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StartseiteBüchermarktIch werde geliebt, also bin ich29.01.2012

Ich werde geliebt, also bin ich

Buch der Woche: Eva Illouz:"Warum Liebe wehtut", Suhrkamp

Eva Illouz entwirft einen historischen Verlauf der Liebe, um zu zeigen, dass diese heute anders funktioniert als in vormodernen Zeiten. Der Titel des Buches winkt mit lebensberatendem Versprechen ein größeres Publikum heran, doch es ist das Buch einer Soziologin, das sich ganz und gar im Rahmen ihrer Zunft entfaltet.

Von Walter van Rossum

Die Sehnsucht nach körperlicher Nähe hört nie auf. (picture alliance / Klaus Rose)
Die Sehnsucht nach körperlicher Nähe hört nie auf. (picture alliance / Klaus Rose)

Eva Illouz: "Warum Liebe wehtut. Eine soziologische Erklärung."
Aus dem Englischen von Michael Adrian. Suhrkamp Verlag. Berlin. 2011. 477 Seiten.

Eva Illouz ist in Marokko geboren, sie studierte in Paris und in den USA, sie lebte in Frankreich, den Vereinigten Staaten von Amerika, Israel und Deutschland. Auf allen Kontinenten, in allen Ländern ist sie Zeit ihres Lebens den Dramen der Liebe begegnet.

Hunderte, wenn nicht Tausende von Gesprächen haben mich stutzig und fassungslos über das Chaos gemacht, von dem die zeitgenössischen romantischen und sexuellen Beziehungen erfüllt sind. ( ... ) Warum ist unser Selbstwertgefühl so eng mit der Liebe verbunden? Litten die Menschen in der Vergangenheit die die gleichen Liebesqualen wie moderne Männer und Frauen?

Heute ist Eva Illouz Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Und in ihrem Buch über die Schmerzen der Liebe geht es ihr um eine soziologische Interpretation.

Tatsächlich hält uns unsere Kultur in erster Linie dazu an, der verschütteten Geschichte unserer beschädigten Kindheit und unseren psychischen Defekten auf den Grund zu gehen, um die Verwirrungen unseres Liebeslebens aufzuklären. Diese Voraussetzungen möchte das vorliegende Buch in Frage stellen. Es möchte erklären, warum die Liebe weh tut, indem es statt des psychologischen den sozialen Kontext erhellt, in dem sich Männer und Frauen begegnen.

Eva Illouz möchte also die an Liebeswehen Leidenden nicht mehr in die Verließe ihrer Kindheit schicken. Sie möchte ihnen vielmehr verdeutlichen, dass ihre Probleme mit den Widersprüchen und Spannungen der Moderne zusammenhängen, mit den sozialen Bauplänen des modernen Selbst und seiner Identität. Mit anderen Worten: Es ist außerordentlich wahrscheinlich, in Liebesdingen Schiffbruch zu erleiden, doch das hat nicht in erster Linie mit Defekten der Liebenden zu tun, sondern mit einer Schieflage der romantischen Liebe unter den Bedingungen der Moderne.

Wer wissen will, was die Eigentümlichkeit der gegenwärtigen Liebesverhältnisse ausmacht, sollte versuchen zu verstehen, wie denn unsere Ahnen geliebt haben. An Beispielen des 18. und 19. Jahrhunderts zeigt Eva Illouz, dass die Liebe sich an relativ einfachen Codes und ziemlich verlässlichen Regeln orientieren konnte. Das mag zwar das Feld der Liebe beschränkt haben - etwa auf ein bestimmtes Milieu -, aber dadurch war es auch überschaubarer, und vor allem das Selbst der liebenden Liebeshändler blieb einigermaßen geschützt. Auch der Abgewiesene wusste danach immer noch, wer er war.

Die minuziöse Kodifizierung der Liebesrituale hatte einen besonders hervorstechenden Effekt. Sie beseitigte Unsicherheiten oder verringerte sie, indem sie das Reich der Gefühle fest und eng an ein kodifiziertes Zeichensystem band. Die Gefühle speisten die Zeichen und wurden von ihnen gespeist, insofern adäquat gesetzte Zeichen sowohl bei demjenigen, der das Ritual ausführte, als auch bei seinem "Empfänger" Gefühle auslösten und umgekehrt. ( ... ) Die vormoderne Partnersuche wurde so ernst genommen, weil sie die schwerwiegendste ökonomische Operation im Leben vieler Menschen betraf, insbesondere weil das Eigentum einer Frau bei der Hochzeit auf ihren Mann überging.

Dann aber kam es gewissermaßen zum Verfall der guten Sitten und der Liebe widerfuhr eine große Transformation: Vieles wurde möglich, alles wurde schwieriger. Es entstand ein ganz neuer Heiratsmarkt. Geliebt wurde nicht mehr nur in den eigenen Reihen, sondern quer durch die Gesellschaft, und es gab ganz neue Kriterien für die Partnerwahl - zum Beispiel erlebt der Sexus einen kometenhaften Aufstieg. Und der war wiederum Produkt der neuen Konsumkultur.

Die Konsumkultur brach in dem Moment aus, da Henry Ford sagte: Autos kaufen keine Autos. Der Kapitalismus hatte verstanden, dass er zu seinem Betrieb nicht nur abgerichtete Arbeiter brauchte, sondern auch Konsumenten, die nach sinnlicher Befriedigung suchten.

Eine solche Suche nach sinnlicher Befriedigung ging in die Sexualisierung des Körpers über: Der Körper konnte und sollte Sexualität und Erotik evozieren, in anderen hervorbringen und ausdrücken. Die Konstruktion erotisierter Körper war somit eine der eindrucksvollsten Leistungen der Konsumkultur des frühen 20. Jahrhunderts.

Es entstand ein neuer Heiratsmarkt. Der mischt die Verhältnisse völlig neu. Zum Beispiel spielen fortan die religiösen, ökonomischen, sozialen oder ethnischen Zugehörigkeiten nicht mehr die Rolle, die sie früher gespielt hätten. Die Kriterien für die Wahl des Partners sind subjektiv geworden.

Wir haben die Wahl, ob wir uns der erotischen Ausstrahlung hingeben oder vom feinen Charakter und raffinierter Bildung bezaubern lassen. Weil es aber keine verlässlichen Regeln der Wahl gibt, muss jeder selbst im Kopf überschlagen, wie weit etwa die Wonnen der Lust durch die Tiefebene der Dauer tragen oder ob der Zauber des Geistes zur Lust der Paarung taugt.

Mit andern Worten: Man muss gleichermaßen empfindsam wie kühl kalkuliert seine Entscheidung treffen. Man muss klug sein und zugleich der Stimme der Epidermis lauschen können. Und noch etwas Entscheidendes geschieht auf diesem modernen Heiratsmarkt: Durch seine Wahl des Geliebten drückt der Wählende sich selbst aus, schafft sich selbst:

Physische Attraktivität und Persönlichkeit werden zu Indizien des inneren Wert einer Person. Wenn die vormoderne Ehe aufgrund der objektiven Stellung und daher des objektiven Werts einer Person zustande kam, so verhält es sich nunmehr praktisch genau umgekehrt: Weil Heiratsmärkte kompetitiv sind, weil in ihnen eine Vielzahl von Attributen getauscht werden können, weil es auf den eigenen Wert zurückverweist, wie gut man in diesem Markt abschneidet, ist die eigene Position in einem Heiratsmarkt immer auch eine Möglichkeit, den eigenen allgemeinen sozialen Wert zu ermitteln.

Die große Transformation der Liebe bedeutet eine allmähliche Deregulierung der Liebesverhältnisse - hin zu einem freien Markt. Und die Vermarktung der Liebe führt für Eva Illouz dazu, dass das Begehren selbst die Eigenschaften des ökonomischen Austausches annimmt. Es wird geregelt durch die Gesetze von Angebot und Nachfrage, Knappheit und Überangebot.

Und wie der freie Markt auch schafft der neue Heiratsmarkt nicht nur Freiheiten, sondern er führt auch zu neuen Ungleichheiten. Und auch hier ist Freiheit nicht nur ein Wert, sondern auch ein Problem. Diese Freiheit führt zu einer permanenten Überforderung, weil man sich der Kriterien der Wahl nicht versichern kann.

Man könnte auch die These vertreten, dass sich ein Gutteil der Therapie-, Selbsthilfe- und Coachingkultur als Ansammlung von Kulturtechniken verstehen lässt, mit deren Hilfe in einem schwankungsanfälligen Markt der Möglichkeiten die Wahl überwacht und Entscheidungen getroffen werden sollen.

Wer in unseren Tagen liebt, stellt sich selbst zur Disposition. Oder um es in den wunderbaren Worten des Dichters Peter Rühmkorf zu sagen:

Denn was sich liebt, das spottet der Erfahrung/ und was sich fesselt, gibt sich aus der Hand.

Das kann verdammt gut tun. Das hat Goethe schon Ende des 18. Jahrhundert in den "Leiden des jungen Werther" ausgedrückt:

Mich liebt! Und wie wert ich mir selbst werde, wie ich - dir darf ich's wohl sagen, du hast Sinn für so etwas - wie ich mich selbst anbete, seitdem sie mich liebt!

Dem Geliebten widerfährt die Himmelfahrt seines Selbst. Leider bedeutet das umgekehrt auch: Der Abgewiesene, der Übersehene, der Nichtgeliebte versinkt ins Unsichtbare und verliert sich selbst aus den Augen.

In der Liebe entscheidet man sich jetzt nicht mehr einfach für einen Partner, bestellt nicht ein Feld unter anderen, sondern in der Liebe errichtet man sich selbst. Damit sind wir im dramatischen Kern der Liebe unter den Umständen der Spätmoderne: Es geht ums Ganze.

Die Macht der romantischen Liebe wird verwegen, weil sie einerseits essenziell und existenziell über uns entscheidet, andererseits ist das Liebestheater durch keine Techniken beherrschbar, durch keine Regeln zu kontrollieren.

Der soziale Wert einer Person ist nicht mehr die direkte Folge ihres wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Status, sondern muss aus ihrem Selbst geschöpft werden, das als einzigartige, private, persönliche und nichtinstitutionelle Größe definiert ist. Die erotisch/romantische Bindung muss zu einem Selbstwertgefühl verhelfen, und der moderne soziale Wert ist vor allem performativ, das heißt, er wird im Zug der und durch die eigenen Interaktionen mit anderen erlangt. Wenn der Liebhaber, "ehe er mit der Geliebten zusammentrifft, sich wegen seines Geruchs, seiner Kleidung, seiner Haare, seiner Pläne für den Abend und letzten Endes seiner Person überhaupt" sorgt, so deshalb, weil die Liebe in der Moderne entscheidend dafür geworden ist, den Wert einer Person zu konstituieren."

Doch die Tänze der Anerkennung sind doppeldeutig und verwirrend. Das Problem besteht ja nicht darin, einfach ein bisschen von einer beliebigen Person geliebt zu werden, sondern es muss jene ganz bestimmte Person sein, die ich selbst liebe und damit in besondere Weise anerkenne, deren Selbst ich liebend mit errichte.

Man könnte sagen: Liebe ist jene besondere Kommunikation zwischen zwei Menschen, die die beiden Kommunizierenden mit wechselseitiger Hingabe verhext. Ich werde durch den liebenden Anderen jemand, der sich selbst liebt. Und der andere liebt sich durch meine Liebe zu ihm.

Und hier dreht sich die romantische Liebe in eine unauflösbare Paradoxie: In dem Maße wie die Liebe des anderen mein Selbst auftankt, schlägt er ein Leck in meine Autonomie. Mein Selbstwertbewusstsein hängt ja vom anderen ab. Und der andere muss ein autonomer freier Anderer sein, sonst hat seine Anerkennung keine Bedeutung für mich. So stärkt mich die Liebe, indem sie mich schwächt und umgekehrt.

Daher rührt die ständige Versuchung, den Tumult wechselseitiger Anerkennung auf Dauer zu stellen - etwa im Versprechen der Ehe: Ich will mich darauf verlassen können, dass der Andere mich auch morgen und übermorgen noch liebt, das heißt anerkennt. Doch wenn wir die unaufhörlich zu erneuernde Verschränkung der Liebenden beruhigen, hören wir im Grunde auf zu lieben. Schwere See.

Im Gegenzug - so glaubt Eva Illouz zu beobachten - haben sich verschiedene kulturelle Strategien gebildet, die zur Entschärfung der Liebe betragen:

Die Entmystifizierung der Liebe durch die politischen Ideale der Gleichheit und Fairness sowie durch Wissenschaft und Technik hat Liebesbeziehung in selbstreflexive Objekte der Prüfung und Kontrolle mittels formaler und berechenbarer Verfahren verwandelt. Die Forderungen, dass die Sprache neutral und von ihren geschlechtsspezifischen Verzerrungen bereinigt sein soll, dass Liebesbeziehungen aus dem langen Schatten der Macht herausgeholt werden sollen, dass beiderseitiges Einvernehmen und Gegenseitigkeit im Mittelpunkt einer jeden Intimbeziehung stehen sollen, und schließlich die Überzeugung, dass unpersönliche Prozeduren ein solches Einvernehmen gewährleisten, haben zusammengenommen zur Folge gehabt, dass die erotische und romantische Liebeserfahrung zunehmend unter systematische Verhaltensregeln und abstrakte Kategorien subsumiert wurden.

Klingt ein wenig so, als würden auf der großen Bühne der Liebe keine Tragödien mehr aufgeführt, sondern nur noch manierliche Volkshochschulvorträge gehalten. Besteht also gar kein Bedarf mehr an einer soziologische Aufklärung der Liebesmühen? Hat die Spätmoderne sich schon selbst von den Leiden der Liebe kuriert? Nein, sagt Eva Illouz. Es handelt sich vielmehr um eine Art paradoxer Konstellation.

Einerseits sind Emotionalität, Liebe und Romantik merklich erkaltet. ( ... ) Andererseits ist die Liebe in so viele Hinsichten, wie ich zu zeigen versucht habe, unverzichtbarer für die Bestimmung unseres Selbstwerts als jemals zuvor.

Soweit die Generaldiagnose. Remedur erwächst für die Soziologin vor allem aus dem Begreifen der gesellschaftlichen Umstände. Das war doch zumindest eine Absicht dieses Buches:

Wenn dieses Buch einen nichtwissenschaftlichen Anspruch hat, dann den, das "Leiden" an der Liebe durch ein Verständnis ihrer gesellschaftlichen Grundlagen "zu lindern". In der heutigen Zeit lässt sich eine solche Aufgabe überhaupt nur in Angriff nehmen, wenn wir damit aufhören, Individuen, die längst schon mit dem tyrannischen Gebot überlastet sind, ein gesundes Liebesleben zu führen, mit Vorschriften und Rezepten zu traktieren.

Man muss leider sagen, dass das Buch von Eva Illouz diesen Anspruch nicht erfüllt. Vielleicht ist aber auch bereits der Anspruch ein wenig albern. Wenn ich verstehen will, warum X mich nicht liebt und warum ich deshalb so unglücklich bin, will Eva Illouz mit der Aufforderung, meinen Schmerz als den Riss spätmoderner Liebeskonstellationen in meinem Herzen zu deuten.

Der Titel des Buches winkt mit lebensberatendem Versprechen ein größeres Publikum heran, doch diese Sorte Theorie entfaltet sich in einiger Lebensferne. Damit Illouz sich in unmittelbarer Konkurrenz zur Therapie- und Coachingkultur situieren kann, muss sie ein einigermaßen naives Verständnis vom Wirken der Therapeuten unterstellen. Etwa, wenn sie behauptet, Therapeuten würden das eh schon überforderte spätmoderne Individuum "mit Vorschriften und Rezepten traktieren".

Das müssen schon sehr schlechte Therapeuten gewesen sein, denen die Soziologin begegnet ist. Ebenso wenig schlägt die normale psychologische Beratung unbedingt gleich auf die Pauke frühkindlicher Traumatisierung.

Bessere Therapeuten haben wahrscheinlich sehr genau die komplexe und vielleicht unheilbare Liebeslage unserer Tage verstanden - die hohe Wahrscheinlichkeit zu scheitern, die Tücken der Improvisation. Dagegen scheint es ein wenig zu einfach, jeden Liebesschmerz als ganz normale spätmoderne Gefechtslage zu interpretieren - und dabei auch noch zu glauben, hätte man das verstanden, ginge es einem auch schon besser.

Mag sich die Liebe auch noch so sehr im Milieu der Gefährdung abspielen, im Labyrinth des Herzens kann man schlicht und einfach auch Fehler begehen. Was ist mit dem Mann, der sich mit rätselhafter Sicherheit in Frauen verliebt, die ihn mit Sicherheit nicht lieben werden? Dem wird nicht Eva Illouz helfen, sondern eher ein Experte teilnehmender, einfühlsamer Beobachtung.

In letzter Zeit rümpfen Abgesandte des höheren Geisteslebens gerne die Nase über die Orientierungskirmes des normalsterblichen Kleindenkers. Und es ist wahr: Bob Dylan, die Astrologie oder "Sex in the City " dürften in den Herzen der allermeisten Menschen eine sehr viele größere Rolle spielen als Immanuel Kant oder Niklas Luhmann. Und das halten Großdenker gerne für eine Verfallserscheinung. Irgendwie kommt es ihnen nie in den Sinn, dass es vielleicht an ihnen und ihren Produkten liegen könnte.

Das Buch von Eva Illouz ist da ein schönes Beispiel. Beredt erweckt sie den Eindruck einer gewissen Lebenszuständigkeit. Doch es ist das Buch einer Soziologin, das sich ganz und gar im Rahmen ihrer Zunft entfaltet. Damit meine ich nicht nur ihre wenig inspirierte Sprache, sondern auch die argumentative Dramaturgie.

Eva Illouz schreibt nicht so, als ginge es ihr darum, einem Leser den Liebestress unserer Tage darzustellen, sie erklärt immerzu, und wenn sie erklärt, hat sie vor allem ihre Spezies im Sinn: die Soziologen. Ganz unbestreitbar gelingen ihr dabei einige interessante Beobachtungen, doch dem Auge der Wissenschaftlerin entgeht auch ganz Entscheidendes.

Schon seltsam - ein Buch über die Liebe, das nie erklärt, was die Liebe denn sei. Illouz entwirft einen historischen Verlauf, um zu zeigen, dass Liebe heute anders funktioniert als in vormodernen Zeiten. Sie unterstellt die Vergleichbarkeit der ehelichen Liebe im 18. und 19. Jahrhunderts mit der leidenschaftlichen Liebe unserer Tage. Für Eva Illouz ist Liebe, wo Liebe draufsteht. Aber mit einiger Wahrscheinlichkeit handelt es sich bloß um dasselbe Wort, aber nicht um dasselbe Ereignis.

Eva Illouz bemüht ein beliebtes wissenschaftliches Vorurteil, dass früher nämlich alles einfacher gewesen sein soll. Das sieht schnell anders aus, wenn man etwa die bürgerlichen Liebeskünste als eine ziemlich komplizierte Ideologie beschreibt. Selbst wenn man unterstellt, bei der Paarbildung des 18. Jahrhunderts wäre wenigstens ein Anfangsverdacht von Liebe im Spiel gewesen - was ist das dann für eine Liebe, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen muss, dass kurz nach dem Vollzug jener Liebe das Ende der Liebe anbricht?

Die Realität der angeblich auf Liebe gegründeten bürgerlichen Ehe hatte in aller Regel wenig mit Liebe zu tun - bestenfalls mit freundschaftlicher Rollenverteilung. Das kann niemandem entgangen sein. Und das Beispiel der Leiden des jungen Werther offenbart, dass es der, der leidenschaftlich lieben wollte, im 18. Jahrhundert verdammt schwer haben konnte.

Insofern funktioniert auch das ganze soziologische Konstrukt des Buches nicht. Die höheren Töchter in Jane Austens Romanen hatten es wahrscheinlich nicht ganz so einfach, wie Eva Illouz behauptet. Mit Sicherheit hat der Hauch gelenkter Liebe, von dem sie glaubten, ihn einen Moment lang einatmen zu dürfen, nichts zu tun mit der massenhaften intensiverotischen Erregung unserer Tage. Der feine Hauch der Liebe weht an den soziologischen Erklärungsversuchen der Liebe, wie sie Eva Illouz anstellt, vorbei.

Eva Illouz: "Warum Liebe wehtut. Eine soziologische Erklärung."
Aus dem Englischen von Michael Adrian. Suhrkamp Verlag. Berlin. 2011. 477 Seiten.

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