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StartseiteKultur heuteWidersprüchliche kulturelle Entwicklung 02.01.2015

Kuba und die Künstler Widersprüchliche kulturelle Entwicklung

Von Öffnung ist die Regierung Castro noch weit entfernt. Tania Bruguera wurde zum dritten Mal festgenommen, als sie vor einem Gefängnis die Freilassung noch immer inhaftierter Freunde und Aktivisten forderte. Ihr soll in Kürze der Prozess "wegen Störung der öffentlichen Ordnung" gemacht werden. Der kubanischen Künstlerin droht eine hohe Geldstrafe oder monatelange Haft.

Von Peter B. Schumann

Die kubanische Flagge weht an einem Fahnenmast. (imago/blickwinkel)
Rund 200 Intellektuelle, Künstler, Kuratoren und Journalisten aus aller Welt wandten sich in einem offenen Brief an Präsident Castro. (imago/blickwinkel)
Weiterführende Information

Annäherung Kuba - USA - Ein Signal für den Kontinent?
(Deutschlandfunk, Eine Welt, 20.12.2014)


(Deutschlandfunk, Themen der Woche, 20.12.2014)

Kurswechsel der USA - Kuba nicht "überrollen"
(Deutschlandfunk, Interview, 19.12.2014)

Kuba-Politik der USA - Der Verlierer ist das kubanische Volk
(Deutschlandfunk, Kommentar, 18.12.2014)

Annäherung von USA und Kuba - Erste Schritte auf dem Weg zur Normalität?
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 18.12.2014)

"Die Kubaner aller Denkweisen und aller Erfahrungen sollen kommen, um am 30. Dezember um 15:00 Uhr auf dem Platz der Revolution das Wort zu ergreifen. Dazu fordere ich auf, denn ich habe keine Angst."

Mit diesen Worten rief Tania Bruguera ihre Landsleute zu einer Aktion auf, die sie in ähnlicher Form bereits 2009 auf der Kunstbiennale von Havanna gestartet hatte. Jeder Kubaner konnte 1 Minute lang vor einem Mikrofon seine Meinung sagen über das, was ihn bewegte. Damals fand die Performance in den Räumlichkeiten des Kulturzentrums Wifredo Lam statt.

Angesichts der Bemühungen um Entspannung zwischen Kuba und den USA wählte die 46-jährige nun einen Ort größtmöglicher Aufmerksamkeit: die Plaza de la Revolución, den durch die Marathon-Reden Fidel Castros nahezu "heiligen" Schauplatz von Massenaufmärschen. Tania Bruguera hatte mit Schwierigkeiten gerechnet und sich um eine Erlaubnis bemüht. Doch sie wurde lediglich in den Verband der bildenden Künstler zitiert und vor den Folgen gewarnt. Dann ließ der Vorstand erklären:

"Diese sogenannte Performance wird unterstützt, wenn sie denn stattfindet, von örtlichen Söldnern und von Medien, die als einziges Projekt für die Zukunft Kubas die Wiedereinführung des Kapitalismus verfolgen."

Ausweitung des Handynetzes

Dienstagfrüh, am Tag der Aktion, verhaftete der Staatssicherheitsdienst die Künstlerin bereits in ihrer Wohnung. Dann kümmerte er sich um den Kreis ihrer Helfer: setzte Antonio Rodiles, den Leiter des oppositionellen Internet-Forums Estado de SATS,  fest, verhängte über Yoani Sánchez, die berühmteste Bloggerin der Insel, Hausarrest, verhaftete auf der Plaza Reinaldo Escobar, ihren Mann und Chefredakteur ihrer Internet-Zeitung 14ymedio, und  rund fünf Dutzend weiterer Journalisten und Menschenrechts-Aktivisten. Dabei hatte es bereits in anderen Bereichen erste Anzeichen für Entspannung gegeben.

"Es leben die Damen in Weiß! Freiheit für das Kubanische Volk!"

So riefen die Angehörigen politischer Häftlinge am vergangenen Sonntag im Gandhi-Park von Havanna. Denn diesmal wurden sie nicht an ihrer wöchentlichen Demonstration gehindert, wie es in der Vergangenheit oft geschehen ist. Antonio Rodiles konnte sogar ihre Aktion aufzeichnen und ins Netz stellen. Auch hatte ETECSA, der staatliche Internet-Provider, angekündigt:

"2015 werden wir das Handy-Netz um 800.000 Zugänge vergrößern, die Anzahl der Internet-Cafés beträchtlich ausweiten und in öffentlichen Bereichen WLAN-Anschlüsse schaffen."

Mehrere kubanische Frauen sitzen vor dem Fernseher, in dem Staatspräsident Raúl Castro bei einer Ansprache zu sehen ist. (afp / Yamil Lage)Viele Kubaner verfolgten die Rede ihres Staatspräsidenten im Fernsehen. (afp / Yamil Lage)

Das bedeutet zwar noch längst keinen unbeschränkten Zugriff, darf aber als kleiner Fortschritt in einem streng reglementierten Sektor betrachtet werden. Dann erfolgten jedoch neue Akte der Zensur. Zwei Beispiele: Danilo Maldonado, El Sexto genannt, wurde verhaftet, als er im Parque Central zwei Zeichnungen mit Schweinen aufhängen wollte. Er hatte wohl Raúl Castro missverstanden, als dieser am 17. Dezember in seiner Ansprache an die Kubaner erklärte:

"Wir müssen lernen, auf zivile Weise mit unseren Unterschieden zusammen zu leben."

El Sexto verkannte auch den Grad der neuen Toleranz, als er seine Schweine Raúl und Fidel nannte. Das war sehr gewagt und nicht besonders geschmackvoll. Andererseits ist Schweinefleisch ein wichtiges, aber nicht immer erhältliches Nahrungsmittel der Kubaner. Jedenfalls sitzt er hinter Gittern und soll wegen Beleidigung angeklagt werden.

Radio Rebelde, der wichtigste staatliche Sender, erlaubte sich sogar einen Akt der Zensur gegen Francisco Rodríguez, einen Protegé von Mariela Castro, der Tochter des Präsidenten, und einen der wichtigsten schwulen Aktivisten Kubas. In seinem Blog schrieb er danach:

"Als explosiv hat der Redaktionsleiter meinen an sich ziemlich harmlosen Text bezeichnet, in dem ich doch nur auf kleine Defizite in unserem Gesundheitswesen aufmerksam gemacht habe."

Offener Brief an Castro

Von Öffnung ist die Regierung Castro noch weit entfernt. Tania Bruguera wurde gestern zum dritten Mal festgenommen, als sie vor einem Gefängnis die Freilassung noch immer inhaftierter Freunde und Aktivisten reklamierte. Ihr soll in Kürze der Prozess "wegen Störung der öffentlichen Ordnung" gemacht werden, und ihr drohen eine hohe Geldstrafe oder monatelange Haft. Inzwischen mehren sich die internationalen Proteste. Rund zweihundert Intellektuelle, Künstler, Kuratoren und Journalisten aus aller Welt wandten sich in einem offenen Brief an Präsident Castro.

"Wir fordern Sie auf, Tania Bruguera und alle übrigen Inhaftierten freizulassen. Bruguera ist eine der international bekanntesten lateinamerikanischen Künstlerinnen. Mit ihrem Werk will sie sich bewusst gesellschaftlich und politisch einmischen, denn es ist - wie sie immer wieder betont hat - das Ergebnis der Bildung, die sie durch die Kubanische Revolution erhalten hat."

Die Künstlerin hat ihr Ziel erreicht: Sie hat durch ihren Mut bewiesen, dass in Kuba von Aufbruch keine Spur ist, sondern wie bisher alles beim Alten bleibt.

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