Freitag, 17.11.2017
StartseiteEuropa heuteDie Heldin zahlte einen hohen Preis13.11.2017

Erinnerungen einer Ärztin an Tschernobyl (1/5)Die Heldin zahlte einen hohen Preis

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 ist Paulina Zerluks Lebensthema. Als Neurologin war die Ukrainerin unmittelbar nach dem Atom-Unfall vor Ort, um die Menschen medizinisch zu versorgen. Ein Einsatz, der ihr Leben veränderte.

Von Frederik Rother

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Paulina Zerluk sitzt zu Hause in Koblenz auf ihrem Sofa, neben ihr Hund Knopka (Deutschlandradio/ Frederik Rother)
Paulina Zerluk zu Hause in Koblenz mit ihrem Hund Knopka (Deutschlandradio/ Frederik Rother)
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Erinnerungen einer Ärztin an Tschernobyl "Diese schreckliche Weltkatastrophe"

Paulina Petrowna Zerluk blättert in ihren Dokumenten. Die alte Dame zeigt stolz auf einen kopierten Zeitungsartikel, die Überschrift: "Mut nicht nur im Kampf". Ein Text aus dem Mai 1986 – erschienen knapp drei Wochen nach dem Atomunfall von Tschernobyl, in der "Kievskaja Pravda", der ukrainischen Ausgabe der sowjetischen Parteizeitung. Paulina Zerluk übersetzt und erzählt:

"Wir Bürger, Ärzte, zeigen so Mut, dass es sich lohnt, über uns zu schreiben. Und man sagte, dass alle Menschen sich vor uns neigen müssen, dank dieser Menschen wurde die Welt gerettet."

Für die "Kievskaja Pravda" war die Ärztin Paulina Zerluk eine Heldin. Einen Tag nach dem Atomunfall im ukrainischen Tschernobyl wurde sie mit ihren Kollegen ins Katastrophengebiet geschickt. Ihr Auftrag: Die Evakuierung unterstützen und den Menschen helfen, die mit Übelkeit und Schwächeanfällen zu kämpfen hatten. Folgen der hohen Strahlendosis, der viele im und um das Kernkraftwerk herum schutzlos ausgesetzt waren. Ein Einsatz, der auch Paulina Zerluks Leben nachhaltig verändert und geprägt hat.

"Kennen Sie die Tschernobyl-Katastrophe?"

Paulina Zerluk – graublondes Haar, wache Augen – ist heute 87 Jahre alt, lebt in Koblenz. Hier sitzt sie in ihrer kleinen Küche, die auch Wohnzimmer ist. Zwei Sofas stehen an der Wand – Kuscheltiere, Plastikblumen und Bücher in den Regalen. Paulina Zerluk will, dass sich ihre Gäste wohlfühlen. Sie bietet Tee an. Der Wasserkocher läuft schon:

"Welche Tasse? Welcher Tee? Was sollen Sie? Machen Sie, was Sie wollen. Machen Sie, was Sie wollen."

Eine Sache, erzählt sie, bedrückt sie:

"In Deutschland - keiner interessiert sich. Das ist sehr schade. Manchmal frage ich jemand: Kennen Sie die Tschernobyl-Katastrophe? Sie fragen: Was? Sie haben keine Ahnung. Das ist unsere Geschichte, das ist schlechte Geschichte, aber das ist Geschichte." 

"Wenn wir nicht unser Leben gegeben hätten ..."

Paulina Zerluk hat Angst, dass die Katastrophe von Tschernobyl in Vergessenheit gerät:

"Das war unbekannt, was mit Deutschland und Europa gewesen wäre, wenn wir nicht in den ersten Tagen unser Leben gegeben hätten, das wäre eine sehr teure Zahlung."

Auch sie hat einen hohen Preis bezahlt. Schauen Sie, sagt Paulina Zerluk und nimmt eines der Dokumente in die Hand, die vor ihr auf dem Küchentisch liegen:

"Ja … Bescheinigung. Nummer 24. Zerluk, Paulina Petrowna. Geboren: 1930."

Ausgestellt hat das Dokument das Ministerium für Sozialfürsorge der ukrainischen Sowjetrepublik, einige Monate vor dem Ende der Sowjetunion.

"Grund der Invalidität: Berufskrankheit verbunden mit den Arbeiten in der Beseitigung der Folgen der Havarie auf dem Tschernobyler Atomkraftwerk. Die Invalidität ist bis zu unbefristet festgelegt. Alles. Punkt."

Auch Paulina Zerluk wurde krebskrank

Hunderttausende sogenannter Liquidatoren, zu denen auch Paulina Zerluk zählt, haben damals ihr Leben riskiert. Sie haben Menschen aus den verseuchten Gebieten evakuiert, den Brand im Kraftwerk gelöscht, radioaktiven Schutt weggeräumt und die Unglücksstelle mit einer 60 Meter hohen Betonhülle versiegelt. Viele starben im Laufe der Jahre. Oft an Krebs. Auch Paulina Zerluk wurde krebskrank.

Liquidatoren vor dem Atomkraftwerk Tschernobyl nach dem Super-GAU. (imago/Eastnews /Russia )Liquidatoren vor dem Atomkraftwerk Tschernobyl nach dem Super-GAU. (imago/Eastnews /Russia )

Paulinas Mitbewohner sind eine Katze, ebenfalls Seniorin, 16 Jahre alt, und Knopka, ein braun-schwarzer Mini-Yorkshire-Terrier – der die meiste Zeit faul auf dem Sofa liegt. Er knurrt und bellt nur, wenn etwas passiert. Etwa wenn der russische Nachbar vorbeischaut.

Mitte der 1990er-Jahre folgte Paulina Zerluk ihrer Schwester nach Deutschland, als jüdischer Kontingentflüchtling. Bis dahin hatte sie, Jahrgang 1930, fast ihr ganzes Leben in Kiew verbracht. Mit einer Ausnahme: Die Jahre der Nazi-Besatzung Kiews zwischen 1941 und 1943. Dem Holocaust entkam Paulina Zerluk mit ihrer Mutter und den zwei Geschwistern, indem sie ins sowjetische Taschkent flüchteten, mehrere tausend Kilometer von Kiew entfernt. Nach gut zwei Jahren Exil kehrte die Familie zurück. Eine Zeit, über die Paulina Zerluk wenig spricht. Im Zentrum steht für sie ihr späteres Leben. Seit 1954 war sie Ärztin:

"Und für mich war meine Arbeit, mein Beruf ist am besten in der Welt, ich war sehr verliebt."

Ernüchterung nach all den Jahren

Paulina Zerluk war Neurologin im Kiewer Gebietskrankenhaus. Das heißt, sie war von Kiew aus persönlich für ein bestimmtes Gebiet verantwortlich – und dazu gehörten auch die Städte und Dörfer um das Kernkraftwerk Tschernobyl.

Plötzlich nimmt sie wieder den Zeitungsartikel in die Hand, in dem es um ihren Einsatz als Ärztin in Tschernobyl geht. Mit ihrem Finger fährt sie den Zeitungstext entlang, dann deutet sie auf ein paar Namen:

"Doktor Garonovskaja, Doktor Filonchik, und nevropotolog P. P. Zerluk."

Das ist sie, die Neurologin Paulina Petrovna Zerluk. Geehrt für ihren Einsatz mit einem Artikel in der "Kievskaja Pravda". Als ehemalige Liquidatorin erhielt sie auch Privilegien: Sie konnte den Führerschein machen – auf Staatskosten, hat eine Waschmaschine bekommen, einen Telefonanschluss und durfte jährlich zur Kur fahren. Trotzdem: Nach all den Jahren macht sich Ernüchterung breit.

"Wie haben sie geschrieben? 'Fürchten sich nicht!'. Aber wir konnten uns nicht fürchten, denn wir wussten nicht, wohin wir fahren."

Sie wussten, dass sie Richtung Tschernobyl fahren, Richtung Atomkraftwerk. Von der Havarie aber wussten sie nichts. 

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