Kultur heute / Archiv /

 

Gedichte gegen Gewalt

Das Internationale Poesiefestival von Medellín

Von Peter B. Schumann

Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe bei einer Ansprache im August 2003.
Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe bei einer Ansprache im August 2003. (AP)

Rund 200.000 Besucher zählt jährlich das Internationale Poesiefestival von Medellín. Seit 15 Jahren wird es veranstaltet und sendet in einer Gesellschaft voller Armut und Gewalt eine Botschaft des Friedens.

Eine Stadt versinkt im Chaos der Gewalt eines Drogenkartells: Zahllose Bombenanschläge verbreiten täglichen Terror, ab 20 Uhr hat die Mafia praktisch ein Ausgangsverbot über die Stadt verhängt. Viele Menschen verlassen Medellín, aber eine Gruppe von Dichtern will sich damit nicht abfinden, sondern der ständigen Todesdrohung eine Kultur des Lebens entgegenstellen. So ist vor 15 Jahren ein Festival der Poesie entstanden, das sich längst zu einem der wichtigsten kolumbianischen Kulturereignisse entwickelt hat. Von der Regierung Uribe wird es aber eher geduldet als gefördert.

"Es stört sie, dass eine Gruppe von Poeten eine ganze Stadt mobilisieren kann mit dem inzwischen größten Poesie-Festival der Welt", "

so Fernando Rendón, einer der Gründer und Leiter.

""Es stört sie, dass wir die Ausdrucks- und Versammlungsfreiheit für uns in Anspruch nehmen in diesem Land voller Repression und dass wir auch Stellung beziehen zu dem Schweigen der internationalen Gemeinschaft, die früher zwar die Militärdiktaturen in Lateinamerika verurteilte, aber heute nicht gegen die zivile Diktatur von Alvaro Uribe Veles opponiert."

Fernando Rendón sagt dies mit der ihm eigenen Bescheidenheit, aber auch mit der Festigkeit seiner Überzeugung, dass Kolumbien Frieden braucht und dass die politische Klasse daran nur wenig interessiert ist. Er ist selbst Poet, einer dieser wunderbaren Romantiker - wie er selbst von sich sagt -, die glauben, dass Dichtung Menschen verändern oder zumindest beeindrucken kann. Denn im Mittelpunkt des Festivals steht seit 15 Jahren nichts anderes als die Poesie. 747 Dichter aus 131 Ländern haben bisher daran teilgenommen. Und die Bevölkerung von Medellín macht es alljährlich zu einem Massenereignis, das jeweils rund 200.000 Besucher frequentieren.

"Das ist auch für uns nach wie vor ein Mysterium","

versucht Fernando Rendón zu erklären.

""Der Zuspruch hängt wohl mit unserem Motto zusammen: 'Für einen Frieden, aktiver als alle Kriege'. Denn dieses Land hat unendlich viel gelitten: 500.000 Tote hat der 50-jährige Bürgerkrieg gefordert. Es hat aber auch unter dem Staatsterror schwer gelitten. Dabei lieben die Kolumbianer die Poesie und das Leben. Unser Festival entspricht also einem Bedürfnis - das haben wir rechtzeitig erkannt. Es richtet sich vor allem an die Jugend, denn ich glaube, dass die Poesie für sie Antworten enthält, dass sie aber auch künftig eine zentrale Rolle spielen kann für die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit."

Das Festival der Poesie von Medellín ist ein politisches Ereignis, aber es artikuliert sich nicht ständig als solches, denn es muss sich in einer schwierigen Situation behaupten. Die Regierung beobachtet es mit Argwohn, denn sie schätzt den offenen Dialog nicht, der hier gepflegt wird, und fördert es deshalb nur mit einem symbolischen Beitrag. Die Terrorbanden der Paramilitärs liegen auf der Lauer und haben schon einmal gedroht, die Verantwortlichen mit Blei anzufüllen. Damals 2003 hatten die Organisatoren des Festivals zu einer Welt-Friedens-Konferenz nach Kolumbien eingeladen. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht jedoch seit einem Vierteljahrhundert die Verbreitung der Poesie. Sie begann mit der Gründung der Zeitschrift "Prometeo" (Prometheus) durch Fernando Rendón. Inzwischen ist daraus eine Institution geworden.

"Sie führt zahlreiche poetische Projekt durch: eine jährliche 'Schule für Dichtkunst', die wir während des Festivals mit Kursen, Diskussionen und Werkstätten veranstalten. Wir haben eine Serie von Dokumentarfilmen hergestellt, die Lesungen von allen Festivals festhält und die im kolumbianischen und venezolanischen Fernsehen lief. Das Projekt 'Gulliver' richtet sich an Kinder und Jugendliche. Und unsere Zeitschrift 'Prometeo', die vierteljährlich erscheint, dokumentiert das Festival und dient zur Vermittlung von arabischer und afrikanischer Poesie in Lateinamerika. Sie ist Teil eines weltweiten Netzwerks von Poeten und poetischen Publikationen und Projekten, an dem wir arbeiten."

Finanziert werden diese Aktivitäten vor allem durch verschiedene holländische Stiftungen, schweizer Geldgeber und die Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Sie alle können sich beglückwünschen, dass sie dieses poetisch-politische Projekt bisher unterstützt haben. Der Alternative Friedensnobelpreis würdigt auf einzigartige Weise den Glauben einer Gruppe von Dichtern an den Frieden in Kolumbien und die Kraft der Poesie.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Ausstellung "Die Augustus-Revolution"Des Kaisers Polit-Marketing

Die Kopfplastik des römischen Kaisers Augustus wurde 1961 bei Ausgrabungsarbeiten in Mainz gefunden. Undatierte Aufnahme.

Kaiser Augustus, Adoptivsohn von Julius Cäsar, sorgte während seiner Amtszeit für viel Wirbel in Rom: So realisierte er etwa den von Cäsar eingeführten julianischen Kalender. Eine Ausstellung in Rom zeigt nun, welche Bereiche er noch revolutionierte und wie er seine Familie politisch nutzte.

Tschetschenien-Krieg Unheilvolle Spuren bis in die Gegenwart

Tommy Lee Jones Film "The Homesman" Frauen im Wilden Westen

 

Kultur

Anti-TheaterDie Sorgen eines Klimaforschers auf der Bühne

Satellitenaufnahme der Antarktis, aufgenommen vom ESA-Satelliten Sentinel 1A

Ein älterer Herr sitzt auf der Bühne und spricht über das Weltklima: In dem Stück "2071", das im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Premiere hatte, warnt der renommierte Klimawissenschaftler Chris Rapley vor der voranschreitenden Erderwärmung. Inhaltlich faszinierend, aber ästhetisch enttäuschend, findet Dirk Schneider.

"Die lächelnde Finsternis"Afrikanische Piratengeschichte voller traurig-wahrer Ironie

Außenansicht des Deutschen Theaters in Berlin bei Sonnenschein.

Wolfram Lotz Stück "Die lächerliche Finsternis" entstand als Hörspiel und zieht nun seine Erfolgsspur über die Theaterbühnen. Das Stück beschreibt sarkastisch den Blick des Westens auf Afrika. In ihrer Inszenierung am Deutschen Theater Berlin macht Regisseurin Daniela Löffner es sich damit allerdings zu einfach.

Jahresbericht "Reporter ohne Grenzen""Journalisten werden zu Feinden"

Demonstranten der Organisation «Reporter ohne Grenzen» stehen am 04.02.2014 vor der russischen Botschaft in Berlin. Protestiert wird gegen die Einschränkung der Pressefreiheit während der Olympischen Winterspiele in Sotschi.

"Die Situation der Pressefreiheit ist schlechter geworden", fasst Christian Mihr, Geschäftsführer von "Reporter ohne Grenzen", zusammen. Schuld seien die zunehmende Anzahl von verfallenden Staaten und privaten Gewaltakteuren. Journalisten würden in den Augen von Milizen wie IS oder Drogenkartellen zu Feinden, weil sie unangenehme Informationen vermittelten.