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StartseiteLebenszeit"Der Grat zwischen Kritik und Feindlichkeit ist schmal geworden"22.07.2016

Furcht vor dem Islam"Der Grat zwischen Kritik und Feindlichkeit ist schmal geworden"

Paris, Brüssel, Nizza: Terrorakte im Namen des Islam häufen sich. Diese Ereignisse machen vielen Menschen Angst. Muslime sehen sich deswegen Anfeindungen ausgesetzt. Doch ist der Islam tatsächlich die gewalttätige Religion, wie viele Kritiker sie sehen? Nein, sagten Wissenschaftler und liberale Muslime in der DLF-Lebenszeit - das zeige sich derzeit auch in der Türkei.

Viele Muslime knien auf dem Boden und sprechen ein Friedensgebet gegen Extremismus in Kreuzberg, Berlin in Deutschland. Islamische Verbände halten Friedensgebet vor der Mevlana-Moschee ab, vor der vor einem Monat ein Brandanschlag verübt wurde. Eine Aktion des Zentralrats der Muslime, der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), des Islamrates und dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ). (imago/Mike Schmidt)
Viele Muslime knien auf dem Boden und sprechen ein Friedensgebet gegen Extremismus in Kreuzberg, Berlin in Deutschland. (imago/Mike Schmidt)
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Nushin Atmaca, Erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, kann verstehen, dass es aufgrund der Ereignisse in der letzten Zeit Vorbehalte gibt. Auch sie habe manchmal Angst vor Terrorismus, das sei menschlich. Aber: "Gleichzeitig macht es mich traurig zu sehen, was mit der eigenen Religion passiert und wie sie benutzt wird."

Sie betonte allerdings zugleich, man müsse unterscheiden zwischen der Religion und den Personen, die die Religion ausüben oder für sich nutzen. Der Islam selbst sei kein Akteur. Er werde von Menschen auf unterschiedliche Art und Weise gelebt.

Unterscheidung zwischen spirituellem und politisiertem Islam

Auch Ethnologin Susanne Schröter wies daraufhin, dass es nicht DEN Islam gebe. "Wie jede Religion ist auch der Islam sehr facettenreich. Es hängt immer davon ab, wie man die heiligen Quellen benutzt und interpretiert, um dann Positionen zu beziehen zu alltäglichen Problemen oder auch politischen Ereignissen." Für sie sei die Unterscheidung zwischen einem spirituellen Islam und einem politisierten Islam entscheidend.

Derzeit könne man eine Form des politisierten Islam in der Türkei beobachten. Dort vermische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan Religion mit Nationalismus und Chauvinismus zu einer "totalitären Gemengelage". Das sei eine verhängnisvolle Melange. "Davor muss man sich fürchten," so Schröter. Denn so eine Vermengung sei auch verantwortlich für den Terrorismus.

"Erdogan handelt im Namen der Demokratie"

Religionssoziologe Detlef Pollack wies daraufhin, dass die Mehrheit der Muslime "natürlich nicht gewalttätig" sei, sondern friedliebend. "Sie sind integriert, bevorzugen Demokratie als Staatsform und sind ganz gewiss in der Nähe unserer Gesellschaft." Es gebe zwar in einigen Gemeinden eine Gewaltakzeptanz: "Sieben bis acht Prozent der türkischstämmigen Muslime halten es für akzeptabel, den Islam mit Gewalt zu verbreiten." Weltweit seien Dinge wie Demokratie und Freiheit jedoch unbestrittene Werte für Muslime. Das wisse auch der türkische Präsident Erdogan: "Er weiß, dass Demokratie und Freiheit beliebte Werte sind - deswegen tut er, was er tut, im Namen der Demokratie. Auch wenn das widersprüchlich ist."

Nushin Atmaca betonte, dass bei der aktuellen Entwicklung in der Türkei nicht nur Religion eine Rolle spiele. "Die autoritäre Herrschaft speist sich nicht nur aus religiösen Vorstellungen, sondern auch aus Machtbestrebungen und Nationalismus." Man dürfe das nicht durch die "Islambrille" betrachten: Erdogan sei nicht nur wegen seines religiösen Programms gewählt worden, sondern auch wegen des wirtschaftlichen Erfolges und der zunächst erfolgten Öffnung des Landes. Sie führte aus, dass es keine islamische Staatsform an sich gebe. In der Geschichte habe es unterschiedliche Konstellationen gegeben, wo Staat und Religion aneinander gebunden wurden.

Bewahrertum und Selbstvergewisserung in den Moscheen

Muslime sehen sich derzeit viel Kritik und Vorwürfen ausgesetzt. Pollack und Schröter mahnten hier mehr Fähigkeit zur Selbstkritik an. "Als aufgeklärter Europäer muss man schon kritische Fragen stellen: Wie viel Kritik wird in den Gemeinden zugelassen an der eigenen Religion? Gibt es nur eine wahre Religion oder werden auch andere zugelassen?", sagte Pollack.

Schröter beobachtet, dass man sich in den Moscheen versuche, sich selbst zu vergewissern und zu bestärken. "Es gibt auch welche, die versuchen, sich zu öffnen, bei anderen haben wir aber eher ein Bewahrertum." Kritische und liberale Stimmen seien oft zu wenig organisiert, um Gehör zu finden.

Atmaca befürwortet den kritischen Dialog: "Wir müssen Räume schaffen, damit ein kritisches Hinterfragen der eigenen Religion möglich ist." Der Begriff "Kritik" stoße allerdings bei vielen Muslimen auf eine Abwehrhaltung, da unter dem Begriff "Islamkritikern" unterschiedlichste Menschen firmieren.

Gesellschaft im Konflikt

Die Stimmung in Deutschland gegenüber Muslimen hält Atmaca für schwierig. Persönlich habe sie zwar keine schlechten Erfahrungen gemacht. Aber durch das Aufkommen der AfD habe sich die Debatte verschärft. "Bestimmte Sachen finden sich im Diskurs, die vorher nicht sagbar waren." Die Stimmung habe sich verschärft. "Der Grad zwischen Kritik und Feindlichkeit ist schmal geworden."

Dabei sieht Pollack eine grundsätzliche Bereitschaft für ein positives Verhältnis zum Islam: Die Mehrheit sage, dass eine zunehmende religiöse Vielfalt eine Bereicherung sei. Gleichzeitig nähmen aber durch die Vielfalt Konflikte zu. "Man möchte fair sein, andererseits gibt es Gefühle der Fremdheit und der Bedrohung." Die Gesellschaft befinde sich im Konflikt.

Die gesamte Sendung "Lebenszeit" vom 22. Juli 2016 können Sie nachhören.

(cvo/kis)

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