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StartseiteSport am WochenendeDiplomaten in kurzen Hosen27.05.2012

Diplomaten in kurzen Hosen

Der Fußball hat das Deutschland-Bild in Israel über Jahre positiv geprägte

Am kommenden Donnerstag empfängt das deutsche Fußball-Nationalteam in Leipzig die Auswahl Israels zu einem Freundschaftsspiel. Mit der Betonung auf Freundschaft – doch das war nicht immer so. Vor den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki hatte das israelische Außenministerium seinen Sportlern noch den Wettkampf gegen deutsche Athleten untersagt.

Von Ronny Blaschke

Die Mannschaft von Borussia Mönchengladbach vor ihrem Hotel während der ersten Israelreise 1970. (privat)
Die Mannschaft von Borussia Mönchengladbach vor ihrem Hotel während der ersten Israelreise 1970. (privat)

Doch es war der Sport, der die deutsch-israelischen Beziehungen wieder möglich machte – und nicht die Diplomatie. 1957 hatte der Sportfunktionär Willi Daume als erster Deutscher eine offizielle Einladung nach Israel erhalten. Es war der Beginn einer langen Tradition.

Manfred Lämmer war schon oft in der Altstadt von Jerusalem. Wie oft? Das kann er nicht mehr überblicken. An eine Reise aber kann er sich genau erinnern: 1963 hatte Lämmer der ersten deutschen Sportlergruppe angehört, die nach dem Holocaust nach Israel reisen durfte – lange vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern.

"’ Und bereits am ersten Abend hat eine Gruppe israelischer Studenten uns in die Mitte genommen. Und wir sind nach Netanya gefahren und sind in einem Café gelandet. Wir haben in keiner Weise irgendwelche Ressentiments gespürt. Man muss dabei bedenken, dass 20-jährige Studenten damals in ihrem Leben noch nie einen Deutschen gesehen hatten. Und der Sport hat sich als bessere Brücke erwiesen als etwa Kunst, Kultur und Wissenschaft.’"

Mehr als dreißig Jahre leitete Manfred Lämmer an der Sporthochschule in Köln das Institut für Sportgeschichte. Einer seiner Forschungsschwerpunkte betrifft den Februar 1970: Damals flog Borussia Mönchengladbach in geheimer Mission nach Tel Aviv. Die Maschine der Bundeswehr wurde ständig überwacht. Eingeleitet hatte diesen Trip der israelische Nationaltrainer Emanuel Schaffer. Schaffer war in Recklinghausen aufgewachsen und hatte seine Trainer-Ausbildung in Köln abgelegt. Er freute sich über die deutschen Diplomaten-Kicker, mit an Bord: Herbert Laumen, geboren 1943:

"’Wir sind natürlich mit gemischten Gefühlen hingeflogen. Unsere Frauen waren auch nicht gerade begeistert davon, denn es gab ja immer wieder Unruhen. Dann haben wir aber ein Spiel hingelegt vom Feinsten und haben die Nationalmannschaft 6:0 geschlagen. Dann war es wirklich so, dass die israelischen Sportfans uns mit stehenden Ovationen verabschiedet haben. Ich glaube schon, dass wir mit unserem Auftreten allgemein nur für positive Schlagzeilen gesorgt haben.’"

Herbert Laumen schoss drei Tore, bis tief in die Nacht wurden die deutschen Gäste von den Israelis gefeiert. Und der Bann war gebrochen: Im selben Jahr wechselte Uwe Klimaschefski als erster deutscher Trainer zu einem israelischen Verein, zu Hapoel Haifa. Mönchengladbach verpflichtete in Shmuel Rosenthal den ersten Israeli für die Bundesliga. Hunderte Begegnungen zwischen deutschen und israelischen Mannschaften folgten diesem Spiel. Doch hatte die Mission der Borussia 1970 auch Einfluss auf andere Bereiche gehabt? Historiker Manfred Lämmer:

"’Da hat man geglaubt, man könne nun im nächsten Jahr auch eine deutsche Kulturwoche in Tel Aviv wagen, zu der übrigens Günter Grass und andere damals als progressiv geltende Literaten angereist waren. Sie wurden noch mit Tomaten und faulen Eiern beworfen. Die Fußballspieler wurden gefeiert. Das zeigt, dass der Fußball gegenüber der Hochkultur den Vorteil hat, dass er ganz andere soziale Schichten anspricht.’"

Eine Konferenz der Akademie für Fußball-Kultur in Nürnberg Anfang Mai. In einem Video präsentiert der DFB sein politisches Wirken: Seit 2008 reisen Jugendteams jeden Dezember nach Israel, dort besuchen sie auch die Gedenkstätte Yad Vashem. Diese Partnerschaft hat Ausstrahlung: 7000 Jugendliche beider Länder befinden sich jährlich in Austauschprogrammen von Schulen. Viele der rund 100 Städtepartnerschaften zwischen beiden Ländern entstanden durch Sport. Auch deshalb haben sich während der WM 2010 ein Drittel der Israelis einen deutschen Sieg erhofft. Demnächst wird ein deutsches Frauenteam Spiele in Israel und in den palästinensischen Autonomiegebieten bestreiten. Tal Gat ist Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der israelischen Botschaft in Berlin. Er freut sich über die Unterstützung des Fußballs, zum Beispiel über die des israelischen Nationalspielers Almog Cohen, der seit 2010 für den 1. FC Nürnberg spielt.

"’Meine diplomatische Arbeit. Das bedeutet, dass ich mit sehr viel Mühe arbeite, hunderte von Leuten zusammenzubringen. Aber dann mit 45 guten Minuten von Almog Cohen, zum Beispiel ein gutes Tor, verdiene ich viel mehr durch seine Bemühungen, als was ich je glauben kann.’"

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