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StartseiteCampus & Karriere"Gegen diese ganze Bundesliga-Tabellen-Macherei"03.05.2011

"Gegen diese ganze Bundesliga-Tabellen-Macherei"

Historikerverband kritisiert CHE-Ranking

Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) präsentiert seine neue Hitliste der Hochschulen. Der Historiker Werner Plumpe hält nichts von einem solchen Ranking. Die akademische Lehre lasse sich nicht in irgendeiner Art von Tabelle abbilden. Plumpe rät den Studierenden, sich vor Ort ihre eigene Meinung zu bilden.

Werner Plumpe im Gespräch mit Sandra Pfister

Die deutschen Historiker stehen dem Ranking sehr skeptisch gegenüber. (picture alliance / dpa)
Die deutschen Historiker stehen dem Ranking sehr skeptisch gegenüber. (picture alliance / dpa)
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Hochschulevaluierung CHE

Sandra Pfister: Studierende gieren im neuen Wirrwarr der Studiengänge nach eindeutigen Rankings, die ihnen sagen: Geht dort hin oder lasst von der und der Fakultät die Finger. Als das größte und strukturierteste Ranking über die Qualität der Lehre hat sich das des Zentrums für Hochschulentwicklung herausgeschält, ein Gewächs der Bertelsmann-Stiftung. Seit gestern ist es wieder auf dem Markt. Bloß – inzwischen machen ganze Hochschulen nicht mehr mit, weil sie die Aussagen des Rankings fragwürdig finden, und auch der deutsche Historikerverband sieht es kritisch. Dessen Vorsitzender Werner Plumpe ist jetzt mit uns verbunden. Herr Plumpe, viele historische Fakultäten haben sich ausgeklinkt aus dem Ranking. Ist es nicht ein Armutszeugnis, wenn man sich aus Angst vor einer schlechten Bewertung dem Ganzen entzieht?

Werner Plumpe: Ob die einzelnen historischen Seminare, die sich nicht bereit erklärt haben, an dem Ranking teilzunehmen, das aus Angst vor schlechter Bewertung gemacht haben, das vermag ich gar nicht zu sagen. Dann hätten im Grunde ja sehr viele nicht mitmachen müssen oder können, die heute sich eher mittelmäßig bewertet im Ranking wiederfinden. Nein, die Gründe dafür, dass die deutschen Historiker dem Ranking doch sehr skeptisch gegenüberstehen, die haben mit den Motiven wie Angst oder Ähnlichem wenig zu tun.

Pfister: Womit denn sonst?

Plumpe: Sie haben etwas damit zu tun, dass wir hier eine Art Scheinwelt übergestülpt bekommen, die auf der einen Seite die Realität der Hochschulen nicht wiedergibt und die auf der anderen Seite den zukünftigen Studenten ein im Grunde genommen doch ganz eigenartiges Bild vermittelt. Wenn man sich das Ranking – ich habe es oberflächlich getan – anschaut, dann wird man feststellen, dass die Informationen, die dort zusammengetragen worden sind, auf der Basis von Studierenden-Auskünften, ja nicht wirklich in die Tiefe gehen. Da sind so allgemeine Hinweise nach dem Motto: Da wird man ganz gut betreut oder da ist die Bibliothek ganz in Ordnung oder da ist das Klima in der einen oder anderen Weise ... aber das sind ja keine wirklich diskriminierenden Unterscheidungen, die da gemacht werden. Es wird allerdings der Eindruck erweckt, als könne man über Universitäten und über historische Seminare in formaler Weise gute Auskunft geben. Und das ist ein ganz falscher Eindruck, zumal bei den zukünftigen Studenten dadurch vielleicht auch ein bisschen abgeschreckt wird, dass sie sich selber auf der Basis eigener Erfahrungen ihre Urteile bilden sollten.

Pfister: Aber halten Sie es denn für grundsätzlich nicht möglich, so eine Vergleichbarkeit der einzelnen Studiengänge in so einer Studie herzustellen?

Plumpe: Nein, das, glaube ich, ist sehr, sehr schwer möglich. Akademische Lehre, akademische Forschung – aber hier geht es ja vor allem um akademische Lehre –, das ist ein sehr, sehr differenziertes Feld. Die Erfahrung in der Lehre, die Erfahrung im Studium, die kann man meiner Ansicht nach nicht in irgendeiner Art und Weise von Tabelle abbilden. Lehre, akademische Lehre zumal ist in vielerlei Hinsicht eben doch eine sehr persönliche Erfahrung, denn der Studierende muss es ja für sich selber hinbekommen, seinen eigenen Bildungsprozess an der Universität, die er dann gewählt hat, zu organisieren. Das lässt sich über derartige Parameter kaum bewältigen.

Pfister: Aber ist es nicht eine Form von Geringschätzung des Studierendenurteils, wenn man sagt: Na ja, aber das hat ja wissenschaftlich keine Aussagekraft?

Plumpe: Nein, ich glaube, das verstehen Sie falsch. Ich würde nicht sagen, dass die Studenten, wenn sie die Lehre beurteilen, dass man darauf nicht hören sollte. Ich glaube, das ist etwas, was ich gar nicht sagen will, ich frage mich nur, ob man auf der Basis dieser doch eher – sagen wir mal – sehr selektiv zustande gekommenen und dann sehr schematisierten Urteile sich ein Bild von dem machen kann, was einen an der Universität erwartet. Die Kritik der Studenten an der Lehre, die Kritik an der Betreuung, die Kritik an der Ausstattung der Universitäten, das sind ja sehr ernst zu nehmende Dinge. Und wenn wir gegen dieses CHE-Ranking und überhaupt gegen diese ganze Bundesliga-Tabellen-Macherei sind, dann heißt das auf keinen Fall, dass wir nicht die Lehre an den Universitäten in dem Maße verbessern können, wie das unsere Ressourcen und unsere Möglichkeiten gestatten. Aber das kann man meiner Ansicht nach nicht dadurch, dass man das so pauschal tut. Denn was hilft es einem, wenn da steht: In Bochum oder in Freiburg oder in Heidelberg oder sonst wo ist die Betreuung ganz in Ordnung. Das sagt ja im Grunde genommen überhaupt nichts aus.

Pfister: Unterm Strich bleibt: Wenn man Ihnen folgt, können Studierende auch dieses Ranking eigentlich in die Tonne treten. Was wäre denn aus Ihrer Sicht die Alternative?

Plumpe: Was aus meiner Sicht die Alternative ist ... ich würde sagen, die Studenten, die kurz vor dem Abitur stehen, sollten schon informiert werden, an welchen Orten in der Bundesrepublik man das studieren kann, an welchen Orten man Geschichte studieren kann, welche Fächer es dort gibt, und dann sollten sie sich auf das Abenteuer einlassen, sich selber ihre Informationen zusammen – wenn man so will – zu suchen, dass man mit Bekannten und Freunden spricht, die bereits studieren, dass man vielleicht, wo das der Fall ist, die Eltern fragt oder dass man selber einfach mal losgeht und sich überlegt: Da und dort möchte ich studieren und da und dort, da mache ich dann meine eigenen Erfahrungen ...

Pfister: Aber das ist doch total willkürlich!

Plumpe: ... gehe auf die Seminare und höre mir das an.

Pfister: ... das ist ja total willkürlich im Vergleich zu so einem Ranking.

Plumpe: Ja, aber schauen Sie sich doch die Realität der Studienplatzsuche durch die Studenten an. Wenn man diese Rankingergebnisse sich anschaut, dann müsste die Masse der Studenten alle in Freiburg sitzen, aber de facto sitzt die Masse der Studenten in Köln. Das heißt also, die Prozesse, die Entscheidungsprozesse – oder in anderen großen Universitäten: München, Hamburg oder Frankfurt – die Entscheidungsprozesse, die bei Studenten ablaufen, sind ja ohnehin so eher, wie ich sie geschildert habe, dass diese sich überlegen: Wo und unter welchen Bedingungen ist es eigentlich für mich richtig, Geschichte zu studieren? Und das, finde ich, ist eigentlich gar nicht so ein schlechter Ansatz.

Pfister: Professor Werner Plumpe, Vorsitzender des deutschen Historikerverbandes. Danke, Herr Plumpe!

Plumpe: Ja, ebenso, danke!

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