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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Keine Angst vor der Volksmacht13.08.2007

Keine Angst vor der Volksmacht

Florian Felix Weyh beschäftigt sich mit einer Weiterentwicklung der Demokratie

Kinderwahlrecht, mehr Volksentscheide, Direktwahl des Bundespräsidenten: Zahlreich sind die Ideen zum Ausbau unserer Demokratie. Der Autor und Essayist Florian Felix Weyh hat sich die Mühe gemacht, alle Vorschläge und Anregungen zur Veränderung und Verbesserung der Demokratie zu sammeln und zu diskutieren - und das auf eine ebenso anspruchsvolle wie originelle Art und Weise. Eine Rezension von Daniel Blum.

Obgleich eine gewisse Unzufriedenheit besteht, lässt sich das Volk die Macht nicht aus der Hand nehmen. (AP)
Obgleich eine gewisse Unzufriedenheit besteht, lässt sich das Volk die Macht nicht aus der Hand nehmen. (AP)

""Was hat Angst mit Politik zu tun? Diese Frage stellte sich meinem Vater, als ihn im vergangenen Herbst eine Frau aufsuchte, die unter seltsamen Anwandlungen litt. Nach ausführlicher Anamnese diagnostizierte er den bislang einmaligen Fall einer Demokratiephobie. Es kommt selten vor, dass der Inhalt einer Phobie die Frage aufwirft, wer denn wirklich kuriert werden muss: Mensch oder Welt. Meinem Vater war die Antwort rasch klar. Noch vor Beginn der eigentlichen Therapiesitzungen schrieb er seiner Klientin in einem Brief, er werde mit ihr weit ausführlicher über die Entwicklungspotentiale der Demokratie sprechen als über ihre Angst.""

Und dieses Versprechen hält er ein, der emeritierte Professor der Psychiatrie und Nervenheilkunde, Ludwig Theodor Mencken. Er heilt eine Patientin, die an Demokratiephobie leidet, dadurch, dass er das Problem weniger bei ihr denn beim politischen System sieht. Und so diskutieren Arzt und Klientin viele Nachmittage lang, wie das Wahlrecht möglichst pfiffig reformiert werden könnte.

Irgendwann versteht die Frau, dass die Mängel des Systems in ihr keinen Schrecken bewirken müssen, sondern den Mut zur Veränderung auslösen können. Ein schöner Therapiererfolg für den Herrn Professor, der leider kurz darauf verstirbt. Seine Tochter findet das Protokoll der Sitzungen im Nachlass und veröffentlicht es. Bei Eichborn, in der "Anderen Bibliothek". Na gut, dass ist jetzt geflunkert – wie alles andere auch.

Florian Felix Weyh heißt der Berliner Journalist und Essayist, der dieses Buch veröffentlicht – und sich alles ausgedacht hat. Weyh suchte nach einer eleganten, verspielten Idee, um all die vielen verrückten Einfälle präsentieren zu können, mit deren Hilfe sich die Parameter der Demokratie verändern ließen. Weg von der Stagnation, dem Beamtengehabe in den Parlamenten, hin zu einem Aufbruch, einer Bewegung des Festgefahrenen. Und so schellte vor Weyhs geistigem Auge eines Morgens eine gehetzt wirkende Frau an der Wohnungstür eines ergrauten Seelendoktors und bat um Hilfe:

""Öffne die Tür nach drittem Klingelstreich. Patientin circa Ende Dreißig, schlank, brünetter Kurzhaarschnitt, bleich. Im dunklen Hosenanzug. Tendenziell untergewichtig. Versuchtes Lächeln. Stoßatmen. Unruhige Hände, die sich an der Handtasche festhalten. Verweise, ohne sie hereinzubitten, auf einen Irrtum: Ich bin im Ruhestand. Patientin erstarrt. Gesicht spiegelt jähes Entsetzen wider, wie bei Kindern, die von ihren Eltern allein gelassen werden. Patientin beginnt zu hyperventilieren. Erkundige mich im anschließenden Gespräch nach dem Auslöser ihrer Attacke. Sie holt tief Luft: eine Umfrage in der Morgenzeitung. 51 Prozent der Deutschen halten die Demokratie nicht mehr für die beste aller Staatsformen.""

Und das macht der – namenlos bleibenden – Besucherin Angst. Denn würden die Deutschen der Demokratie überdrüssig werden, was käme dann? Wieder eine Diktatur? Auch wenn die wenigsten Bürger das Unbehagen am politischen System geradezu krank macht vor Sorge: Nach dem verlorenen Weltkrieg haben die Nachkriegsdeutschen im Staatsbürgerunterricht der Alliierten ihre Lektion nachhaltig gelernt.

Hierzulande sollten Beamtenparlament und Föderalismus jede hastige Bewegung, jeden schnellen Gedanken ausbremsen – sicherheitshalber. Denn käme wieder Tempo ins System, könnte es vielleicht wieder im Stechschritt marschieren. Diese Vorsicht hält Florian Felix Weyh nicht mehr für zeitgemäß. Er möchte mit seinem Buch die Wahlrechtsdebatte ankurbeln, in der Hoffnung, dass dadurch mittelbar auch die Parlamentarier auf Touren kommen, sich von Bedenkenträgern zu Entscheidungsträgern wandeln. Damit das klappt, hat er zu einem formalen Kniff gegriffen: dem Protokoll einer fiktiven psychiatrischen Behandlung:

"Das ist ja keine Belletristik, die psychologisch fundiert ist, sondern das ist eine Form, die ich gewählt habe, im Anklang an die große Aufklärungsliteratur des 18. Jahrhunderts, nämlich beispielsweise die Diderotschen Dialoge. Weil wenn man so was Konträres verhandelt wie Demokratie und ihre Probleme, muss man die Möglichkeit haben, möglichst viele Positionen gegeneinander zu setzen, die nicht unbedingt konsequent und logisch aufeinander bezogen sind."

Im Feuerwerk der Einfälle leuchten nicht alle gleich spektakulär auf - die Schönheit liegt wie so häufig im Auge des Betrachters. Florian Felix Weyh überlässt es den Lesern, von welchen der Reformideen sie sich begeistern lassen möchten. Er präsentiert sie alle gleich elegant, in den Dialogen der fiktiven Therapiegespräche, und in einer altertümlichen Sprache, mit der er sich vor den demokratietheoretischen Schriften der Aufklärung verbeugt. Weyh hat kein Fachbuch geschrieben, er setzt weder auf einen Fußnotenapparat, noch auf die fragwürdige Kunst, Verben zu substantivieren:

"Der Trick der hehren Politikwissenschaft ist, alles schwer zu machen. Ich mache es im Gegenteil alles sehr leicht. Wir vergessen immer, dass das keine Fachleute waren, die diese Bücher geschrieben haben, diese von uns heute bewunderten Texte. Herr Rousseau war ein romantischer Schriftsteller. Ich führe das im Grunde genommen ein bisschen in die Leichtigkeit der Vergangenheit zurück, und ich möchte tatsächlich auch gar nichts mit der Fachpublizistik zu tun haben."

Die Wahlrechtsideen kommen aus allen politischen Lagern und politischen Schulen und widersprechen sich zum Teil offen, lassen zum Teil aber auch interessante Kombinationsmöglichkeiten zu. Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir die politischen Ämter verlosen würden, wie es einst in der Attischen Demokratie üblich war? Wären ihre Entscheidungen dümmer als die der Profis? Vielleicht – vielleicht aber auch nicht, wenn ihr passives Wahlrecht an einen Zensus geknüpft wäre. Zum Beispiel an eine Bürgerprüfung in Staatskunde und Allgemeinwissen. Oder daran, ob sie sich bisher gemeinnützig engagiert haben.

Wie auch immer, Weyh ist es wichtig, dass die Stagnation überwunden wird, in der er unser politisches System gefangen sieht. Das hätte furchtbar in die Hose gehen können. Ein Buch über Wahlrechtsreformen, das formal in einem belletristischen Gewand steckt? Das seriöse politischen Ideen in einem fiktiven Therapieprotokoll diskutiert? Florian Felix Weyh ist kein geringes Risiko eingegangen, als er "Die letzte Wahl" schrieb, seine "Therapien für die leidende Demokratie". Die Schrift ist weder nur parodistischer Roman, noch nur demokratietheoretisches Sachbuch – es ist beides auf einen Streich. Intelligent und unterhaltend in einem. Chapeau!

Florian Felix Weyh: Die letzte Wahl. Therapien für die Demokratie
Eichborn, Frankfurt am Main, Reihe "Die andere Bibliothek", 299 Seiten, 27,50 Euro.

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