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StartseiteBüchermarktLiterarische Visitenkarte16.08.2004

Literarische Visitenkarte

Italo Calvino: "Ein General in der Bibliothek"

Italo Calvino litt unter einem bemerkenswerten Schreibzwang. Seine Gedanken zu Papier zu bringen, war für ihn ebenso alltäglich wie Luftholen. Ob Zuhause in Turin, im Hotelzimmer oder auf Reisen, ob an der Schreibmaschine oder mit einem Notizblock auf den Knien, Italo Calvino erfand unablässig Geschichten, schrieb Romankapitel nieder und entwarf Erzähltheorien. Und zwischendurch verfasste er in seiner Funktion als Lektor des renommierten Verlagshauses Einaudi auch noch Gutachten, korrigierte Manuskripte, brachte große editorische Projekte auf den Weg und versorgte seine Autoren mit ermunternden Briefen, angefüllt von minuziösen Kommentaren des Gelesenen. Erst nach und nach kommen wir auch in Deutschland in den Genuss der vielfältigen Produkte dieses literarischen Tausendsassas. <em> Ein General in der Bibliothek</em> heißt ein Band mit Erzählungen, der in Italien posthum erschien und jetzt in der leichtfüßigen Übersetzung von Burkhart Kroeber zum ersten Mal auf deutsch vorliegt.

Von Maike Albath

Italo Calvino: "Ein General in der Bibliothek", Coverausschnitt (Carl Hanser Verlag)
Italo Calvino: "Ein General in der Bibliothek", Coverausschnitt (Carl Hanser Verlag)

Der Band ist eine Art Visitenkarte des italienischen Schriftstellers und bietet einen Einblick in die Vielfalt seines Werkes. Von frühen Prosaskizzen aus den vierziger Jahren über Romanfragmente von 1960 bis hin zu fiktiven Interviews, Zeitungsbeiträgen, Auftragsarbeiten und Begleittexten für Bildbände, die kurz vor seinem überraschenden Tod 1985 entstanden, sind die unterschiedlichsten Textsorten vertreten. Da gibt es die Geschichte von dem Mann, der Teresa rief: ein Herr steht mitten auf der Straße vor einem Haus und ruft laut nach einer gewissen Teresa. Ein paar Bekannte, die zufällig vorbei kommen, gesellen sich zu ihm und unterstützen ihn, denn gemeinsam, so sagen sie, seien sie besser zu hören. Doch plötzlich stellt sich heraus, dass der Mann gar nicht weiß, ob dort eine Teresa wohnt. Man könne ebenso gut woanders nach ihr rufen, lässt er verlauten, es koste dasselbe, er habe auch einen Schlüssel, sei aber sowieso am anderen Ende der Stadt Zuhause. Trotz einer gewissen Irritation einigt sich die Gruppe auf einen letzten lauten Ruf nach Teresa und zerstreut sich dann.

Italo Calvino weiß die Absurdität des Daseins auf unvergleichlich komische Art und Weise zu vermitteln. Ein bisschen fühlt man sich an Carl Valentin erinnert mit seiner bitterernsten Heiterkeit. Aber Italo Calvino verkörpert eine italienische Variante des Komischen: in den achtziger Jahren sollte er den Begriff der leggerezza prägen, der Leichtigkeit, als einer spezifischen Kategorie des Literarischen, die auch noch im kommenden Jahrtausend Geltung beanspruchen wird können. Diese ungezwungene Leichtigkeit, die wie ein italienischer Sommerwind die Abenteuer der Helden lenkt, ist vielen seiner Texte zu eigen. Geschult an der Komik eines Ariost, dem Verfasser des großen Ritterepos der italienischen Renaissance Der rasende Roland, werden Witz und Gelächter zu einem Mittel der Erkenntnis. Literatur hat für Italo Calvino eine existenzielle Funktion. Obwohl er in den sechziger Jahren zu der französischen Neo-Avantgardebewegung Oulipo gehörte und mitunter Geschichten nach bestimmten Formprinzipien verfasste – eine kleine Abc-Fibel, die durch alle Konsonanten des Alphabets führt, ist dafür in dem neuen Band ein Beispiel – geht es ihm dennoch darum, den Zustand der Gesellschaft literarisch zu durchdringen und dem Leser eine Botschaft zu vermitteln.

So sehr Calvino von narrativen Experimenten und Versuchsanordnungen fasziniert war und der Entstehung von Fiktion auf den Grund ging, so sehr glaubte er an das kritische Potenzial der Literatur. Es ist kein Zufall, dass seine berühmte Romantrilogie Der Baron auf den Bäumen, Der geteilte Visconte und Der unsichtbare Ritter heute in Italien Schulstoff ist. "Die Wirklichkeit ist nicht lesbar, aber wir müssen gleichwohl versuchen, sie zu entziffern", formuliert Calvino in einem Interview kurz vor seinem Tod seine Position. Und es sind immer wieder Bücher, die uns helfen, der Wirklichkeit auf die Spur zu kommen.

Dazu passt die Titelgeschichte des neuen Bandes Ein General in der Bibliothek. Calvino berichtet von dem diktatorischen Regime eines Phantasielandes, das plötzlich von einem beunruhigenden Verdacht beschlichen wird: möglicherweise finden sich in Büchern Argumente gegen das Militär. Sie schicken eine Kompanie in die Bibliothek mit dem Auftrag, sämtliche Werke zu sichten und zu begutachten. Der zuständige General, seine Offiziere und Soldaten vertiefen sich in die Schriften. Regelmäßig übermitteln sie Funksprüche über den Stand ihrer Arbeit, doch nach und nach zerbröselt ihr Dogmatismus, sie werden von einem unbeugsamen Erkenntnishunger ergriffen, stürzen sich mit dem missionarischem Eifer frisch entzündeter Novizen auf die fremde Welt des Wissens und vergessen sogar die allabendliche Berichterstattung. Als Ergebnisse eingefordert werden, hält der General einen wirren Vortrag über die Menschheitsgeschichte im allgemeinen mit einer deutlich antimilitärischen Schlagseite und unverhohlener Kritik an den Herrschaftsformen - die Heeresleitung ist entsetzt und schickt die ideologisch ehemals so standfeste Kompanie aus Angst vor Skandalen klammheimlich in den Ruhestand.

Durch die groteske Verkehrung zeigt Italo Calvino die versteckte Sprengkraft des intellektuellen Erbes auf ohne dabei besserwisserisch zu wirken oder als pedantischer Mahner aufzutreten. Der General hat in seiner Begeisterung für die neuartigen Weltentwürfe auch etwas Rührendes: ungeübt im Denken lässt er sich leicht entflammen. In seinen theoretischen Texten und Aufsätzen über die großen Klassiker der Weltliteratur legt Italo Calvino selbst eine bestechende Intellektualität an den Tag. Am beeindruckendsten bleibt aber seine geistige Freiheit – ähnlich wie Pier Paolo Pasolini lässt er sich nie für eine Richtung vereinnahmen und beharrt auf eigenen, oft unbequemen Standpunkten. Dass er sich auch von der Kommunistischen Partei, der er als ehemaliger Widerstandskämpfer angehörte, nicht auf Linientreue einschwören lässt, versteht sich von selbst.

Die Konflikte mit der KP, aus der er ein Jahr nach der Niederschlagung des Ungarnaufstandes 1957 austritt, kommen in einigen Erzählungen zum Ausdruck. Da geht es zum Beispiel um ein Land, in dem die herrschende Klasse nach einer bestimmten Periode kurzerhand umgebracht wird. Als sich diese Maßnahme als ungünstig erweist, geht man dazu über, den Regierenden regelmäßig ein Körperteil zu amputieren. Inszeniert wird das Ganze als öffentliches Spektakel, die fehlenden Gliedmaßen sind Mahnung und symbolische Handlung zugleich. Fast möchte man Italo Calvino ein visionäres Potenzial zugestehen – denn obwohl diese Erzählung 1969 unter dem Titel "Die Enthauptung der Häupter" in einer Tageszeitung erschien, fallen einem spätere Untergangsszenarien der Ostblockstaaten ein.

Doch vor allem liebt Italo Calvino das Spiel und die Camouflage – oft besitzen seine Helden ein kindliches Gemüt, verweigern sich den Prinzipien der Erwachsenenwelt und unterlaufen lustvoll Rigidität und Verbohrtheit. Sie rufen irgendwo auf einer Straße laut nach Teresa, auch wenn es sie gar nicht gibt, verursachen Volksaufläufe, stellen ihre Bizarrien zur Schau und lesen Bücher, statt einer militärischen Doktrin zu folgen. Sie sind Bespiele dafür, wie man trotz aller Zwänge frei bleiben kann.

Italo Calvino
Ein General in der Bibliothek. Erzählungen
Carl Hanser Verlag, 298 S., EUR 21,50

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