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StartseiteBüchermarktE-Mails an Bruce Willis09.04.2013

E-Mails an Bruce Willis

Tilman Rammstedt: "Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters". DuMont Verlag

In "Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters" lässt Tilman Rammstedt die Identitäten von Autor, Actionstar Bruce Willis und einem Bankberater verschwimmen. Herausgekommen ist dabei kein Kommentar zur Bankenkrise, sondern ein höchst amüsanter Roman, im dem der Leser nicht gleich nach der Logik fragen darf.

Von Lerke von Saalfeld

Schreibt über das Schreiben: Autor Tilmann Rammstedt will die Möglichkeiten der Literatur ausschöpfen.
Schreibt über das Schreiben: Autor Tilmann Rammstedt will die Möglichkeiten der Literatur ausschöpfen.

Tilmann Rammstedt hat einen neuen, fulminanten und wie immer verwirrenden Roman geschrieben. Diesmal geht es um die Abenteuer seines ehemaligen Bankberaters – ein literarischer Beitrag zur Bankenkrise also?

"Nein, es war am Anfang sogar meine große Furcht, dass es so verstanden werden könnte. Ich habe auch überlegt, ob ich dem Bankberater noch einen anderen Beruf gebe, aber es passte einfach sehr gut, dieser Beruf zu dieser Person, die ich da beschreiben wollte. Und je länger ich an diesem Buch schrieb, dachte ich, na ja, über Umwege hat das Buch schon etwas damit zu tun. Es ist kein Kommentar zur Bankenkrise, aber es ist eine Figur, die vielleicht in diese Zeit passt. Eine verunsicherte Figur, deren Lebenswelt auseinanderbricht, die aber nicht weiß, was sie sonst tun sollte und deshalb beharrlich auf dem Weg bleibt, der unter ihr wegbröckelt."

Der Gegenspieler zum Bankberater ist Bruce Willis, der Actionfilmheld aus Hollywood. Ihm schreibt im Roman ein Autor namens Tilman Rammstedt regelmäßig Mails, er möge ihm helfen, den Roman glücklich zu beenden und dem Bankberater aus der Bredouille zu helfen, denn dieser Bankberater, sonst ein eher verhaltener und scheuer Mensch, mitnichten ein kapitalistisches Raubtier, begeht einen dilettantischen Bankeinbruch, wird verfolgt, verletzt, geschnappt und landet schließlich im Kittchen.

In der Bredouille ist auch der Romanschreiber Tilman Rammstedt, er weiß nicht, wie die Sache enden wird, deshalb seine flehentlichen Mails an Bruce Willis, er möge endlich sein Schweigen brechen, ihm antworten und eine Rolle in seinem Roman einnehmen. Bruce Willis, der in seinen Filmen alles zu einem guten Ende bringt, antwortet bis zum Schluss nicht, aber der Schriftsteller gibt nicht auf, er braucht den widerspenstigen stummen Bruce Willis auch zu seiner eigenen Rettung:

"Im Gegensatz zu Ihnen mache ich mir nämlich Sorgen. Große Sorgen. Ich habe nicht besonders viel im Griff, genauer gesagt gar nichts, in keiner der Welten, mit denen ich zu tun habe. Und dann will ich zumindest diese Geschichte hier in guten Händen wissen, dann will ich, wenn sich sonst schon alles weigert, von mir gerettet zu werden, zumindest meinen Bankberater in Sicherheit wissen, dann will ich zumindest hier ein glückliches Ende ...

An Ihrer Stelle würde ich jetzt sofort die Augen aufmachen. An Ihrer Stelle würde ich auf der Stelle zu Bruce Willis werden. Herr Willis. Das ist doch nicht Ihre erste entzündete Schusswunde, das ist doch nicht ihre erste Flucht. Herrgottnochmal. Denn eines verspreche ich Ihnen: Wenn Sie sich dem glücklichen Ende verweigern, wenn Sie hier weiter nur rumjammern, werde ich alles in meiner Macht Stehende dafür tun, dass es auch für Sie unglücklich ausgeht. Also tun Sie es wenigstens für sich! Denn hören Sie das Rattern, Herr Willis? Das ist schon der Hubschrauber. Der kommt immer näher, bald wird er in Sichtweite sein, bald werden wir in Sichtweite sein, machen Sie verdammt noch mal endlich die Augen auf!
Ihr Tilman Rammstedt"


Der Roman ist formal streng gebaut: Auf eine Mail an Bruce Willis folgt jeweils eine kurze Passage über die Abenteuer des Bankberaters, die allerdings – bis auf den Bankeinbruch – sich auf der Ebene größter Banalität abspielen. Ein echter Bankberater ist der Bankberater nicht, er schleicht sich vielmehr immer mehr in das Leben des Schriftstellers Tilman Rammstedt ein und verwirrt ihn mit alltäglichen Abstrusitäten.

So lässt der Bankberater seinen Kunden bei jedem Termin dessen Zahnpasta mitbringen und füllt sich einen großzügigen Teil davon in seine Butterbrotdose ab. Oder er teilt seinem Mandanten mit, er habe angefangen Sport zu treiben, habe aber auch wieder aufgehört, denn er bringe Dinge eben gern zu Ende. Ob dieser Bankberater von einer höheren Weisheit geküsst oder schlicht ein einfältiger Tropf ist, das bleibt offen, der Leser mag und soll es entscheiden. Wichtig ist dem Autor dieses Pingpong-Spiel: Jeder Mail an den fiktiven Bruce Willis folgt eine kurze Episode aus den kruden, ans Absurde grenzenden Begegnungen zwischen Autor und dem Bankberater:

"Das war das Erste, was feststand zu diesem Roman. Ich wollte eine ganz klare Form haben, um mich in dieser Form möglichst vollkommen frei bewegen zu können. Ich hatte dann überlegt, wie ich diese beiden Erzählebenen vermische, ob ich das wirklich so streng machen möchte, dass ich immer eine Mail von einer Bankberater-Episode folgen lasse, wie es dann wirklich jetzt am Ende war. Aber das erschien mir einleuchtend. Vor allen Dingen hatte ich das Gefühl, dass mir diese strenge Form erlaubte, innerhalb der Form mich an keine Vorgaben mehr zu halten.

Denn relativ früh stand fest, dass ich keinen realistischen Roman schreiben möchte. Ich wollte nicht zwei, drei Figuren einführen, die dann dies und das erleben, in die und die Krise geraten, aus der sie herauskommen und dann gibt es ein Ende. Ich hatte das Gefühl, diese von allen Seiten akzeptierte Scheinwelt, also auch von mir als Leser, ich lasse mich ja gerne auf realistische Romane ein. Beim Schreiben fällt es mir allerdings schwer, immer wieder diese Welt zu behaupten, okay, zu sagen, ihr Leser müsst mir jetzt glauben, dass dies Figuren sind, mit denen ihr euch identifizieren sollt, sondern dass ich immer gerne eine Ebene mehr mit in den Roman hineinnehme, auch weil ich glaube, sonst verschenkt man etwas.

Das sind ja die Möglichkeiten der Literatur, dass ich über das Schreiben auch noch schreiben kann, dass ich eine Handlung habe und diese Handlung noch auf einer weiteren übergeordneten Ebene kommentiere. Ich finde es immer schade, solche Gelegenheiten auszulassen, die man als Schriftsteller ja hat."

Tilman Rammstedt treibt ein raffiniertes Spiel. Er arbeitet mit Brüchen und Leerstellen, die dem Leser zunächst einiges abverlangen, er muss sich einlassen auf die Sprünge und Perspektivwechsel und nicht gleich nach der Logik fragen. Bruce Willis, der stumme Mailadressat, mutiert zwischendurch auch zum Bankberater, die Rolle des Absenders, genannt Tilman Rammstedt, ist der Autor, aber dann auch wieder nicht. Aber er gibt zum Beispiel im Roman seine wirkliche Telefonnummer an – die sogar Leser ausprobiert haben und erschrocken waren, dass der echte Tilmann Rammstedt am Apparat war.

Die Identitäten der drei Figuren – Bruce Willis, der Bankberater und Tilman Rammstedt - verschwimmen, wie auch die Handlung mit Überraschungen von wirklichen und absurden Ereignissen vollgepackt ist. Der Leser soll nicht nach einem sicheren roten Faden suchen, auch er soll sich verwirren und irritieren lassen, soll sich verführen lassen in ein Gestrüpp undurchdringlicher Wahrheiten oder Scheinwahrheiten. Tilman Rammstedt wollte einen Roman schreiben über das Tricksen, über Verzweiflungstaten und den Trotz :

"Das Tricksen ist vielleicht tatsächlich auf der Ebene des Schreibens gemeint. Es geht darum, man kommt mit etwas nicht weiter – lassen wir mich mal außen vor, nehmen wir nur den Tilman Rammstedt im Roman – der kommt mit dem Roman nicht weiter, und er schreibt Bruce Willis in der Hoffnung, dass der den Roman rettet. Das ist natürlich eine Verzweiflungstat und der Versuch eines Tricks im Roman.

Bruce Willis antwortet nicht, am Ende gibt es aber trotzdem ein Buch, das heißt, dieser Trick ist irgendwie geglückt, er haut hin. Das Ganze ist natürlich nicht aus einer Langeweile entstanden von diesem Tilman Rammstadt im Roman, sondern aus einer Grundverzweiflung nicht nur mit seinem Roman, der nicht vorangeht, sondern sein ganzes Leben liegt etwas darnieder. Er scheint sehr hypochondrisch zu sein, seine Ehe geht in die Brüche, der Verlag macht Druck, die finanzielle Situation scheint auch nicht so rosig zu sein, das heißt, er braucht dieses Buch, er projiziert wahnsinnig viel in dieses Buch, was er schreiben will. Das soll sein Leben retten.

Jetzt geht das Buch nicht voran, und deswegen braucht er jemanden, der das rettet. Das heißt, er wird immer verzweifelter, und er bleibt sehr beharrlich in dieser Verzweiflung – und da kommen wir auch zum Trotz. Auch wenn die Retterfigur, die Erlöserfigur Bruce Willis nie antwortet, lässt sich Tilman Rammstedt nicht davon abbringen, das Buch trotzdem weiter zu schreiben. Es ist nicht das Buch, was er am Anfang schreiben wollte, er schreibt ein anderes, aber ein Buch, was aus diesem Trotz entsteht. Okay, Bruce Willis antwortet nicht, ich schreibe trotzdem weiter, zwar nicht am Buch, sondern an Bruce Willis, aber daraus wird dann halt das Buch."

Der echte Tilman Rammstadt hat aus diesen Verwicklungen einen köstlichen, geistreichen und höchst amüsanten Roman gebastelt, der nicht nur auf verschlungenen Wegen von Abenteuern erzählt, sondern auch das Abenteuer des literarischen Schreibens thematisiert, ohne dabei in Tiefsinn zu verfallen, sondern mit der Leichtigkeit eines Jongleurs, der nicht weiß, ob ihm nicht gleich ein Ball herunterfällt und er überlegen muss, wie hebt er ihn dann möglichst unauffällig und elegant wieder auf.

"Es soll jetzt nicht bemüht clever sein oder eine postmoderne Spielerei sein, das würde mich sehr schnell langweilen als Autor und als Leser."


Tilman Rammstedt: "Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters"
Dumont Verlag, 156 Seiten. 16,90 Euro

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