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StartseiteBüchermarktIronie als Leitmusik25.05.2006

Ironie als Leitmusik

Vladimir Sorokin legt mit "Bro" die Fortsetzung seines Erfolgs "Ljod" vor

Das Buch hatte wie ein Blitz eingeschlagen: "Ljod Das Eis" von Vladimir Sorokin. Drei Jahre danach folgt jetzt sein Roman "Bro". Erzählt wird die Lebensgeschichte des Haupthelden Alexander Snegirjow, der am 30. Juni 1908 zur Welt kommt. Eher ein matter Roman - so das Urteil des Rezensenten - und so bleibt nur die Aussicht auf den abschließenden Roman der Trilogie, der in Russland bereits erschienen ist.

Von Krischan Schroth

Wladimir Sorokin, russischer Schriftsteller (AP)
Wladimir Sorokin, russischer Schriftsteller (AP)

Das Buch hatte wie ein Blitz eingeschlagen - "Ljod Das Eis" von Vladimir Sorokin. Die Besprechungen in den Tageszeitungen waren euphorisch, auch das Theater interessierte sich bald für den Stoff und brachte eine Adaption auf die Bühne. Was allgemein mitriss, war jene mystische und von Sorokin verführerisch in Szene gesetzte Erlösungsgeschichte um eine gewalttätige, totalitäre Bruderschaft: Da wurde Menschen mit einem geheimnisvollen Eishammer gegen die Brust gehauen, worauf ihr Herz, zumindest das der Erwählten, zu sprechen begann und sie die absolute Wirklichkeit sahen. Diese stets blonde und blauäugige Bruderschaft bediente sich gern der höchsten Eliten, um weitere Mitglieder zu finden und das Eis eines Meteoriten, nötig für die Hämmer, zu fördern: Im Jahr 2000 kümmerten sich darum in Rußland Finanzspekulanten, davor waren es NKWD und GPU, in Deutschland die Nazis.

Virtuos setzte Sorokin seine apokalyptische Heilsgeschichte in Analogie zu den ideologischen Mächten des 20. Jh. sowie zu den neuen Mächten des Geldes im zusammengebrochenen Sowjetreich - wo das Ljod in einem grandiosen Finale schließlich als "Wellness Set" auf den Markt kam, um die Massen spirituell zu berauschen. Sprachlich überaus kraftvoll, spielte dieser esoterische Kriminalroman alle möglichen Aspekte um sein Hauptthema durch: die Gefährlichkeit und Faszination von Heilslehren.

Nun, drei Jahre nach "Ljod", erscheint Sorokins neuer Roman - "Bro". Er stellt den zweiten Teil der Meteoritengeschichte dar und erzählt davon, wie alles mit dem Meteoriten anfing. Nach "Ljod" war man auf "Bro" natürlich sehr gespannt, aber zugleich auch etwas misstrauisch, was dem bereits durchgearbeiteten Erlösungsthema noch zuzufügen wäre. Wir haben es bei "Bro", das sei vorab gesagt, mit einem Roman zu tun, der seinen Vorgänger "Ljod" parodiert und deshalb recht konstruiert wirkt - Ironie ist seine Leitmusik.

Erzählt wird zunächst die Jugendgeschichte des Haupthelden Alexander Snegirjow, der am 30. Juni 1908 zur Welt kam, an jenem Datum, als in Sibirien ein großer Meteorit einschlug. Der Leser verfolgt, halb belustigt, halb irritiert, wie Sorokin die idyllische Kindheit Alexanders im Zarenreich ausbreitet, sprachlich angefüllt mit Plattitüden und abgedroschenen Metaphern. Der Vater sei ein reicher Fabrikant gewesen, die Mutter eine russische Muster-Mutter und Alexander das "Nesthäkchen". Die kitschige Stimmung setzt sich bis zur Oktoberrevolution und zum nachfolgenden russischen Bürgerkrieg fort, wo der Junge seine ganze Familie verliert. Bei Alexander, der den Roman in der Ichform aus der Rückschau erzählt, klingt das dann so:

Die Zeit schien sich zu spannen wie ein Flitzbogen. Und schnellte auf einmal los, dass einem Hören und Sehen verging: Menschen, Ereignisse, Jahreszeiten, alles geriet durcheinander.

Trotz der dramatischen Ereignisse ein derart harmloser Tonfall? Mit einem ästhetischen Trick sorgt Sorokin für Verwirrung: Lässt er doch seinen Helden Alexander die Zaren- und Revolutionszeit im Tonfall einer allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit schildern. Das sonderbare Auseinanderklaffen von Sprache und Lebenswirklichkeit erklärt sich aus der späteren sozialistischen Sozialisation Alexanders, die dazu geführt hat, dass Alexander seine Vergangenheit ideologisch überformt. Denn alles, was nicht der sozialistischen Wirklichkeit entspricht und Kritikpotential enthält, wird - eben auch rückwirkend - ausgeblendet oder gemildert. So entsteht ein surreales Geschichtsbild.

Erst als aus Russland die Sowjetunion und der Sozialismus zur herrschenden Staatsform wird, passen Sprache und Lebenswirklichkeit wieder zusammen - beide weltanschaulich genormt. Von da an, schreitet der Roman ästhetisch und inhaltlich in Übereinstimmung voran. Jedenfalls bis zum Jahre 1928, als der Mathematikstudent Alexander an einer Meteoritenexpedition ins sibirische Tunguska-Gebiet teil nimmt, die den 1908 niedergegangenen Himmelskörper finden soll. Unterwegs zum Meteoriten nämlich, die russischen Weiten durchquerend, geschieht eine merkwürdige Veränderung mit Alexander. Der pubertäre Sonderling stellt immer mehr das Sprechen ein, um schließlich ganz zu verstummen. Er lehnt es ab, weiter die verlogene sozialistische Sprache zu sprechen - bereits unter dem Einfluss des ideologisch anders gepolten Meteoriten stehend. Der verbalen Subversion folgt die Tat auf dem Fuße. Als Alexander eines Tages allein das Basislager in der Nähe des noch nicht gefundenen Meteoriten hüten soll, brennt er es einfach ab, weil er überzeugt ist, den Himmelskörper vor dem Expeditionstrupp schützen zu müssen, und macht sich in den Wald davon. Dort stürzt er sich in ein Feuchtmoor, das er durchschwimmt, bis er auf einen Eisblock stößt. Es ist der Meteorit. Bei dem Versuch ihn zu besteigen, rutscht er aus und schlägt mit der Brust auf. Das Herz des ersten Mitglieds jener mysteriösen Bruderschaft, die in "Ljod" bereits ein weites Netz geknüpft hatte, erwacht und nennt Alexanders wahren Namen, Bro:

Himmlische Vibrationen strömten in mein Herz ein. Das Eis vibrierte! Es war älter als alles auf Erden existierende Leben. In ihm klang die Musik der Ewigen Harmonie. Sie war unvergleichlich. Das Alpha und Omega ... (...) Das Eis und ich - wir schwebten im All. Inmitten der Sterne, inmitten von Schweigen.

Nun, mit Alexanders Metamorphose zu Bro, vollzieht sich ein sprachlicher Wandel. Aus dem naiv-sozialistischen Ton wird jetzt der naiv-ekstatische Ton christlicher Erlösersekten. Sorokin ironisiert den Sektenton diesmal jedoch so sehr, dass die Bruderschaft nur noch lächerlich wirkt. Bro entpuppt sich als durchgeknallter Modernefeind und Technikhasser, bei dem Autos rollende Eisenmaschinen, Gewehre Eisenrohre und Wohnungen Steinhöhlen heißen. Er behauptet mit der Erweckung von 22 999 Mitgliedern der "Gemeinschaft des Ursprünglichen Lichtes" beginnen zu müssen, auf dass die Gemeinschaft wieder zu Licht werden könne und die besudelte Erde verschwände. So klingen verwirrte Esoteriker.

Sorokin hat hier also mit dem Übersinnlichen kurzen Prozess gemacht - was dem Roman jedoch die Kraft nimmt. Denn es war gerade jenes märchenhaft-dämonische Element, welches den Roman "Ljod" in seiner komplizierten Mehrdeutigkeit unter Spannung setzte: Eine Elite des Herzens, nicht des Verstandes, hob in ideologisch eingefrorenen oder postmodern zersplitterten Zeiten noch einmal einen unbeschädigten Wirklichkeitsbegriff ins Licht, und war zudem mit übernatürlichen Fähigkeiten wie Seelenlesen und Telepathie begabt! Man fühlte sich nicht wenig an Bulgakows "Meister und Margarita" erinnert. Da jedoch das Märchen in "Bro" zum Hirngespinst eines Verwirrten heruntergekühlt wird, trägt es auch den Rest des Romanes nicht mehr.

Nach Bros Erweckung, schildert die folgende zweite Hälfte des Buches, leider ziemlich schematisch, wie immer neue Brüder und Schwestern "aufgeklopft" werden. Besonders gefragt sind Geheimdienstleute, weil sie potentielle Mitglieder praktischerweise einfach verhaften lassen können. Der Autor entfaltet noch einmal das perfide System des Stalinismus und parallelisiert es, wie in "Ljod", mit dem Nationalsozialismus, als sich die "Gemeinschaft des Ursprünglichen Lichtes" auf Nazi-Deutschland ausdehnt. Das Buch endet 1950, als der sterbende Bro die Verantwortung an Schwester Chram abgibt, die einst von Nazis, welche der Bruderschaft angehörten, von Sowjetrussland ins Deutsche Reich verschleppt wurde. Diese Episode des Generationswechsels wurde bereits in "Ljod" geschildert, womit "Bro" an den Vorgängerroman anschließt.

Der ganze historische Abschnitt wird uns wie eine Farce vorgeführt, doch leider ohne die rabelaissche Komik des "Himmelblauen Specks". Der Farcecharakter erklärt sich aus der gnostisch-infantilen Optik der Sekte, die die Welt des Geistes und des Lichtes erstrebt und die materielle finstere Erde verachtet. Weshalb der Sekte die Menschenwelt auch wie ein Puppentheater erscheint, mit seelenlosen bösen Marionetten, die andere seelenlose Marionetten - oder auch Fleischmaschinen - unterwerfen. Hitler und Stalin, die auch wieder ihren Auftritt haben, wirken dementsprechend wie Kasperlepuppen:

Der Führer (...) Wir konnten in sein Leben Einblick nehmen. Es war eine geballte Wolke aus Wut und Pein. (...) Er riss die Macht nur darum an sich (...), um sich ihrer auf möglichst schmerzvolle Weise wieder beraubt zu sehen. (...) Im Unterschied dazu begehrte der Lenker von Ljodland die Macht, um zu herrschen, und nichts weiter. Der pure Machtrausch.

Sorokin dekonstruiert in seinem neuesten Roman, nachdem er zunächst die soziale und dann die religiöse Utopie dekonstruierte, schließlich noch die Utopie vom Fortgang der Geschichte - die uns, in den Augen der Sekte, nurmehr wie ein Kindermärchen aus alten Tagen vorkommt. Am Ende lässt Sorokin nur noch die Parodie übrig. Doch eine Parodie, die sich selbst parodiert, nämlich die Parodie "Ljods" durch "Bro", muss notwendig unter Schwäche leiden, weil eine frische Idee fehlt. Man ist also etwas enttäuscht.

Bleibt die Aussicht auf den nächsten Roman - denn wie von Verlagsseite zu hören ist, ist in Russland bereits der dritte und abschließende Band der Geschichte ums Ljod erschienen. Ein Band, der den Leser hoffentlich wieder - wie gewohnt - sogartig mitreißt, und nach dessen Lektüre man weiß, ob "Bro" wirklich nur ein matter Roman war, oder immerhin einen logischen Baustein in einem fintenreichen konzeptualistischen Romanzyklus darstellt.

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