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"Ich spreche mit meiner Gitarre"

Corso-Gespräch: Gitarrist Robert Cray über die Unbilden der Musikindustrie und sein neues Album

Roberty Cray im Gespräch mit Tim Hannes Schauen

Der amerikanische Bluesmusiker Robert Cray
Der amerikanische Bluesmusiker Robert Cray (picture alliance / dpa / epa anp Jannink)

Roberty Cray, seit ein paar Tagen 59 Jahre alt, hat mit sämtlichen Größen aus Blues und Rock auf der Bühne gestanden. Trotzdem war der Sänger und Gitarrist aus Georgia nun zehn Jahre lang ohne Plattenvertrag. Sein neues Album "Nothing But Love” erscheint wieder bei einem großen Label.

Tim Hannes Schauen: Wo haben Sie das Album "Nothing But Love” aufgenommen und unter welchen Umständen?

Roberty Cray: Wir haben in einem Studio namens Revolver aufgenommen, ausserhalb von Los Angeles, dort haben wir innerhalb von zwei Wochen das Album eingespielt, das war Ende März/Anfang April. Bevor wir in's Studio gingen haben wir ein paar kleine Konzerte gespielt, danach haben wir gemeinsam das neue Material geübt – denn niemand aus der Band hatte die Songs der anderen bislang gespielt. Also: Nach den Auftritten und einer Übungswoche sind wir dann in's Studio gegangen.

Schauen: Wer hat die Songs für "Nothing But Love” geschrieben?

Cray: Alle haben ein paar Stücke beigetragen: Der Song "Blues get off my shoulders” ist das Cover eines älteren Stücks von Bobby Parker. Den ersten Titel "Won't be coming home” haben unser Bassist Richard Cousins und sein guter Freund Hendrix Ackle geschrieben. "Worry” stammt von Keyboarder Jim Pugh – und Trommler Tony Braunagel hat...ich kenne im Moment gar nicht die exakte Reihenfolge der Stücke...aber "I'll always remember you” hat auch der Keyboarder geschrieben, und ich habe den Rest... nein: "A Memo” haben Richard und Hendrix geschrieben. Und ich dann die restlichen Fünf.

Schauen: Zuletzt war es in Deutschland nicht so einfach, eines Ihrer Alben zu bekommen, da musste man sich schon an Importläden wenden ...

Cray: Das stimmt leider – in der Vergangenheit waren wir in Europa und vor allem in Deutschland nicht sehr prominent. Das liegt zum Großteil an den Veränderungen in der Musikindustrie, aber auch an mangelnder Unterstützung – daher ist es umso schöner jetzt bei einem Label zu sein, das einen unterstützt.

Schauen: Jetzt sind Sie bei Provogue/Mascot unter Vertrag, wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Star-Produzent Kevin Shirley, der schon für Aerosmith, Iron Maiden, Rush oder Joe Bonamassa und Black Country Communion gearbeitet hat?

Cray: Kevin hatte schon mehrfach für Provogue gearbeitet und sie fragten mich, ob ich ihn nicht mal treffen wolle, herausfinden, ob man nicht zusammenarbeiten könne - so entstand das. Wir trafen uns also ein paar Mal, unterhielten uns und ich kam direkt gut mit ihm klar. Dann hat die Plattenfirma mit Sachen geschickt, Kevin hat mir Musik geschickt, und das alles hat mir gut gefallen. Daraufhin kann ich mir gut vorstellen, dass es mir uns klappen könnte – also habe ich zugesagt.

Schauen: Haben sich die Veränderungen in der Musikindustrie auf Ihr Schaffen ausgewirkt?

Cray: Wir sind eine Live-Band. Okay,wir hatten auch Erfolg und haben viele Platten verkauft, wir hatten einfach Glück als das Album "Strong Persuader” herauskam, davon haben wir eine Menge Exemplare verkauft, das hat uns in die Lage versetzt um die Welt zu reisen – also für eine Band, die schon immer viel auf Tour war, war das klasse. Aber es hatte keinen Effekt auf unseren musikalischen Ansatz und wie wir arbeiten. Ich finde es lustig, manche Leute glauben, dass man eine Platte macht, die sich von alleine ganz prima verkauft, ohne dass man das Album auf einer Tour promotet. Diese Vorstellung amüsiert mich, denn auf Tour zu sein und meine Musik zu spielen – das ist der Grund, warum wir damals als Band angefangen haben. Nicht, um eine Menge Platten zu verkaufen und das ganze Jahr über zuhause auf unseren dicken Hintern sitzen zu bleiben, verstehen Sie, was ich meine? Es geht um die Musik!

Schauen: Nach wenigen Takten des ersten Tracks "(Won't be) Coming” – der zugleich auch die erste Singleauskopplung ist – erkennt man sofort Ihren Gesang, Ihren Gitarrensound!

Cray: Das freut mich, denn jeder, der egal was für ein Instrument man spielt, möchte man doch am Sound wiedererkannt werden können. Jeder – abgesehen von ein paar Monstern – möchte eine eigene Identität haben, dass man sich an ihn erinnert. Das trifft doch wohl auf jeden zu.

Schauen: Gitarristen legen großen Wert auf ihren Sound, verbringen viel Zeit damit, ihre Stimme auf dem Instrument zu finden - was macht Ihre Suche?

Cray: Die Gitarre wird ja auch zu meiner "Stimme”, ich versuche mit ihr zu sprechen, eine Art Konversation zu haben. Man kann sich nett mit jemandem unterhalten, mal ist man ärgerlich, möchte ein bisschen herumschreien, aber meistens muss man auch mal nichts sagen und einfach Raum für andere Dinge lassen – das ist meine Philosophie. Mein Sound ist hell und fröhlich und das liegt vermutlich an den Musikern und vor allem Gitarristen, die mich beeinflusst haben, Leute wie Albert Collins: er schlug sehr hart an, hatte aber einen total cleanen Sound. Genau wie BB King. Ich mag diese Herangehensweise.

Schauen: Was unterscheidet "Nothing But Love” von Ihren vorherigen Platten?

Cray: Was auf diesem Album anders ist? Ich glaube, es hat eine große Energie! Richard Cousins ist seit 2008 wieder in der Band, genau wie Trommler Tony Braunagel, dies ist unsere zweite Studioproduktion zusammen. Als wir das Album einspielten, kamen wir wie gesagt gerade von einer kleinen Tour zurück und spielen insgesamt schon fast fünf Jahre in dieser Formation zusammen. Jeder kennt seinen Platz, das Gefühl, hat seinen Raum. Wir spielen freier als früher, und was mich freut: jeder ist beim Songwriting aktiv. Verändert haben sich aber die Themen, über die wir jetzt singen, es sind jetzt erwachsenere Themen als früher. Früher haben wir einfach abgehangen und ein paar Songs geschrieben und so etwas, und nun geht es um Famliendinge wie im Stück Worry” - oder darum, dass jemand sein Haus verliert, dass jemand einfach kaputt ist, seinen Job verloren hat. Also Dinge, die einen nicht so betreffen, wenn man 20 oder 25 Jahre jünger ist. Das ist ein großer Unterschied: wir sind jetzt reifer.

Schauen: Es sind ein paar schöne langsame Nummern auf dem Album, wie kommt das, was reizt Sie als Gitarrist und Sänger daran?

Cray: Ich mag Musik, die berührt, die einen direkt anspricht. Das ist vermutlich auch der Grund, warum ich mit dem Blues zu tun habe. Und meine große Schwäche sind: Balladen! Ich liieebe langsame Stücke. Wenn es so langsam ist, Du hast alle Zeit und den Raum und jedes Detail ist so bedeutsam. Wenn da dieser ganze Raum ist, dann kannst Du Dich nicht verstecken, in einer Ballade kannst Du als Musiker nicht abtauchen, das geht nicht mit Lautstärke - es ist so, als stünde man völlig nackt da, und da ist dieser große leere Raum und diese tote Luft – aber Du kannst den Raum nutzen, die tote Luft zum Schwingen bringen, Du musst bloß den Pinsel schwingen und losmalen. Und ich mag Musiker die mit diesen langsamen Songs arbeiten können, denn das bedeutet ja, dass der Sound stimmen muss, die Story muss stimmig sein und es muss Dich einfach mitnehmen, weil es so schön langsam ist.

Schauen: Ist es ein Blues-Album? Soul? R&B?

Cray: Ich glaube, von allem ein bisschen. Wir haben soliden Rock dabei wie "A Memo”, ist ein kleines tanzbares Lied – und die Geschichte dahinter ist, wie schon im Titel, es ist "Ein Memo”: Rich Hurt hat es geschrieben, er sagte es sei ein Song, der so tut, als ob Präsident Obama Dir erklären würde, was läuft.

Schauen: Im Oktober werden Sie das Album bei drei Konzerten in Deutschland live vorstellen, was dürfen die Zuhörer erwarten?

Cray: Da ich gerne Dinge riskiere, gehen wir immer ohne Setlist auf die Bühne. Das ist dann, wie eine Ballade zu spielen: Du hast diesen Raum dort, hast Zeit. Also gehen wir auf die Bühne und wissen bloß, was wir als erstes Stück spielen wollen. Und die anderen danach, die rufen wir uns spontan zu.


"Nothing But Love” erscheint am 21. August 2012.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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