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StartseiteBüchermarktGrimsels Zeit05.12.2002

Grimsels Zeit

Berlin Verlag, 370 S., EUR 22,-

Ohne die Jahreskarte für den Zoologischen Garten wäre Grimsels Jugend entschieden freudloser verlaufen. Grimsels Zeit ist die Zeit des Mangels und der Enge. "Es reicht nirgends hin", ist der Refrain der Mutter, wenn sie sich und der Familie wieder einmal Wünsche beschneidet. Zwar ist Grimsels Zeit die Zeit des beginnenden Wirtschaftswunders, aber das beginnt auf niedrigem Niveau. Auch in der Schweiz, was man in Deutschland oft verkennt.

Eva Pfister

Dieter Bachmann, der als Chefredakteur die Schweizer Zeitschrift DU zu internationalem Ansehen gebracht hat und heute das Schweizer Kulturinstitut in Rom leitet, hat in seinem neuen Roman "Grimsels Zeit" eine Jugend in den 50er Jahren geschrieben. Er hat damit das Bild einer Zeit geschaffen, von der man zumindest aus dieser Perspektive gar nicht so viel weiß. Denn hier hat einer über seine Schweiz geschrieben mit einem Horizont, der im Laufe seines Lebens weit über die Schweiz hinausgewachsenen ist. Dieter Bachmann hat wie sein Held Grimsel seine Jugend in Basel verbracht und für den Roman auf seine Erfahrungen zurückgegriffen. Dennoch hat er keine Autobiographie geschrieben. Bachmann:

Man ist ja eigentlich in einem solchen Falle das beste Archiv, das man anzapfen kann, und das heißt dann auch nicht, dass man eine Autobiographie schreibt, sondern das heißt, dass man Stücke und Versatzstücke hervorholen kann, die in dem Kontext, den man als Schreiber dann meint, einbaubar und verwendbar sind. Also so, dass am Schluss dann eine Art Terrain entsteht aus Erinnerungen, aus Erfahrung und aus Recherche.

Mit einem recherchierten Kapitel fängt das Buch an. Dieser Prolog fängt die Stimmung der Nachkriegszeit ein und legt die Tonart für das Buch fest: Es ist November 1946, und die Schweiz verharrt noch in der Igelstellung, mit der sie den Krieg überlebt hat. Da stürzt ein amerikanisches Flugzeug auf einen Gletscher im Berner Oberland ab. Auf Meldungen der örtlichen Stellen reagiert die nationale Flugabwehr mit dem Befehl zum Wegsehen: es konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Erst nach zwei Tagen wurde die Schweizer Bergrettung aktiv, da trafen auch schon die amerikanischen Suchtrupps ein. Gemeinsam konnte man die Abgestürzten bergen, mit Schlitten, und dann auch noch mit Rettungsflugzeug, aber zum guten Ende jubelte es im Schweizer Radio: Triumph der schweizerischen Militärfliegerei! Eine Schlusspointe, die man kaum glauben kann, ist auch sie authentisch?

Nein, natürlich nicht, ich habe da so ein Rauschen im Ohr, was könnten die Schweizer damals an ihrem Stamm- und Biertisch so kommentierend gesagt haben, und dieses Rauschen habe ich quasi in Sprache gefasst und das ist das was so der schweizerische Selbstkommentar an dieser Geschichte ist. Es gilt auch da vielleicht zu unterscheiden, Kommentare: Schweiz, Triumph, Wir haben es wieder mal geschafft, Da fällt ein Stück Ausland ins Land hinein, wir retten diese Leute, wir sind die Größten, Wir sind die tollsten, Wir sind die Einzigen, die mit einem Flugzeug auf Schiern auf einem Gletscher landen können, das ist der Sound, der dann entsteht, das nennt man vielleicht Literatur, gleichzeitig zum Beispiel ein Detail wie dieses, dass ein Soldat der Hilfstruppen, der sein Taschenmesser verloren hat auf dem Gletscher, dieses aus eigenem "Sack" sagen wir bezahlen muss nachher, das Detail habe ich aber gefunden in den Akten, und ich meine, dann übertrifft die Realität wie man so sagt die Wirklichkeit.

Die Berge spielen eine wichtige Rolle in Grimsels Zeit. Sie stehen für den Schweizer Nationalcharakter, dieses Bewusstsein, eine unbezwingbare Festung zu bewohnen, aber sie stehen auch drohend als Herausforderung über dem heranwachsenden Grimsel, der sich über Geröllhalden quält - in der Schweiz wird schließlich gewandert - und vor dem Berg fürchtet, der sich über ihm erhebt. Andere nehmen die Herausforderung an: Es ist die große Zeit der Gipfelstürmer, mehrfach beschreibt Dieter Bachmann die atemberaubenden Momente, wenn die Nation am Radio gespannt verfolgt, wie tollkühne Männer die letzten Eisfelder überqueren oder in irgendwelchen Schründen hängen bleiben. Was macht für ihn die Faszination dieser Gipfelstürmer aus, was bedeuten ihm die Berge?

Die Arbeit an diesem Buch war eine viel- vieljährige Arbeit, und eines Tages wurde mir klar. Diese Eigernordwand, die in den 40er und 50er Jahren so um jeden Preis beklettert wurde von Mannschaften, die sich versucht haben zu überholen, zu übertreffen, die aber auch den Tod nicht gescheut haben, d.h. die in Kauf genommen haben, dass Kameraden abgestürzt sind, erschien mir plötzlich wie ein Bild der Hochkonjunktur (Schnitt), wie die wirklich in der Wirklichkeit bestehende Metapher dessen, was im ganzen Bürgertum, in der ganzen Gesellschaft passiert ist, d.h. Hinauf, hinauf, hinauf um jeden Preis, wir wollen dabei sein, wenn es jetzt darum geht, Gewinne zu machen. Gleichzeitig stelle ich mir vor, dieses Kind, das ja eher zu Rückzügen neigt und zu Schneckenhauswohnungen und zu Schüchternheit, dieses Kind hat mit diesem Heroentum in dieser Steilwand nun gar nichts zu tun, im Gegenteil: Für dieses Kind ist die Vorstellung, dass man da klettert, dass man da in diesem Eissturm und Regen sich quasi anklammern muss, etwas Entsetzliches und wenn Sie so fragen, dann ist es wahrscheinlich auch ein Bild für eine gewisse Einsamkeit und für die Frage: Hat man eigentlich Halt an diesem Grund, auf dem man steht, oder gleitet man ab. Stürzt man oder steigt man?

Grimsel, dessen ungewöhnlicher Name übrigens auch der eines Schweizer Alpenpasses ist, fürchtet sich aber nicht nur vor den Bergen. Er ist ein ängstlicher Bub, der auch zurückscheut vor der Nähe des kleinen Mädchens, das plötzlich mit in seinem Zimmer wohnt, eine Cousine aus Berlin, die man zum Aufpäppeln in die Schweiz geschickt hat. So fremd wie die Cousine ist auch dieses Deutschland, aus dem die Großmutter stammt, die nun aber in Basel lebt, und ebenso wenig wie die Mutter noch von ihrer frühen Heimat wissen will. Distanziert und beinahe gefühllos sind ihre Kommentare zur Situation des Landes, an dessen Grenze sie doch immerhin noch lebt: "Da drüben fressen sie jetzt die Rinde von den Bäumen" sagt sie im Hungerwinter 1946/47. Das ist symptomatisch für die damalige Abschottung der Schweiz, die noch lange nach Kriegsende andauerte. Es ist wirklich erstaunlich, dass Grimsels Familie, obwohl sie mit Italienern, Franzosen und Deutschen verwandt ist, doch keinerlei Beziehungen zu diesen Ländern pflegt. Auch die Ferien verbringt man im Berner Oberland, und von Ausflügen über die nahe Grenze nach Frankreich oder Deutschland ist auch nie die Rede. Der Roman ist ein Buch über Grenzen, sagt Dieter Bachmann, und:

Die Abschottung ist natürlich ein Hauptthema dieses Buches, die Frage, warum hängt diese Schweiz und insbesondere diese nicht genannte Stadt am Rheinknie, warum hängt die so in sich selber fest, warum werden diese Grenzen nicht überschritten, gesellschaftlich nicht, sprachlich nicht - Hochdeutsch ist eine verfemte Sprache in der Stadt am Rheinknie -, und warum werden sie individuell nicht überschritten? Und das spiegelt sich wohl auch in dieser Familie, die eigentlich geschrieben wurde, aus einem anderen Grund: Es gibt ja gesellschaftlich so etwas wie beim Bier, eine Art Reinheitsgebot, eine Art völkischen Imperativ, der immer wieder aufflackert. Und dagegen steht nun dieser Grimsel, der einen scheinbar sehr schweizerischen Namen hat, mit seiner Verwandtschaft in Europa.

Dieser Verwandschaft in Europa reist der Ich-Erzähler in eigenen Kapiteln nach, ins Piemont und nach Berlin: Eingeschoben in die Geschichte des jungen Grimsel, berichtet er von sich als alterndem Mann auf Bahnhöfen, diesen Orten der Sehnsucht, von denen man aufbrechen kann, endlich Grenzen überschreiten kann. In dieser Hinsicht ist Dieter Bachmanns Roman auch ein Plädoyer für eine offene Gesellschaft - ohne Reinheitsgebot, für das Völkergemisch als Chance, ähnlich wie Zuckmayer es in seinem Plädoyer für das durchmischte Rheinland in Des Teufels General geschrieben hat.

Grimsels Zeit, diese Szenen einer Jugend, erzählen von Enge, aber diese Enge beschreibt Dieter Bachmann in ausschweifender Fülle. Wunderbar anschaulich, wie die Familie beim reichen Onkel sitzt, und ohne aufzumucken dessen schwadronierende Selbstdarstellung über sich ergehen lässt, weil er ein Gönner der Familie ist, der zum Beispiel das Zoo-Abonnement stiftet. Es ist erstaunlich, mit welcher Lust der Autor sich in Details, etwa in die Produktpalette einer Drogerie jener Zeit hineinwühlt, denn als Ausläufer einer Drogerie strampelt Grimsel seine Freizeit ab, denn für seine Wünsche ist ja nie Geld da. So lässt Bachmann den Alltag der 50er Jahre wieder aufleben, einen Schulausflug, den Schwimmunterricht im stark fließenden Rhein - und vor allem seinen Lieblingsschauplatz, den Zoologischen Garten. Denn der liegt so nah an Grimsels Elternhaus, dass nachts das Brüllen der Raubtiere oder die Schreie der Pfauen ins Schlafzimmer reichen, und sogar der Geruch der Tiere wahrnehmbar ist. Und wie der Rhein oder die Bahnhöfe, so ist der Zoologische Garten ein Ort der Sehnsucht. Auch die Tiere sind ja Botschafter aus fremden Ländern, das Wissen über sie verschafft virtuelle Weltreisen - und in Grimsels Fall sogar die Brücke zu seinem ersten Flirt. Mit seinem ausufernden Vortrag kann er das dicke Mädchen vor dem Elefantenhaus für sich gewinnen, der Auftakt zu einer anrührenden Liebesgeschichte, die diese Szenen einer Jugend ausklingen lässt.

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