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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenHeimerziehung in der DDR26.04.2012

Heimerziehung in der DDR

Bis heute leiden ehemalige Heimkinder an den Folgen

Massive Gewalt und Erniedrigung erlebten Kinder und Jugendliche in Heimen in der DDR. Besonders gefürchtet war der "Jugendwerkhof" Torgau. Ein 40-Millionen-Euro-Fonds soll die Betroffenen für das begangene Unrecht entschädigen. Für viele der ehemaligen Heimkinder ist das aber nur ein winziger Schritt zur Anerkennung ihres Leids.

Von Isabel Fannrich

In Kinderheimen hinter Mauer und Stacheldraht gehörten körperliche Übergriffe zur Tagesordnung. Im Bild die Berliner Mauer um 1970. (AP)
In Kinderheimen hinter Mauer und Stacheldraht gehörten körperliche Übergriffe zur Tagesordnung. Im Bild die Berliner Mauer um 1970. (AP)

"So hat mich meine Mutter dann persönlich ins Spezialkinderheim Pretzsch gebracht an der Elbe, hat mich dort mit dem Koffer abgestellt, die Erzieherin hat die Tür aufgemacht, und dann hat sie sich umgedreht und ist gegangen. Sie hat nicht tschüss gesagt, nichts, gar nichts. Und bin dann dort von der Erzieherin auch gleich der Gruppe vorgestellt worden: 'Das ist unser Neuzugang, Kerstin Kuzia. Sie ist Bettnässerin."


Kerstin Kuzia war damals 14, ein ungeliebtes Kind, von der Mutter nie in den Arm genommen. Mit ihrer Verhaltensauffälligkeit landete sie erst in der Kinderpsychiatrie, später in den Spezialheimen der DDR für
Schwererziehbare. Ein jungenhaftes Mädchen, das die Schwester und Schulkameraden jahrelang wegen Bettnässens hänselten und schließlich erpressten. Sie sollte Schokolade klauen und wurde dabei erwischt.

Für Kerstin Kuzia folgten fünf Jahre staatlicher Aufsicht. Als sie im Spezialkinderheim Pretzsch Wache für ihre Zimmernachbarinnen schob, die nachts ins Dorf ausbüchsten, wurde sie in die Durchgangslager Halle und Alt-Stralau verlegt. Von dort kam sie in den Jugendwerkhof "Ehre der Arbeit Hummelshain". Dann wurde sie mit 17 in Torgau eingeliefert, für sie eine Endstation:

"Wir kannten nur das Wort Torgau und das war mit riesen Angst und Panik versetzt. Das hatte damit zu tun, dass jeder, der aus Torgau entlassen worden ist, eine Stillschweigungs-Erklärung unterschreiben musste. Wenn man jemals einer dritten Person gegenüber erzählt, was Torgau ist, was in Torgau passiert ist, überhaupt das Wort Torgau in den Mund nimmt, dass man dann bis zum 21. Lebensjahr jederzeit zurückgeholt werden kann."

Der geschlossene Jugendwerkhof Torgau steht für die Verletzung von Menschenrechten in den Kinder- und Jugendheimen der DDR schlechthin. Für Karsten Laudien von der Evangelischen Hochschule Berlin ist Torgau deshalb ein symbolischer Begriff:

"In anderen Jugendwerkhöfen sind aber ähnliche Dinge passiert, wenn eben auch nicht wahrscheinlich mit dem systematischen Zugriff, wie das in Torgau passierte. Aber dass solche Dinge vorkamen, dass Sportleistungen abverlangt wurden, die bis zur täglichen Erschöpfung führten, dass geschlagen wurde, dass isoliert wurde, es gab in diesen Einrichtungen immer Isolierzellen – das ist flächendeckend nachweisbar, wenn es auch vielleicht nicht mit der Systematik auftrat, wie das in Torgau zu beobachten war."

Der Ende März veröffentlichte Bericht über die Heimerziehung in der DDR umreißt die große Bandbreite von Erziehungsanstalten. Knapp eine halbe Million Kinder und Jugendliche haben in den 40 Jahren DDR das überwiegend staatliche Heimsystem durchlaufen. Dieses war zweigeteilt: Die sogenannten Normalheime beherbergten mit 80 Prozent den Großteil der Betroffenen: Jene, die keine Eltern hatten, die wegen Gefährdung aus den Familien heraus genommen werden mussten, aber in den Augen der Gesellschaft keine großen Schwierigkeiten bereiteten.

Ungefähr 135.000 Kinder und Jugendliche aber kamen in den "Spezialheimen" für sogenannte Schwererziehbare unter. Sie wurden wegen Schul- und Arbeitsbummelei, wie es damals hieß, oder wegen Verweigerung gegenüber dem Kollektiv in ein Spezialkinderheim oder einen Jugendwerkhof eingewiesen. Der Berliner Politikwissenschaftler und Theologe Christian Sachse hat eine der Expertisen für den Heimbericht verfasst:

"Das konnten kleinere Auffälligkeiten sein, das konnten Unerzogenheiten sein, es konnte sein Kinder und Jugendliche, die in der Rebellionphase zwischen 14 und 16 Jahren den Lehrer als Autorität nicht mehr dulden wollten. Und das Interessante ist eigentlich, dass es ne Reihe von Kindern gab, immer, die die gleichen Phänomene aufwiesen und die nicht in diesen Fokus geraten sind. Da ist also ein hoher Anteil an Willkürlichkeit dabei."

Die sehr bunte Mischung von Erziehungsschwierigkeiten - auch von politisch abweichendem Verhalten der Eltern - habe die gesamte Geschichte der Spezialheime geprägt, fasst Sachse zusammen. Viele der Betroffenen würden sich heute noch fragen, warum sie damals in ein solches Heim eingewiesen worden seien.

Die Zeit im Heim empfinden die meisten ehemaligen Heimkinder heute noch als Stigma. Sie kämpfen gegen das Vorurteil, sie seien aufgrund einer Straftat in ein Spezialheim eingewiesen worden. Sachse:


"Kriminelle saßen auch in der DDR in Jugendhaft, dafür gab es extra Gefängnisse, Jugendgefängnisse. Und sie waren eben keine Kriminellen, höchstens Kleinkriminalität, ein Moped geklaut oder so, paar Scheiben eingeschmissen, das hat es schon auch gegeben. Und sie sozusagen von diesem Ruf zu befreien, Kriminelle zu sein. Das ist bei den Spezialheimen durchgängig so, dass die Kinder und Jugendlichen sich damals schon geschämt haben, dass sie dazugehören. Und später gegenüber ihrer eigenen Familie nicht mal über diese Sachen geredet haben."


Noch müssen die Gründe für eine Einweisung genauer erforscht werden. Gegen diese konnten die Eltern gerichtlich nicht vorgehen. Denn eine Kommission aus Laien entschied per Verwaltungsakt, ob ein junger Mensch in staatliche Obhut kam. Karsten Laudien, Mitverfasser des Heimberichts:


"Die Situation der Heimkinder konnte innerhalb der DDR selbst nicht verbessert werden. Im Westen war spätestens ab 70, Anfang der 70er Jahre gab's ein Umdenken, ein Umschwenken: Man hat öffentlich gemerkt, was dort in den Heimen vorging und hat versucht, das abzuschaffen."


Was vor allem die Spezialheime der DDR von denen der Bundesrepublik unterschied, war das Ziel, die Kinder zu sozialistischen Menschen umzuerziehen.

"Und das hört sich erstmal harmlos an, das ist aber ein ziemlich brutaler Versuch, über die Psyche des Kindes einen Manipulationsversuch zu machen, die das Kind erstmal in sich selbst erschüttern, die es isolieren, wo man die Hilflosigkeit steigert, um dann auf ein so zerrüttetes psychisches Bild die Kollektiverziehung draufzusetzen mit der Hoffnung, dass sich das Kind in dem Sinn entwickeln wird, wie es die Pädagogen wünschten. Und das ist ein Vorgang, der ist erschütternd und der hat Spätfolgen, die bis heute dauern."

Das Kollektiv stand in den Heimen der DDR an oberster Stelle. Der Tagesablauf im Spezialkinderheim Pretzsch:


"Alles wurde gemeinsam erledigt, nur in der Gruppe, das Aufstehen, Frühstück, der Weg zur Schule, auf dem Heimgelände, das Mittagessen, gemeinsam zwei Stunden Hausaufgaben machen, zwei Stunden Freizeit auf dem Gruppenbereich, gemeinsam 'Aktuelle Kamera – Nachrichten' schauen, anschließend politische Diskussion über Themen der Zeit und dann schlafen gehen im Achtmann-Schlafraum, zwischendurch noch Schrankkontrolle, dass alles auf den Zentimeter genau lag."

Gewalt gab es in den Heimen in Ost und West, bilanzieren die Forscher. Zwar hatte die DDR die Prügel- und "ehrverletzende" Strafen Ende der 60er Jahre abgeschafft. Zwar wurde hier nur selten rituell gestraft – etwa mit 20 Stockschlägen. Dennoch gehörten körperliche Übergriffe zur Tagesordnung, sagt Christian Sachse:

"Jemanden an den Ohren ziehen, ne Ohrfeige, 'n Rippenstoß, am Arm durch das ganze Heim ziehen. Das gehörte faktisch zum Alltag. Das beschreiben fast alle Kinder und Jugendlichen, auch in den Normalheimen. Die haben das aber als so normal empfunden, dass sie das sozusagen als zum Alltag gehörig betrachten und die Erzieher offensichtlich auch."

Die Bestrafungs-Unkultur hing letzten Endes vom Heimpersonal ab. Kerstin Kuzia erlebte im Spezialkinderheim Arrest und Essensentzug. Der Jugendwerkhof Hummelshain dagegen setzte mehr auf Rügen oder die Kürzung des Taschengeldes. Kuzia machte hier den "Teilfacharbeiterbrief Wirtschaftshilfe", sprich Küchenhilfe, und schloss zum ersten Mal Freundschaften.

Als angebliche Anführerin eines geplanten Massenausbruchs denunziert, musste sie jedoch für viereinhalb Monate nach Torgau. Was hat sie dort erlebt?

"Vieles. Zu viel eigentlich. Also Torgau muss ich sagen war für mich wirklich von allen Einrichtungen das einschneidendste Erlebnis in meiner Persönlichkeit. Torgau war in meiner Ich-Person so angreifend und erniedrigend, dass ich eigentlich wirklich nur noch funktioniert hatte."

Das in den Spezialheimen geschehene Unrecht unterscheidet sich von jenem der Normalheime, resümieren Christian Sachse und Karsten Laudien. Die Bilanz liest sich verheerend. Mit Essensentzug und Arrest, Schlägen und Strafsport seien an Folter grenzende Strafen verhängt worden. Die Arbeitserziehung, bei der selbst Unter-14-Jährige in der Produktion ausgebeutet wurden, sei teilweise in die Nähe von Zwangs- und Strafarbeit gerückt.

Hinzu kamen die Überbelegung vieler Heime, unzumutbare Wohn-, Lebens- und Betreuungsbedingungen, Kürzungen gesetzlicher Zuwendungen, ungenügende schulische Förderung sowie medizinische Betreuung – ein Zustand, den selbst interne Berichte der DDR kritisierten.

Dennoch scheuen die Autoren des Berichts "Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR" sich davor, diese Heimerziehung als Unrechtssystem zu bezeichnen:

"Denn auch in der DDR erfolgten nicht alle Heimeinweisungen unbegründet und nicht die gesamte Praxis der Heimerziehung war rechtsverletzend oder menschenrechtswidrig."

Kerstin Kuzia ist da anderer Meinung. Sie hat viele Jahre Therapie gemacht und – wie viele andere Betroffene - trotzdem ihre Erfahrungen nicht verarbeiten können. Die 44-Jährige, heute wegen Torgau rehabilitiert, berät Betroffene und tritt als Zeitzeugin in Schulen auf. Gemeinsam mit ehemaligen Heimkindern kämpft sie dafür, gesellschaftlich anerkannt und über den Fonds hinaus angemessen entschädigt zu werden. Sie liest aus den Expertisen heraus:

"... dass es wirklich um ein Unrechtssystem, ein Unrechtserziehungssystem im Prinzip in der DDR gab und die Politik das immer noch nicht so anerkennen will. Der 40-Millionen-Euro-Fonds kann nicht die Endlösung sein. Er kann die erste Anerkennung der Politik sein."

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