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Geburt eines Schriftstellers

Viktor Jerofejew: "Der gute Stalin"

Von Karla Hielscher

Viktor Jerofejew, "Der gute Stalin", Coverausschnitt
Viktor Jerofejew, "Der gute Stalin", Coverausschnitt (Berlin Verlag)

Viktor Jerofejew ist eine Schlüsselfigur für das Verständnis der russischen Gegenwartsliteratur, in der der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler mehrfach Zeichen setzte. In die Literatur eingetreten ist er noch zur sowjetischen Stagnationszeit mit einem Skandal: 1979 initiierte er die Herausgabe von <em>Metropol</em>, einem Almanach verschmähter, verbotener Texte von liberalen Autoren und Dissidenten. Er war es, der dann schon 1990 mit seinem berühmten Essay "<em>Nachruf auf die Sowjetliteratur</em> nicht nur den sozialistischen Realismus, sondern die gesamte russische Literaturtradition mit ihrem obligatorischen moralischen Pathos frech-fröhlich beerdigte. Seine grotesk phantastischen Romane <em>Die Moskauer Schöne</em> und <em>Das jüngste Gericht</em> sind mehr oder weniger gelungene Musterbeispiele einer radikalen, parodistischen Prosa der Postmoderne voller Tabubrüche, in der frei mit den sprachlichen und ideologischen Stereotypen der unterschiedlichsten Zeiten und Geisteshaltungen in Russland gespielt wird. Die Erzählung <em>Leben mit einem Idioten</em> wurde zur Vorlage für die viel beachtete Oper von Alfred Schnittke.

Nun ist Jerofejews neues Buch Der gute Stalin erschienen. Das Material dieses Textes ist die Geschichte seiner eigenen Familie, seiner Kindheit und Jugend, und es stiftet zunächst einige Verwirrung, wenn in einer Vorbemerkung alle Personen des Buches einschließlich des Autors selbst als frei erfunden bezeichnet werden und das Ganze Roman heißt. Jerofejew:

Ich erlaube mir in diesem Buch nicht nur selbst frei zu sein, sondern auch den Worten. Ich lasse die Worte dahin laufen, wohin sie wollen. Und wenn man die Worte in Freiheit lässt, dann verwandelt sich wirklich alles - die historische Wahrheit, die Realität, die Geschichte - vor allem in Literatur und das heißt in einen Roman. Wenn das Wort wichtiger ist als die Ereignisse, dann werden diese Ereignisse in jedem Fall literarisch eingefärbt. Und deshalb hat die Tönung, die die Worte meinen Eltern, mir selbst, meiner Umgebung, meinen Freunden und Feinden gaben, diese eben schon in Personen verwandelt.

Außerdem sind diese Personen - insofern das Buch eine dramatische Entwicklung hat - natürlich nach den Gesetzen einer bestimmten literarischen Komposition konstruiert. Und folglich haben sie sich in literarische Figuren verwandelt. Das heißt reale Menschen sind zu literarischen Helden geworden.


Natürlich ist es zunächst einmal das autobiographische Faktenmaterial, das für den Leser von höchstem Interesse ist. Viktor Jerofejew hatte nämlich - wie er schreibt - "eine glückliche stalinistische Kindheit". Sein Vater war als Referent Molotows, zeitweiliger Dolmetscher Stalins, Botschaftsrat und UNESCO-Vertreter einer der höchstgestellten sowjetischen Diplomaten und konnte seiner Familie ein privilegiertes Luxusleben mit Chauffeur und Dienstboten sowie jahrelangen Aufenthalten in Paris und im westlichen Ausland bieten. Dabei war der charmante, mehrsprachige Dandytyp ein überzeugter Kommunist, der aufrichtig an die Vorzüge des sowjetischen Systems gegenüber dem Kapitalismus glaubte.

Bei seinem Sohn jedoch führte dieses weltoffene Leben zwischen West und Ost in Verbindung mit der elterlichen Liberalität und Liebe dazu, dass er nie ein Sowjetmensch wurde, sondern letztlich gerade durch diesen Vater den Impuls der Freiheit empfing, der den aufmüpfigen jungen Literaten zum Dissidenten werden ließ. Nachdem er zusammen mit einer Gruppe unabhängiger Autoren 1979 den die offiziellen Literaturfunktionäre herausfordernden Sammelband Metropol an der Zensur vorbei herausgab, verlor der Vater seinen hohen Posten in Wien. Der spektakuläre Skandal um das Buch führte also zum politischen Tod des Vaters und zur Geburt des Sohnes als freier Schriftsteller.

Diese Entwicklung wird in dem Buch mit genau beobachteten Details aus dem Alltagslebens der sowjetischen High Society sowie authentischen Berichten über eine Vielzahl berühmter oder berüchtigter Zeitgenossen aus Politik und Kultur spannend entfaltet.

Aber obwohl das Buch durchaus auch mit Dokumenten wie Briefen und Zeitungsausschnitten arbeitet, will diese Familiengeschichte nicht Chronik, nicht verbürgte Autobiographie sein, sondern eine eigene Form des zeitgeschichtlichen Romans.

Für den Leser bleibt es ein Rätsel, wo Wahrheit ist und wo Erfindung, was da authentische Briefe sind und was fiktive, wo reale Begegnungen und wo irreale sind (...)Ich habe hier versucht, das so zu machen, dass diese Ereignisse sich in Zeichen der Zeit verwandeln, wobei es überhaupt nicht wichtig ist, ob sie in der Realität tatsächlich Zeichen von derartiger Bedeutung und Konsequenz waren.

Das Buch ist meinem Vater gewidmet. Es ist ein Buch über die Zeit, in der er gelebt hat und lebt, und ich wollte ein Bild dieser Zeit bieten. Ich wollte diesen Roman so machen, dass er den Lesern Vergnügen bereitet, die Russland besser verstehen möchten. Und in der Tat entsteht in seiner Mischung aus Erzählung und Essay ein packendes und dabei höchst aufschlussreiches Buch über die Stalinzeit, über Russland und die russische Mentalität, wie es so wohl nur einem in der westlichen wie der russischen Kultur beheimateten Autor mit seiner Sicht auch von außen möglich ist. Immer steht Jerofejew dabei in einem kritisch provokativen Dialog mit der russischen Literatur, mit Turgenjews Roman "Väter und Söhne", mit Gorkij und Nabokov, mit den Debatten der russischen Intelligenzija über Russland und Europa, mit seinen literarischen Zeitgenossen. Dadurch, dass sich das Bild des Vaters und Stalins metaphorisch überlagern begreift man eine Menge von jenem - wie der Autor es nennt - "magischen Totalitarismus" der Hochzeit des Kommunismus, wird in der rigorosen Befragung des Vaters durch den Sohn das Rätsel Stalin verständlicher.


Aber der Roman hat nicht nur diese historisch-zeitgeschichtliche Ebene. Es ist auch ein Buch über das Werden eines Schriftstellers. Und hier gewinnen die verrückten Lügengeschichten des Kindes, sein leidenschaftliches Spielen, die exzessiv beschriebenen sexuellen Erfahrungen ihre gewichtige Funktion.

Vor allem aber ist das Buch - bei aller Leichtigkeit - eine ernste Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Kindern und Eltern, der Abfolge der Generationen, der Problematik von Gedächtnis und Tod. Und hier zeigt sich im Werk Jerofejews ein neuer Ton der Reife gegenüber seiner früheren programmatischen Provokationshaltung:

Natürlich ist dies ein Buch voller Liebe zu meinem Vater, und das verberge ich auch nicht. Ich zeige, dass wir - ungeachtet aller Unterschiede in den Ideen, der Ideologie, einer Art kaltem Krieges, der zwischen uns zuhause herrschte - trotzdem immer unsere familiären Beziehungen aufrechterhalten haben. Und als dieser Krieg gegen mich wirklich heiß wurde, und es schrecklich war, da hat mein Vater sich heroisch verhalten, und eigentlich ist genau darüber das Buch geschrieben. Das ist ein Roman, der den Vorschlag macht, trotz allem sehr vieles am Menschen zu lieben. Und die Figur meines Vaters in diesem Roman ist natürlich eine Figur, die Liebe gibt und die von mir mit Liebe geschrieben ist. Das ist das Neue.

Viktor Jerofejew
Der gute Stalin
Berlin Verlag, 256 S., EUR 19,90

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