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StartseiteBüchermarktHeiliger im Arbeitslager17.10.2003

Heiliger im Arbeitslager

Eine neue Biographie über Ossip Mandelstam

Kann man das Leben des russischen Dichters Ossip Mandelstam nur in Form einer Heiligenlegende erzählen? Dieses tragische Dichterleben, das mit frühem "Gedichtfieber" und genialischen Versen begann und nach furchtbaren Demütigungen in der Hölle eines sibirischen Zwangsarbeiterlagers endete, hat jedenfalls viele Biographen zu ehrfürchtigen Hagiographien angeregt.

Michael Braun

Coverausschnitt des besprochenen Bandes (Ammann Verlag)
Coverausschnitt des besprochenen Bandes (Ammann Verlag)

Wirkungsmächtig sind bis heute die 1970 erschienenen Memoiren von Mandelstams Witwe, Nadeschda Mandelstam, die das Bild des von der Staatsmacht verfemten und am Ende bettelarm in den Tod geschickten Dichters entscheidend geprägt haben. Die von außerordentlicher Erzählkraft beflügelten Erinnerungen der Dichterwitwe brachten nicht nur Licht in das Dunkel um einen verschollenen Poeten, sondern avancierten alsbald zur politischen Offenbarungsschrift, da der Fall Mandelstam auch die mörderische Natur des real existierenden Kommunismus offenbarte.

Gleich im ersten Kapitel seiner minuziösen Rekonstruktion des Dichterlebens von Ossip Mandelstam hat daher Ralph Dutli, der in den 25 Jahren seiner intensiven Beschäftigung mit dem Dichter zum kongenialen Übersetzer Mandelstams gereift ist, die Gefahren für sein biographisches Projekt benannt. Auch im Gespräch warnt er vor einer Lebenserzählung als Märtyrerlegende:
Es gab jahrzehntelang Heiligenlegenden, Mandelstam war eine Symbolfigur nach Stalins Tod, also für den Samisdat, ab 1956 war er unter Künstlern, Intellektuellen eine Symbolfigur, eine Vorbildfigur, und sehr bald auch ein Heiliger, ein Märtyrer der Poesie. Und dieser Mythos wurde jahrzehntelang im Untergrund gepflegt, und übrigens auch im Westen weiter gepflegt, nachdem 1970 Nadeschdas monumentale Memoiren "Das Jahrhundert der Wölfe" erschienen.

Die Versuchung einer erneuerten Heiligengeschichte um Mandelstam ist für Dutlis Biographie mindestens ebenso groß wie die einer spektakulären Entzauberung - einer Entzauberung, wie sie in Russland nach 1990 mit einer Melange aus Halbwahrheiten und übler Nachrede betrieben worden ist.

Um all diesen Versuchungen zu entgehen, schlägt Dutli einen Weg ein, der nicht frei ist von methodischen Waghalsigkeiten. Die Konzentration auf das lyrische Werk Mandelstams, das Eintauchen in die – wie es hier heißt - "Ereignishaftigkeit der Gedichte" soll die konventionelle Biographik ersetzen.

Und Dutli gelingt tatsächlich das Kunststück, Leben und Werk des Dichters in ein Verhältnis wechselseitiger Erhellung zu bringen, ohne dabei die Gedichte Mandelstams auf biographische Momente zu verkürzen.

Ossip Mandelstam, der überempfindliche, unberechenbare Poet war, wie Paul Celan 1959 schrieb, "der einzige unbotmäßige Dichter im revolutionären Russland, der nie nach Canossa ging". Es gehört zu den großen Verdiensten von Dutlis materialreicher Biographie, dass sie diese poetisch motivierte Unbotmäßigkeit Mandelstams an vielen Einzelbeispielen anschaulich macht. Als Mandelstam nach dem Oktober-Putsch der Bolschewiki seine Sympathien gegenüber der Partei der Sozialrevolutionäre, der Partei des bis dahin amtierenden Ministerpräsidenten Alexander Kerenskij, erkennen lässt, ist sein Schicksal schon so gut wie besiegelt. Bereits 1921, nach dem ersten Dichtermord der Bolschewiki an Nikolaj Gumiljow, werden Mandelstams Träume von einer dichterischen Existenz nachhaltig erschüttert.

Mandelstam war sich der Tatsache bewusst, dass eine Vernichtung der Kultur im Gange war. Und das Dichtersterben um ihn herum hat ihn sehr wohl bewegt und bestürzt. 1925 erhängt sich Sergej Jessenin, Majakowski erschießt sich 1930, das waren lauter Schocks für Mandelstam. Und es gibt eine Tagebuchaufzeichnung von 1930, wo er den Tod Majakowskis, des Trommlers der Oktoberrevolution sehr betroffen festhält, also auch wenn ihn auch wenig mit diesem Dichter verband. Der Tod Majakowskis war eine ozeanische Nachricht, die das Rückgrat peitscht, wie es da heißt in diesem Notizbuch und die er als großen Schock erlebte. Es war auch ein Fanal, nicht das erste Fanal, das erste Fanal war tatsächlich der erste Dichtermord der Bolschewiki, das war die Erschießung Gumiljows, das ging weiter bis Majakowski, und er hat sich keine Illusionen gemacht, dass die Dichtung in diesem Staat kein leichtes Los haben würde.

Im Dezember 1929, in der bitteren Lebensbilanz seines Buches "Vierte Prosa", hat Mandelstam seine exterritoriale Position in wenigen Sätzen beschrieben: "Ganz allein in Russland arbeite ich nach meiner Stimme, doch ringsum schreibt das dickfellige Pack."

Dass Mandelstam zu diesem Zeitpunkt noch nicht in den Kellern der Geheimpolizei verschwunden war, verdankte er einzig und allein den Interventionen Nikolaj Bucharins, der aber bald darauf von Stalin kaltgestellt und später nach einem Schauprozess hingerichtet wurde. Die Stunde der Denunzianten schlägt, als Mandelstam im November 1933 sein berühmt gewordenes Epigramm auf Stalin verfasst und es bei jeder Gelegenheit seinen Freunden vorträgt. Was folgte, waren die Verhaftung des Dichters und seine Verbannung, zuerst in den Ural und später dann ins mittelrussische Woronesch. Einmal noch unternimmt Mandelstam einen prekären Versuch, sein Leben zu retten – und zwar mit Hilfe einer Ode auf Stalin. Was ein Hymnus auf Stalin hätte werden sollen, gerät ihm jedoch zum poetisch komplexen "Metapherngestöber", undurchschaubar für den Herrscher im Kreml. Dutli:

Lobesgedichte ist nicht das richtige Wort. Es ist eine Stalin-Ode vom Januar 1937. Und auch dieser politische Mythos wurde im Januar 1991 demontiert, er habe tatsächlich, um sein Leben zu retten, mit dem Kopf in der Schlinge, wie seine Frau in den Memoiren schrieb, im Januar 37 – da ist er schon, da war er dem Verhungern nahe – habe er diese Stalin-Ode geschrieben. Wenn man sich die aber genau anschaut – und die haben sich so renommierte Leser wie Joseph Brodsky angeschaut und gesagt: das sind geniale Gedichte . Es ist ein so hyperbolisches Lob, und ein solches Metapherngestöber, dass diese Stalin-Ode völlig aus der Zeit fiel. Das war also keine simple, banale Stalin-Ode, sondern – und das habe ich auch versucht, in meinem Buch zu zeigen, eine Fortschreibung seines Anti-Stalin-Gedichts vom November 1933. Also: so einfach ist es auch wieder nicht. Es gab aber – und das sage ich in meinem Buch auch – es gab in diesen dreißiger Jahren durchaus Momente des Zweifels, sogar einer wirren Dankbarkeit Stalin gegenüber, weil er nach diesem Epigramm nicht sofort erschossen wurde.


Am Ende schleppt sich Mandelstam als herzkranker, invalider Bettler durch sein geliebtes Russland: mit gerade mal 46 Jahren ein moribunder Greis, dem außer der beharrlichen Liebe seiner Frau Nadeschda nichts mehr bleibt. In einem seiner erschütterndsten Briefe aus Woronesch, verfasst im April 1937, resümiert Mandelstam lakonisch sein Schicksal, das sich einige Monate später in einem Transitlager bei Wladiwostok erfüllen wird: "Ich bin in die Lage eines Hundes versetzt, eines Köters. ..Ich bin ein Schatten. Mich gibt es nicht. Ich habe nur das Recht zu sterben." Aus der Hölle des Lagers kehrte der russische Orpheus nicht mehr zurück.

Bevor er in dieser Hölle verschwand, bezauberte dieser russische Orpheus seine russischen Leser mit Gedichten, die sich Ralph Dutli als Übersetzer in seltener Kongenialität anverwandelt hat. Hier rezitiert er nun ein frühes Gedicht aus dem Jahr 1911, nachzulesen in der Mandelstam-Werkausgabe des Ammann Verlags:

....Wie langsam nun der Schritt der Pferde,
Wie wenig Licht, Laternenschein!
Mich fahren Fremde - und sie werden,
Das Ziel wohl wissen, sie allein!


In ihre Sorge mich ergebend –
Ich möchte schlafen, mir ist kalt;
Es wirft mich hoch, mich wirfts entgegen
Dem einzigen, dem Sternenstrahl.


Der Kopf, er brennt, er schaukelt lange,
Und sanft das Eis der fremden Hand,
Der dunkle Umriß dort, die Tannen,
Noch nie gesehen, unbekannt...


Meine Zeit, mein Tier. Ossip Mandelstam – eine Biographie
Ammann, 634 S., EUR 28,90

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