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StartseiteEuropa heuteDie Schattenseiten des Tourismus-Booms11.12.2015

IslandDie Schattenseiten des Tourismus-Booms

Island war das erste Land, das in der Finanzkrise strauchelte. 2008 stand die Insel im Nordatlantik mit seinen 300.000 Einwohnern vor dem Kollaps. Plötzlich hatte das Land einen enormen Schuldenberg. Es ist aber auch das erste Land, das sich von der Krise erholt hat. Vor allem Dank des Tourismus. Doch inzwischen zeigen sich auch die Schattenseiten.

Von Jessica Sturmberg

 Touristen bestaunen den Geysir Strokkur auf Island. (dpa / Hinrich Bäsemann)
Touristen bestaunen den Geysir Strokkur auf Island. (dpa / Hinrich Bäsemann)
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Der Strokkur ist zuverlässig. Ungefähr alle zehn Minuten spuckt der Geysir eine Wasserfontäne bis zu 30 Meter in die Höhe.

Die Touristen sind verzückt, die Kameras klicken. An manchen Tagen kommen Tausende hierher, um das Naturspektakel zu erleben. Wenn Kreuzfahrtschiffe im Hafen vor Anker liegen, fahren auch schon mal zehn, 15 Busse gleichzeitig vor. Der Geysir gehört zum sogenannten Golden Circle – eine Rundfahrt zu den drei populärsten Naturschauplätzen. Dazu zählen auch der Wasserfall Gullfoss und der Nationalpark Þingvellir.

Nicht jedem der Gäste ist klar, wie empfindlich die Natur so nahe am Polarkreis ist. Dass die Pflanzenwelt Jahre braucht, um sich davon zu erholen, wenn sie zertrampelt oder gar herausgerissen wird. Aber auch, dass die Natur Gefahren birgt, die gerne mal unterschätzt werden. Der Bildungsbeauftragte des Parks, Einar Sæmundsen, muss immer mehr Warnschilder anbringen lassen, die früher nicht nötig waren:

"95 Prozent der Touristen beachten die Regeln, aber dennoch müssen wir einiges ändern, um sowohl den Schutz der Menschen als auch der Natur zu gewährleisten. Das ist aktuell eine große Debatte hier im Land, wie wir die Kosten durch den wachsenden Touristenstrom decken. Ob man Zugangsgebühren an jedem Ort erhebt, oder ob jeder Gast, der ins Land kommt, eine Steuer zahlt, oder sonst was."

Tourismus inzwischen wichtiger als Fischerei

Wirtschaftsprofessor Ásgeir Jónsson von der Universität Island hält eine Art Naturschutzabgabe oder –gebühr für notwendig. Sie würde nicht nur die Kosten decken, sondern hätte auch den Effekt, dass dann möglicherweise nicht mehr ganz so viele Touristen nach Island kommen. So könnte der Zustrom der vergangenen Jahre mit zum Teil 20-Prozent-Steigerungsraten etwas gebremst werden. Für kommendes Jahr erwartet Island 1,5 Millionen Touristen, das Fünffache der Einwohnerzahl:

An den isländischen Naturwundern warnen immer mehr Schilder unvorsichtige Besucher. Das gehört zu den Schattenseiten des Tourismus-Booms in Island.  (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)An den isländischen Naturwundern warnen immer mehr Schilder unvorsichtige Besucher. (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)
"Wenn jetzt noch mehr Touristen ins Land kommen, müssen wir den Flughafen ausbauen, der seine Kapazitätsgrenze erreicht hat, die Straßen müssen ausgebaut und erweitert werden, Hotels errichtet werden. Wir müssten diese Investitionen jetzt tätigen."

Inzwischen hat der Tourismus mit seinem Anteil am Bruttoinlandsprodukt sogar schon den bisher wichtigsten Wirtschaftszweig, die Fischbranche, überholt. Damit hat er zwar mit dafür gesorgt, dass Island sich schneller von der Krise erholen konnte. Aber es drohe jetzt eine neue Blase, warnt Ökonom Ásgeir Jónsson:

"Diese Branche wächst zu rasant. Mit den Investitionen, die in dem Bereich jetzt getätigt werden, droht wiederum eine zu hohe Verschuldung. Und wenn zu viele Gäste ins Land kommen, kann es auch irgendwann passieren, dass es den Leuten mit all den anderen Touristen zu voll wird. Weil sie etwas anderes erwartet haben. Es ist einfach in vielen Bereichen zu viel. Es ist ein gewisses Risiko, dass die Wirtschaft sich zu sehr darauf einstellt."

Zahl der Touristen auf das ganze Jahr verteilen

Die Tourismusgesellschaft hat mittlerweile darauf reagiert und wirbt mit ihrer bisher so erfolgreichen Kampagne "Inspired by Iceland" nun gezielt für die Jahreszeiten jenseits der Hochsaison. Schließlich sei Island auch im Herbst und Winter attraktiv. Es locken Angebote wie Jeeptouren im Schnee, Snowmobilfahren oder auch Polarlichter-Touren. Ein Anreiz für Gäste, in den weniger populären Monaten zu kommen, erklärt Daði Guðjónsson, Projektleiter von Inspired by Iceland:

"Inzwischen verzeichnen wir die höchsten Wachstumszahlen außerhalb der Hochsaison, und da liegt auch die Chance, noch mehr zu wachsen, sodass die Zahl der Touristen aufs ganze Jahr verteilt größer wird."

Eine gleichmäßigere Verteilung macht Sinn, findet auch Ökonom Ásgeir Jónsson. Nur in den Spitzenzeiten verkrafte das Land eigentlich keine Steigerung mehr. Das sehen inzwischen auch viele Isländer so, die sich noch ganz andere Sorgen machen: dass der Spagat zwischen den Wirtschaftsinteressen der Tourismusbranche und den Belangen der Bürger irgendwann nicht mehr zu schaffen ist. Um den Ansturm überhaupt bewältigen zu können, sind die Isländer zunehmend auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. In Restaurants, Cafés oder Supermärkten hört man fast nur noch englisch. Isländer fühlen sich zunehmend als Fremde im eigenen Land.

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