Freitag, 15.12.2017
StartseiteBüchermarktGrand Central12.03.1999

Grand Central

Menschen in New York

Als sich Karl, der schwule Deutsche, mit seinem neuen Boyfriend Marc eine Wohnung im Village mietet, strandet der Bürgerkriegsflüchtling Pedro aus Mexiko in Brooklyn, feiert Jennifer ihre letzte Party an der Upper West-Side, bevor sie an Aids sterben wird, und der Kriegsfotograf Robert leidet in seiner Wohnung in China-Town an Adrenalinentzug. "Grand Central. Menschen in New York" heißt das zweite Buch des Journalisten Andrian Kreye. Er führt seine Leser durch siebzehn Geschichten, durch siebzehn verschiedene Welten, die in dieser Stadt aufeinanderprallen, und die nichts gemein zu haben scheinen. "Ich glaube, der rote Faden, der sich durch das Buch zieht, ist, daß das alles eben Flüchtlingsschicksale sind, auch im übertragenen Sinne", erläutert Andrian Kreye. "Das kann jemand sein, der wirklich vor einem Krieg oder einer Not flieht, oder daß es jemand ist, der vor sich selbst flieht. Das führt dann zu einer existentiellen Anfangssituation in New York. Das verndet die Figuren, die sonst wahrscheinlich überhaupt nichs miteinander zu tun hätten."

Bettina Schoeller

All diese Schicksale stehen gleichberechtigt nebeneinander und werden mit derselben Ernsthaftigkeit behandelt. Auch wenn die Figuren nichts miteinander verbindet, so werden sie mit dem unsichtbaren Band der Musik verknüpft: Sie werden in das hineingezogen, was der Musiker Hank in der Geschichte "Grand Central" als den allgegenwärtigen Puls der Stadt bezeichnet. "Der Begriff 'Puls' kommt eigentlich aus dem Free-Jazz der 70er Jahre von den Musikern um Arnett Coleman, die irgendwann mal klären mußten, was an diesem Free-Jazz noch zusammengehört. Es sind nicht einfach zehn Musiker, die zusammengehören, und jeder spielt was anderes, sondern irgendetwas verbindet sie. Der Puls ist es, den sie immer gespürt haben. Ich habe selber Free-Jazz gespielt, und das passiert auch wirklich. Das ist so ein Moment, den kann man eigentlich nicht beschreiben."

Diese Form der Musik ist es, die Andrian Kreye in "Grand Central" versucht, auf literarischer Ebene zu beschreiben. New York als einen einzigen großen Bahnhof, als Durchgangsstation zwischen einem Ort und einem anderen, zwischen Erinnerung und Vergessen, zwischen Leben und Tod. Wenn in der Musik der Puls der Moment ist, an dem alle Musiker zusammenkommen, so ist für die Figuren in Grand Central der Puls der Moment, in dem 'Millionen von Energieteilchen' aufeinandertreffen, im Rythmus der Stadt weiterschwingen, von ihm getragen werden und ihn selber weitertragen. Jeder einzelne wird damit bloß zu einem kleinen Klangkörper, der in das allgemeine Stimmengewirr, in die Musik der Stadt einstimmt. "Auf jeden Fall hatte ich das Gefühl, jede Stadt hat einen Klang", so Kreye. "Und wenn man nachts oder auch tagsüber das Fenster aufmacht - möglichst in einem hohen Stockwerk -, wo man keinen direkten Lärm erkennen kann, dann gibt es einen bestimmten Klang von einer Stadt. München zum Beispiel, finde ich, ist ein etwas spitzer Dreiklang oder Hamburg ein mittellagiger Moll-Akkord. New York ist ein ganz tiefer Baß, aber mit einem sehr frischen Dur-Akkord. Und den hört man, und der bestimmt auch die Stimmung von einer Stadt. Jede Stadt hat einen Klang."

Andrian Kreye gelingt es mit diesem Vergleich, die Bedeutung eines Menschenlebens in New York deutlich zu machen; jeder einzelne gleicht einer Mikrozelle ohne zu wissen, welchem Organismus sie dient. Dieses abstrakte Bild ist schön und vor allem beruhigend im Angesicht der Tragik, die die meisten Flüchtlinge in ihrem Leben erleiden müssen, wenn durch die Flucht eine biographische Wende eintritt. Wirkt aber manchmal auch aufgesetzt. Seit 1988 lebt Andrian Kreye in New York, bis 1996 war er Korrespondent für "Tempo", arbeitete für den "Spiegel", für "Geo", das "FAZ-Magazin", und den "Stern". Er schrieb über die Krisen in Zentral- und Südamerika, in Asien, Afrika und dem Nahen Osten. Über die Reportagen, die er dort vor Ort machte, fand er schließlich die Menschen, die kurze Zeit später als Flüchtlinge in New York ankamen. Der Journalist Andrian Kreye mußte feststellen, daß die aktuellen dramatischen Geschichten, die er auf der ganzen Welt suchte, auch in New York, vor dem Hintergrund des New Yorker Alltags, zu finden waren, und daß die genauso spannend sind wie die Reportagen aus den Krisengebieten: "Das schließt wieder daran an, daß New York die Welthauptstadt der Flüchtlinge ist, daß man eigentlich bei jedem Welterereignis das Echo Wochen oder Monate später in New York erlebt. Wenn zum Beispiel alle Taxifahrer aus Haiti sind, dann weißt man: Jetzt gibt es gerade eine Krise in Haiti oder wenn alle Gemüsehändler Jemeniten sind, dann weiß man, im Jemen geht’s jetzt wieder rund. Deswegen kann man an New York immer ganz deutlich sehen, was im Rest der Welt los ist. Genauso kann man erleben: Wenn es den Deutschen wieder furchtbar langweile wird daheim, dann kommen alle Deutschen rüber und machen Filmfirmen und Produktionsbüros auf."

Die Geschichten in dem Buch "Grand Central" sind im Stil des 'literary journalism' oder auch der literarschen Reportage geschrieben, die in Amerika eine lange Tradition hat. Der Autor siedelt seinen Text zwischen Kurzgeschichte und Reportage an, er läßt sich zwar von der Wahrheit leiten, hält sich aber nicht an biographische Daten oder irgendwelche Zahlen. "Faction" eben, eine Mischung aus Fact und Fiction. "Die Figuren in diesem Buch sind 'composite charakters', das heißt, jede Figur besteht aus drei vier oder auch acht Figuren, die es im wirklichen Leben gibt. Alles, was dort steht, ist so passiert, aber nicht in dieser Chronologie und nicht in dieser Person. Im Prinzip beschreibe ich diese Welten wahrheitsgetreu, aber diese Figuren sind eigentlich erfunden."

Ein großes Vorbild ist Ryszard Kapuscinski, doch während sich dessen Geschichten fast immer vor einem exotischen Hintergrund abspielen, versucht Andrian Kreye, über Alltagsgeschichten einzelner halb-fiktiver Inidviduen einen größeren politischen sozialen oder gesellschaftlichen Zusammenhang zu erklären. Kreye versucht, zu einem Thema eine Figur zu finden, über die sich ein solches großes Thema relativ einfach erklären läßt, weil es für Leser immer einfacher ist, das Leben einer Person zu verstehen und darüber hinaus einen größeren Zusammenhang.

"Grand Central", ist ein Erzählband und eine Liebeserklärung an New York, geschrieben von einem Bayern, der für die New Yorker bereits zum New Yorker geworden ist, von sich selbst aber sagt, er werde wohl für immer Münchner bleiben. "Grand Central" handelt von Menschen in New York, ist aber ausschließlich für ein deutsches Leserpublikum geschrieben, für das die Geschichten, vor einem dramatischen New Yorker Hintergrund erzählt, fast genauso exotisch sind, wie Ryszard Kapuscinskis Reportagen aus Afrika, nur interessanter, weil die Stadt näher an ihren eigenen Lebensmöglichkeiten dran ist. "Die Stadt macht es einem nicht sehr einfach", so Kreye. "Milos Foreman hat mal was Schönes gesagt: Westeuropäer schaffen’s in Amerika eh nie, weil Westeuropäer zurück können, und die meisten Leute, die aus den anderen Ländern nach New York kommen können eben nicht zurück und deswegen kriegt das Leben etwas Existentielles, deswegen werden diese Leute auch so unglaublich hart. New York ist eine Super-Single-Stadt. Es gibt kaum Familien, weil als Familie mit Kind ist das auch kein Spaß in der Stadt. Irgendwann ziehen diese Leute weg, und deswegen ist dieser Single-Existenz-Kampf überall präsent in der Stadt."

Die letzte Geschichte "Grand Central" endet mit den Worten "Jeder auf seine Weise und jeder, wie es ihm gefällt". Ein etwas obeflächlicher Satz, der der eigentlichen Aussage des Buches widerspricht, nämlich: "Jeder kann nur auf seine Weise, auch, wenn es ihm nicht gefällt." Kreye ist ein genauer Beobachter und ein guter Geschichtenerzähler. Doch durch den allzu distanzierten und beobachtenden Standpunkt fehlt ihnen etwas Wesentliches; der emotionale Kern. Der Autor hält sich nicht nur auf Abstand zu den Figuren, denen er tatsächlich begegnet, und die als Gerüst für seine Erzählfiguren dienen, es trennt ihn auch ein emotionaler Graben von ihnen. Aber an sich ist das Buch voller Lebensweisheiten und liebevoller Details. Daß die Form des 'literary journalism' einmal mehr Einzug in die deutsche Literatur hält, ist äußerst erfreulich. Dennoch wünscht man sich als Leser vom Journalisten Kreye mehr fiction, das ist ein Fakt.

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