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StartseiteBüchermarktHerber Blick auf das Leben24.07.2006

Herber Blick auf das Leben

Über den Zerfall der alten Ordnung

In ihrem Sammelband "Ma’at, Konfuzius, Goethe. Drei Lehren für das richtige Leben" stellen der Ägyptologe Jan Assmann, der Sinologe Ekkehart Krippendorff und der Politikwissenschaftler Helwig Schmidt-Glintzer drei Ordnungslehren aus drei verschiedenen Epochen vor: das "Ma´at"-Prinzip, die politische Denklehre des Konfuzius und Goethes Bürgerethik. Damit wollen die drei Autoren den Zerfall der alten Ordnung erklären.

Von Kersten Knipp

Ein Ägyptologe, ein Sinologe und ein Politikwissenschaftler stellen Ordnungslehren aus drei verschiedenen Zeitaltern vor. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Ein Ägyptologe, ein Sinologe und ein Politikwissenschaftler stellen Ordnungslehren aus drei verschiedenen Zeitaltern vor. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

"Ordnung muss sein", teilt ein geflügeltes Wort mit. Und wer das spießig oder pedantisch findet, der zeigt nur, dass er vom Lauf der Welt nicht viel verstanden hat. Denn was spricht aus jener Binsenweisheit, wenn nicht das geheime Wissen, dass die Welt nur darum immerfort dieselbe ist, weil sie Tag für Tag geordnet wird - von fleißigen Händen, die an Ort und Stelle räumen, was andere bedenkenlos liegen ließen.

Ja, der Liebhaber der Ordnung weiß um den fragilen Zustand allen Menschenwerkes. Und er weiß auch, dass nicht nur die private, sondern auch die öffentliche Ordnung immerfort bedroht ist - derzeit leidet vor allem die Sozialpolitische: Die Kassen sind leer, und der Fürsorgestaat ächzt. Nicht lange mehr, so scheint es, und er wird zusammenstürzen.

Auch die Menschen, manche zumindest, werden aus der gewohnten Ordnung fallen, vermutlich nicht nach oben, sondern ein paar Ränge tiefer. Wer das als Zumutung empfindet, sollte, bevor er zu schimpfen beginnt, noch einmal tief Luft holen - und nachschlagen bei Jan Assmann, Ekkehart Krippendorff und Helwig Schmidt-Glintzer. Bei ihnen kann er lernen, dass der freie Fall nach unten, in der Geschichte weniger die Ausnahme, als vielmehr die traurige Regel darstellt.

Der Ägyptologe, der Sinologe und der Politikwissenschaftler stellen drei Ordnungslehren aus drei verschiedenen Zeitaltern vor: Assmann präsentiert das altägyptische "Ma´at"-Prinzip, Schmidt-Glintzer schreibt über Konfuzius als politischen Denker, und Krippendorff erläutert Goethes Verständnis der Bürgerethik.

"Drei Lehren für das richtige Leben" heißt der Band im Untertitel, und schon die Wortwahl zeigt, dass die Zeiten härter geworden sind: Noch nicht allzu lange ist es her, da hätte man, statt vom "richtigen", lieber von einem "glücklichen", "erfolgreichen" oder schlicht auch "guten" Leben gesprochen. Man hätte einen rundum erbaulichen Band herausgegeben, einen den man gerne liest, abends bei einem guten Glas Wein, oder auch direkt nach Einnahme der Baldrianpillen. Auf jeden Fall wäre eine beschauliche Lektüre dabei herausgesprungen. Doch diese Zeiten sind vorbei, und das wirkt sich auch auf den Buchmarkt aus.

Zwar enthält der Sammelband auch einige durchaus weihevolle Passagen. Doch meistens geht es härter zu. Und es scheint, als hätten die Autoren, als sie über die Ordnung der Vergangenheit schrieben, durchaus auch die drohende Unordnung ihrer Zeit im Blick. Zwischen Zynismus und Fatalismus schwankt die deutsche Stimmungslage, und der etwas herbere Blick aufs Leben wird besonders in den Beiträgen zu Ma´at und Konfuzius deutlich.

Ma´at, das ist für Assmann die Kunst der Politik - "Gemeinschaftskunst", wie er es nennt. Eine Kunst, die sich auch im dritten Jahrtausend vor Christus erheblich herausgefordert sah. "Alles wandelt sich, nichts ist mehr wie im vorigen Jahr", zitiert Assmann aus einem Text jener Zeit, "ein Jahr lastet schwerer als das andere. Das Land ist aufgewühlt, verwüstet. Ma´at ist hinausgeworfen. Das Land ist in schwerer Krankheit, Jammer herrscht überall, Städte, Bezirke schreien laut, alle sind gleichermaßen mit Unheil beladen."

Wie reagieren Politiker in solcher Lage? Assmann präsentiert "Ma´at" als Inbegriff dreier Prinzipien: Gerechtigkeit, Wahrheit, Ordnung. Die drei Leitbilder, schreibt Assmann, wurden in Altägypten rigoros in den Dienst der Gemeinschaft gestellt - Zitat: "Selbständigkeit, Autonomie, Durchsetzungsvermögen und Selbstbehauptung würde der Ägypter zur rohen Natur rechnen, die es durch Bildung zu überwinden oder zu überformen gilt. In Richtung auf Bindung, Altruismus, Selbstzurücknahme und Einfügung."

Es leuchte ein, so Assmann weiter, dass solche Gemeinschaftskunst gut zu einer Gesellschaft passte, die dreitausend Jahre bestanden habe. Mag sein, dass die Einfügung in ein solches System den alten Ägyptern auch darum relativ leicht fiel, weil sie sich am Ende des Lebens vor einem Totengericht zu verantworten hatten. Und an solchen Orten macht es immer einen guten Eindruck, sich auf Erden nicht allzu sehr daneben benommen zu haben.

Wo das nicht der Fall ist - etwa im fünften vorchristlichen Jahrhundert in China - da bleibt, außer dem kruden Zwang, vor allem der Appell an höhere Instinkte. "Zheng" heißt das Prinzip, das bei Konfuzius für den Erhalt der staatlichen Ordnung sorgen soll, und seinen Ursprung hat es.

Ganz wie das altägyptische "Ma´at", im mangelhaften Zustand der unstrukturierten Welt: "Mit den Vögeln und Tieren des Feldes kann man nicht zusammen hausen", lehrt Konfuzius. "Wenn ich nicht mit diesem Geschlecht von Menschen zusammen sein will, mit wem soll ich dann zusammen sein? Wenn der Erdkreis in Ordnung wäre, so wäre ich nicht nötig, ihn zu ändern."

Das eigene Dasein als Dienst für eine bessere Welt. Das ist sehr idealistisch gedacht, und ohne eine gehörigen Schuss Idealismus kommt auch die Konfuzianische Politikberatung nicht aus. "Wenn Eure Hoheit die Regierung ausübt", mahnt der Philosoph den Herrscher, "was bedarf es dazu des Tötens? Wenn Eure Hoheit das Gute wünscht, so wird das Volk gut. Das Wesen des Herrschers ist der Wind, das Wesen der Geringen ist das Gras. Das Gras, wenn der Wind darüber fährt, muss sich beugen." Ach, wäre es doch so. Konfuzius lebte erkennbar nicht im Zeitalter des Lobbyismus, der Sonderinteressen und der Subventionsdiplomatie.

Die Welt hat sich ausdifferenziert, auch in ihrem Begehren. Ob Goethe das geahnt hat? Jedenfalls argumentierte auch er hübsch idealistisch: "Hindernisse wegnehmen, Begriffe aufklären, Beyspiele geben, alle Teilhaber zu interessiren suchen, das ist freilich beschwerlicher als befehlen, indessen die einzige Art, zum Zweck zu gelangen und nicht verändern wollen sondern verändern."

Verändern wird sich vieles in Deutschland. Das, so scheint es, wirkt sich mittlerweile auch auf Texte aus, die man früher unter der Rubrik "Erbauungsbücher" gesammelt hätte. Hatte man eines dieser Bücher gelesen, kannte man die anderen auch, jedenfalls im Prinzip. Auch diese Bücher scheinen nun ernster, sachlicher zu werden, und dass das so ist: Das zeigt doch, dass der Zerfall einer alten Ordnung doch auch sein Gutes hat.

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