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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteKultur heuteKampfgeist als Kulturtechnik02.10.2008

Kampfgeist als Kulturtechnik

Die Frauen rund um die Präsidentschaftskandidaten im US-Wahlkampf

Amerikas intellektuelle Frauen wagen den Aufstand gegen Sarah Palin, die Kandidatin der republikanischen Partei für die Vizepräsidentschaft. Sie wehren sich gegen die von John McCain suggerierte Erwartung, ihre politischen Überzeugungen über Bord zu werfen, um sich mit einer Politikerin zu solidarisieren, die die Interessen der Frauen ihrer Meinung nach weitgehend ignoriert.

Von Gerti Schön

Sarah Palin (AP)
Sarah Palin (AP)

Zuerst reagierten die Satiriker. In der populären Fake-News-Sendung "The Daily Show" gab Comedy-Star Samantha Bee zu Protokoll, als stolze Vagina-Amerikanerin werde sie mit Sicherheit für John McCain wählen. Schließlich sei Sarah Palin der gynäkologische Zwilling von Hillary Clinton. Was spielt es da für eine Rolle, dass Palin eine ausgesprochene Abtreibungsgegnerin ist, selbst in jenen Fällen, in denen ein Kind behindert zur Welt kommen würde oder bei Vergewaltigung und Inzest.

Doch es dauerte nicht lange, da meldeten sich auch die feministischen Intellektuellen zu Wort. Eve Ensler, die Autorin der Vagina-Monologe schrieb in ihrem Blog, Palin sei genau das Gegenteil, wofür Frauen häufig stehen: nämlich Gewalt zu verhindern, Toleranz zu stärken und das Ende des Rassismus zu fördern. Die New Yorker Novelistin Erica Jong stimmt dem aus vollstem Herzen zu.

"Wir haben bis heute keine weibliche Kandidatin außer dieser rechtsradikalen Barbiepuppe, die aus dem Nichts auftauchte. Ich war so deprimiert, nachdem Hillary Clinton verloren hatte, dass ich dachte, der Feminismus hat wirklich gar nichts erreicht. Genauso wie früher schwarze Männer zuerst das Wahlrecht vor den Frauen erhielten, haben wir auch jetzt wieder dafür gesorgt, dass die Männer zuerst drankommen. Es hat überhaupt keinen Wert über Sarah Palin zu reden, wir haben schon so oft gesehen, wie diese rechtsradikalen Frauen ins Rampenlicht geschoben wurden, um gegen den Feminismus anzukämpfen. Ich denke an Margaret Thatcher, aber die hatte wenigstens Erfahrung, sie war keine Null. Hier handelt es sich um eine totale Null, jedenfalls was ihr Wissen angeht."

Nach Palins Nominierung entstand der Eindruck, dass viele amerikanische Liberale so von Palins Erfolg in der republikanischen Partei eingeschüchtert waren, dass sie bereitwillig den Kopf in den Sand steckten. Doch dieser erste Schock ist verflogen, glaubt Jong, und selbst die Medien fangen an, Palins Qualifikationen ernsthaft unter die Lupe zu nehmen.

"Es scheint mir, als ob die Leute anfangen zu merken, wie oberflächlich sie ist. Sie ist üppig, sie hat Arsch und Titten, wie man bei uns sagt. Wir leben in einer Zeit, in der Frauen dünn zu sein haben. Und da kommt diese Frau daher, sie hat Kinder und Brüste, und die Männer lieben sie. Vielleicht sollte uns das eine Lehre sein, Männer haben ein bisschen Kurven gerne. Es ist ihre Frische, die ankommt, die Tatsache, dass sie sexy ist, sogar Bill Clinton hat gesagt, sie ist sexy. Sie stellt den üblichen PR-Betrieb auf den Kopf und alle sagen, hach wir haben einen neuen Gast auf unserer Party. Aber ich glaube, das wird nicht sehr lange dauern."

Der Feminismus hat auch in Amerika seit den 70er Jahren einige Wandlungen durchlaufen, und die Feministinnen jüngerer Generationen profitieren von den Privilegien, die die Avantgardistinnen erkämpft haben. Sie scheinen weniger dogmatisch und dialogbereitschafter, wie etwa die Filmemacherin Sarah Schenck, die in Brooklyn lebt und Palins Kandidatur durchaus positives abgewinnen kann.

"Sie steht stellvertretend für eine große Sehnsucht von Männern und Frauen in den Vereinigten Staaten, eine Frau in einem sehr hohen Amt zu sehen. Ich finde es ermutigend, dass die Leute Frauen in Führungspositionen sehen wollen. Ich stimme mit Sarah Palins Positionen nicht überein, sondern stehe eher auf Barack Obamas Seite. Aber ich wünsche mir, dass all die Energie, die etwa in die erbitterte Diskussion um Abtreibung gesteckt wird, dafür verwendet wird, mehr über Sexualerziehung und Verhütung zu reden, so dass Frauen erst gar mit einer unerwünschten Schwangerschaft konfrontiert werden."

Die Dialogbereitschaft, die Schenck an Obama besonders schätzt, zeigt sich auch in ihrem Verhältnis zu Männern. Als Mutter zweier kleiner Töchter würde es sie sich sehr wünschen, wenn auch ihr Mann mehr Zeit hätte, am Familienleben teilzunehmen.

"Ich glaube dass es einen Feminismus aus einem Guss gar nicht gibt, oder dass Feministinnen diese oder jene Positionen zu vertreten haben. Ich finde Feminismus sehr wichtig, weil wir bisher nirgendwo wirklich Gleichheit haben. Es gibt noch immer sehr viele künstliche Restriktionen und zwar nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer, die zum Beispiel nicht die Freiheit haben, sich all die Zeit für ihre Kinder zu nehmen wie sie wollen. Ich glaube es macht Sinn, viele dieser Probleme neu zu formulieren und zwar als Menschen-Fragen, und nicht als Frauenfragen."

In einem stimmen beide jedoch überein: In ihrer Bewunderung für Michelle Obama, der Frau des demokratischen Kandidaten. Ein bisschen Zurückhaltung kann sich Erica Jong, als Anhängerin von Hillary Clinton, jedoch nicht verwehren.

"Sie ist eine interessante Frau, sie ist Rechtsanwältin und Mutter und kommt aus sehr armen Verhältnissen und hat sich hochgearbeitet. Sie ist ganz klar eine Feministin, sie zeigt Stärke, und versteht dass die Sache der Frauen vorangetrieben werden muss."

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