Die neue Platte / Archiv /

 

Die Stimmvielfalt Venedigs

Venezia - die neue CD des Countertenors Max Emanuel Cencic

Von Christiane Lehnigk

Das Programm "Venezia" ist eine Auswahl an Komponisten, die in Venedig gewirkt haben.
Das Programm "Venezia" ist eine Auswahl an Komponisten, die in Venedig gewirkt haben. (AP)

Max Emanuel Cencic hat sich das Ausgraben vergessener Opern auf die Fahne geschrieben. Auf seiner neuen CD mit dem Fokus auf Venedig werden nahezu unbekannte Arien vorgestellt - darunter Werke von Antonio Caldara, Giovanni Porta, Giuseppe Selitto, Geminiano Giacomelli, Tomaso Albinoni und nicht zuletzt Antonio Vivaldi.

<p>Im Mittelpunkt steht heute die neueste CD des Countertenors Max Emanuel Cencic, die er zusammen mit dem Ensemble Il Pomo d'oro unter der Leitung von Riccardo Minasi im August und September des vorigen Jahres in Italien aufgenommen hat. Diese Produktion erschien jetzt unter dem Titel 'Venezia. Opera Arias of the Serenissima' bei Virgin Classics. Im Studio begrüßt Sie dazu Christiane Lehnigk.<br /><br />Wenn es auch inzwischen eine ganze Riege hochkarätiger Countertenöre gibt, so ist doch die Stimmkultur von Max Emanuel Cencic, mit der er sich seine Sopranstimme unbeschadet in das Erwachsenenalter hinüberretten konnte, einzigartig. Er begann, sich ab 2001 als Countertenor zu etablieren und mit einer Reihe von CD-Produktionen hat der Deutschlandfunk seinen kometenhaften Aufstieg begleitet.<br /><br />Inzwischen werden auch Countertenöre wie ihre Gesangskollegen als Stars vermarktet, und es rückt immer wieder eine neue Generation nach, der die Technik noch leichter zu fallen scheint, deren Ausbildung noch perfekter ist. Aber anstatt diese jungen aufstrebenden Diven als Konkurrenz zu empfinden, haben Cencic und seine Agentur 'Parnassus Arts Productions' die Situation umgekehrt und jetzt suchen und fördern sie den internationalen Nachwuchs. Dazu gehört auch das Erkunden nach immer neuem Repertoire, das Ausgraben vergessener Opern, die zu den Paradestücken der Kastraten im 18. Jahrhundert gehörten. Ein Beispiel ist hier 'Artaserse' von Leonardo Vinci, in der alle fünf Hauptpartien mit Countertenören besetzt sind, eine unvergleichlich erfolgreiche Koproduktion mit dem Deutschlandfunk, die dem Stimmfach noch einmal mehr zum Aufschwung verholfen hat.<br /><br />Max Emanuel Cencic hat auch auf dieser CD mit dem Fokus auf Venedig wieder unbekanntes Repertoire erstmals vorgestellt, darunter Opern-Arien von Antonio Caldara, Giovanni Porta, Giuseppe Selitto, Geminiano Giacomelli, Tomaso Albinoni und nicht zuletzt Antonio Vivaldi.<br /><br /><strong><em>Antonio Vivaldi</strong><br />'Anche in mezzo a perigliosa'. Arie<br />Max Emanuel Cencic, Countertenor<br />Il Pomo d'oro <br />Leitung: Riccardo Minasi</em> <br /><br />Wenn auch Antonio Vivaldi im Mittelpunkt des neuen 'Venezia'-Programmes von Max Emanuel Cencic steht, so gruppiert sich doch um ihn eine illustre Schar teils kaum bekannter Komponisten, die entweder aus Venedig stammen oder hier gearbeitet haben. Dabei ging es ihm darum, die unterschiedlichen Stilrichtungen und Affekte von Vivaldi und einigen Konkurrenten, in ihrer farblichen Vielfalt darzustellen, die alle die sechs Theater der Lagunenstadt mit jährlich um die 450 verschiedenen Opern belieferten.<br /><br />&quot;Das Programm Venezia ist eine Auswahl an unterschiedlichen Komponisten, die in Venedig gewirkt haben, in den Jahren so zwischen 1720 und 1740, und die Idee war eigentlich weniger sich um die Personen, die das aufgeführt oder gesungen haben zu beschäftigen, sondern sich eigentlich eher mit der Frage zu beschäftigen über Venedig als Stadt, als Schmelztiegel der Kulturen und als sozusagen musikalisch stilistischen Topf. Und ich habe versucht, auf dieser CD eine Art, wie soll ich sagen, stilistische Bandbreite zu erörtern, die man dem eben Venedig oder dem venezianischen Musik- oder Opernstil zuschreiben kann. Deswegen habe ich mich jetzt nicht nur auf der CD nur auf Vivaldi zum Beispiel konzentriert, der natürlich auch dabei ist, aber ich wollte auch Komponisten aus Venedig haben, wie zum Beispiel Caldara, der aber nicht in Venedig gelebt hat, sondern in Österreich gewirkt hat, gleichzeitig aber auch Komponisten, die nicht in Venedig geboren wurden, wie Giacomelli, die aber in Venedig gewirkt haben und die venezianischen Komponisten wiederum sehr entschieden beeinflusst haben.&quot; <br /><br />Als Partner hat sich Max Emanuel Cencic für seine Venezia-Produktion ein italienisches Ensemble ausgesucht, stilgerecht in kleiner exquisiter Besetzung mit 17 Musikerinnen und Musikern. 'Il Pomo d'oro' heißt die junge Truppe, die der Geiger Riccardo Minasi letztes Jahr ins Leben gerufen hat und die in ihrer Arbeit einen Schwerpunkt auf der Oper hat. Der Name des Ensembles, 'Der Goldene Apfel', ist dem Titel einer Oper von Antonio Cesti aus dem Jahre 1666 entnommen, eine der aufwendigsten Produktionen des damals noch jungen Genres, mit einem riesigen Feuerwerk, Pferdeballett, 50 Sängerpartien (darunter neun Kastraten), unzähligen Bühnen-Effekten und einer Gesamtdauer von über zehn Stunden. Das Ensemble 'Il Pomo d'oro' ist hier ein kongenialer Partner für das Venedig-Programm von Cencic, stilsicher in der Phrasierung, sensibel in der Begleitung, unangestrengt im Duktus und mit einer federnden Leichtigkeit, die man gerne italienischen Musikern auf historischem Instrumentarium attestiert. Max Emanuel Cencic:<br /><br />&quot;Ich bin gerne jemand, der experimentierfreudig ist und immer wieder mit neuen Leuten zusammenarbeitet, also, weil das auch sehr für mich bereichernd ist, mit neuen Künstlern in Kontakt zu treten um damit neue Erfahrungen zu sammeln. Dadurch wächst man, glaube ich, auch weiter. Die Zusammenarbeit mit Minasi ist eine komplett neue gewesen und sie war erfolgreich.&quot; <br /><br />Während der zehntägigen Aufnahme-Session im vorjährigen heißen venetischen Hochsommer spielte das Ensemble noch zwei weitere CDs mit den Countertenören Franco Fagioli und Xavier Sabata ein. Mit Cencic gibt Minasi in diesem Jahr noch 17 Konzerte zusammen, in Deutschland sind sie als nächstes am 28. Februar beim Bodenseefestival zu erleben. Cencic geht es auch in dieser Einspielung nicht um eine Aneinanderreihung von virtuosen Bravourstückchen, sondern vielmehr um die Auslotung dessen, was in der norditalienischen Oper zu Beginn des 18. Jahrhunderts alles angeboten wurde. Da gibt es natürlich die üblichen Wut- und Rache-Arien, aber nicht zuletzt sind es vor allem die langsamen, emotionsgeladenen und spannungsvollen Arien, quer durch die Register, in der sich die Stimme von Cencic unangestrengt entfalten kann. Wie hier in der der Arie "Sposa ... non mi conosci", "Gemahlin, Du kennst mich nicht. / Mutter ... du hörst mich nicht" aus dem 3. Akt der Oper 'La Merope' von Geminiano Giacomelli. Diese bekannte Arie im venezianischen Stil wurde lange Zeit Vivaldi zugeschrieben, weil dieser sie später in einem Pasticcio mit einem anderen Text verwendet hatte. <br /><br /><strong><em>Geminiano Giacomelli</strong><br />aus: Merope. Oper, 3. Akt, 7. Szene <br />Arie "Sposa ... non mi conosci",<br />Max Emanuel Cencic, Countertenor<br />Il Pomo d'oro<br />Leitung: Riccardo Minasi</em> <br /><br />Eine Kunst, die man bei der Gestaltung dieser dramatischen venezianischen Musik, wie hier bei Giacomelli, perfekt beherrschen muss, ist neben der zeittypischen Affekt-Darstellung die Verzierung und Ornamentik der Vokal- wie der Instrumentalstimmen. Max Emanuel Cencic sieht darin allerdings keine formelhafte Kür, sondern eher eine ganz individuelle Fertigkeit, die man sich durch die Kenntnis der Partituren und Schriften der Zeit aneignen muss und virtuos beherrschen sollte.<br /><br />&quot;Ich glaube, dass die Verzierung und die Interpretation halt immer eine Sache ist, die individuell für jeden Sänger stimmen muss. Ich weiß es ja, dass es damals genauso war. Es gab Sänger, die einen bestimmten Verzierungsstil hatten, und das kann man nicht nachmachen. Man muss es individuell für sich selbst entwickeln, das ist nur eine Form des Ausdrucks. Während der venezianische Stil an sich selbst jetzt im musikalischen Sinne gesehen ein Stil ist, der sehr sich sehr mit der Frage des dramatischen Ausdrucks beschäftigt hat. Also in Venedig könnte man durchaus sagen, dass man sehr viele vorklassizistische Ansatzpunkte hatte, die stark vertreten waren. Vor allem Vivaldi ist ja jemand, der ein sehr großer Verfechter der venezianischen Oper war. Wenn man schaut, in der Zeit als Metastasio von fast allen Komponisten vertont wurde, war Vivaldi einer der wenigen Komponisten, der sich eigentlich diesem Trend sich widersetzte und der eigentlich nur L'Olympiade von Metastasio vertonte, aber alle anderen Opern, die er geschrieben hat, sind von Venezianern geschrieben und sind überhaupt nicht nach der Metastasianischen Form der Oper seria aufgebaut. Was natürlich beweist eben, dass Vivaldi ein Querdenker war. Und Galuppi natürlich, der sozusagen als der große Nachfolger Vivaldis in Venedig angesehen wurde, war auch jemand, der dann auch zunehmend sich mehr der Opera buffa zuwandte, die von Goldoni halt sehr stark geprägt wurde. Und Goldoni ist, wie gesagt, der große venezianische Librettist des mittleren 18.Jahrhunderts, der wie gesagt, aus der venezianischen Oper. Wo man eben die Komödie mit der Tragödie vermischte, eben nur die Komödie herausgeholt hat und die Komödie sozusagen zum Hauptaugenmerk seines künstlerischen Schaffens gemacht hat.&quot; <br /><br /><strong><em>Giuseppe Sellitto</strong><br />aus: Nitocri. Oper, 1. Akt, 3. Szene<br />Arie "Anche un misero arboscello"<br />Max Emanuel Cencic, Countertenor<br />Il Pomo d'oro<br />Leitung: Riccardo Minasi"</em> <br /><br />Die Neue Platte im Deutschlandfunk. Wir stellten Ihnen heute die neueste, mit Virgin Classics produzierte CD des Countertenors Max Emanuel Cencic vor, die er zusammen mit dem Ensemble 'Il Pomo d'oro' unter der Leitung von Riccardo Minasi unter dem Titel 'Venezia. Opera Arias of the Serenissima' veröffentlichte. Im Studio verabschiedet sich, mit Dank fürs Zuhören, Christiane Lehnigk.<br /><br /><strong>Links ins Netz:</strong> <br /><br /><papaya:link href="http:www.virginclassics.com" text="www.virginclassics.com" title="www.virginclassics.com" target="_blank" /><br /><br /><papaya:link href="http:www.cencic.com" text="www.cencic.com" title="www.cencic.com" target="_blank" /><br /><br /><papaya:link href="http://www.il-pomodoro.ch" text="www.il-pomodoro.ch" title="www.il-pomodoro.ch" target="_blank" /></p>

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Die neue Platte

OrgelmusikArp-Schnitger-Klang wieder hörbar gemacht

Die St. Cyprian- und Corneliuskirche in Ganderkesee (Kreis Oldenburg) ist am Abend des Dienstag (30.08.2011) während des Arp-Schnitger-Festival II: "Buxtehude & Bach & Schnitger" bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt. Im Hintergrund ist die Orgel von Arp Schnitger zu sehen. Das Konzert mit dem Bach Collegium aus Japan fand im Rahmen des Musikfestes Bremen 2011 statt. 

Die Orgeln von Arp Schnitger hatten schon zur Zeit von Johann Sebastian Bach einen besonderen Ruf. Heute pilgern Orgelfans aus der ganzen Welt zu den Instrumenten des Orgelbauers, von denen besonders viele in Niedersachsen sind. Auf einer neuen CD werden klangliche Restaurierungen der letzten Jahre präsentiert.

Drei BläserExperimentierfreude an Flöte, Bassklarinette und Horn

Feinbehandlung der Oberflächen beim Flötenbauer Moeck in Celle am 18.11.2003.

Blasinstrumente gibt es seit prähistorischer Zeit. Es ist das Verdienst der Neuen Musik, sie in solistischer Weise zum Klingen zu bringen und dabei aus dem kanalisierenden Zwang klassischen Schönklangs zu lösen, um auszuloten und auszureizen, welche Klang-Universen in ihren Korpussen schlummern.

Sinfonische MusikSchottische Fantasie neu interpretiert

Das Bild zeigt die "Macdonald" Stradivarius Viola, die 1719 von Antonio Stradivari (1641-1737) geschaffen hat. Bei Sotheby's wurde sie in Paris am April 15, 2014 versteigert. Sotheby's hat den Preis in New York auf 45 Million US Dollars geschätzt. AFP PHOTO BERTRAND GUAY

Die schottische Geigerin Nicola Benedetti und das BBC Scottish Symphony Orchestra haben die Schottische Fantasie von Max Bruch auf Vinyl gebracht. Man hört der Aufnahme an, dass die Interpreten hier ein musikalisches "Heimspiel" haben.

 

Musik

Leonard Cohen "Nicht die Ikone, die viele in mir sehen"

Der Musiker Leonard Cohen im Jahr 2012.

Der kanadische Pop-Poet Leonard Cohen wird am Sonntag 80 Jahre alt. Dass ausgerechnet jetzt sein neues Album "Popular Problems" erscheine, sei Zufall, betont Cohen. Der Medienrummel ist dem Mann mit dem Bariton zwar sichtlich unangenehm, auf Tour gehen will er aber wieder. Das halte jung und fit.

Broom BezzumsNeue Besen für den alten Folk

Broom Bezzums im Studio des DLF.

Broom Bezzums, die Ginsterbesen: Hinter der in Deutschland lebenden Folkgruppe stecken die Multiinstrumentalisten Mark Bloomer und Andrew Cadie. Mit ihrer zeitgenössischen Interpretation von Folkmusik haben sie bereits zweimal den deutschen Rock- und Poppreis gewonnen.

Lenny Kravitz"In erster Linie ist es ein Gitarrenalbum"

Der Musiker Lenny Kravitz

"Man hört kaum noch Gitarren und das ganze Feeling, das mit ihnen einhergeht", sagte Lenny Kravitz im Deutschlandfunk. Um seine Liebe zu den sechs Saiten zu unterstreichen, verpasste der Musiker seinem neuen Album "Strut" einen besonders puristischen Ansatz.