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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Lothar Gall: Krupp. Der Aufstieg eines Industrieimperiums26.03.2001

Lothar Gall: Krupp. Der Aufstieg eines Industrieimperiums

Siedler Verlag, Berlin. 2000

Sven Kramer

"Begonnen hat alles mit dem Urkrupp Alfred. Danach ist alles Folge eines seltsamen, wahnwitzigen Genies. Darin sind sich alle, auch Kritiker, einig: Er war der kühnste Pionier der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts. Schon zu Beginn bewunderten ihn seine Arbeiter, am Ende vergötterten ihn viele. Legenden leben lange. Mit dieser Geschichte fing es an. Die bürgerliche Revolution 1848 ging an Essen nahezu spurlos vorüber, an Krupp nicht. Kein Auftrag, die Bergwerke zahlten nicht, andere Unternehmen auch nicht. Die Kasse war leer. Alfred Krupp rief die 74 Arbeiter zusammen und erklärte, er erwarte, dass sie sich von den Unruhen nicht anstecken ließen. Sie sollten weiter zur Fabrik kommen. Der Lohn werde bezahlt. Alfred Krupp ließ das Familiensilber einschmelzen, verkaufte es an die Münze in Düsseldorf, und alle erhielten ihren Lohn. Das spricht sich herum, das bleibt im Gedächtnis. Im Sommer kommt der rettende Auftrag zur Einrichtung einer Besteckfabrik in Russland. Obwohl kurz vor dem Bankrott, der Chef hat durchgehalten.

Dieser Geist, einer für alle, alle für einen, verstärkte sich immer mehr, von der allgemeinen nationalen Stimmung des ausgehenden 19. Jahrhunderts noch beflügelt, sodass zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Krupp und Kruppianer wie Staat im Staate, Nation in der Nation wurden. Hinzu kam der Stolz, nicht nur Stahl, sondern den besten Stahl zu machen, nämlich Krupp-Stahl. Im Abstand von über hundert Jahren ist es schwer, diese weite Bevölkerungskreise ergreifende Stimmungslage verständlich zu machen. Die Literatur kann helfen. 1917 erschien von Rudolf Herzog ein knapp verkappter Schlüsselroman über die "stolzen" Krupps: Die Stoltenkamps und ihre Frauen. Im Roman ist Stoltenkamp Krupp. Darin findet sich gegen Ende dieser Satz: "... die Stoltenkamps schufen die Familie der Werksangehörigen, und nun ist ganz Deutschland eine solche Familie geworden. Und das Vaterland ist unser aller Mutter." "Kopf und Schöpfer dieser arbeitsfreudigen Familie ist Krupp", sagt Germanist Hallenberger, "Unternehmer der Gussstahlbranche, patriarchalische Verkörperung des Herr-im-Hause-Typus, dem nichts mehr am Herzen liegt als sein Werk, die Entwicklung des besten Gussstahls in Europa bis hin zur optimalen Kriegseinsatzreife und die Entwicklung seiner Firma als streng hierarchisch, aber gleichsam werksgemeinschaftlich organisiertem Familienunternehmen: Arbeiter und Herren müssen ein Fleisch und ein Bein sein."

Ein Zitat aus dem Band "Die Krupps - Durch fünf Generationen Stahl", den Thomas Rother soeben im Campus Verlag herausgebracht hat. Auf 247 Seiten versucht sich der Essener Journalist an einer Gesamtschau der Familiendynastie. Auf den Aufstieg des Industrieimperiums hat sich dagegen der Frankfurter Historiker Lothar Gall konzentriert. Seine Unternehmensbiographie endet mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Sven Kramer stellt das Buch vor.

Der Name Krupp steht wie kaum ein anderer für die Verbindung von nationaler Geschichte und industrieller Revolution. Zu Recht - wie Lothar Galls Darstellung der ersten hundert Jahre des Unternehmens zeigt. Denn Firmen- und Staatsinteressen deckten sich an so sensiblen Punkten wie der Waffenproduktion und der Sozialpolitik zeitweise nahezu vollständig. Gall, der Bismarck-Spezialist, der in Frankfurt am Main Geschichte lehrt, rekonstruiert die Entwicklung des Familienbetriebes im Wesentlichen am Leitfaden der Biografien dreier prägender Inhaber der frühen Zeit. Dabei bindet er technik- und organisationsgeschichtliche Exkurse ein und zeichnet die Verflechtungen mit der Geschichte des Kaiserreichs nach.

Achtzehnhundertelf gründete Friedrich Krupp die Firma. Er war überzeugt von der Idee, dass auch in Deutschland Gussstahl produziert und als Werkstoff durchgesetzt werden könne. Konfrontiert mit den unausgereiften Produktionsverfahren und den schwierigen Absatzbedingungen wäre er jedoch beinahe ebenso gescheitert wie viele industrielle Pioniere seiner Zeit. Doch als er neununddreißigjährig starb, war seine Gussstahlfabrik in Essen zwar verschuldet, aber sie bestand noch. Im Alter von erst vierzehn Jahren übernahm sein Sohn Alfred den Betrieb und machte aus ihm in den folgenden Jahrzehnten einen international operierenden Konzern. Schon diese Tatsache drängt dem Historiker eine personalisierende Erfolgsgeschichte geradezu auf, doch anders als die offizielle Werksgeschichtsschreibung widersteht Gall dieser Versuchung. Denn neben der betrieblichen Erfolgsperspektive gibt es auch kritische Sichtweisen auf den Weg der Firma. Den Durchbruch erlebte Krupp in den fünfziger Jahren, als die industrielle Revolution in Deutschland Fahrt aufnahm. Zielstrebig erweiterte die Fabrik ihre Produktpalette um Teile für den Eisenbahn- und den Schiffsbau. Krupp benötigte vermehrt Arbeitskräfte. Weil man für die Stahlfabrikation auf eingearbeitetes Personal angewiesen war, sollte eine Stammbelegschaft an die Firma gebunden werden. Krupp schuf deshalb betriebliche Sozialeinrichtungen, die vorbildlich für seine Zeit waren. Er gewährte Pensions- und Krankenunterstützung und baute Arbeiterwohnungen. Doch in den Genuss dieser Vergünstigungen kam nur, wer sich widerspruchslos unterordnete. Seine Auffassung von der innerbetrieblichen Organisation fasste Alfred Krupp in der Forderung zusammen, er müsse überall Herr im eigenen Hause sein. Gall schreibt dazu:

"Ungeteilte Loyalität nicht nur zur Firma, sondern zu ihm, dem Firmenleiter, ganz persönlich - das waren ein Anspruch und eine Forderung, in denen sich altmodische und sehr moderne Züge mischten. Dergleichen hatte der Lehnsherr von seinem Lehnsmann verlangt. Dergleichen verlangte nun aber auch die neu definierte politische Gemeinschaft, die Nation, von ihren Mitgliedern. Dass der aufgeklärte, der mündige Mensch sich gerade im Spannungsfeld unterschiedlicher Loyalitätsbindungen bewähren und dass daher derjenige, der Loyalität fordere, stets gewisse Grenzen der Loyalitätspflicht respektieren müsse, war beiden Vorstellungswelten ganz fremd."

Galls souverän vorgetragene und mit großer Kennerschaft verfasste Monografie kann in einigen Punkten nach ihrer Akzentsetzung befragt werden. So hebt er den politisch wegweisenden Charakter der Kruppschen sozialen Einrichungen hervor. Weniger Gewicht räumt er ihrer disziplinierenden Funktion ein. Je mehr sich die Arbeiterschaft organisierte, desto mehr forderte Krupp politische Abstinenz von ihr. Hingenommen werden sollten Arbeitsbedingungen, die - etwa im Walzwerk - in einem Maße gesundheitsschädlich waren, dass sogar auf Werkskosten Schnaps für die Arbeiter ausgegeben wurde. Schwere Unfälle waren an der Tagesordnung. Wer aufbegehrte wurde gefeuert und verlor jeden Anspruch auf Leistungen des Betriebes. Jedes Lob der Kruppschen Wohlfahrtseinrichtungen sollte daher mit dem Hinweis auf die grundsätzliche Ausbeutung relativiert werden.

Wie das Modell sozialer Disziplinierung durch Bismarcks Sozialgesetzgebung reichsweite Bedeutung erlangte, so verliefen das Schicksal des Konzerns und des neu begründeten Reiches in mancher Hinsicht parallel. Vor allem, weil Krupp seit den sechziger Jahren verstärkt in die Waffenproduktion drängte. Das Reich wurde mit der Zeit zum Hauptauftraggeber und Krupp erwarb sich den Beinamen einer ?Waffenschmiede der Nation?. Die Inhaber suchten die Nähe zum Staat. Alfred Krupp pflegte exzellente Kontakte zu Wilhelm dem Ersten, während sein Sohn Friedrich Alfred, der die Firma in das neue Jahrhundert führte, ähnliche Beziehungen zu Wilhelm dem Zweiten entwickelte. Politische Überzeugung, patriotische Gesinnung und Geschäftsinteresse gingen eine homogene Verbindung ein, so dass der Name Krupp berechtigterweise mit der aggressiven chauvinistischen Politik insbesondere Wilhelms des Zweiten in Verbindung gebracht werden kann.

Diese Konsequenz zieht Gall allerdings nicht. Kritik an der Krupp`schen Waffenproduktion referiert er, ohne sie sich zu eigen zu machen. Dagegen weist er darauf hin, dass Krupp immer einen hohen Anteil von Friedensmaterial produziert habe. Eine deutlichere Positionierung wäre hier wünschenswert gewesen, geht es doch um eine Frühform des militärisch-industriellen Komplexes, in dem geschäftliche und politische Interessen unheilvoll fusionierten. In einem Punkt räumt Gall den Zusammenhang ein:

"Die Flottenbaupolitik verschaffte Krupp mit seiner starken, monopolartigen Stellung im Panzerplattenbau die Möglichkeit zu gewaltigen Extragewinnen. Und nicht nur das. Sie eröffnete die Perspektive - und das band die Firma schon allein aus wirtschaftlichen Erwägungen fest und dauerhaft an diese Politik - auf eine langfristige Sicherung von Umsatz und Ertrag des Unternehmens und die Möglichkeit zu weiterer Expansion."

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges war Krupp mit achtzigtausend Beschäftigten - nach Post und Bahn - das dritt größte Unternehmen des Reichs. Gemäß seiner ideologischen Ausrichtung als nationales Unternehmen stand es, wie Gall sagt, Gewehr bei Fuß. Und das nicht nur vor dem Ersten Weltkrieg. Was Gall nicht mehr erwähnt, weil seine Untersuchung Neunzehnhundertachtzehn abbricht, was aber zur heutigen Einschätzung der Firma Krupp hinzugehört, ist ihr regimetreues Verhalten unter Hitler, ist der Einsatz zehntausender von Zwangsarbeitern in den Krupp-Werken sowie die mörderische Verwertung von Auschwitz-Häftlingen in einer Zünderfabrik des Konzerns. Alfred, der letzte Krupp, wurde dafür vom Nürnberger Militärgerichtshof zu mehrjähriger Haft verurteilt. Immerhin gehört Thyssen Krupp heute zu den Begründern der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft für die Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter.

Lothar Gall: "Krupp. Der Aufstieg eines Industrieimperiums". Der Band ist im Berliner Siedler Verlag erschienen, umfasst 398 Seiten und kostet DM 49,90.

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