Seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Freitag, 23.02.2018
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Klimamodelle, Gletscherschmelze und Hochrechnungen10.03.2008

Klimamodelle, Gletscherschmelze und Hochrechnungen

Zwei Neuerscheinungen befassen sich mit dem Klimawandel

Der globale Klimawandel wird kaum noch von jemandem ernsthaft bestritten. Neben der puren Analyse kreist die Diskussion mittlerweile auch um den Umgang mit der Erderwärmung. Der Statistiker Bjorn Lomborg vertritt in seinem Buch: "Cool it - Warum wir trotz Klimawandels einen kühlen Kopf bewahren sollten" die These, dass es auf der Erde wichtigere Probleme gibt als die Erderwärmung. Eine ganz andere Position bezieht der Wuppertaler Klimaforscher Hermann E. Ott in "Wege aus der Klimafalle".

Eine Rezension von Britta Fecke

Ein schmelzender Eisberg vor Grönland. (AP)
Ein schmelzender Eisberg vor Grönland. (AP)

Bevor es richtig los geht, erklärt sich Bjorn Lomborg schon auf der ersten Seite selbst:

"Angesichts dieses Ausmaßes an ungebremster Verzweiflung mag es vielleicht überraschend erscheinen, wenn jemand ein Buch schreibt, das mit Blick auf die grundsätzlichen Zukunftsfragen der Menschheit einen optimistischen Grundton anschlägt. "

Nein, gar nicht! Pessimismus, Horrorszenarien, Katastrophenmeldungen hatten wir schon genug. Überrasche uns nur mit guten Nachrichten und fundierten Theorien, ein dänischer Statistikprofessor wird sich ja nicht ohne Fakten aufs schmelzende Eis wagen. Es fängt dann auch ganz versöhnlich an:

"Die globale Klimaerwärmung ist eine Tatsache und von Menschen gemacht. "

Es fängt versöhnlich an, aber es geht verquer weiter:

"Viele andere Probleme sind wesentlich wichtiger, als die globale Klimaerwärmung. Auf dieser Welt gibt es drängende Probleme, zum Beispiel Hunger, Armut und Krankheiten. Wenn wir uns dieser Probleme annehmen, können wir mehr Menschen bei geringeren Kosten und mit sehr viel höheren Erfolgsaussichten helfen, als wenn wir eine Klimapolitik betreiben, für die Billionen von Dollars ausgegeben werden. "

Aha, da geht die Reise hin. Lomborg begeht nicht den Fehler den Klimawandel als solchen in Frage zu stellen, sondern zweifelt schlicht, ob die Investitionen in CO²-arme Technologien und Einsparmaßnahmen sinnvoll sind. Und wer mag diesem Argument widersprechen:

"In einer Welt, in der Milliarden von Menschen in Armut leben, in der Millionen an eigentlich heilbaren Krankheiten sterben.... "

...da verplempern wir das Geld für den Klimaschutz. Wer will Lomborg im Angesicht von Hunger und Tod noch mit Klimamodellen, Gletscherschmelze und Hochrechnungen kommen? Jeder, der etwas weiter denkt! Denn das eine schließt das andere nicht aus, ja mehr noch, das eine bedingt das andere: Wenn wir nichts gegen die globale Erwärmung unternehmen wird das Verbreitungsgebiet der Malaria erheblich größer und auch sehr bald nördlich der Alpen zum Problem. Auch die Ausbreitung der Wüsten, eine Folge des Klimawandels, führt schon jetzt zu häufigeren Ernteausfällen. Das bedeutet Hunger und Tod in Folge des Klimawandels. Lomborg hat recht: Die Industriestaaten nutzen ihre Kapazität nur unzureichend, um gegen Pocken und Pest in Entwicklungsländern zu kämpfen. Aber der Umkehrschluss, deshalb seien Investitionen in den Klimaschutz zu teuer, ist falsch: Doch Lomborg denkt lediglich an heute und vergisst leider das Morgen:

"Mir gefiele es, wenn es an den Hochschulen Aktionen für Moskitonetze an den Schulen gäbe, und zwar eher als Aktionen für die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls. Ich würde auch Demonstrationen für verbesserte Bauvorschriften zum Schutz gegen Wirbelstürme und eine verbesserte Sturmfestigkeit begrüßen."

Dazu Hermann Ott, Klimaexperte beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie:

"Das ist leichtfertig dahingesagt. Der hat keine Ahnung, was das für Folgen hätte, dieser Klimawandel, wenn wir in den Bereich kommen von fünf oder sechs Grad im Schnitt mehr, dann ist das eine ganz andere Welt, die wir da vor uns haben, und dann kann man nicht reden von ein paar Anpassungsmaßnahmen, um vielleicht Dämme zu bauen oder die Häuser ein bisschen zurückzuziehen. Wenn das Klimasystem tatsächlich aus dem Gleichgewicht gerät, dann ist gar nichts mehr so wie wir es eigentlich kennen."

Doch daran mag der dänische Statistiker nicht denken. Dafür rechnet er lieber die zu erwartenden Hitzetoten mit den Kältetoten auf. Ein Kapitel lang zitiert Lomborg Studien und Statistiken, die in seinem Sinne belegen, dass die Klimaerwärmung mehr Menschen vor dem Kältetod rettet, als dass Menschen einem Hitzetod erliegen. Die Wissenschaftler des Weltklimarats kommen in ihrem jüngsten Bericht allerdings zu einem anderen Ergebnis:

Insgesamt wird erwartet, dass diese Vorteile von den negativen Auswirkungen steigender Temperaturen auf die Gesundheit auf der ganzen Welt übertroffen werden, besonders in den Entwicklungsländern.

Lomberg kommt nicht nur an diesem Punkt zu einer anderen Schlussfolgerung als die renommierte Forscher des Weltklimarats. Und wenn er auch den Klimawandel bzw. den Temperaturanstieg nicht leugnet, zweifelt er doch an den Auswirkungen:

Al Gore behauptet, die katastrophale Dürre und der Hunger unmittelbar südlich der Sahara seien nicht von natürlichen Einflüssen, Korruption oder schlechter Verwaltung verursacht worden.

Seit wann kann man Niederschlag verwalten? Und wie mit einer Ware korrupt verfahren, die gar nicht mehr da ist? Hier werden keine Flüsse mehr umgelenkt, weil es keine Flüsse mehr gibt! Tatsache ist, dass sich die Wüsten ausbreiten und die Niederschläge in vielen Entwicklungsländern abnehmen bzw. ganz ausbleiben! Vielleicht hätte der Däne statt Statistiken lieber Satellitenbilder verglichen, die zeigen deutlich wie sich die Wüste immer weiter in das Grün der Steppe frisst. Dr. Hans-Martin Füssel vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung:

"Es gibt eine ganze Reihe Länder, wo wir schon im 20. Jahrhundert abnehmende Niederschläge beobachten: das ist unter anderem die Sahelzone, aber auch das südliche Afrika und die Mittelmeerregion."

Und während sich der dänische Statistiker noch den Klimawandel schönrechnet, widmen wir uns einer anderen Neuerscheinung, die zwar nicht so gewieft mit Zahlen jongliert, dafür aber realistische Szenarien und Lösungsansätze bietet: Wege aus der Klimafalle, herausgegeben von Hermann Ott und der Heinrich-Böll-Stiftung, gliedert sich vier Abschnitte: Neue Ziele, Neue Politik, Neue Technologie sowie Allianzen und Akteure. Und während Bjorn Lomborg nur die Szenarien zitiert, die ihm passen und er damit die Ergebnisse des Weltklimarats verfälscht, macht sich Hermann Ott, Herausgeber und Autor die Mühe, drei mögliche Szenarien durchzuspielen. Als da wären:

Das Business-as-usual-Szenario: Es wird nichts getan. Die internationalen Verhandlungen für die Fortführungen des Kyoto-Protokolls nach 2012 scheitern. Der Impuls für eine effektive Bekämpfung des Klimawandels bleibt schwach, weil kurzfristige Rentabilitätsabwägungen der Unternehmen die längerfristige Perspektive überwiegen.

In diesem Fall stiegen die Emissionen ungehindert weiter, mit allen schon jetzt vorhersehbaren Folgen wie der Zunahme von Starkniederschlägen an der einen Stelle und ausbleibendem Regen in ohnehin schon dürren Gebieten. Das zweite Szenario macht auch nicht wirklich froh. Herman Ott:

"Da hatte ich so ein mittleres Szenario, dass mir im Moment das Wahrscheinlichste schien, aber eben auch ein sehr gefährliches Szenario. Man erweckt den Eindruck, als ob man etwas tut, aber tatsächlich wird nicht nur nichts getan, sondern zum Teil arbeitet es auch noch gegen den Klimaschutz. Und dann hatte ich als bestimmendes Merkmal für dieses Szenario den Begriff strukturkonservativ genommen, weil die Maßnahmen, die ergriffen werden, alle nur zu einer Art Brennstoffersatz führen. Anstatt Öl nutzt man dann Kohle oder auch Atomenergie. Aber es kommt nicht zu Strukturveränderungen, und die sind meines Erachtens absolut erforderlich, wenn wir dieses Problem in den Griff bekommen wollen."

Was nötig ist, um den Folgen des Klimawandels wirksam und gerecht zu begegnen, schildert Ott zusammen mit anderen Wissenschaftler, die sich ihrem Fachgebiet entsprechend den politischen oder technologischen Dimensionen des Klimawandels widmen. Allein das kommt schon erheblich seriöser daher als die gerichtete Auswahl eines Statistikers! Ein Thema bei Ott ist die gerechte Lastenverteilung zwischen den bisher größten Co²-Emittenten und den Ländern, die am stärksten unter den Folgen leiden müssen:

Die Staaten des Südens erwarten eine großzügige Finanzierung ihrer eigenen klimapolitischen Maßnahmen und eines Teils der Kosten für die notwendigen Anpassungen an den Klimawandel. Traditionellerweise tun sich die reichen Staaten des Nordens schwer mit Finanztransfers in den Süden...

Nichts desto trotz sind die Anfänge schon gemacht. Auf der letzten Weltklimakonferenz auf Bali wurden erstmals Mittel für Anpassungsmaßnahmen in Entwicklungsländern in Aussicht gestellt, wenn auch nur von symbolischem Wert, aber es ist ein Anfang. Hermann Ott:

"Tatsache ist, dass wir einen solchen Fond unbedingt brauchen und es ihn auch schon in sehr kleiner Form gibt im Rahmen des Kyoto-Protokolls. Und wenn Sie sich anschauen, wie zum Beispiel in Deutschland die Gewinne aus der Versteigerung der Emissionsrechte genutzt werden sollen, man rechnet ungefähr mit 400 Millionen Euro, und davon sollen 120 Millionen für Maßnahmen in Entwicklungsländern ausgegeben werden. Wenn das Schule macht und andere Staaten diesem Beispiel folgen, dann bin ich ganz guter Hoffnung, dass wir die Mittel zusammenbekommen, um vielen Staaten tatsächlich einen Übergang in das neue Zeitalter ermöglichen, dem wir ja entgegengehen. "

Warum die Unternehmen die Emissionszertifikate geschenkt bekamen, damit Gewinne machen und der Endverbraucher trotzdem mit höheren Strompreisen gestraft wurde, erfährt der Leser in dem schmalen Band leicht verständlich. Darüber hinaus bekommt der Laie eine Vorstellung von der politischen Dimension des Klimawandels. Und politische Entscheidungsträger können hier wissenschaftlich fundierte Anregungen sammeln. Wer also gut zusammengestellte Informationen rund um das Politikum Klimawandel sucht, ist mit diesem Buch bestens beraten. Wer sehen will, wie mit der gezielten Auswahl von Statistiken ein Bild verzerrt wird, kann sich auch die Zeit nehmen und Lomborgs Werk studieren, allerdings muss man sich die Mühe machen die genannten Quellen zu vergleichen. Nur dann wird deutlich, dass sich der Däne aus vielen Studien oft die Zahlen gegriffen hat, die seiner Sache dienen. Mit einem hat er aber dennoch recht: Wir dürfen über den Klimawandel nicht alles andere vergessen!

Britta Fecke rezensierte Bjorn Lomborg: Cool it! Warum wir trotz Klimawandels einen kühlen Kopf behalten sollten. Veröffentlicht bei der Deutschen Verlags Anstalt München, 272 Seiten, 16 Euro 95 und: Hermann E. Ott: Wege aus der Klimafalle. Im oekom Verlag München, 230 Seiten für 19 Euro und 90 Cent.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk