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StartseiteBüchermarktIn seinen Armen das Kind13.05.2002

In seinen Armen das Kind

Suhrkamp, 374 S., EUR 22.90

<em>Ich habe den Titel gesucht und gefunden. Dass man das jetzt mit dem Erlkönig assoziiert, das hätte ich ja verhindern können durch irgend so einen Titel, der Baum, das Haus oder so, aber ich habe gemerkt, dass dieser Titel, diese Abschnitt einer Zeile aus dem Erlkönig absolut der richtige Titel ist, auch mit dem, was fehlt.</em>

Agnes Hüfer

Bodo Morshäuser erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte eines Vaters, der seinen Sohn sucht. Verloren hat er ihn durch den Zugriff einer unfassbaren Macht. In Goethes Ballade trägt die Macht den Namen Erlkönig; "Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!/ Erlkönig hat mir ein Leids getan!" Die letzte Zeile heißt: "In seinen Armen das Kind war tot." Morshäusers Protagonist, der Schauspieler Maik Steiner, erlebt ein ähnliches Drama.

Es ist ein Roman, der zum großen Teil erzählt, wie es Kindern in Sekten geht. Es gibt in Deutschland 300 000 bis 400 000 Kinder, die in Sekten groß werden. Und dieser Umstand, diese Tatsache ist zum Teil mein Thema. Ich habe recherchiert, hauptsächlich im Internet, und dann habe ich die Recherche praktisch noch einmal neu erfunden aus dem normalen Grund, dass ich meine Recherche nicht in den Roman packen wollte, sondern meine Geschichte erzählen wollte. Die Fakten sollten aber abgesichert sein durch die sogenannte Realität. Die Geschichte beginnt in den siebziger Jahren in der alternativen Szene in Berlin. Vera bekommt einen Sohn von Maik Steiner. Nach der Geburt verschwindet sie mit dem Kind, Richtung Esoterik. Maik Steiner macht Karriere. Jahre später erst begibt er sich auf die Suche nach Frau und Kind. Sie führt ihn über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren wie in einem Roadmovie durch süddeutsche Landkommunen und Sektenzentren. In großen Abständen, immer zwanghafter und mutiger den nächsten Anlauf startend, dringt der Protagonist Maik Steiner auf seiner Suche in das Herz der Finsternis ein. Was er hinter dem friedlichen Bild entlegener Gehöfte entdeckt, entsetzt ihn: Kinder, die durch Schlafentzug und Schläge zu Arbeitstieren abgerichtet, Frauen, die geschwängert werden, um den Nachwuchs zu sichern. Erwachsene, die den Kindern und einander Gewalt antun, menschliche Wracks, die nicht wissen oder nicht wissen wollen, dass ihre vormals ideal gedachten Lebensentwürfe im Dienst profitbewusster Geschäftsleute verscherbelt werden

Es werden Menschen beschrieben, die nicht die Chefs der Sekten oder der esoterischen Gruppen, sondern Mitläufer sind, und die im Lauf der Jahre zu Verlierern werden. In der ganzen Gesellschaft gibt es den gleichen Vorgang. Es gibt Aufbruchbewegungen, und dann werden meist die Leute mit einem bürgerlichen Standard oben schwimmen, fünf bis zehn Prozent schwimmen oben, und die restlichen neunzig Prozent müssen sehen, die gute Idee mit der Lebenswirklichkeit, in der sie sind, zu verbinden. Wenn sie das nicht schaffen, stürzen sie ab.

Bodo Morshäuser, Jahrgang 1953, gilt als ein genauer und kühler Beobachter seiner Generation, derjenigen, die in den Siebzigern in ihren Vorstellungen wie in der Praxis davon ausgingen, in freier Assoziation miteinander leben zu können. Seine erste, 1983 erschienene Erzählung "Die Berliner Simulation" rührte vor, welche Freude es macht, den Verhältnissen auf dem Kopf herum zu tanzen -, wenn es gelingt. Nun kehrt der Autor an den Anfang zurück - der Roman "In seinen Armen das Kind" beginnt in einer Wohngemeinschaft, doch bekommt die Geschichte schnell größeres episches Format. Am Ende hat das Buch die für Morshäuser ungewöhnliche Langstrecke von knapp 400 Seiten durchlaufen, zehn oder mehr selbständige Figuren zum Handeln gebracht, verschiedene Themen aufgetischt und zwei Erzähler beschäftigt, Handlung. Reflexion und Dialog spannend - und vollkommen unsentimental zusammenzurügen.

An der sogenannten Seelenkunde interessiert mich eher, welche Handlungen resultieren daraus. Ich versuche, die Veränderungen in Taten und Handlungen, in veränderten Taten und Handlungen mitzuteilen, aber nicht in Beschreibungen, Selbstbeschreibungen von Selbstgefühlen. Das ist mir zu ungenau. Ich bin eher konkreter gepolt.

"Dem Vater grauset's" heißt es bei Goethe. Es graust Maik Steiner. Es graust den Leser, dem der Autor in Breitwandtechnik das Geschehen serviert: die Abrichtung, die Vernichtung der Kinder, die Besinnungslosigkeit der erwachsenen Mitläufer, die Menschenverachtung der Sektenführer. Es ist gerade der genaue, allem Anschein nach objektive Blick des Erzählers auf die Verlierer und Gewinner der Esoterik, der einem das Herz zerreißt, anders gesagt, über die Hutschnur geht. Denn die Einsicht, warum sich jemand die Sekte antut, will einem nicht in den Kopf. Noch weniger, wieso dieser sehnsüchtig verbohrt dem verlorenen Sohn nachsetzende Maik Steiner die Suche nicht aufgibt, sondern seinen Beruf und sich vernachlässigt, herunterkommt, verwahrlost.

Der Maik Steiner macht sich praktisch selber fertig, weil er dieses Gefühl hat, er muß mal nachschauen, was war da eigentlich mit meinen Leuten in der WG. Sein schlechtes Gewissen, oder seine gute Haltung eigentlich, sich mal umzudrehen, zu gucken, was habe ich denn gemacht damals, das ist sein Verhängnis. Vielleicht aus Sentimentalität oder so was bringt er sich selber von seinem Lebensweg ab und verzehrt Jahre mit der Suche nach seinem Sohn. Also er macht sich selber platt.

Am Ende steht die reale Figur Maik Steiner, Sinnbild seiner Generation, in Cordklamotten wie zu WG-Zeiten gekleidet, am Büffet eines Supermarkts und hat keine Lust mehr zu erzählen.

Ich habe den Eindruck, er leidet an der Unwiederbringlichkeit gelebten oder versäumten Lebens. Und am Schluß hat er sich damit arrangiert. Er hat die Arbeit aufgegeben, verstehen zu wollen, nachvollziehen zu wollen. Man kann vielleicht sagen, er ist hier und jetzt angekommen in dieser Fiktion, mit der alles begonnen hat im Wesen der Hippies: Wir leben hier und jetzt. Und über diesen Umweg von zwanzig Jahre kommt er nun auf eine diffuse Weise dahin wieder zurück. Aber es macht ihn nicht glücklich.

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