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StartseiteBüchermarktEine unglaubliche Odyssee19.03.2008

Eine unglaubliche Odyssee

Literarische Miniaturen über die Überlebensgeschichte einer Jüdin in Polen

Die wahre Geschichte ihrer Heldin Izolda Regensberg hat Hanna Krall schon einmal erzählt - in der Reportage "Eine Story für Hollywood", die vor zehn Jahren in deutscher Sprache erschien.

Von Brigitte van Kann

1943: SS-Truppen deportieren Bewohner des Warschauer Ghettos (AP-Archiv)
1943: SS-Truppen deportieren Bewohner des Warschauer Ghettos (AP-Archiv)

"Herzkönig" ist die literarische Verarbeitung dieser unglaublichen Überlebensgeschichte einer jungen Jüdin während des Zweiten Weltkriegs in Polen. Zu kürzesten Kapiteln, manche nur eine halbe Seite lang, komprimiert Hanna Krall die Odyssee ihrer Heldin vom Warschauer Ghetto durch das besetzte Polen, durch Deutschland und Österreich. Jedes der Kapitel kann als Miniatur, als Erzählung eigenen Rechts gelesen werden. In jedem Kapitel geschieht etwas, das Izoldas Schicksal eine neue Wendung gibt. Setzte man die Kapitelüberschriften hintereinander, so ergäbe sich eine Art Stenogramm der Geschichte.

Während sie bei einer Freundin die neu gekauften Schnürsenkel in ihre Schuhe fädelt, verliebt sich Izolda in Szajek, einen zufällig anwesenden jungen Mann mit goldenem Haar und ratlosen Händen. Leichten Herzens löst sie die Verbindung mit ihrem Verlobten Jurek und heiratet ihre neue Liebe. Beiläufig erwähnt die Autorin die Bombe, die Izoldas Haus getroffen hat, beiläufig sprechen die jungen Leute über die vielen Typhuskranken in der Stadt, beiläufig erfährt der Leser, dass die beiden Liebenden Juden sind und die Binde mit dem Stern tragen müssen. Wir sind in Warschau, mitten im Zweiten Weltkrieg.

Während Izolda mit gefälschten Dokumenten das Ghetto verlässt und nun Maria Pawlicka heißt, ein Medaillon mit der Muttergottes trägt und sich das Haar aschblond färben lässt, wird ihr Mann, der Flüchtlingen über die Grenze zur Slowakei geholfen hat, nach Auschwitz deportiert. Izolda setzt alles daran, ihren "Herzkönig" zu befreien - so heißt der Geliebte in der Sprache der Karten, die sie in ihrer Not konsultiert. Doch dazu muss sie selbst überleben, und das gelingt ihr mit kühlem Verstand und Glück, mit Geschick und Härte. Unter polnischen Häftlingen in einem Warschauer Gefängnishof erlebt sie mit, wie Juden zur Erschießung geführt werden. Als sie unter ihnen ihre Schwiegermutter erkennt, betet sie, die alte Frau möge schneller hingerichtet werden - vor Angst, sie könnte von ihr erkannt und als Jüdin verraten werden.

Izolda fleht die Jungfrau Maria um Hilfe an, sie versucht, dem Herrgott das Leben ihres Mannes abzuhandeln - dem katholischen oder dem jüdischen, das spielt für sie keine Rolle. Sie vertraut ihrer Schönheit und prostituiert sich. Sie handelt mit Zyankali, weil sie Geld braucht. Sie übersteht Hunger, Flucht und Folter. Vermeintliche Helfer betrügen sie, gegen ihr Wissen wird sie als Kurier für die polnische Untergrundarmee eingesetzt. Als Volksdeutsche getarnt, verschafft sie sich gegen Kriegsende Arbeit in einem Wiener Lazarett - denn sie hat erfahren, dass ihr Mann unter polnischer Identität im österreichischen Mauthausen ist. Sie wird von der Roten Armee befreit, ihren Mann befreien die Amerikaner.

Im Nachkriegspolen versuchen sich die beiden als Kleinunternehmer. Sie haben ihre jüdische Identität abgelegt, bis man ihnen die polnische Staatsbürgerschaft entzieht. Sie emigrieren nach Wien, wo sie ein Jeansgeschäft betreiben und die beiden Töchter studieren können. Doch inmitten des ruhigen und sicheren Lebens zerbricht Izoldas "Herzkönig" an der Frage, warum von seiner ganzen Familie nur er überlebt hat, während Izolda ganz sicher weiß, das es "ihre Liebe, ihre Gedanken, ihre Kraft und ihre Gebete" waren, die ihn am Leben hielten.

Izolda bezeichnet sich selbst als "herausragende Spezialistin des Überlebens", die ihren israelischen Enkeln gern die nötigen Tipps geben würde, wie sie den Armeedienst und drohende Anschläge heil überstehen. Doch leider spricht sie kein Hebräisch. An den Schluss des Buches setzt Hanna Krall hebräische Gesprächsfetzen, in hebräischer Schrift - die alte, körperlich gebrechliche Izolda versteht nicht, worüber die jungen Leute um sie herum sprechen, aber dass es diese Jugend überhaupt gibt - das ist ihr Verdienst.

Lakonischer als Hanna Krall kann man diese Geschichte kaum erzählen. Sie verdichtet den Schrecken auf eine äußerste Kompressionsstufe - so bewahrt sie seine Wucht. Ihre Übersetzerin Renate Schmidgall hat das Trockene, Knappe dieser Sprache ausgezeichnet ins Deutsche übertragen.

Hanna Krall wurde 1935 als polnische Jüdin in Warschau geboren, wo sie auch heute noch lebt. Der Vernichtung durch die deutschen Besatzer entging sie in einem Versteck. Zu schreiben begann sie als Journalistin. In den siebziger Jahren wurde sie in Polen mit ihren Reportagen für die Wochenzeitschrift "Polytika" berühmt. Schon damals unterschieden sich ihre Texte von denen bekannter Kollegen wie Richard Kapuscinski durch das völlige Verschwinden der Autorin hinter ihren Helden und deren Sprache. Das Nichtkommentieren wurde Hanna Kralls Markenzeichen. Es gilt auch für ihre literarischen Arbeiten, die in ihrem faktischen Kern auf den mündlichen Berichten Überlebender der Judenvernichtung in Polen beruhen. Man hat Hanna Krall zu Recht als "Chronistin des Holocaust" bezeichnet. Auch ihrer Kunst ist es zu verdanken, dass die Erinnerung daran lebendig bleibt.

Hanna Krall, Herzkönig. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.
Verlag Neue Kritik. Frankfurt am Main 2007

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