Dienstag, 16.01.2018
StartseiteEuropa heute"Ich war nicht mehr ich"27.01.2010

"Ich war nicht mehr ich"

Rumänien im Esoterik-Fieber

Esoterik-Fieber in Rumänien ist nichts Neues. Hunderttausende von Gläubigen füllen regelmäßig die Kirchen, orthodoxe Priester vollziehen dort kostenpflichtige Zauberrituale. Auch Wahrsagerei und schwarze Magie sind ein umsatzstarker Wirtschaftsbereich. Neu ist allerdings, dass Teile der politischen Elite ganz offen zu ihrem Aberglauben stehen.

Von Keno Verseck

Der rumänische Staatspräsident Traian Basescu  (AP Archiv)
Der rumänische Staatspräsident Traian Basescu (AP Archiv)

Rumänien im Esoterik-Fieber: Hat der Staatspräsident Traian Basescu die Wahlen im Dezember letzten Jahres durch energetische Attacken gewonnen? Durch die Kraft der violetten Flamme, die immer Donnerstags am besten wirkt?

Der Bukarester Nachrichtensender Realitatea, eine Art CNN Rumäniens, ist fündig geworden. Ja, der Staatspräsident hatte tatsächlich einen Parapsychologen engagiert, der ihn im Endspurt des Wahlkampfes begleitete. Der Mann heißt Aliodor Manolea und ist ein kahlköpfiger Typ, der eisig lächelt. Sein Spezialgebiet: Psychotronik - die unterschwellige Manipulation von Menschen durch..-. ja wodurch eigentlich?

Mihaela Geoana, die Gattin des Wahlverlierers, kann es erklären. Ihr Mann Mircea ist Chef der Sozialdemokraten, der größten rumänischen Oppositionspartei - ein Verein aus Ex-Kommunisten, alten Securitate-Offizieren und korrupten Oligarchen. Mircea Geoana hatte die Wahlen knapp verloren. Unter anderem, weil er im großen Fernsehduell vor der Abstimmung plötzlich anfing, peinlich zu stottern und sich zu verhaspeln. Es war nicht seine Schuld, verteidigte Mihaela Geoana ihren Mann jetzt in einer Fernseh-Talkshow.

"Er ist in dem Duell energetisch massiv angegriffen worden. Die Leute, die das gemacht haben, waren sogar im Saal. Ich denke, mein Mann hat diese Angriffe gespürt. Ich jedenfalls habe sie gespürt. Ich hatte keine Kraft mehr, konnte nichts machen, mich nicht konzentrieren, ich war nicht mehr ich."

Auch Mircea Geoana selbst glaubt, dass im Wahlkampf parapsychologische Methoden gegen ihn eingesetzt wurden. Mehrfach habe er den Staatspräsidenten zusammen mit einer gewissen Person gesehen, die ihm bekannt sei. Stimmt genau: Es war der Psychotroniker Manolea. Mircea Geoana hatte ihn vor Jahren nämlich selbst einmal engagiert, und zwar im Europawahlkampf 2007 - doch dann wieder gefeuert, wohl wegen des schlechten Ergebnisses. War die Energie-Attacke also eine späte Rache?

Wie dem auch sei – das Esoterik-Fieber in Rumänien ist jedenfalls nichts Neues. Hunderttausende von Gläubigen füllen regelmäßig die Kirchen, orthodoxe Priester vollziehen dort kostenpflichtige Zauberrituale an ihnen. Auch Wahrsagerei und schwarze Magie sind ein umsatzstarker Wirtschaftsbereich. Neu ist jetzt, dass Teile der politischen Elite ganz offen zu ihrem Aberglauben stehen.

Den Anfang machte vor Wochen Viorel Hrebenciuc. Der reiche Geschäftsmann ist einer der Strippenzieher bei den Sozialdemokraten und hat für Mircea Geoana den Wahlkampf organisiert. In einer Fernsehsendung sagte er:

"Donnerstags ist Staatspräsident Basescu immer in Hochform, denn das ist der Tag der violetten Flamme. Beobachten Sie nur mal, wie oft Basescu und seine Parteileute violette Krawatten und Pullover tragen. Da gibt es eine klare Verbindung zu seinem Wahlsieg, davon bin ich überzeugt."

Noch dubioser als Hrebenciucs Theorie ist die Herkunft seines Millionenvermögens. Doch das interessiert die rumänischen Medien derzeit herzlich wenig. Wie ausgehungerte Wölfe stürzen sie sich auf das Thema "violett". Vergeblich erinnerte Staatspräsident Traian Basescu daran, dass violett doch die Modefarbe des Jahres 2009 gewesen sei. Er fügte kleinlaut hinzu: Auch die Russen und Amerikaner ließen ja in Wahlkämpfen Parapsychologen für sich arbeiten.

Nur ein Politiker in Rumänien ist derzeit zutiefst entsetzt über das Niveau der Debatten: Ion Iliescu, Altmeister der rumänischen Politik, nach dem Sturz der Diktatur 1989 dreifacher Staatspräsident und zur Zeit Ehrenvorsitzender der Sozialdemokraten. Der 79-Jährige war schon vieles in seinem Leben, Stalinist und Reformkommunist, jetzt gibt er sich als Demokrat aus, und die Partei ist auf alle Fälle sein Leben. Esoterik in der Politik? "Was soll das,?!" beschwert sich Ion Iliescu. "Kehren wir etwa zurück zu Nostradamus? Wir sind doch im 21. Jahrhundert!"

Selten hat man Iliescu so fassungslos erlebt. Wirklich echt? Oder vielleicht auch Resultat einer energetischen Attacke durch den politischen Gegner?

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk