzustand darstellte. Er selbst hatte alle Brücken, die ihn vom Schreiben wegführen könnten, hinter sich abgebrochen, so dass er gar nicht aufgeben konnte, so schwierig es auch werden mochte. Er wusste, wenn er eine Hintertür offen ließ, würde er eines Tages fliehen, und dann würde sein großes Roman-Oeuvre à la Zola oder Balzac - zwanzig Bände mit kunstvoll miteinander verbundenen Charakteren, die Riesenstadt New York literarisch überhöht, bewohnt von männlichen und weiblichen Sabases, ein grandioser Bilderbogen inklusive hellsichtiger Porträts, die die Stärken und Narrheiten seiner Zeitgenossen veranschaulichten -, dann würde dieses Werk nie geschrieben werden. Er verstand nicht, wie jemand, der so intelligent, clever und kreativ war wie Margaret, leben konnte, ohne etwas Grosses im Leben erreichen zu wollen. Aber andererseits schien sie ihm sowieso einer anderen Spezies anzugehören. gerade deshalb war ja die Aussicht, sie zu berühren, himmlisch und beängstigend zugleich."

Diese Passage stammt nicht aus den letzten, sondern den ersten Wochen ihrer Verbindung. Yglesias erzählt gleichzeitig vom Anfang und vom Ende her, ein raffinierter Kunstgriff, weil alles, was der Leser erfährt, sofort eine zweite Dimension erhält. Die ersten Wochen des Kennenlernens wechseln kapitelweise mit den letzten Wochen ab, als der Krebs längst gesiegt hat. Das «zentimeterweise Sterben» kontrastiert mit der fiebrig-nervösen Erwartung 29 Jahre zuvor, mit der ersten Begegnung, dem ersten Date, zwei durchquatschten Nächten, dem ersten Kuss, der Angst vor dem ersten Mal (das auch prompt schiefgeht, was Enrique oder sein Autor dann zum Running Gag aufbläst). Für den Leser ein anstrengendes und belebendes Wechselbad.

Bei allem Zauber, der dem Anfang innewohnt: Die Beziehung des älteren Paares, das weiß, dass es bald kein Paar mehr sein wird, ist intensiver, tiefer; ihre Beschreibung berührender. Was die Jungverliebten anzieht, sind vielfach Projektionen; die reifen Eheleute wissen, wer sie sind und was sie aneinander haben. Die Dramaturgie des Romans konfrontiert diese beiden Sichtweisen immer wieder und sorgt für gegenseitige Beleuchtung und Bereicherung. Der Leser, der dem vor Nervosität zitternden Enrique zum Rendez-vous folgt, kennt dessen Ausgang, was ihn allerdings nicht weniger neugierig macht auf den Fortgang; er weiß aber auch, zu welcher Selbstlosigkeit dieser selbstverliebte Jüngling einmal fähig sein wird. Umgekehrt erinnern die Rückblicke immer wieder daran, wer die sterbende Margaret im Leben war und von wo Enrique gestartet ist, um dahin zu kommen, wo wir ihn jetzt antreffen. Ein Beispiel aus dem allerletzten Akt:

"Er schrak hoch, mit hämmerndem Herzen, die Augen sandig von der Müdigkeit, Nebel im Kopf - von ihrem Bett kamen unruhige Geräusche. Er knipste die Lampe an, die er neben der Luftmatratze auf den Boden gestellt hatte. Sie bewegte sich, kroch wieder herum, in Laken und Decke verheddert, unglücklich und verzweifelt versuchte sie zu entkommen und gleichzeitig weiterzuschlafen. Wie vorhin. Er sprang auf. "Ich bin hier, Mugs. Moment, ich helfe dir." Er betete, dass es die nachlassende Wirkung des Ativan war und nicht erneuter Durchfall. Er bemerkte Flecken auf dem Spannlaken. Bräunlich, manche fast grün. Er seufzte tief. Er wollte am liebsten fort von hier. Die Treppe runter und zur Wohnungstür hinaus, es irgendjemandem überlassen, sie zu finden und sauberzumachen und ihr beim Sterben zuzusehen. warum muss ich das tun? Ich bin ein egoistischer Mensch. Warum muss ausgerechnet ich gut sein?"

Der junge Enrique ist noch so unbekümmert egoistisch, dass er nicht einmal darüber nachdenkt. Viel mehr beschäftigt ihn, wieso sich dieses tolle Mädchen, das ihm sein Freund Bernard vorgestellt hat, der ebenfalls schriftstellert und den er ein bisschen verachtet - ihm vorgestellt mit der herabsetzenden Bemerkung, sie spiele in einer anderen Liga als er - wieso sich dieses tolle Mädchen also für ihn interessieren soll. Enriques hochfahrendes Selbstbild vom kommenden Großschriftsteller verbindet sich nämlich mit tiefen Komplexen, was seine Wirkung auf Frauen angeht. Um so überraschter ist er über Margarets Worte:

"'Du bist richtig erwachsen. Du hast einen Beruf. Du hast drei Jahre mit einer Frau zusammengelebt. Du bist ein Mann.'

Enrique sank gegen das harte Holz seiner Stuhllehne. Drei Dinge waren ihm plötzlich klar. Erstens: Er hatte eine Chance, diese tolle, kluge, optimistische, schöne junge Frau zu kriegen. Zweitens, Margarets Bild von ihm als selbstbewusstem Künstler und reifem Mann, der sich der Welt stellte, war wunderschön und jämmerlich falsch. Und drittens: Er wünschte sich, mehr noch, als in ihren Armen zu liegen, der Phantommann zu werden, den er in ihren Samtaugen gespiegelt sah.""

Dieser Phantommann wird er natürlich nicht, weil auch das Bild, das Margaret von ihm zu haben scheint, seine Projektion ist. Dennoch formt Margaret ihn in gewisser Weise nach ihrem Bilde, gelingt es ihm umgekehrt, jenseits seiner Wunschbilder der "tollen, klugen, optimistischen, schönen jungen Frau" zu begreifen, wer Margaret wirklich ist, und es zu akzeptieren. Das ist zumindest für Enrique, auf dessen Perspektive wir beschränkt bleiben, ein langer und schmerzvoller Weg. Margaret zuzugestehen, dass ein sinnvolles Leben auch möglich ist, ohne ein Kunstwerk mit Ewigkeitswert hervorgebracht zu haben, setzt voraus, dass Enrique auch für sich selbst von diesem Modell Abschied nehmen kann. Um dazu fähig zu sein, braucht er die demütigende Erfahrung dauernden Misserfolgs ebenso wie die Erkenntnis, dass Margaret ihn liebt unabhängig von Literaturpreisen und Verkaufszahlen. Lange hatte er in ihr eine verborgene Künstlerin gesehen, eine Malerin von ungeheurem Talent, aber mit zuwenig Ehrgeiz und Durchsetzungswillen. Erst spät begreift er, dass sie ganz anders funktioniert - und dass dies nicht nur ihr, sondern auch ihm gut tut. Die Erkenntnis kommt ihm bei einer Venedig-Reise, an ihrem 20. Hochzeitstag. Gerade haben sie heftig gestritten.

"'Und plötzlich sagte seine Frau in sanftem, versöhnlichen Ton: "Ich bin nicht wie du. Ich brauche das nicht zum Glücklichsein." Er blickte auf, in ihre wunderschönen blauen Augen, die in der strahlenden Sonne des ewigen Frühlings von Torcello blasser wirkten als sonst und um Verständnis zu flehen schienen. "Mich nervt nur, dass du mir das Gefühl gibst, ich sei für dich nicht gut genug, wenn ich keine Künstlerin bin. Manchmal glaube ich, du würdest mich nur lieben, wenn ich Künstlerin wäre.'

Enrique sah sie überrascht an. Nahm sie ihn wirklich so wahr? Er widersprach nicht sofort.
"Das ist eine fixe Idee in deiner Familie. Jeder muss Künstler sein, sonst ist er nicht gut genug. Ich male gern. Ich fotografiere gern. Aber ich will keinen Beruf daraus machen. Ich muss nicht malen, um glücklich zu sein. Ich bin glücklich. Hier. Mit dem hier." Sie wies auf den Garten, auf die alten Engländer, auf die Bienen und die im Oktober blühenden Büsche, auf die Kellner in den schwarzen Anzügen und schließlich auf Enrique.

Enrique wusste, dass an ihrem Vorwurf etwas dran war. Er hatte jahrelang eine Therapie gemacht, um die Vorurteile und abwertenden Einstellungen, den Snobismus und die Ignoranz seiner Eltern zu überwinden - Margaret musste während dieses Kampfes einiges mitgemacht haben. Er schwor ihr, bis er sicher war, dass sie ihm glaubte, es sei ihm egal, ob sie je wieder einen Pinsel oder eine Kamera in die Hand nehme, sie sei alles, was er wolle.

Und für einen Augenblick, im großen Verzeihen dieses Hochzeitstages, verstand er das Wesen seiner Ehe. An diesem sonnigen Nachmittag in Torcello begriff er, dass ihn Margarets Zufriedenheit über ihren Platz in der Welt ehrfürchtig machte; dass sie das war, was sich für ihn als dauerhaft erwiesen hatte. Sein Vater war gestorben, seine Eitelkeit und sein Glaube an die Kunst waren dahin. Was er dem Leben an wahrem Wert abgewonnen hatte, war das, was sie ihm gegeben hatte.""

Längst dürfte klar geworden sein, dass dies keine leichte Lektüre ist, kein nettes Buch für den Strand. Sondern eines, das an Tiefenschichten rührt, an wesentliche Dinge, mit denen auseinanderzusetzen den Menschen meist das Leben zwingt, nicht ein Roman. Dass es diesem Roman gelingt, hat sicher damit zu tun, dass der Autor weiß, wovon er schreibt. Wie es ihm gelingt, ist umso erstaunlicher: ohne Sentimentalität, in voller Klarheit des Blicks und mit einer Ehrlichkeit, die sich selbst und seiner Umgebung keine Schwäche durchgehen lässt, aber alle erklären und verzeihen kann.

Der untergründig heitere Ton, den beizubehalten dem Buch bei aller Dramatik bis zum Schluss gelingt, ist das Letzte, was man bei einer Krebstodgeschichte erwartet. Das liegt daran, dass das Glück dieser Ehe für den Helden (und den Autor) über ihre brutale Beendigung siegt. Das zu verstehen, braucht es aber gerade die Einsicht in die Endlichkeit.

Diese glückliche Ehe hat kein Geheimnis, das man verraten und kopieren könnte, kein Rezept. Sie bedeutet gemeinsam gelebtes Leben; dazu gehört Ausdauer sowie die Bereitschaft, sich zu entwickeln und dem anderen eine Entwicklung zuzugestehen. Und zu versuchen, auch mit den Augen des anderen zu sehen, die eigenen Projektionen zu überwinden. Vielleicht sogar, so schwer es ist, den eigenen Egoismus. Nachsichtig zu sein, mit dem Du und dem Ich. Aber dies ist eben kein Ratgeber, sondern ein trauriger und heiterer, ein wunderbarer Roman.

Rafael Yglesias: Glückliche Ehe. Roman. Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder von der Tann. Klett-Cotta, Stuttgart 2010. 428 S.

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