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StartseiteForschung aktuellEEG statt Ritalin27.11.2008

EEG statt Ritalin

Neurofeedback-Verfahren eröffnen neue therapeutische Optionen

<strong>Medizin. - Mit modernen Methoden können Neurowissenschaftler das Gehirn beim Denken beobachten und auch in der Diagnose spielen die Hirnströme und Gehirnaktivitäten inzwischen eine Rolle. Jetzt soll der Blick ins Gehirn aber auch in der Therapie eingesetzt werden, berichten Teilnehmer der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde.</strong>

Von Volkart Wildermuth

Patienten sehen durch Neurofeedback Abbildungen ihrer Hirnströme und lernen, diese zu verändern. (AP)
Patienten sehen durch Neurofeedback Abbildungen ihrer Hirnströme und lernen, diese zu verändern. (AP)

Niemand kann seinem Gehirn beim Arbeiten zusehen. Man lebt im Fluss der Gedanken, aber wie diese Gedanken entstehen, bleibt verborgen. Diese Lücke der Selbsterkenntnis will das Neurofeedback schließen. Mit hochtechnischen Methoden macht es die Nervenaktivität wahrnehmbar und damit beeinflussbar. Seit langem experimentieren die Neurowissenschaftler mit dem EEG, das die Hirnströme über Elektroden auf dem Schädel misst. Bei einer Reihe von Krankheiten sind diese Hirnströme verändert, ganz extrem zum Beispiel bei einem epileptischen Anfall. Im Labor können Epilepsiepatienten mit Hilfe des EEGs gezielt trainieren, ihre Hirnaktivität zu dämpfen. Nach und nach gelingt es ihnen dann auch im Alltag einen beginnenden Anfall abzuschwächen, zu kontrollieren. Andersherum bei Kindern mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung. In ihrem Fall ist die Hirnaktivität zu niedrig, erläutert Andrea Kübler, Psychologieprofessorin an der Universität Würzburg.

"Das Ziel von Neurofeedback ist, genau bei diesen Veränderungen anzugreifen und die Kinder zu trainieren, ihre spezifische Hirnaktivität zu erhöhen."

Die Kinder sitzen vor einem Computerbildschirm, auf dem ihre Gehirnaktivität als farbiger Balken dargestellt ist. Sie experimentieren mit verschieden Strategien, stellen sich etwa vor, schnell zu laufen, sich anzuspannen oder Matheaufgaben zu lösen. Stoßen sie zufällig auf einen Gedanken, der die Hirnaktivität erhöht, sehen sie sofort einen Erfolg und arbeiten in dieser Richtung weiter.

"Das ist aufwändig, man muss sie trainieren, aber wenn sie zwei, drei, vier, fünf Wochen dabei bleiben, kann man tatsächlich dauerhafte Veränderungen erzielen, sowohl in der Hirnaktivität als auch in Verhaltensmaßen, also in der Aufmerksamkeit, Abnahme der Hyperaktivität, Abnahme der Impulsivität."

Das Gehirn der Kinder hat sozusagen gelernt, sich selbst zu kontrollieren. Wenn sie merken, dass sie sich nicht auf die Hausaufgaben konzentrieren können, aktivieren sie gezielt die Hirnströme, dann klappt das Lernen besser - ein Effekt, den auch die Lehrer und die Eltern bemerken. Aktuelle Studien zeigen, dass die positive Wirkung mindestens zwei Jahre anhält und durchaus dem Effekt des viel verschriebenen Medikamentes Ritalin gleichkommt. Das EEG ist ein einfacher Weg, die Aktivität des gesamten Gehirns zu messen. In vielen Fällen wäre es aber interessant, die Arbeit ganz spezifischer Regionen sichtbar zu machen. Das gelingt nur mit deutlich aufwändigeren Apparaten wie dem Echtzeit-MRT. Mit der Magnet-Resonanz-Tomographie lässt sich der Blutfluss im Gehirn verfolgen. Dort wo die Nerven besonders fleißig sind, nimmt er messbar zu. Professor Klaus Mathiak von dem Universitätsklinikum Aachen lotet die Möglichkeiten dieser Methode aus, zum Beispiel bei Schizophreniepatienten, die Stimmen hören. Diese Halluzinationen entstehen, wenn die akustischen Nervenzentren statt nur die Signale der Ohren zu verarbeiten, von sich aus aktiv werden. Im Hirnscanner können die Patienten lernen, diese Region in den Griff zu bekommen.

"Ich nehme zum Bespiel diese Gehirnareal in der Nähe der Gehörrinde, zeige das dem Patienten mit den Halluzinationen und der kann sozusagen ausprobieren, ob er es schafft, diese falsche Aktivierung zu regulieren und ob ihm das hilft, neue Strategien zu entwickeln, mit den Symptomen umzugehen."

Diese Experimente stehen noch am Anfang. Andere Arbeitsgruppen haben aber gezeigt, dass Schmerzpatienten über den Blick ins eigene Gehirn lernen können, die Schmerzwahrnehmung zu dämpfen und dass depressive Menschen ihre Stimmung dank Neurofeedback direkt über die Beeinflussung der Nervenaktivität aufhellen können. Dabei nutzen sie oft bewusste Vorstellungen, etwa von glücklichen Momenten. Das könnte man eigentlich auch in einer Psychotherapie ohne jeden technischen Apparat trainieren. Andrea Kübler ist aber davon überzeugt, dass solche kognitiven Strategien alleine, das Gehirn nicht ausreichend verändern können.

"Um tatsächlich spezifische Hirnaktivitäten zu regulieren, brauchen sie tatsächlich konkrete Rückmeldung über das was im Gehirn passiert, da reichen die kognitiven Strategien nicht aus."

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