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StartseiteDLF-MagazinDie Mauer ist wieder da!05.11.2009

Die Mauer ist wieder da!

Grenzstreit in Schönberg

Ein früherer Stasi-IM und Grenzkommandeur, Michael Heinze, wurde in Schönberg zum Bürgermeister gewählt. Dies führte zum heftigen Streit unter den Bürgern - und zu einer Spaltung in Heinze-Befürworter und -Gegner.

Von Almuth Knigge

Die DDR-Vergangenheit spaltet einen Ort ... (AP)
Die DDR-Vergangenheit spaltet einen Ort ... (AP)

Hunderte Offiziere wohnten hier, Grenzer, Zöllner, Mitarbeiter der Staatssicherheit, dazu kamen freiwillige Helfer der Grenztruppen. Viele sind geblieben. Einer davon ist Michael Heinze, ehemaliger Grenzkommandeur, ehemaliger Bürgermeister der Stadt.

"Ich bin Jahrgang 1956, ein Kind der Deutschen Demokratischen Republik. Ich bin sozialistisch erzogen, in der Familie, im Kindergarten und in der Schule. Ich habe studiert und danach versucht, mit meinem Dienst in den Grenztruppen der DDR meinem Staat etwas zurückzugeben, was er mir gegeben hat."

Michael Heinze steht auf dem Schönberger Marktplatz und erklärt sich. Um ihn herum gut 200 Bürger, mit Kerzen in der Hand.

Michael Heinze, heute Mitglied der Linkspartei, früher Stasi-IM, wurde im Juni dieses Jahres mit einer überwältigenden Mehrheit der 32 Prozent, die zur Wahl gegangen sind, zum Bürgermeister der 4400-Seelen-Stadt wiedergewählt. Und dass er bis heute sein Amt nicht antreten konnte, und dass seine Wähler nun für ihn auf die Straße gehen, ist weit mehr als nur eine Provinzposse aus dem Osten der Republik. Es ist eine Geschichte von nicht aufgearbeiteter Vergangenheit, von der viel zitierten Mauer in den Köpfen und von falsch verstandener Demokratie; eine Geschichte von neuem Streit an der alten Grenze, die die Bürger nicht zur Ruhe kommen lässt.

"Die sind doch bescheuert."

"Das ist die Demokratie, die die Westdeutschen gebracht haben."

"Ich denk mal so: Krieg - mit Krieg wird das enden irgendwie. Die Stadt kommt nicht zur Ruhe, die ist in zwei Lager gespalten. Alles liegt tot am Boden."

Es ist der 14. September, wieder einmal haben sich Schönberger Bürger versammelt, um gemeinsam zur Stadtvertretersitzung zu ziehen, wo erneut über das Schicksal von Michael Heinze entschieden werden soll. Der Protestzug hält an einem Haus an der Durchgangsstraße in Schönberg. Hier wohnt Helmut Preller, ein Künstler aus Hamburg. Er filmt seine vorbeiziehenden Mitbürger, seit Kurzem überwacht er den Bürgersteig und sein Grundstück mit Videokameras. Er hat Morddrohungen erhalten.

"Bespitzelst du uns, Preller, oder was? Ist keine Stasi mehr hier. Oder willst du die neu einführen in Schönberg, bei uns hier. Scher dich ab nach Hamburg, wo du hergekommen bist. Da bist du richtig."

Was ist hier passiert? Als der alte Bürgermeister am 7. Juni erneut zum Stadtoberhaupt gewählt wurde, hatte Helmut Preller die Wahl angefochten. Er hatte herausgefunden, dass Michael Heinze Stasimann war, Deckname "Richard". Heinze, so Preller, hat die Bürger arglistig getäuscht. Bei der Bewerbung zum Bürgermeister 2004 hätte er auf einem Formblatt ankreuzen müssen, ob er Stasizuträger war oder nicht. Das hat er nicht getan. Mal sagt er, die Leute wussten von seiner Vergangenheit, mal sagt er was anderes.

"Weil ich nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte. Und dann gab es damals die Situation, dass die rot-rote Landesregierung sich eigentlich entschlossen hatte im Koalitionsvertrag, die Regelüberprüfung abzuschaffen."

Schlimmer wiegt für den Heinze-Gegner Preller allerdings, dass der ehemalige Bürgermeister wegen des an der Grenze verübten Unrechts gegen Menschenrechte verstoßen habe. Das schließt eine Ernennung zum Bürgermeister absolut aus. Heinze selber habe zwar nie geschossen, aber während seiner Dienstzeit und unter seiner Mitwirkung sind Hunderte von DDR-Flüchtlingen festgenommen und der SED-Justiz übergeben worden.

Zu Beginn dieses Jahres ist ein Buch herausgekommen. "Grenzerfahrungen" heißt es, und auch Michael Heinze hat seine Erfahrungen beigesteuert. "Der Dienst war sehr spannend" ist die Überschrift zu dem 14-seitigen Kapitel und Heinze schreibt, wie er sich nach der Wende über die Politoffiziere geärgert habe, die sofort ihre Parteibücher weggeschmissen hätten. Er wollte bewahren und reaktivieren. Auch deswegen hat Helmut Preller in Schönberg ein Kunstprojekt gestartet und am 13. August neben seinem Haus sogar die Mauer wieder errichtet.

"Sie ist von mir als Gegenentwurf zu andern Gedenkfeiern entstanden. Ich will damit ein Statement für die Opfer des Grenzregimes darstellen."

Auf der 30 Meter langen Mauer liegt scharfkantiger Stacheldraht, eine Akte über zwei ermordete Schüler ist daran geklebt. Jemand hat darüber geschmiert "Demokratie ist hier die der Besserverdienenden". Andere haben Bananen rübergeschmissen, wieder andere mit der Spitzhacke ein Loch in die Mauer gehauen. Die Schönberger empfinden das nicht als Kunst sondern als Provokation.

"Es kann nicht sein, dass jemand von drüben kommt, der hier nicht gelebt hat und hier so ein Theater macht, und will unsere Vergangenheit aufarbeiten. Die arbeiten wir alleine auf. Jeder für sich. Und dadurch ist ja die ganze Stadt jetzt gespalten."

"Und hier war die Staatsgrenze. Die musste geschützt werden, das war so. Wir haben hier gelebt."

Helmut Preller ist ein streitbarer Mensch. Er hat Artikel über den "Fall Heinze" öffentlich ausgehängt. Daraufhin klebten Bürger Zettel darüber, auf denen stand "Preller amputieren", "Pack deine Koffer" und "Isolieren, aber richtig". "Isolieren" meint im Stasijargon die Internierung Andersdenkender.

Preller bleibt standhaft. Für die Opfer von Repression sagt er, damit sie sehen, dass man sich in einer richtigen Demokratie wehren kann. Schützenhilfe bekommen Heinze-Kritiker auch von der Stasilandesbeauftragten in Schwerin. Unglaublich sei es, dass jemand mit einer Biografie wie Heinze überhaupt zu einer Wahl für ein öffentliches Amt angetreten sei. Die Bürger, die für Heinze auf die Straße gehen, interessiert das nicht. Viele sagen, ist doch klar, dass ein Grenzkommandeur Kontakt zur Stasi hatte. Und außerdem habe sich bis jetzt noch keiner gemeldet, dem er geschadet habe.

"Ich sag mal, aufarbeiten musst du das Thema. Aber das ist unsere Vergangenheit. Es war ja auch nicht alles schlecht, aber du traust dich das ja nicht zu sagen. Es war so: Es wimmelte hier von Offizieren und Soldaten. Es war so."

Preller sagt, dass es beim Verstoß gegen Menschenrechte keinen Schlussstrich geben kann. Der Künstler ist mit seiner Aktion noch lange nicht fertig: Die Mauer, die er am 13. August dieses Jahres aufgebaut hat, wird am 9. November - dem Tag des Mauerfalls - nicht einfach demontiert. Sie wird auf Reisen geschickt. Bis zum 13. August 2011, dem 50. Jahrestag des Mauerbaus, sollen 16 Künstler aus 16 Bundesländern anhand der mobilen Mauer weiterhin deutsch-deutsche Grenzen ausloten.

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