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Ein Heldentod

M. Blecher sucht die unmittelbare Unwirklichkeit

Peter Urban-Halle

M. Blecher, "Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit", Coverausschnitt
M. Blecher, "Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit", Coverausschnitt (Suhrkamp)

Als Motto dieses erstaunlichen Buches dient ein Vers des englischen Romantikers Shelley: "I pant, I sink, I tremble, I expire", auf deutsch: "Ich lechze, ich sinke, ich bebe, ich erlösche". Ein exakt passendes Motto, knapper und genauer kann man Ton und Folge dieses Romans nicht wiedergeben. Und dann gleich, wie ein Signal, wird die - Zitat - "schreckliche Frage gestellt: 'wer bin ich?'" Nun dürfte diese Frage nicht gerade wenige Schriftsteller beschäftigen, besonders aber drängt sie sich den "Märtyrern der Literatur" auf, wie der Kritiker Peter Hamm sie einmal nannte. Hamm zählt zu ihnen Dichter wie Robert Walser, Franz Kafka oder Friedrich Hölderlin, Dichter also, die - etwas pathetisch gesprochen - durch die "Hölle des menschlichen Daseins" gegangen sind und "weniger an unser Verständnis als an unsere Existenz appellieren".

In diese Reihe gehört nun, da wir ihn auf Deutsch vorliegen haben, auch der Rumäne M. Blecher. Der Verlag bezeichnet sein Buch mit dem Titel "Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit" als Entwicklungsroman, sein Übersetzer, der im rumänischen Banat geborene Ernest Wichner, erkennt in Blechers Text weitgehende autobiographische Einflüsse.

Autobiographisch ist das, was an Beschreibungen dieser kleinen Provinzstadt vorkommt und der Stadtrandgebiete, in denen er sich aufgehalten hat, einiges an Stimmung, wenn man an den Jahrmarkt denkt oder an andere Szenen, die Hochzeit oder ähnliches, das Buch ist etwas zwischen Autobiographie und literarisch-ethnologischem Bericht. Dann ist es vielleicht autobiographisch in dem Sinn, dass es versucht, Empfindungswelten und Veränderungen von Empfindungen und Gemütszuständen einzufangen, aber es ist keine Autobiographie im Sinne einer Lebensbilanz.

Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit ist die Geschichte eines heranwachsenden Jugendlichen, das heißt, im Grunde ist es die Geschichte genau dieser seltsamen Seelenzustände, er nennt sie "Krisen" und meint damit die "Qual seiner Unsicherheit und Einsamkeit". Einerlei, was an äußerer Welt beschrieben wird, an sozusagen normalen Erfahrungen, mit denen sich jeder Jugendliche herumschlagen muss - die ersten Mädchen, ein
Kirmesbesuch, das Kino -, eigentlich ist das "der ständige Widerschein einer Innenhandlung, der Lauf eines manischen inneren Monologs" - so formuliert es die rumäniendeutsche Schriftstellerin Herta Müller in ihrem Nachwort. Das Menschsein bezeichnet der namenlose junge Ich-Erzähler als "bizarres Abenteuer", ein Abenteuer, das seltsame Sehnsüchte bereit hält. Der junge Mann liebt alles Nachgeahmte und alles Versteinerte, weil das eine ganz augenfällig falsch und das andere melancholisch ist. Und dann sehnt er sich, um die Größe der Welt erkennen zu können, danach, wahnsinnig zu sein. Was geht eigentlich in
ihm vor? Ernest Wichner:

Ich glaube, er sehnt sich nach ganz verschiedenen Seelen- und Geisteszuständen. Es gibt auch eine Passage, in der er auf einem abgeernteten Feld ist, es regnet, er versinkt im Schlamm, und er möchte eins werden mit dem Schlamm. Das ist fast eine Transsubstantiation, eine Auflösung. Ich denke, in dem Buch versucht er, verschiedene
Veränderungsmöglichkeiten zu ergründen. Es gibt auch Passagen, in denen er nicht mehr zu unterscheiden weiß, ob er sich im Traum oder schon wieder in der Wirklichkeit befindet, also es werden mehrere Etappen oder Episoden durchgespielt, in denen ein beunruhigtes, ein aus seinen Bahnen geratenes Bewusstsein sich bewegt.


Die kleine Stadt, die der junge Mann durchstreift, ist aufgeteilt in wenige so genannte "wohlwollende Räume" und überwältigend viele "verfluchte Orte". Mit seiner vollständig entgrenzten Vorstellungskraft und seinen surrealen Bildern führt er uns in eine tatsächlich
"unmittelbare Unwirklichkeit" - er wolle schreiben wie Salvador Dali malt, hat Blecher einmal gesagt. Irgendwann sucht er Zuflucht in einem Bühnenkeller, fernab von aller Gegenwart. Dementsprechend heißen seine Zauberwörter Melancholie & Nostalgie, fast bilden sie ein unzertrennliches Paar. Sein Übersetzer erklärt sich das so:

Er war der typische Fall eines osteuropäischen Juden, der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen kommt, also diese Porzellanfabrik muss man sich möglichst klein vorstellen, es ist eine Kleinstadt, es ist kleinstädtisches jüdisches Bürgertum, und er repräsentiert die erste Generation derer, die sich aus dem jüdischen Schtetl-Milieu in eine andere Sprache hinein entwickeln. Da kommt natürlich Melancholie, der Seelenzustand, der noch mit Angst vor Strafen besetzt ist, weil man sich aus einem sicher geglaubten Idyll in eine Welt bewegt, die man nicht bewältigen kann, und als nächstes die Nostalgie, sie ist der mildere Zustand. Also auf der einen Seite empfindet man die Furcht oder die Panik, ein sicher geglaubtes Milieu zu
verlassen und sehnt sich in diese sichere Welt zurück, auf der andern Seite gibt es im Buch immer wieder Aufbruch- und Abschiedsszenen, wo diese Welt verlassen wird, und das ist genau der Gedanken- und Gefühlskosmos dieser Menschen, die eben in der ersten Generation aus dem Schtetljudentum sich in eine größere Kultur hineinbewegen.


Franz Kafka, Bruno Schulz, Robert Walser - das sind nicht nur Blechers seelische, sondern auch literarische Verwandte. Wie sie nimmt er der Sprache jeglichen Automatismus, wodurch der Schmerz, die Isolierung und Bedrängheit seines Helden immer fühlbarer wird. Je mehr nämlich dieser die Dinge wahrnimmt, desto mehr wird er sich selbst fremd. Je kleiner sein Abstand zu den Dingen wird, desto größer wird die Kluft zur eigentlichen Realität. Er stirbt gewissermaßen innerlich ab. Am Schluss sagt er: "Ich war dazu ausersehen, auf ewig am Rande des Lebens zu bleiben, vollgestopft mit Dunkelheit und Schwächen und Ohnmachten."
Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit ist ein Buch voller Qualen und doch kein deprimierendes Buch. Es besitzt eine ungeheure und wunderbare sprachliche Breite und Könnerschaft - auch in der deutschen Version von Ernest Wichner - und betreibt eine mitleidlose, ein bisschen auch exklusive Selbsterforschung. 1937 schrieb Blecher dann eine Art Fortsetzung dieses Buchs, sie heißt "Vernarbte Herzen" und handelt von einem jungen Mann in einem Sanatorium. Der Verlag wird inständig gebeten, auch von diesem Buch recht bald eine Übersetzung anfertigen zu lassen.

M. Blecher
Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit
Suhrkamp, 154 S., EUR 12,80

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