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Ernster Inhalt im lockeren Erzählton

Alina Bronsky: "Scherbenpark", Kiepenheuer & Witsch

Von Antje Deistler

Zur Komik im Scherbenpark tragen vor allem die Bewohner bei.
Zur Komik im Scherbenpark tragen vor allem die Bewohner bei. (Stock.XCHNG / Brano Hudak)

In einer Wohnsiedlung bei Frankfurt wohnt die 17-jährige Sascha, die in Moskau geboren wurde. Das Mädchen träumt im "Russengetto" davon, ein Buch über ihre Mutter zu schreiben und einen gewissen Vadim umzubringen. Der Roman "Scherbenpark" ist ein spannendes Stück junger deutscher Gegenwartsliteratur und ein vielversprechendes Debüt der russischstämmigen Alina Bronsky.

Der "Scherbenpark", das ist eine Hochhaussiedlung bei Frankfurt. Andere nennen sie schlicht das "Russengetto". Hier wohnt die 17-jährige Sascha. Mit 17 hat man noch Träume.

Welche Sascha hat, weiß man bereits nach dem ersten Absatz ganz genau:

Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat. Ich habe zwei, und für keinen brauche ich mich zu schämen. Ich will Vadim töten. Und ich will ein Buch über meine Mutter schreiben. Ich habe auch schon einen Titel: "Die Geschichte einer hirnlosen rothaarigen Frau, die noch leben würde, wenn sie auf ihre kluge älteste Tochter gehört hätte". Vielleicht ist das nur ein Untertitel. Ich habe Zeit, es mir genau zu überlegen, denn ich habe noch nicht angefangen zu schreiben.

Sascha: In Moskau geboren, mit zwölf nach Frankfurt gekommen. Ein dürres, wütendes Mädchen, schlauer als alle anderen im Wohnblock. Eine Erscheinung.

"Sie war auf einmal da. Und dann sagte sie, schreib' was über mich. Also es ist wirklich so, dass die Person der Sascha vor der eigentlichen Handlung da war, zuerst wollte ich eine Romeo-und-Julia-Geschichte schreiben über ein Pärchen aus zwei verschiedenen Welten. Es hat sich dann doch etwas anders entwickelt, ist aber, glaube ich, auch gut so."

Alina Bronsky: Geboren in Jekaterinburg, mit zwölf nach Marburg gekommen. Allerdings ohne die deutschen Wurzeln, die sie ihrer Heldin angedichtet hat. Die deutsche Sprache lernte sie schnell, sie spricht völlig akzentfrei. Alina studierte zunächst Medizin, brach das Studium aber ab. Schon mit neunzehn bekam sie ihr erstes Kind. Die inzwischen dreifache Mutter arbeitete als Werbetexterin und als Journalistin, bevor sie ihr erstes Buch schrieb. Und sie verwahrt sich dagegen, mit ihrer Protagonistin gleichgesetzt zu werden.

"Es ist ja wie bei jedem literarischen Werk eine Mischung aus Erlebtem und Gelesenem und Gehörtem und ganz viel Ausgedachtem. Es ist auch schwer, nachträglich diese Anteile zu trennen, es gibt sicherlich Erlebnisse, die ich hab einfließen lassen, aber es ist auf keinen fall eine Autobiografie; das ist ein Roman mit einer fiktiven Figur.#

Diese Figur hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Sascha ist die Ich-Erzählerin in "Scherbenpark". In einem extrem unterhaltsamen Plauderton, aber mit unbestechlichem Blick für die eigene Situation und mit Wut im Bauch berichtet sie vom Leben in der Parallelgesellschaft Russengetto.

Sascha sorgt mit ihren 17 Jahren für zwei kleinere Geschwister, unterstützt nur von einer merkwürdigen sibirischen Großtante. Nach und nach kommt der Leser dahinter, was es mit dem Tod der Mutter auf sich hat und wer dieser Vadim ist, den sie umbringen will. Langsam breitet sich die Familiengeschichte in ihrer ganze Tragik aus. Der ernste Inhalt steht im Gegensatz zum lockeren Erzählton. Gerade deshalb wirkt die Geschichte so bestürzend.

"Ehrlich? Oh nein, das tut mir leid. Ich hatte diesen Anspruch an mich, wenn ich schon so eine manchmal schon stellenweise tragische Geschichte erzähle, dass ich sie komisch erzähle, das ist glaube ich auch die beste, legitimste Art, mit traurigen Sachen umzugehen, sie humorvoll zu beschreiben, was sie zwar nicht verharmlost, aber, ich weiß nicht, erträglicher macht? Und letztendlich ist es ja auch wie das Leben selbst, wo schlimme Sachen neben komischen passieren und man ein Stück weit versucht, über schlimme hinwegzukommen.

Zur Komik im Scherbenpark tragen vor allem die Bewohner bei. Alina Bronsky bedient sich bei Klischees über Russen, ohne ihre Figuren zu Karikaturen verkommen zu lassen. Da gibt es die junge Russlanddeutsche, die unbedingt einen reichen älteren Deutschen heiraten will. Natürlich wird Wodka in ungesunden Mengen getrunken, und selbstverständlich beherrscht auch der letzte Verlierer in dieser Siedlung das Schachspiel.

Ja, ich hab in der Tat mit vielen Klischees gearbeitet, weil ich sie auch unterhaltsam fand und ich fand es auch legitim, wenn man sie mit Leben füllt. Es ist aber ein Roman, also ich hab jetzt nicht ein gesellschaftliches Bild gezeichnet von Bewohnern der Hochhäuser.

Es gibt Kritiker, die der Autorin vorwerfen, die Erwartungen ihrer Leser zu sehr zu bedienen, und denen das offene, aber hoffnungsvolle Ende zu versöhnlich erscheint. Nach dem Motto: So wenig miesepetrig darf deutsche Literatur nicht daherkommen! Aber das ist natürlich Unsinn. Solange ein Roman mit derart glaubwürdigen Figuren, einer so vielschichtigen Handlung und mit so viel emotionaler Kraft aufwarten kann, darf er ruhig auch ein bisschen Spaß machen.

"Scherbenpark" von Alina Bronsky, geboren in Russland, aufgewachsen in Hessen, ist ein spannendes Stück junger deutscher Gegenwartsliteratur und ein vielversprechendes Debüt - eins, das freundlich mit seinen Lesern umgeht.


Alina Bronsky: Scherbenpark. Kiepenheuer & Witsch, 16.95 Euro.

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