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StartseiteLyrixDie »lyrix«-Gewinner im März 201631.03.2016

Die »lyrix«-Gewinner im März 2016

Im März habt ihr euer Lernen und Wissen reflektiert und festgestellt, dass „alles, was [ihr] lernen wollte[t]“ nicht unbedingt dem entspricht, was ihr bisher gelernt habt. Zu dieser Erkenntnis seid ihr durch Carl-Christian Elzes Gedicht „alles hab ich von hunden gelernt“ und der Muschelgrube aus dem Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz angeregt worden.

In der Ausstellung "ROOTS / Wurzeln der Menschheit" laufen zwei jugendliche Besucher am Donnerstag (06.07.2006) im Rheinischen LandesMuseum in Bonn an einer Plakatwand vorbei, die den Evolutionsverlauf zum Homo Sapiens beschreibt. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
In einer Ausstellung, den Evolutionsverlauf zum Homo Sapiens beschreibt, laufen zwei jugendliche Besucher an einer Plakatwand vorbei. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Der Mensch ist intelligent, er kann sich ein enormes Wissen und einen Schatz an Fähigkeiten anlernen und ein Leben lang behalten. Wir beginnen früh zu lernen, die ersten Jahre der Kindesentwicklung sind wohl die intensivsten, denn hier werden die Grundlagen für das spätere Leben geschaffen. Oft wird Wissen in erster Linie mit Kenntnissen über Daten und Fakten assoziiert, die fachspezifisch und in Schule, Studium, Ausbildung und Beruf erforderlich sind.

Doch der Mensch will auch Dinge erlernen, die viel lebensgrundlegender sind und mit Hilfe derer er sich mit sich selber auseinandersetzen kann. Er strebt nach Freiheit und Unabhängigkeit, nach Orientierung für die Identitätsstiftung. Wenn er auf der Suche nach Individualität, nach sich selber ist, helfen ihm keine Kenntnisse über Quantenphysik, sondern soziale Kompetenzen, Vertrauen, Zuversicht, Humor und die Fähigkeit, in der richtigen Situation auf Kopf oder Herz zu hören, um sich nicht "völlig neben [sich] stehend, [s]ich selbst betrachtend, verloren gehend in der einheitlichen Individualität der Welt" wiederzufinden. Im Idealfall erlernt der Mensch dies schon als Kind, doch selbst dann kommen in entscheidenden Umbruchsphasen des Lebens Zweifel auf. Es scheint wie "ein kreis ohne entkommen / aus den wirbeln des seins soll ich / mich finden". Seine Wünsche für die Zukunft zu bewahren und zu pflegen, gleichzeitig aber die Ungewissheit über den Lebensweg zu akzeptieren, erfordert Mut und Kraft, denn nicht nur "wer ich sein werde / steht offen", sondern auch "wer ich bin". "lernen / ich zu werden" ist ein langer Prozess, da man das Wissen selbstständig erwerben muss – niemand kann dir den Weg zu dir selber zeigen.

Wissen zu erwerben – auch Wissen über sich selbst, seine "Stimme [zu] finden" – ist der "größte Gewinn", jedoch mit einem enormen Erwartungsdruck belastet, wodurch die Flucht hinter eine Maske verlockend wirkt. Doch eine Rolle zu spielen, macht den Menschen nur noch orientierungsloser, wo sein persönlicher Weg eigentlich verläuft. Die Suche nach Individualität kann zur Passivität führen, sodass "lernen […,] antworten zu finden" unmöglich wird.

Wenn man aber Wissen erwerben will, dann wird "alles, was [man] lernen wollte / [einen] letztlich doch erreich[en]", denn selbst die Dinge, die "sinnbefreit [erscheinen], / weil der praktischen Umsetzung enthoben" sind wertvoll und bereichernd, lassen den Menschen "frei sein, mühelos, grenzenlos" und sich damit abheben von den "dumpfen[n] Seelen".

Wir bedanken uns bei allen, bei denen "sachte […] die Erkenntnis [reifte]", was sie alles lernen wollten und wollen und gratulieren den März-Gewinnern:

Alles, was ich lernen wollte – das Alphabet meiner selbst

Ich bin Alles, nur nicht mutig
Bin so unglaublich gewöhnlich,
bin Chaotisch und ängstlich und so
Durchschnittlich besonders
Bin Eigentlich ganz anders, doch verstell mich immer wieder
Und dann Finde ich mich wieder, völlig neben mir stehend,
mich selbst betrachtend, verloren Gehend in der einheitlichen Individualität der Welt
Und dann fang ich ständig an zu Heulen und weiß doch ganz genau warum
Bin nie gut genug, um zu glänzen, nur eine von ganz vielen
Halte nichts vom Lügen und belüg mich doch Immer wieder selbst
Ich bin ich, doch kenn ich mich selbst nur flüchtig
Ich Juble vor Freude und schrei laut vor Wut, doch nur ganz leise in meinem Kopf
Aber ich bin keineswegs so wie die anderen und ganz sicher
Längst nicht so, wie alle denken
Mein Glaube macht mich aus, Naja das hätte ich zumindest gern
Bin wie ein nicht fertig geschriebenes Buch, dessen Ende niemand kennt
Wie Omega, komm immer erst zum Schluss
Bin Perfekt im mich selbst verleugnen, wenn alle Welt nach Wahrheit sucht
Quasselnde Gedanken voll Angst und Sehnsucht jagen durch mein Gehirn - Tag und Nacht -
und Rumoren in meinem Kopf und geben keine Ruh´
Und Ständig will ich so viel sagen…und behalt´s dann doch für mich
Ich spiele oft Theater Und das leider nicht nur auf der Bühne
Versteck mich hinter Maskeraden und Weiß selbst noch nicht genau, was eigentlich dahinter steckt
Und dann finde ich mich wieder, völlig neben mir stehend,
mich selbst betrachtend, verloren gehend in der einheitlichen Individualität der Welt
Und ballere mich zu mit X-beliebigen Fragen, auf die ich sowieso keine
Antwort weiß
Bin meiner selbst nicht sicher, wie der Yeti im Himalaja
Und am Ende, am Ende bin ich doch nur Zuschauer meiner selbst und
Applaudiere bis zum
Schluss

Smila-Karlotta Blüm, Jahrgang 2000


Was ich wollte

Dumpfe Seelen kreisen leise
übermannen meinen Geist
Eckig stechen meine Kanten
Eine Stimme schreit und reißt

Wollte Klingen schweigen machen
Wollte, dass die Kriege ruh‘n

Blasse Häute auf den Leibern
Glatt und reich und unbestimmt
Meine Krusten pochen, wabern
Dies ist mein und niemand nimmt

Wollte Neid azurblau kleiden
Wollte lernen, wie man liebt

Worte fallen aus den Wänden
Noten finden keinen Klang
Halt‘ ich Blätter in den Händen
Bin ich weder Frau noch Mann

Wollte meine Stimme finden
Wollte sein, wer sein ich will

Alison Kuhn, Jahrgang 1995


o.T.

Alles,
was ich lernen sollte,
scheiterte an meinem Gebrechen,
zerbarst an der Sturheit meines Körpers,
raubte Lehrern und Therapeuten den Nerv
und mir die Geduld.

Vieles,
das ich lernen wollte,
traute man mir nicht zu,
es war nicht vorgesehen für
schwerstbehindert, stumme Wesen,
die doch offiziell weder schreiben, noch lesen.

Zärtlich
streift das Wissen mich,
sachte reift die Erkenntnis,
mühelos, nur scheinbar sinnbefreit,
weil der praktischen Umsetzung enthoben,
mit meinem öde statischen Zustand verwoben.

Alles,
was ich lernen durfte,
hebt mich auf eine andere Stufe,
lässt mich frei sein, mühelos, grenzenlos
und fliegen, während Arme und Beine
der Schwerkraft gemäß
am Rollstuhl kleben.
So ist das eben!

Alles,
was ich lernen wollte
hat mich letztlich doch erreicht.
Wenn auch mein Zustand Wegweisern gleicht:
festverankert, anderen die Richtung weisend,
Gedanken vor der Umsetzung vereisend,
häufig praktische Fortschritte verleidend,
so ist dennoch mein größter Gewinn:
alles, was ich lernen
durfte.

Raphael Müller, Jahrgang 1999


Alles was ich immer lernen wollte

Alles was ich immer lernen wollte war zu sein
ein wesen
ein mensch der ohne
die anderen auskommt
auf eigenen füßen
stehen
andere blicke zwar
sehen doch
nicht beachten kann
ob ich das jemals lernen werde?
das weiß ich nicht

Alles was ich immer finden wollte war ich
zwischen außen und
innen
zwischen leben und nichtleben
jemand der er
selbst ist und
niemand anders
keine kraftlose kopie
ein eigenes
leben lebt
ob ich mich jemals finden werde?
das weiß ich nicht
es ist offen

Alles was ich immer werden wollte ist verblasst
ich seh es nicht
erkenne es
nicht
wer ich bin steht
offen
wer ich sein werde
steht offen
ich weiß nicht wer ich bin
ich will es
wissen
lernen
ich zu werden
ob ich mich öffnen werde um
dich an mir
schnuppern zu lassen ist offen

Alles was ich immer lernen wollte war antworten zu finden
auf fragen die
gestellt oder ungestellt in
der luft hängen
bleiben
die suche zu beenden
es ist ein kreis ohne entkommen
aus den wirbeln des seins soll ich
mich finden
antworten
und doch nichts zieht mich
heraus
Ob ich jemals ein ende finden werde?
das steht offen

Marlin Lotta Nölle, Jahrgang 1998


mehr als 42

alles was ich lernen wollte
waren gleichungen, formeln und zahlen
waren versfüße und rhetorische Stilmittel
historische ereignisse und komponisten
ich wollte das klarinettenkonzert lernen
wollte wissen, wie viele sterne es in dieser galaxie gibt
wollte wissen was eine redoxreaktion ist
und wie man kurvenintegrale berechnet
und nichts davon hast du mir beigebracht

ich habe so viel zeit mit dir verbracht
habe dir so oft zugehört und nachgehakt
wenn ich etwas nicht verstanden habe
und ich habe am anfang ziemlich wenig kapiert
von dem, was du mir beibringen wolltest
eigentlich nichts
aber gegen ende kam dann die erkenntnis

nichts von dem was ich lernen wollte
hast du mir beigebracht
aber du hast mir geholfen meinen weg zu finden
du hast mich bestärkt meinen weg zu gehen
du hast mich gelehrt an mich selbst zu glauben
und an das leben und die ewige hoffnung
du hast mir beigebracht nicht aufzugeben

von dir habe ich gelernt über das leben
zu lachen und über mich selbst
von dir habe ich gelernt die dinge mit humor zunehmen
und den kopf nur in den sand zustecken
wenn man einen tunnel graben will
von dir habe ich gelernt mit hunden zu tanzen
die klappe zu halten und einfach mal spaß zu haben

von dir habe ich gelernt was vertrauen heißt
und dass freunde wesentlich wichtiger sind als formeln
von dir habe ich gelernt dass es im leben
mehr gibt als fakten und zahlen
dass noten und erfolge nicht alles sind und
dass es irgendwie immer weiter geht

alles was ich gelernt habe
abgesehen von chemie, deutsch, mathe und phsyik
hast du mir beigebracht
obwohl ich das gar nicht wissen wollte
und obwohl ich die frage nie gestellt habe
hast du mir gesagt, dass die antwort
größer ist als 42

Magdalena Wejwer, Jahrgang 1997

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