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Die lyrix-Gewinner im März und April 2011

Museum Schnütgen
Museum Schnütgen (Rheinisches Bildarchiv, Köln)

Im März und April haben wir euch um Gedichte zum Thema "Es ist alles eitel" gebeten. Als Inspirationsquelle dienten in diesen zwei Monaten ein Gedicht von Andreas Gryphius und Vanitas-Objekte aus dem Museum Schnütgen in Köln.

Was ist vergänglich und was bleibt? Das haben wir euch im März und April gefragt. In dem themengebenden Gedicht "Es ist alles eitel" setzt sich Andreas Gryphius mit der Nichtigkeit des menschlichen Lebens auseinander und richtet seinen Blick weg vom irdischen Leben hin auf das Ewige. Auch ihr habt euch in euren Einsendungen mit der Vergänglichkeit alles Irdischen befasst. Viele von euch haben die Flüchtigkeit von Beziehungen thematisiert, vom Tod eines geliebten Menschen geschrieben oder sich an vergangene Kindheitstage erinnert. Der Blick auf ein mögliches Leben nach dem Tod blieb in euren Texten meist aus.

Hier sind die Gedichte aus dem In- und Ausland, die die Jury ausgewählt hat. Herzlichen Glückwunsch den Gewinnern!


Dorfdisko

Schwer liegt um uns die unsichtbare Schlinge
des leeren Lärms. Mein Brustbein pocht im Takt.
Du lachst, ich schaue weg. Drei Silberringe
durchbohren weißes Fleisch. Du trägst es nackt.

Die Nacht will deine Engelsflügel spreiten,
doch stolperst du und fällst. Dein Blick bleibt starr.
Mein Ich verhandelt sorgsam Eitelkeiten
und Schatten stellen Schreckfiguren dar.

Ich spreche zynisch, doch meist unverständlich,
erweise mich als müder Misanthrop,
der lieben will. Noch scheint die Zeit unendlich.
Durch dumpfes Schwarz blitzt scharf ein Stroboskop.

Du beugst dich vor und beugst dich immer weiter
zu mir. Flüchtiger Kuss: entschämtes Glück
der Zweisamkeit. Auf meinen Lippen bleibt der
Geschmack von Salz und Alkohol zurück.


(Maren Ochs aus Öhringen, Deutschland, Hohenlohe-Gymnasium Öhringen, Jahrgangsstufe 13, Muttersprache: deutsch)


nichts bleibt

wenn meine dünnen weißen finger
über deine augenblicke streichen
& die verbrauchte luft in diesem zimmer
so scheint als würd sie niemals von hier weichen
dann schleicht die angst ganz leise durch die wand
& setzt sich neben uns ans bett der nacht
flüstert mir zu dass das nicht bleiben kann
dass alles bricht was heute lebt und liebt und lacht

wenn meine dünnen weißen finger
die lichter dieser bunten großstadt fangen
dann scheint des flutlichts heller schimmer
so wie die creme aus öl auf meinen wangen
das glänzt so schön doch nicht vergänglich
ist nichts außer der schwachen ewigkeit
& nichts was wir je schufen ist beständig
nur was schon vor uns war das ist von zeit

wenn meine dünnen weißen finger
über die tasten dieser plastikwelt hier fliegen
dann weiß ich keins der worte ist für immer
denn auch die quelle dieses satzes wird versiegen
& diese finger werden nur ein paar fragmente
berühren in dem losen zeitgeschehen
denn keiner dieser flüchtigen momente
wird bleiben und auch nach dem jetzt bestehen


(Christiane Heidrich aus Vaihingen/Enz, Deutschland, Friedrich-Abel-Gymnasium, Jahrgangsstufe 10, Muttersprache: deutsch)


Die Schönheit Bathsebas

Gottesgleich, die Haut wie Seide,
goldgetupft das Engelshaar,
zieht die Blicke voll mit Neide
auf sich, die schöne Bathseba.

Gelehnt an einen Brunnen
wie warmer Schnee die Form,
wird sie von all´n besungen,
den Frau´n ist sie ein Dorn.

Das Tuche, sanft umschlungen,
verdeckt nur ihren Schoß,
doch vor den bösen Zungen
schützt sie der Schönheit Trost.

Die Lippen farblich wie Korallen,
die Blätter wie des Engels Flügel,
die Schultern gleichen Marmorballen
oder der Toskana Hügel.

Unter dem wohlgeformten Busen
entfacht sie Feuer der Verführung,
gleicht sie auch des Künstlers Muse,
wärt sie keinem die Berührung.

Ihrem Blick ins weite Land
ist´s sich mühsam zu entziehen,
gleicht er doch dem Diamant,
man möcht fast nieder knien.

Man kann sie nicht mehr retten
all die Männerseel´n,
sie wünschten, dass sie hätten
nie ihren Blick gesehn.

Sie verdrängten die Gefahr,
die von dem Weibe ausgeht,
doch die Schöhnheit der Bathseba
auch bald wird still verweht.


(Carina Felder aus Hennef, Deutschland, Gesamtschule der Stadt Hennef, Jahrgangsstufe 12, Muttersprache: deutsch)


Entrostungsmittel und Ordnung

Der rostige Wasserhahn im Garten.
er war perfekt.
eigen und störrisch und unzuverlässig.
aber perfekt.
perfekt und liebenswert.
Wir wuschen unsere matschigen Räuberhände unter ihm
und ließen feuchte Erde als Souvenir.
machten rot zu braun
und ließen ihn Wasser und Lachen husten.

Der alte Spermüllhaufen hinterm Haus.
er war perfekt.
chaotisch und kantig und aggressiv.
aber perfekt.
perfekt und liebenswert.
Wir ließen ihn Kulisse für Ritterspiele sein
und formten ihn zu Höhlen und Schlössern.
spannten Decken zwischen ihn und den Himmel
und ließen ihn Zeuge von Mord- und Liebesszenen werden.

Und dann kam jemand mit Entrostungsmittel und Ordnung
ließ unser Lachen recyclen und verschenkte unsere Geschichten.
zuverlässigkeit statt Dreck und Platz statt Kreativität.
Er nahm uns das Leuchten weg an das wir uns klammerten.
Und das Lachen.
Und das Strahlen in den Augen.
tauschte unsere Kindheit gegen Sauberkeit


(Johanna Fugmann aus Memmelsdorf, Deutschland, Dientzenhofer-Gymnasium Bamberg, Jahrgangsstufe 8, Muttersprache: deutsch)


Lebenslieder

Wir haben Drafi Deutscher gesungen
Marmor, Stein und Eisen gebrochen
Haben ABER in die Unterführung gesprayt
… wir haben Liebeslieder geschrieben
Und gehofft, dass sie sich reimen

Schnitt

Regen auf deiner Autoscheibe
Wieder mal Dienstag
"Hast du was gesagt?"
…Wir hatten Liebeslieder geschrieben
Erinnerst du dich?

Schnitt

Stelle dir frische Blumen auf die feuchte Erde
Zeichne lächelnd leicht verwehbare Herzen in den Staub
Und fahre mit meinem Finger unser ABER nach
… Wir haben Liebeslieder geschrieben
Wir haben gelebt

Ich höre Musik
Unheilig: "Geboren um zu leben"


(Anna Neocleous aus Rietberg, Deutschland, Gymnasium Nepomucenum Rietberg, Jahrgangsstufe 12, Muttersprache: deutsch)


Anicca (*)

Manchmal
sieht man sie
über Trümmerfelder tanzen.

Liegengebliebene
von Zweifeln zerstückelte
Seelen nimmt sie mit

in schillernden Seifenblasen
und singt ihr unwirkliches
Lied von einer anderen Welt.

Ihre Melodie
spielt mit dem Wind, sie sucht sich
ihren eigenen Weg

setzt sich dann
wie Staub
auf ihre gläserne Maske,

bis sie bei der nächsten
Erschütterung spurlos
am Horizont verweht.


(*) Anicca ist eines der Drei Daseinsmerkmale des Buddhismus und steht für das Konzept der Unbeständigkeit alles Seienden, eine der wesentlichen Lehren des Buddhismus. Gemäß dieser Lehre befindet sich ausnahmslos alles im Fluss der Vergänglichkeit, sogar Planeten, Sterne und Götter sind ihm unterworfen. Dieses wird im menschlichen Leben im Alterungsprozess und im Zyklus von Geburt und Wiedergeburt (Samsara) und in jeder möglichen Erfahrung des Verlustes erfahren. (Quelle: Wikipedia)

(Larissa Hieber aus Schwäbisch Gmünd, Deutschland, Hans-Baldung-Gymnasium, Jahrganggstufe 12, Muttersprache: deutsch)


Alles ist vergänglich
(meinem Vater gewidmet)

Er war hier, als meine Mutter
mich zur Welt brachte.
Er war hier, als ich meinen ersten Geburtstag hatte.

Er war hier, als ich
mein erstes Schachspiel gewann.
Er war hier, als ich meine erste Verletzung hatte.

Er war hier, als mein erster Tag
in der Schule war.
Er war hier, als ich meine erste Note bekam.

Er war hier, wenn ich traurig war.
Er war hier, wenn ich glücklich war.
Er war hier, als ich meine erste Liebe hatte.

Er war hier, wenn ich den Streit
mit der ganzen Welt hatte.
Er war hier und er sah meine
Niederlagen, meine Wünsche, meine Siege. . .

Er ist gestorben...
Er kann nicht meine schlechte Laune sehen
Er kann nicht meine Leiden sehen
Er kann nicht meine Tränen sehen
Er kann nicht mein Lächeln sehen

Er kann nicht meine Einsamkeit fühlen...
Er kann nicht mein Glück fühlen...
Alles ist vergänglich.

Nur die Erinnerung bleibt mit mir...
Das Leben wird zu einer Blase, die in
einem Augenblick platzt und so
wird es/ sie die Vergangenheit.


(Jasmina Buljubasic aus Zenica, Bosnien und Herzegowina, Erstes Gymnasium in Zenica, Geburtsjahr 1993, Muttersprache: bosnisch)


Bäche

Langsam verwandelt sich meine Seele in den Regen,
Der tot und trocken auf den Boden fällt
Und zwei Regenbögen erheben sich am Himmel
Die Zeit ist taub geworden.

Und die Tropfen verschmelzen in eine Kette
Und kriechen die grauen Straβen entlang
Die Bäche flieβen und die Tage reihen sich auf
Sie verwandeln sich in einen vergänglichen Fluss.


(Edin Ibreljić aus Zenica, Bosnien und Herzegowina, Erstes Gymnasium in Zenica, Geburtsjahr 1993, Muttersprache: bosnisch)


Eitel ist…

Was die Sonne gestern gab
Heute das Gewitter nahm
Stein auf Stein
Baum auf Baum
Hand und Hammer
Feuer und Donner
Zu spät!

Was des Schwanes Flügel brachten
Des Geiers Krallen gierig schlachten
Was geboren und geschult
Mit Eitelheit begnügt
Oder nicht?!


(Haris Poturković aus Zenica, Bosnien und Herzegowina, Erstes Gymnasium in Zenica, Muttersprache: bosnisch, Geburtsjahr 1993)

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