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StartseiteBüchermarktDurchsichtige Dinge / Sieh doch die Harlekine19.01.2003

Durchsichtige Dinge / Sieh doch die Harlekine

Rowohlt, 512 S., EUR 28,-

Ein durchsichtiges Ding ist dieses Buch nicht. Es verschwindet nahezu unsichtbar unter knisternd weißem Papier. Man muß es zuerst auswickeln. Dann streuen Silberbuchstaben über einen dunkellilafarbenen Einband, auch der Klappentext ist versilbert. Entfernt man auch den Schutzumschlag, prangt vorn auf dem Leineneinband ein silberner Schmetterling. Das Buch ist schon optisch Nabokov. Vladimir Nabokov der Sprachversilberer, der Verpackungskünstler, der nichts verpackt, sondern unter jeder Verpackung eine weitere, überraschende Verpackung versteckt, hinter jedem Bewusstseinszustand noch einen weiteren vermutet, für den selbst der Tod nur eine andere Art von Bewusstsein ist. Nabokov der Spezialist der Lepidopterologie, der Schmetterlingskunde, Nabokov, der feinsinnige und ironische Philologe. So in der Art mögen der Herausgeber Dieter E. Zimmer und der Rowohlt-Verlag bei der Gestaltung der geplanten 24- bändigen Werkausgabe gedacht haben. 18 Bände liegen bereits vor, und es sind wirklich schöne Bücher. Unter dem Titel "Späte Romane" enthält der soeben erschienene zwölfte Band die Romane "Durchsichtige Dinge" und "Sieh doch die Harlekine!" Es sind auch die letzten, die Nabokov geschrieben hat. Zwei Jahre später, 1977, starb er in einem Krankenhaus in Lausanne.

Antje Ravic Strubel

Als er das Fenster erreichte, kam eine lange Flamme mit einer Lavendelspitze herbeigetänzelt, um ihm mit einer anmutigen Gebärde ihrer behandschuhten Hand Einhalt zu gebieten. ... Ringe verwischter Farben umkreisten ihn (und erinnerten ihn kurz an ein Kindheitsbild in einem furchteinflößenden Buch über frohlockende Gemüsepflanzen, die immer schneller um) einen Jungen im Nachthemd herumwirbeln, der verzweifelt versucht, aus dem irisierenden Taumel des Traumlebens zu erwachen. Sein letzter Anblick war das Verglühen eines Buchs oder einer Schachtel, die ganz und gar durchsichtig und hohl geworden war. Dies denn ist es, glaube ich: nicht die große Qual des leiblichen Todes, sondern die unvergleichlichen Schmerzen des geheimnisvollen geistigen Manövers, das nötig ist, von einem Zustand des Seins in einen anderen zu gelangen."

Mit diesem Übertritt in den Bewusstseinsbereich des Todes endet der Roman "Durchsichtige Dinge". Er spielt in der Schweiz, wo sich auch der Autor während seiner letzten Lebensjahre größtenteils aufhielt. Hugh Person, der Durchschittlichste unter den Durchschnittlichen und vom Erzähler eingeführt, als griffe der sich einen zufälligen Passanten auf der Straße als Hauptgestalt heraus, reist als Vierzigjähriger noch einmal nach Witt ins Hotel Ascot. Dort, auf Zimmer 313, lernte Person vor acht Jahren seine Frau Armande kennen, und dort wird er am Ende des Buches in einem Hotelbrand ums Leben kommen. Zuvor fächert sich das Leben des Hugh Person vor Augen des Lesers auf, ein belangloses, nichtiges Leben, das sich einzig durch Persons Liebe zu Frauen auszeichnet, die anstrengend, weil eigenwillig sind. Persons Vater stirbt, als er 22 ist, kurz danach besorgt eine Prostituierte seine Entjungferung. Von da an wird er zehn Jahre ziellos durch verschiedene Jobs treiben. Während er in einem Schreibwarengeschäft arbeitet, erfindet er immerhin den Person-Füller. Mit 29 wird er Lektor in einem Verlag und trifft auf den Schriftsteller Mr.R. Um mit diesem etwas komplizierten Mann Verhandlungen über sein neues Buch mit dem geheimnisvollen Titel Tralatitions zu führen, fährt er ins Hotel Ascot, in jenes Hotel, in dem er Armande, die kühle, aber anziehende Frau kennen lernt, die er schließlich heiratet, bevor er sie eines Nachts in einer Art Traumverlorenheit ermordet. Nicht nur, aber vor allem in der Liebe scheint dieser Hugh Person ein parzival´´ scher Dümmling zu sein.

Wenn er ... in der grauesten aller Stunden und ohne die entfernteste sexuelle Absicht seine Lektüre unterbrach, um in ihr Zimmer zu gehen und sich ihr auf Knien und Ellbogen wie ein ekstatisches, noch unbeschriebenes bodenbewohnendes Faultier zu nähern und ihr seine Liebe entgegenzuschreien, erklärte die kühle Armande, er solle aufstehen und sich nicht zum Narren machen. Die glühendsten Anreden, die er sich einfallen ließ - meine Prinzessin, meine Liebste, mein Engel, mein Tier, mein kostbares Raubtier -, gingen ihr nur auf die Nerven. `Warum´, erkundigte sie sich, `kannst du mit mir eigentlich nicht natürlich reden, so wie ein Herr mit einer Dame spricht, warum mußt du dich aufführen wie ein Clown, warum kannst du nicht ernst und einfach und glaubwürdig sein?´ Doch Liebe, sagte er, sei alles, nur nicht glaubwürdig, das wirkliche Leben sei tatsächlich lächerlich, Bauerntölpel lachten über die Liebe. ... Und während er vor ihr kroch und seine unmelodische Stimme gefühlige, exotische... Alles-und-Nichts-Worte ihm sozusagen selber ins Ohr murmelte, wurde der bloße Ausdruck der Liebe eine Art degenerierter vogelhafter Darbietung, die das Männchen allein, ohne ein Weibchen in Sicht vollführte ... Wegen all dem schämte er sich seiner selbst, aber er konnte kein Ende finden, und sie konnte nicht verstehen, denn nie holte er bei diesen Gelegenheiten das rechte Wort, den rechten Wasserhalm herauf.

Nach dem Prozess wegen Mordes an Armande und Jahren in der Heilanstalt kehrt Hugh schließlich in die Schweiz und die Leser mit ihm zum Anfang des Romans zurück. Aber wie mühsam, hier die Handlung zu erzählen, wo sie doch vollkommen durchsichtig ist. Vom Anfang sieht man schon auf´ s Ende hin und vom Ende den Anfang. Die Geschichte des Hugh Person, des Irgendjemand, interessiert höchstens im Sinne Flauberts, dessen Bewunderer Nabokov war. Flaubert wollte mit Madame Bovary ein "Buch über nichts" schreiben, "ein Buch ohne äußere Bezugspunkte, das nur durch die innere Kraft des Stils zusammengehalten würde." So lebt auch Hughs belanglose Lebensgeschichte vor allem durch den Stil, durch zahlreiche literarische, auch selbstreferentielle Anspielungen ihres Autors. Der Schriftsteller Mr. R. beispielsweise verliebt sich in die achtzehnjährige Tochter seiner Frau. Darin ist er Humbert Humbert aus Nabokovs bekanntestem Werk "Lolita" nicht unähnlich. Das Motiv der Schreibutensilien erinnert daran, dass man es hier mit einem ganz und gar ästhetischen Werk zu tun hat, das der Abwesenheit einer grundlegenden Realität ein Universum des Bewusstseins entgegenhält. Dieses Universum dehnt sich aus über brilliante Wortspielereien, einem schier endlosen Assoziationsreichtum, der sich in Nabokovs Werk noch verstärkte, nachdem er im Wechsel von der russischen in die englische Sprache zusätzlichen Zündstoff für seine Sprachreflexionen fand. Auch in diesem Band werden sie vom Herausgeber im Anhang sorgfältig erklärt. (Zimmer hat übrigens seine Übersetzung von 1980 nochmals überarbeitet, die Sprache ist bündiger und klarer geworden.)

Aber um der eigentlichen Durchsichtigkeit dieses Romans habhaft zu werden, müsste man ihn von der anderen Seite her erzählen können, von dort, wo sich der Erzähler befindet. Dann aber müsste man zuerst die schmerzhafte geistige Anstrengung vollziehen, von der Nabokov spricht. Man müsste, wenigstens in der Vorstellung, sterben. "Durchsichtige Dinge" ist ein Buch über das Leben, von jenseits des Todes erzählt. Hier sprechen, manchmal chorisch, die Geister. Sie organisieren die Figuren, prognostizieren Schicksale, aber die Zukunft ist auch für sie nur ein Gedankenphantom.

Die direkte Einmischung in das Leben einer Person gehört nicht in unseren Tätigkeitsbereich, noch ist auf der, tralatitiös gesagt, anderen Seite ihr Geschick eine Kette aus vorbestimmten Gliedern: Einige künftige Ereignisse mögen wahrscheinlicher sein als andere, so weit so gut, doch alle sind schimärenhaft... Nur Chaos käme dabei heraus, wenn einige von uns Herrn X. unterstützen, während sich eine andere Gruppe des Fräuleins Julia Moore annähme... Das äußerste, was wir tun können, um einen Favoriten unter Umständen, die anderen keinen Schaden zufügen, in die bestmögliche Richtung zu lenken, das ist, uns zu verhalten wie ein Windhauch und nur den leichtesten, den mittelbarsten Druck auszuüben, etwa zu versuchen, ihm einen Traum einzugeben, von dem wir hoffen, unser Favorit werde ihn als prophetisch erkennen, wenn ein wahrscheinliches Ereignis dann tatsächlich eintritt.

Nebenbei und durch die Geister gesprochen lotet Nabokov hier im besten Sinne eines Sprachspiels seine Vorstellung von einem jenseitigen Bewusstsein aus. Er schafft eine Spielfläche, auf der erzählend untersucht wird, wie weit ein jenseitiges Bewusstsein in das diesseitige einzugreifen in der Lage sein könnte: Jenseits des Todes wirken sowohl Menschen als auch Gegenstände austauschbar, man kann ihnen bis auf den Grund sehen. Die Geister gucken Hugh Person wie einem gläsernen Menschen in die Gedärme. Jenseits des Todes befindet man sich außerhalb der Bedeutung. Man ist nicht mehr Teil des, wie Nabokov durch die Geister sagen würde: "dünnen Furniers unmittelbarer Realität, das sich über die natürliche und künstliche Materie ausbreitet." Außerhalb der Bedeutung stehend, werden Mensch und Gegenstand, die Kategorien des Natürlichen und des Künstlichen bloße Materie, sie sind ununterscheidbar. Der Text jedenfalls unterscheidet nicht zwischen der Beschreibung Persons und der eines Bleistifts, beides betrachtet er gleich intensiv. Aber nur wer innerhalb der Bedeutung steht, ist lebendig. Er bleibt der Gegenwart verhaftet. Die Wahrnehmung allerdings ist in diesem Zustand begrenzt. Man läuft wie Hugh Person Gefahr, blindlings sogar in einen Mord hineinzustolpern. Von außen dagegen sieht man, wie diese Bedeutung über individuelle und gesellschaftliche Vergangenheit in die Gegenwart hineingetragen wird. Jede Bedeutung aber stellt sich über Sprache her, und so ergeben die Sprachreflexionen in diesem kurzen Roman einmal mehr Sinn. Nicht umsonst schreibt die Figur des Mr. R. einen Roman im Roman mit dem bezeichnenden Titel Tralatitions, was, wie Zimmer in den Erläuterungen mitteilt, ein Spiel mit dem heute obsoleten Wort tralation ist. Tralation aber heißt soviel wie Metapher, übertragene Bedeutung.

Um den Ausblick zu erweitern, um also auch in die letzten Winkel der Vergangenheit sehen zu können, müsste man das Bewusstsein über die Schwelle des Todes tragen. Der Tod ist jedoch, wie Walter Benjamin sagt, "die Sanktion von allem, was der Erzähler berichten kann. Vom Tode hat er seine Autorität geliehen." Im Tod endet gewöhnlich das Erzählen und damit die Lektüre. Und wie um darauf hinzuweisen, sterben auch in diesem kurzen Roman immerhin 16 Menschen. Aber sie sind wunderbarerweise nicht aus dem Text verschwunden, denn hier erzählen die Geister. Und wie man dahin kommt, sagt Nabokov im letzten Satz, wo er in der Geisterstimme des Mr. R. reizend nonchalant verkündet:

Immer sachte voran, wissen Sie, dann wird´ s schon werden, Söhnchen.

Sachte voran geht´ s im zweiten der Späten Romane Nabokovs mit dem Titel "Sieh doch die Harlekine!" ganz sicher nicht. Gegenüber dieser von Uwe Friesel übersetzten Biofiktion, gegenüber dieser Camouflage einer Biografie wirken die in den 90er Jahren so aktuell gewordenen Lebensberichte aus deutschen Kindheiten wie in der Mikrowelle aufgewärmte Nudelsuppe. Hier zeigt einer lange vorher, wie aus Alltagsrealität Kunst zu gewinnen ist. Sie besteht nämlich gerade nicht darin, einfach aufzuschreiben, wie alles war. Nachdem Nabokov sich jahrelang mit den enttäuschenden Entstellungen seines ersten Biografen Andrew Field herumschlug, der Behauptungen aufstellte, die teilweise auf purer Spekulation beruhten, hat sich der Sprachkünstler eine Analyse des Wesens von Biografien selbst vorgenommen. Mit "Sieh doch die Harlekine!" erklärt er die Biografie für ad absurdum. Nabokov, der sein Privatleben sowieso lieber als das behandelt wissen wollte, was es war, nämlich privat, erfand eine fahrige, zerstreute Hauptgestalt, deren ziemlich einfältiges Hauptproblem sich leitmotivisch durch den Roman zieht: Vadim Vadimovich ist nicht in der Lage, sich in Gedanken umzudrehen. Er ist ein ungenauer Erzähler, ein lottriger, nervöser Mensch, mit einer Neigung zum Wahnsinn, von dem er am Ende durch die einzige Liebe seines Lebens gerettet wird. Dieser Erzähler ist vom biografischen Vorbild Nabokovs unabhängig. Zwar ist er, wenn auch nicht aus einer Aristokratenfamilie stammend, wie Nabokov ein russischer Schriftsteller, der Russland verlässt. Auch das ist dem Autor vergleichbar. Nabokovs Familie floh 1919 vor der Machtergreifung der Kommunisten nach England. Er lebt dann eine Zeit in Paris, um später als Professor für Literatur an einer amerikanischen Universität zu lehren. Auch Nabokov hielt Vorlesungen zur russischen und europäischen Literatur an der Cornell University, Ithaca. Aber gleichzeitig trifft der Erzähler Vadim auf fiktive Figuren aus Nabokovs Romanen, da werden autobiografische Personen wie Nabokovs Jugendliebe Tamara zu Romantiteln erhoben, manchmal die echten Romantitel verulkt. Nabokovs Roman "Camera obscura" wird zur "Camera Lucida", Orte, an denen der Autor im sogenannten echten Leben gewesen ist, erscheinen verdreht, chronologisch falsch oder in komplett anderem Zusammenhang.

Sieh doch die Harlekine! ist ein parasitäres Buch. Es erzählt nicht die Schattenseiten, enthüllt keine unsichtbaren Flecken einer Biografie, hebt nichts triefend Wahres aus dem Unbewusstsein des Autors. Und doch braucht der Roman die Biografie als eine Art Botenstoff. Er parasitiert an ihr, indem er sie sich anverwandelt und sich von ihr ernährt. Aber er spielt doch immer so geschickt wenige Tonhöhen über oder unter der Originalbiografie, dass es müßig wäre, nach Parallelen zwischen Leben und Fiktion zu suchen. Selbst der Name Vadim Vadimovich, nur eine der zahlreichen Spiegelungen der zahlreichen Namen, unter denen Nabokov schrieb, ist nur durch ein paar fehlende Konsonanten verändert. (Wie das alles auseinander zu dividieren ist, erfährt, wen´s immer noch interessiert, ohnehin im ausführlichen Nachwort des Herausgebers.) "Sieh doch die Harlekine!" ist für biografische Zwecke funktionslos, also frei vom Zwang zur biografischen Aussage. In der Biologie wird von Parasiten vermutet, dass sie gerade aufgrund ihrer Funktionslosigkeit in einem Körper ungestörte Ausbildungsplätze neuer Organe dieses Körpers seien. Sie sind der Spielplatz, die Teststrecke für das Neue, wofür der übrige Körper durch seine Zweckmäßigkeit keinen Platz hat. Als biologisch interessierter Wissenschaftler könnte Nabokov das gewusst haben. Als Schriftsteller sah er die erste Entwicklungsstufe des Geistes in poetischer Bewusstheit. "Sieh doch die Harlekine!" jedenfalls macht die Biografie zu einem von aller Lebensnotwendigkeit befreiten Kunstwerk und enthüllt damit vielleicht ein Stück ihres wahren Charakters.

In Anlehnung an eine Figur aus Anna Maria Orteses Romanmärchen "Iguana" könnte man sagen, die Biografie "sollte eine Kunst sein, die die Wirklichkeit erhellt. Leider wird dabei außer acht gelassen, dass die Wirklichkeit vielschichtig ist und die Schöpfung insgesamt, wenn man dahin gelangt, sie bis zur letzten Schicht zu analysieren, sich durchaus nicht als real erweist, sondern als reine, tiefe Imagination."

Kurz: ein Harlekin. Nabokov verwebt auch hier die verschiedensten Bewusstseinsräume. Da gibt es den scheinbar realen Raum und den scheinbar irrealen, den der bloßen Imagination und den, der zwar noch im konkreten Realen wurzelt, aber von da aus in sprachliche Assoziationshöhen führt. Keine dieser Wirklichkeiten wird jedoch bevorzugt, keine bekommt soviel Gewicht, dass sich der Text auf eine Seite schlagen könnte. Nabokovs Kunst ist die eines Jongleurs, der in der Lage ist, alle Bälle gleichzeitig so lange wie möglich in der Luft zu halten.

Schon deshalb wird dieser Roman auch für Nichtkenner des Nabokovschen Lebens wie der Eintritt in eine noch ungeahnte Zirkuswelt sein. Oder wo sonst käme man schon in den Genuss, ein so irres Liebesgeständnis zu lesen wie dieses, das Vadim hier der jungen Sekretärin, die seine Schriften tippt, in einem Brief macht?

"Germanice Gnädige Geehrte Anna Iwanowna... Mit Ihrer Erlaubnis ist es jetzt Nacht und ich liege im Bett auf dem Rücken (natürlich schicklich bekleidet und jedes Organ in schicklicher Entspanntheit) und male mir einen ganz gewöhnlichen Augenblick an einem ganz gewöhnlichen Ort aus. Um die Reinheit des Experiments noch weiter abzusichern, lassen Sie die vorgestellte Stelle eine erfundene sein. ... Ich, Ihr Freund und Arbeitgeber Wadim Wadimowitsch, auf dem Rücken im Bett liegend bei idealer Dunkelheit (vor einer Minute bin ich aufgestanden, um den Mond wieder auszuschließen, der zwischen den Falten zweier Briefabsätze hereinlugte), stelle mir den Tages-Wadim Wadimowitsch vor, wie er von einem Buchladen zu einem Café die Straße überquert... Und hier halte ich inne, da mir einfällt, dass ich einen Regenschirm bei mir hatte... Ich sehe mich die zwanzig Schritte gehen, die bis zum gegenüberliegenden Bürgersteig nötig sind, dann mit einem nicht druckbaren Fluch innehalten und den Entschluss fassen, umzudrehen und den im Buchladen vergessenen Schirm zu holen. Es gibt da ein Leiden, dem noch immer der Name fehlt..., es gibt etwas furchtbar Verqueres in meinem Richtungssinn, oder vielmehr an meiner Macht über den wahrgenommenen Raum, denn an ebendieser Gelenkstelle sehe ich mich außerstande, im Geiste, im Dunkel meines Bettes, die einfache Kehrtwendung zu vollführen, ... die mir gestatten würde, im selben Moment in meinem Bewusstsein den bereits überquerten Asphalt als nunmehr vor mir liegend abzubilden, das Schaufenster der Buchhandlung jetzt im Blickfeld und nicht mehr irgendwo hinter mir... Ich muss, liebe Freundin und Helferin, versuchen, die ganze Länge der Straße mit den massiven Fassaden der Häuser vor und hinter mir aus der einen Richtung in die andere zu drehen, ... und mich auf solche bewusste Weise von einem ostwärts blickenden Vadim Vadimovich allmählich in einen durch die Abendsonne geblendeten zu transformieren. Der bloße Gedanke an diese Aktion führt den im Bett Zurückgelehnten in solche Wirrnis und Benommenheit, dass man die Kehrtwendung lieber ganz verwirft ... und den Rückzug in seiner Vorstellung antritt, als wär´s der ursprüngliche Hinweg...; ich möchte nur, dass Sie sich über die Situation im Klaren sind, ehe ich Ihnen einen Antrag mache, Annette. Schreiben Sie nicht, rufen Sie nicht an..., doch, bitte, wenn Sie kommen, tragen Sie als günstiges Zeichen den Florentiner Hut...

Im großen Lobgesang auf die Liebe, in die der Roman am Ende mündet, wird Vadim klar: sein Problem ist wie ein Roman eine Frage der Zeit, und nicht, wie er ein Leben lang glaubte, eine des Raums. Nabokov selber meinte, der Dichter bilde ein Bewusstsein aus, in dem sich die unterschiedlichsten Ereignisse zeitgleich versammeln, er konzentriere sie auf sich, indem er sie erzähle. Ein Vorgang, den Nabokov "kosmische Synchronisation" nannte, und vielleicht ist es da nur konsequent, dass der letzte Roman dieses großen Autors mitten im Satz abbricht.

Philologisch und literarisch Interessierte werden an "Sieh doch die Harlekine!" ihre helle Freude haben, der Roman ist unendlich anspielungsreich, ein Labyrinth an Mehrfachbedeutungen und Querverweisen, voller Sturzbäche an sprachlichem Witz, der nichts gemein hat mit lauwarmer Buchstabensuppe. Und auch wer den innerliterarischen Anspielungen nicht unbedingt nachspüren will, aber Spaß hat an perlender Lebhaftigkeit, an literarischer Frechheit und intelligenten Beschreibungen, einfach an einem unglaublichen Ausbruch von Fantasie, dem wird es gehen wie dem fahrenden Volk. Er will die Zirkuswelt nicht mehr verlassen.

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